Dieser Artikel ist RM-Distribution vom 13.10.1998 entnommen. Fr. Desmond Wilson ist katholischer Priester in der Belfaster Falls Road. Als Anhänger der Befreiungstheologie ist er vielen als Kritiker der katholischen Kirche bekannt.
Der Pfarrer der protestantischen Kirche in Drumcree wies heute die Forderung von 160 Geistlichen der Church of Ireland (irischer Ableger der englischen anglikanischen Staatskirche) nach der Beendigung der jährlichen Belagerung durch Oranier, die einen unerwünschten Marsch von der Kirche aus durch die nationalistische Garvaghy Road durchführen wollen, zurück. Fr. Des Wilson kommentiert die Spannungen, die sich in dieser Woche zwischen den protestantischen Kirchen und dem Oranierorden aufgebaut haben.
Zeitungsberichten zufolge beklagte sich ein anglikanischer Bischof über den Oranierorden und sagte, daß die Kirche ihre Beziehungen zu diesem Geheimbund überdenken sollte.
Seit zwei Jahrhunderten unterstützt der Oranierorden die Anglikanische Kirche und die Kirche unterstützt den Orden - während beide das britisch-unionistische Regime unterstützen. Der Bischof scheint allerdings nicht gemeint zu haben, daß die Hauptschwierigkeiten mit dem Oranierorden in dessen Angriffen gegen die Katholiken und andere irische Bürger bestünden. Sein Anklagepunkt war, daß die Ordensmitglieder die Polizei und das Militär angriffen. In einem Interview mit ihm im irischen Rundfunk fehlte der entscheidende Punkt: nicht im entferntesten wurde die grundsätzlich undemokratische Struktur dieses religiösen Ordens oder seine wiederholten Angriffe auf Katholiken und andere, die mit seiner Religion oder Politik nicht übereinstimmten, erwähnt. Die Entscheidung von Bischof Clarke der Grafschaften Meath und Kildare, die Angelegenheit in dieser Weise zu behandeln, verschafft uns einen tiefen Einblick in das Verhältnis zwischen dem Oranierorden und der Anglikanischen Kirche. Ebenso erhalten wir eine tiefere Einsicht, weshalb manche anglikanische Geistliche sich mit dem Oranierorden, den sie seit so langer Zeit unterstützt haben, nicht mehr wohl fühlen. Das Problem, dem sie sich bei ihrem religiösen Orden gegenübersehen, liegt nicht so sehr in seinem Vorgehen gegen Katholiken oder andere als in seinen Angriffen auf Polizei und Militär.
So lange die Oranier und Oranierinnen Katholiken und andere angriffen, das Militär und die Polizei jedoch in Frieden ließen, verhielten sich die Geistlichen weitgehend ruhig. Die Lösung, die nun seitens der anglikanischen Kirche vorgeschlagen wurde, ist verständlich, nichtsdestoweniger unzureichend. Sie besagt, daß man die Oranier davon überzeugen sollte, keinen Gottesdienst in der örtlichen Kirche von Drumcree abzuhalten, bevor sie die Garvaghy Road hinuntermarschierten. Das heißt, die Bischöfe und andere Geistliche der anglikanischen Kirche scheinen damit einverstanden zu sein, daß die Oranier und Oranierinnen die Straße hinuntermarschieren, wo sie den Anwohnern den Krieg erklärt haben, so lange die Anglikanische Kirche mit dem, was sie tun, nicht direkt in Verbindung gebracht werden kann. Dies ist keine zufriedenstellende Lösung, jedoch eine sehr aufschlußreiche.
Es geht allerdings darum, Respektabilität zu erhalten, nicht jedoch darum, anderen Respekt zu erweisen. Und bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Anglikanische Kirche sich der Frage zuwendet, wie sie andere behandelt und eine der reaktionärsten und antidemokratischsten Vereinigungen der Welt unterstützt hat, wird sie sich in Zukunft auch mit sich selbst nicht sehr wohl fühlen. Es wird immer einige anglikanische Geistliche geben, die gegen Geheimbünde und die Abhängigkeit ihrer Kirche davon sein werden.
Es wird immer jemanden geben, der der Meinung ist, für eine Kirchenorganisation sei es besser, auseinanderzufallen, als die Pöbelhaftigkeit und Bösartigkeit ihrer sogar einfluß-reichsten Unterstützer zu tolerieren. Die Anglikanische Kirche wird niemals tatsächliche Respektabilität erreichen, und niemals ihre Möglichkeiten der moralischen Einflußnahme verwirklichen, bevor sie nicht ihre Verbindungen zum Orden abbricht; ebenso wird der Oranierorden niemals ein eigenes Potential für vernünftiges politisches Verhalten entwickeln, bevor er sich nicht von seiner Abhängigkeit von der Anglikanischen und Presbyterianischen Kirche befreit. Jede einzelne dieser Parteien ist der Meinung, sie profitierten von ihrer Verbindung miteinan-der, aber sie würden besser daran tun, sich - wo auch immer - nach denen umzusehen und mit denen Allianzen einzugehen, die in Irland eine Demokratie einführen wollen, auf die wir alle stolz sein können.
Wir können ihre Schwierigkeiten erkennen. Sagte man den Presbyterianern die Wahrheit, würden sie es bis jetzt so begreifen, daß sie in der Schlacht am Fluß Boyne, die für sie fast hundert Jahre Verfolgung nach sich zog, ihre religiöse Freiheit gewonnen hätten. Eine Schlacht, teilfinanziert und ganzheitlich abgesegnet vom Papst jener Zeit, hätte möglicherweise in der Erreichung religiöser Freiheiten für die Presbyterianer enden können; diese jedoch tat es nicht. Die anglikanischen Kirchenleute unterstützten sukzessiv englische Regierungen, die die Presbyterianer verfolgten. Durch eine Verfälschung tatsächlicher Geschehnisse überzeugten die Führer des Oranierordens Hunderttausende von Presbyterianern, daß sie überhaupt niemals verfolgt worden wären. Und deshalb führt der Presbyterianer Martin Smyth Zehntausende von Presbyterianern, die 3000mal pro Jahr marschieren, um etwas zu feiern, das sie - erzählte man ihnen die Wahrheit - als eines der schrecklichsten Desaster in der presbyterianischen Geschichte erkennen würden. Wenn sich die anglikanischen und presbyterianischen Kirchenleute dieser Wahrheit stellen würden, könnte der Oranierorden auseinanderfallen. Sie fürchten aber, die Kirchen könnten gemeinsam mit ihnen auseinanderfallen. Die Kirchen würden jedoch nicht auseinanderfallen, sondern sie würden wirkliche Respektabilität in einem Volk erhalten, welches mehr und mehr verlangt, daß der Humbug den Weg für die Wahrheit freizumachen hat, und dessen Kirchen sowieso auseinanderfallen, wenn sie nicht Säulen fairen Handelns, ehrlicher Politik und Kompetenz sind, und auch so erkannt werden.
Es ist noch ein langer, langer Weg zu gehen. Möglicherweise ist dieser Weg so lang wie der der Bürgerrechtsbewegung, welcher die Kirchenführer offiziell den Rücken zukehrten.
Übersetzung Jutta Öhring