Nordirland ist eine der militarisiertesten Gesellschaften der Welt. Es gibt dort ungefähr 12.000 britische Soldaten, 5.000 Royal Irish Rangers, 13.000 RUC-Polizisten und eine unbekannte Anzahl von MI5 Agenten. Dazu kommen 250.000 Waffen, 130.000 davon sind privat registriert. Es gibt 135 Militär- und 161 Polizeieinrichtungen, eine große Anzahl von permanenten Straßenkontrollpunkten und Beobachtungstürmen. Außerdem gibt es da noch den Sprengstoff und die Waffen der IRA und der UVF/UFF. Wir müssen dringend die Gesellschaft entmilitarisieren und alle diese Waffen abschaffen. Leider stockt der Friedensprozess wegen Abrüstung nicht aller Waffen. Nur die Waffen, die die britische Regierung als "illegal" verdammt sollen abgerüstet werden. Ihre eigenen, legalen Waffen bleiben davon ausgenommen.
Die Abrüstung von Waffen (als Vorbedingung für Gespräche) war vor dem Waffenstillstands kein Thema. Sie wurde weder in öffentlichen Stellungnahmen, noch in geheimen Verhandlungen zwischen IRA und Briten erwähnt. Albert Reynolds (südirischer Regierungschef) sagt, daß sie für Sinn Fein nie eine Vorbedingung für den Beginn von Verhandlungen war. John Hume (Nordirische Westminsterabgeordneter der SDLP) bestätigt dies. Auch in der Downing Street Declaration findet die Waffenabgabe keine Erwähnung. Bis zum heutigen Tag bezichtigt die britische Regierung Reynolds, Hume und Gerry Adams der Lüge. Die Ansicht, London setzte immer noch auf einen militärischen Sieg, hat durchaus seine Berechtigung, alle anderen Beteiligten aber wünschen sich dringend Frieden. London wollte sich im Fall eines Waffenstillstands einfallsreich und großzügig zeigen, und stellte Gespräche innerhalb der nächsten drei Monate nach der Verkündung eines solchen in Aussicht. 18 Monate danach warten wir immer noch auf eine einfallsreiche Antwort. Die RUC ist immer noch auf den Straßen, die Soldaten sind bis auf wenige in ihren Kasernen. Alle Militäreinrichtungen sind noch in Betrieb und es werden sogar neue in der Springfield Road in Westbelfast gebaut. Die Notstandsgesetzgebung ist bis jetzt immer wieder verlängert worden. Viele Gefangenen sind immer noch im Gefängnis mit Ausnahme des Soldaten Lee Clegg.
Die Haftbedingungen einiger irischer Gefangener haben sich verschlechert und haben zu Schmutzstreiks geführt. Die Geschichte wird mit der britischen Labourpartei hart ins Gericht gehen. Sie hat völlig versagt, in Opposition zur Irlandpolitik der Tories zu gehen. Sie hat versagt, ihre Führungsrolle in der Opposition wahrzunehmen, als es am dringensten nötig war. Der Friedensprozess hat den Iren in Großbritannien die Notwendigkeit, sich zu mobilisieren und zu organisieren, so wie es die Iren in den USA getan haben, deutlich gemacht.
In den USA hat die Lobby der Iren ihre Macht und ihren Einfluß sehr wirkungsvoll genutzt und Irland zu einem Wahlkampfthema für Präsident Clinton gemacht. Unglücklicherweise hat sich die von John Bruton geführte Koalitionsregierung von der Position Albert Reynolds entfernt und sich die britischen Forderungen nach entwaffenung zueigen gemacht, abgesehen von Dick Spring und der irischen Labour Partei. John Bruton sollte sein Geschichtsbuch lesen und die unheimliche Ähnlichkeit der heutigen Situation mit vergangenen Tagen erkennen, in der eine gefährliche Wiederholung liegt, nämlich das Beharren der Briten auf die Kapitulation der Republikaner, vor Beginn von Verhandlungen. Bruton sollte sich einmal fragen, was Michael Collins wohl heute tun würde. Proinsias de Rossa muß nicht einmal die Geschichtsbücher bemühen, er muß nur an die Waffen denken, die bei der Official IRA verrosten.
Wir haben die internationalen Gespräche im Nahen Osten, in Südafrika und in El Salavdor erlebt. Der ANC, die PLO und die FMLN haben vor Verhandlungen weder abgerüstet, noch kapituliert, noch symbolische Gesten bezüglich der Waffen gemacht. Abrüstung war fester Bestandteil von Verhandlungen, die mit offiziellen wie mit inoffiziellen Kräften gleichermaßen geführt wurden. In El Salvador wurden das berüchtigte, von den USA trainierte Atlacatl Elite Batallion und die salvadorianischen Polizeikräfte aufgelöst, die FMLN gab ihre Waffen ab, beides war das Ergebnis intensiver Verhandlungen.
Die Heuchelei der britischen Regierung ist erstaunlich. Sie versucht eine hohe moralische Haltung einzunehmen, indem sie sich die Hand aufs Herz legt und von den Familien der Opfer und ihrem Leid spricht. Sie spricht von der Notwendigkeit der Vertrauensbildung und ignoriert die Familien, die unter ihrer eigenen Polizei- und Militärmacht zu leiden haben. Sie beharrt auf Waffenabgabe in Nordirland, und erteilt gleichzeitig Exportlizenzen für den Verkauf von elektronischen Folterkammern (Spitzname "The House of Fun") an die Vereinigten Arabischen Emirate. Sie trainiert und bewaffnet 110 Armeen in der ganzen Welt. 99 Länder gehen bei britischen Militäreinrichtungen ein und aus. British Aerospace lieferte 120 Kampfflugzeuge und 80 leichte Panzer an die indonesische Regierung. Seit der indonesischen Invasion von Osttimor 1975 sind über 200,000 Menschen umgebracht worden. Großbritannien ist neben den USA, Rußland, China und Frankreich eines der fünf ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrats, und selber mit 86% an den Waffenexporten in Entwicklungsländer beteiligt. Was denkt sich die britische Regierung eigentlich, wer sie ist, wenn sie diese hohe moralische Haltung einnimmt, nachdem sie die halbe Welt geplündert und kolonialisiert hat. Sie versorgt die Despoten dieser Welt mit Waffen und kümmert sich einen Dreck um die Folgen. Alan Clark (früheres Regierungsmitglied unter Thatcher und verantwortlich für die letzte Lieferung von Hawk Kampflugzeugen an Indonesien) gibt einen Einblick in die Kriterien nach denen die britische Regierung entscheidet, an wen Waffen verkauft werden, wenn er sagt: "Mir geht es um die Verantwortung für die eigenen Leute. Mich kümmert es nicht, was eine Bande Ausländer einer anderen antut".
Wir haben in den irisch-britischen Beziehungen die Chance, den jahrelangen Konflikt zu beenden und in eine neue Ära einzutreten. Die Waffen der IRA und der UVF/UFF schweigen gegenwärtig. Wenn wir eine dauerhafte Waffenruhe sichern wollen, müssen wir in Nordirland diese Waffen loswerden. Nationalisten und Republikaner unterscheiden nicht zwischen der Abgabe legaler und illegaler Waffen, so wie es die britische Regierung tut. Sie erinnern an die Progrome, die "Shoot to Kill"-Politik und an Paisley und seine dritte Kraft, die mit ihren "legalen" Waffenscheinen herumfuchteln. Sie hören mit Argwohn und Verachtung John Brutons Werben für ein Verständnis der unionistischen Position und die Notwendigkeit der Waffenabgabe um Vertrauen zu fördern. Brutons Absage an ein Treffen mit John Hume und Gerry Adams läßt vermuten, daß er unfähig ist, gleiches Verständnis für die republikanische Community aufzubringen. Für Menschen, die unter dem Krieg zu leiden hatten, ist eindeutig klar, daß eine Kapitulation der IRA oder eine Spaltung der republikanischen oder loyalistischen Bewegung zu keinem Frieden in Irland führt.
Eine kürzlich in Shankill (loyalistisches Stadtviertel von Belfast) durchgeführte Umfrage ergab, daß 47% aller Befragten sofortige Verhandlungen ohne Vorbedingungen befürworten. Überall in Nordirland wissen die Menschen, daß die Zeit reif ist für Verhandlungen und neue Vereinbarungen, bei denen jeder Kompromisse zu machen hat. Hoffen wir, daß der gegenwärtige Stillstand im Friedensprozess aufhört und alle Parteien, je früher desto besser, sich zusammensetzen und miteinander reden. Natürlich ist Vertrauensbildung notwendig. Vertrauensbildung ist aber ein Weg in zwei Richtungen. Die britische Regierung und die Unionisten bestehen darauf, daß man den Republikanern vertrauen kann. Gleichermaßen müssen sie glaubwürdig zeigen, daß die Nationalisten ihnen auch vertrauen können. 800 Jahre kolonialer Herrschaft und 75 Jahre Nordirland haben den Republikanern genügend Gründe gegeben, weder der britischen Regierung noch den Unionisten zu vertrauen.