Verletzte bei Unruhen in Belfast

12.9.2005


Montag, 12. September 2005

Verletzte bei Unruhen in Belfast

Orangisten zetteln schwerste Ausschreitungen seit Jahren an / Frust über Umleitung eines Traditionsmarsches

Von Peter Nonnenmacher

Bei den schwersten Ausschreitungen seit Jahren sind in der nordirischen Hauptstadt Belfast am Wochenende mehr als zehn Polizisten und Soldaten sowie mindestens zwei Zivilisten verletzt worden.

London · In Londons Royal Albert Hall feierten am Samstagabend in ausgelassener Stimmung Tausende die britische Einheit beim traditionellen Festakt der "letzten Nacht der Proms", der Promenadenkonzerte. Aus Belfast wurden, wie aus Swansea und aus Glasgow, musikalische Beiträge und fröhlich winkende Menschen der an England "angeschlossenen" Teile des Königreichs eingeblendet. Wenige hundert Meter von der Belfaster Stadthalle entfernt, wo ein Jugendchor für die Proms inbrünstig "Danny Boy" intonierte, lieferten sich zur gleichen Zeit tausende so genannter Loyalisten die seit Jahren blutigste Schlacht mit Polizei und Armee - im Aufbegehren gegen ein "Diktat der Staatsmacht", das die militanten Protestanten auf Geheiß ihres Orangisten-Ordens an diesem Abend zum Anlass für eine Demonstration kollektiven Zornes nahmen.

Während noch in London das "Land of Hope and Glory", das Land von Hoffnung und Glorie, beschworen wurde, breitete sich von Belfast die Gewalt bereits auf andere Teile der Provinz aus und stürzte Nordirland in neue Zweifel an der Dauerhaftigkeit seines wenige Jahre jungen Friedens. Vermummte Demonstranten blockierten Straßen und Brücken, setzten Autos und Häuser in Flammen, gingen mit Schusswaffen, Steinen, Flaschen, Benzinbomben und Feuerwerkskörpern gegen Polizisten und Soldaten vor.

Ein Polizist, der von einer Kugel ins Auge getroffen wurde, rang am Sonntag noch um sein Leben. Ein BBC-Kameramann wurde von einer Gruppe Protestanten entführt und erst wieder frei gelassen, als sein Filmmaterial zerstört war. Polizei und Armee setzten Wasserwerfer gegen die Angreifer ein, und schossen zeitweise mit scharfer Munition zurück. Dabei wurden auch Loyalisten verletzt. "Brutal" seien die Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten vorgegangen, klagte anschließend ein Sprecher des Orangisten-Ordens, des religiös-politischen Traditionsverbandes der Protestanten.

Nordirlands Polizeipräsident Sire Hugh Orde machte dagegen, in ungewohnter Direktheit, den Orden für die Unruhen verantwortlich. Der Orangisten-Orden trage "unmittelbare Verantwortung" für die Krawalle und für Attacken auf die Polizei, da er "in aller Öffentlichkeit die Leute auf die Straße gerufen" habe. Er, Sir Hugh, habe "gesehen, wie Mitglieder des Orangisten-Ordens mit ihren Schärpen meine Beamten attackiert haben", und wie Orangisten "neben maskierten Männern standen". Nordirlandminister Peter Hain bekräftigte, "Mordversuche" dieser Art hätten "keinerlei Rechtfertigung".

Anlass des orangistischen Aufrufs zum Widerstand war das amtliche Verbot einer Orangisten-Parade durch die teils katholische Springfield Road in Belfast gewesen: Der Orden mochte die erzwungene Umleitung nicht akzeptieren.

Copyright © 2005 Frankfurter Rundschau online


Zurück/Back