Montag, 19 Dezember, 2005
Nichts war, wie es geschehen ist
Tony Blairs Friedensplan für Nordirland scheiterte 2002 an einem Spion des britischen Geheimdienstes
Von Bernhard Heimrich, Frankfurter Allgemeine Zeitung
LONDON, 18. Dezember. Wenn es bei Sinn Fein ein goldenes Parteiabzeichen gäbe, wäre Denis Donaldson der Mann, es zu tragen - ach was: es zu verleihen. In der heroischen alten Zeit hatte er einmal das Gefängnis geteilt mit Gerry Adams. Ein etwas jüngeres vergilbtes Foto, das zu den Devotionalien der Bewegung gehört, zeigt ihn mit dem republikanischen Nationalhelden und Hungerstreiker Bobby Sands. Auf aktuellen Bildern des innersten Kreises ist er der Unbekannte dicht hinter Adams, Martin McGuinness und den anderen. Zuletzt war Donaldson Leiter des Parteibüros im Stormont, dem nordirischen Parlament. Jetzt hat er zugegeben, er habe seit 20 Jahren die Führung der republikanischen Bewegung für den britischen Geheimdienst ausspioniert. Er war Gerry Adams' Günther Guillaume.
Die Enthüllung ist so abenteuerlich und die Wirkungen für die nordirische Politik sind so surreal, daß manche unfreiwilligen Mitspieler noch immer nach Worten suchen. In Dublin konnte der irische Ministerpräsident Ahern den ersten Gedanken, der ihm durch den Kopf schoß, als ihm beim Betrachten dieses Weihnachtsgeschenks aus der Gegenwelt jäh der Mund trocken wurde, nur zusammenfassen: "Das ist ja sehr interessant."
Die Politiker beider Seiten und Inseln haben allen Anlaß, ins Grübeln zu verfallen. Denn eigentlich macht die Affäre Donaldson die ganze nordirische Geschichte der letzten drei Jahre ungeschehen. Da so etwas bis heute aber nur im Fernsehen möglich ist, anderswo zumindest noch nie ausprobiert wurde, muß die Politik weiter mit der Wirklichkeit leben, wie sie ist. Dabei ist alles gar nicht so, zumindest gar nicht so gewesen, sondern ganz anders. Denn Donaldsons Geständnis macht wider jeden Zweifel offenkundig, daß nicht die IRA, Sinn Fein, die diversen Sortimente der Protestanten-Parteien und überhaupt Politiker oder die Politik den Kollaps der nordirischen Reform im Oktober 2002 und seine Folgen zu verantworten hatten, sondern der britische Geheimdienst. Er hat die Krise gefingert, die das Reformwerk zusammenbrechen ließ, und der Maulwurf Denis hat den Kleinkram besorgt. Und damit der Polit?Thriller auch noch ein Ende bekommt, das unsereiner nur zu kennen meint aus Romanen wie "Der Spion, der aus der Kälte kam", ist das alles überhaupt nur aufgeflogen, weil der Geheimdienst seinem Agenten bei einem ungemütlichen Zusammensein am vorigen Mittwoch eröffnete, er werde ihn jetzt öffentlich enttarnen. Dem ist Donaldson mit der Flucht ans Tageslicht zuvorgekommen.
Anders als in der Geschichte, die der Geheimdienstveteran mit dem Pseudonym John Le Carré sich ausgedacht hatte, ist Donaldson allerdings noch am Leben, jedenfalls nach dem Stand vom Sonntag. Normalerweise pflegt die IRA Verrätern dieses Kalibers ihre Version jenes britischen Ordens zu verleihen, der offiziell "Order of the British Empire" heißt oder kurz "OBE". Im Untergrund heißt er allerdings "One Behind the Ears" oder "Eine hinter die Ohren", eine Kugel nämlich. Aber die IRA ist ja auch nicht mehr, was sie einmal war. Allerdings weiß seit dem Wochenende in ganz Nordirland niemand mehr, ob überhaupt etwas jemals so gewesen ist, wie es war.
Kern der Affäre ist die Razzia der Belfaster Polizei gegen die Büros der Sinn Fein-Fraktion im Stormont im Oktober 2002. Dabei wurden "ein Spionagering der Partei ausgehoben" und jede Menge Material sichergestellt. Drei leitende Mitarbeiter der Fraktion wurden verhaftet, voran Denis Donaldson und sein Schwiegersohn. Die "Aufdeckung" sollte teuer werden, nicht nur finanziell gesehen. Zunächst einmal mußten aus Sicherheitsgründen 2000 Leute umziehen, nordirische Beamte mit Familien, deren Namen "auf dem beschlagnahmten Material gefunden wurden". Diese Operation kostete 300 Millionen Pfund. Die anderen Wirkungen wären mit Geld gar nicht zu bezahlen.
Der "Spionageskandal" hat den Unionisten seinerzeit den Rest gegeben; sie wollten Sinn Fein endgültig ausstoßen. Die neue Aufwallung des chronischen Streits bewog Premierminister Blair, das nordirisehe Parlament und die ganze Selbstverwaltung nach Hause zu schicken. Beim politischen Nachbeben bei den nordirischen Wahlen des folgenden Jahres verloren die gemäßigten Parteien beider Seiten, die sich bis dahin immer wieder zusammengerauft hatten. Das prominenteste Opfer war David Trimble, der bisherige Regierungschef und Führer der Ulster-Unionisten. Er hatte für seinen Einsatz sogar einmal einen halben Nobelpreis gewonnen. Gesiegt haben die radikalen Parteien, hüben Sinn Fein, drüben die "Demokratischen Unionisten" des dröhnenden Pfarrers Paisley. Der will mit Sinn Fein nicht einmal reden, und einen Friedensnobelpreis wird er in absehbarer Zeit bestimmt nicht bekommen, nicht einmal einen halben.
Alles ist, wie gesagt, gar nicht so gewesen. Denis Donaldson war zwar ein Spion, aber nicht ein republikanischer in den Institutionen der britischen Herrschaft, sondern ein britischer in der Führung der republikanischen Bewegung. Einen Sinn Fein-Spionagering hatte es nicht gegeben, er ist von der Regie des Geheimdienstes erfunden worden. Doch die Institutionen sind noch immer suspendiert, die Politik ist noch immer erstarrt, die Wahl in der Provinz vom November 2003 ist noch immer danebengegangen. Die Unionisten sehen zum erstenmal richtig dumm aus, die Verlierer hinter dem nach wie vor arbeitslosen Trimble ebenso wie die Gewinner hinter Paisley - dem Wahlsieger, den der Geheimdienst bestimmt hat.
Aber auch den Politikern von Sinn Fein, die eigentlich zum erstenmal in ihrer Geschichte ins Recht gesetzt sind, ist der Kragen eng geworden. Wem sollen sie noch trauen, wenn selbst Denis ein Verräter war? Auch in London wird man zwischen den Jahren einige betretene Gesichter sehen. Hat Tony Blair eigentlich gewußt, daß sein Geheimdienst seine Nordirland-Politik torpediert hat?
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