Von:
(1) www.info-nordirland.de, (2) Andersonstown News
Sonntag, 20. März, 2005
Samstag, 19. März, 2005
Was macht den Mord an Robert McCartney zum Politikum
Von Uschi Grandel
Noch immer dominiert der Mord an Robert McCartney und die Campagne seiner Schwestern und seiner Lebensgefährtin die internationalen Schlagzeilen.
Dass sich solch starke Frauen (und auch Männer, aber vor allem Frauen) in den irischen Vierteln finden, ist keine Besonderheit der McCartney Schwestern, auch wenn dies von der Aussenwelt mit viel ungläubiger Bewunderung wahrgenommen wird. Eine Besonderheit ist, dass in dieser Kampagne die Fronten verschoben sind - doch dazu später. Der Kampf um Bürgerrechte und Menschenrechte, gegen die Kriminalisierung, Marginalisierung und Diffamierung der irischen Viertel im Norden Irlands hat ihre Anwohner über die Jahrzehnte geprägt. Er hat ein hohes Mass ein Eigenverantwortung und Selbstbewusstsein entstehen lassen. Leute, die sich einbringen, die ihren Kindern den Wert von Bildung und Wissen vermitteln, finden sich reihenweise, in der Unterstützung der IRA, als Community Aktivisten, als Mitglieder von Sinn Fein oder eben die Schwestern McCartney. Sinn Fein hat diese politische Bildung immer forciert und unterstützt und ist selbst ihr Produkt. So sind die McCartney Schwestern auch weder die ersten noch die einzigen, die offen Kritik an der IRA üben, die "den Bann des Schweigens" brechen, wie verschiedenste Berichte dies genauso theatralisch wie unsinnig umschreiben.
Es ist schwierig, in den herumgeisternden Gerüchten, Wahrheit und Fantasie zu unterscheiden. Die IRA beschreibt den Tathergang in einem Statement vom 9. März 2005 wie folgt:
"Vertreter von Óglaigh na hÉireann (der IRA) trafen sich mit Bridgeen Hagans, der Lebensgefährtin von Robert McCartney und seinen Schwestern vor der Veröffentlichung unseres ersten Statements am 25.Februar. Das Treffen dauerte fünfeinhalb Stunden. In dieser Zeit gaben die IRA Vertreter der McCartney Familie einen detaillierten Bericht ihrer Untersuchungen.
Unsere Untersuchungen ergaben, dass nach einem ersten Gerangel in Magennis's Bar, sich die Auseinandersetzung aus der Bar auf die Strasse verlagerte. Robert McCartney, Brendan Devine und zwei weitere Männer wurden in die Market Street hinein verfolgt.
Vier Männer waren in die Angriffe in der Market Street am Abend des 30. Januar verwickelt. Eine fünfte Person war anwesend, beteiligte sich jedoch nicht und brachte einen der Begleiter von Robert McCartney und Brendan Devine in Sicherheit.
Einer der Männer besorgte das Messer, mit dem Robert McCartney und Brendan Devine in Market Street attackiert wurden in der Küche von Magennis's Bar. Ein weiterer Mann griff Robert McCartney und Brendan Devine mit diesem Messer an. Ein dritter trat und schlug Robert McCartney, nachdem er mit dem Messer verwundet wurde. Ein vierter Mann schlug einen Freund von Robert McCartney und Brendan Devine ebenfalls in der Market Street mit einer Eisenstange über das Gesicht.
Der Mann, der das Messer besorgt hatte, hat es danach vernichtet. Dieser Mann bedrohte später einen Angestellten der Bar, entwendete dann die CCTV-Aufzeichnung aus der Bar und vernichtete sie ebenfalls. Er verbrannte nach dem Mord auch die Kleider. ... Von den vier Personen, die in den Mord in der Market Street verwickelt waren, waren zwei IRA Volunteers. Die beiden anderen nicht. die IRA kennt die Identität dieser Männer. ....
Die McCartney Familie brachte ihre Bedenken zum Ausdruck: erstens machte die Familie klar, dass sie keine Strafaktion gegen die Beteiligten wolle. Sie möchte, dass diese Individuen vor Gericht gestellt werden und dort ein Geständnis ablegen.
Zweitens hatten sie Bedenken, dass Zeugen eingeschüchtert werden könnten. Die Position der IRA hierzu ist klar: ... vor und nach diesem Treffen gab die IRA drei Personen, von denen die Familie annahm, sie würden bedroht, eine direkte Zusicherung, dass dies nicht der Fall sei. ... Wir haben mögliche Zeugen, die in irgendeiner Weise zur Aufklärung beitragen können, aufgefordert, eine Aussage zu machen. Das bleibt unsere Position. Das einzige Interesse, das die IRA an diesem Fall hat, ist dass die Wahrheit ans Licht kommt und Gerechtigkeit erreicht wird. ...
Wir haben die Namen derer, die in den Angriff auf Robert McCartney, Brendan Devine und einen weiteren Mann in Market Street verwickelt waren, der Familie genannt. ... Zusätzlich haben wir die Familie informiert, dass wir angeordnet haben, dass jeder, der in der betreffenden Nacht anwesend war, sich als Zeuge meldet und einen vollen und ehrlichen Bericht seiner Aktivitäten gibt. ... Wir geben unser Bestes, mit der Familie zusammenzuarbeiten und ihre Wünsche zu respektieren."
Auch Sinn Fein hat bereits vor ihrem Parteitag Anfang März in Dublin die sieben Mitglieder suspendiert, deren Namen die McCartney Familie in der Liste der Beteiligten führt. Es ist nicht klar, in welcher Form und ob sie beteiligt waren. Sinn Fein hat zudem öffentlich dazu aufgerufen, die Familie nach besten Kräften zu unterstützen. Die Schwestern McCartney wurden von Sinn Fein Präsident Gerry Adams auf den Parteitag eingeladen und dort mit stehendem Applaus empfangen.
Zwei Entwicklungen haben dafür gesorgt, dass aus diesem Mord mehr wurde als eine schreckliche Tat, die überall passieren kann. Erstens war die Tatsache, dass IRA Mitglieder in den Mord verwickelt waren, ein gefundenes Fressen für die Heerschaaren anti-republikanischer Propagandisten. Die angebliche Verstrickung der IRA in den Northern Bank Bankraub drohte sich zu einer PSNI-Farce zu wenden. Es ist schwer zu erklären, warum die PSNI in einer Presseerklärung einen Schuldigen für den Bankraub benennt, aber danach wochenlang keine Ermittlungsergebnisse vorweisen kann. Doch ein Fall von Vorverurteilung? Da füllte der Mord an Robert McCartney eine passende Lücke.
Eine zweite Tatsache ist schwieriger in den Griff zu bekommen, weil sie unmittelbar mit dem Friedensprozess und dessen unerledigten Aufgaben zu tun hat: die Rolle der PSNI und die Weigerung von irischen Republikanern, mit der PSNI zu kooperieren. Danny Morrison hat darauf hingewiesen, dass es immer pragmatische Lösungen für eine Kooperation gab und gibt, wenn es um schwerwiegende Verbrechen wie Vergewaltigung und Mord, oder auch um bürokratische Dinge, wie z.B. die Einbeziehung der Polizei bei einem Verkehrsunfall ging. Auch im Fall McCartney wurde durch die Einbeziehung des Polizeiombudsman-Büros die grösste Schwierigkeit aus dem Weg geräumt. Der Mord an Robert McCartney wird jedoch von Sinn Fein Gegnern dazu benutzt, eine Akzeptanz der PSNI zu erzwingen.
Mittlerweile haben sich ausserdem Hinweise ergeben, die darauf hindeuten, dass die PSNI weniger Interesse an der Aufklärung des Mordes hat und sich mehr darauf konzentriert, den Fall in der Schwebe zu halten. Zeugen, die eine PSNI-Station aufsuchten, wurden abgewiesen, sogar einer der Hauptverdächtigen wurde zurückgewiesen, als er sich stellen wollte. Der PSNI-Chef Hugh Orde weisst Kritik brüsk zurück. Seine Polizei wisse schliesslich, wie man Ermittlungen führt.
Details unter: www.info-nordirland.de/start_de.htm -> Aktuelles vom 15.3.2005 "PSNI beschuldigt, Aufklärung zu verschleppen"
Vor Ort schlägt die Sympathie in Ärger um
Von Andersonstown News
Wie schnell sich Dinge ändern. Vor drei Wochen noch schienen die McCartney Schwestern eine einem römischen Kaiser ähnliche Macht über das Schicksal von Sinn Fein gehabt zu haben und das nationalistische Belfast sah in Hypnose zu, ob der Daumen nach oben oder nach unten zeigte. Das ist vorbei. Um ehrlich zu sein, bin ich etwas schockiert von der Geschwindigkeit, mit der sich die Meinung gegen die McCartneys verhärtet, obwohl das genauso verhersehbar wie unglücklich ist. Wo einst Sprecherinnen der Familie einen ganzen Raum zum Schweigen brachten, ist heute die Reaktion eher Ungeduld oder Ärger.
Es ist nicht ihre Schuld. Sie sind einfache Leute, keine PR Gurus. Sie wollen keine politische Auseinandersetzung gewinnen, sie wollen nur Gerechtigkeit für ihren Bruder. Sie konnten es nicht wissen: das einzige, was schlimmer ist als Unterbelichtung ist Überbelichtung. Aber der Riss, der die einstmals feste Mauer der Unterstützung für die Kampagne der Familie öffnete, könnte sich als gross genuges Schlupfloch für den Mörder von Robert McCartney herausstellen.
Die beispiellose Konzentration der Medien auf einen einzigen Mord war von Anfang an nicht tragbar. Es gibt hier zu viele Geschichten, zu viel Leid, zu viel Schmerz. Es erstaunt kaum, dass eine Community, die viele Tote kennt, die niemals einer Untersuchung durch die RUC (die Vorgängerin der PSNI) für Wert befunden wurden, geschweige denn einer Verurteilung, ein Gefühl des Ärgers - und vielleicht sogar der Verbitterung - entwickelt, wenn die Menschen zusehen, wie die Medien eine einzige Familie zum Superstar erheben und sie von drei Staaten unterstützt wird.
Die Menschen hier haben ihre eigenen Erinnerungen, ihre eigene Geschichte. Nichts davon hat nur die geringste Ähnlichkeit mit der offiziellen Geschichtsschreibung oder den Medienberichten. Eine riesige, unbeachtete Schar von trauernden Familienangehörigen hält den britischen Staat für schuldig am Tod ihrer Liebsten, durch direkten Mord oder durch Manipulation loyalistischer Mörderbanden. Da draussen ist ein tiefer dunkler Graben von nie gesammelter Information, nie eingeholter Beweise: die patroullierenden Soldaten, die auftauchten und plötzlich verschwanden; die Überwachungsanlage, die nichts sah und nichts aufzeichnete; die Drohungen vor dem Mord; die Strassensperren, die plötzlich nicht mehr da waren; die sich magisch öffnenden Peaceline-Gitter, die den Weg zur anderen Seite freigaben. Und so ungeheuerlich und umfangreich diese Informationen und Beweise sind, so überzeugend die Geschichten, erdrückend in ihrer Vielfalt, und trotzdem erhielten sie nicht einen Bruchteil der Aufmerksamkeit, die ein einziger Mord nach einer Auseinandersetzung in einer Bar erhielt.
Das unerfreulichste Spektakel in der ganzen Geschichte ist der Versuch der SDLP, den Fuss in diese Tür zu bekommen. Wie Schuljungen, die sich für das Schultheater als Motorradfahrer verkleiden, sind sie fürchterlich enthusiatisch, aber kaum überzeugend. Weil sie einfach verdammt wenig Ahnung von Kampagnen oder Agitation haben. Jedes Mal, wenn ich über eine Demonstration berichtet habe, und es war ein Mitglied der SDLP dabei - was selten genug der Fall war - sah der arme Kerl aus, als ob er lieber ganz woanders wäre. Deswegen sehen sie so deplaziert aus, jetzt, wo sie mal dabei sind; als ob sie sich dessen bewusst sind, dass die Leute von Short Strand sich irgendwann einmal fragen werden, wo die SDLP eigentlich die letzten 35 Jahre war, als die Leute anfingen, sich auf den Weg zu machen.
Martin McGuinness wurde für seinen Rat an die Familie, sie solle "sehr vorsichtig" sein und sich nicht in die Welt der Parteipolitik verwickeln lassen, vernichtend kritisiert - seine Worte wurden als Drohnung angesehen. Es ist damit klar, dass es egal ist, was Republikaner sagen, es wird immer in negativer Weise berichtet. Aber die Familie sollte wirklich sehr vorsichtig sein, denn wenn sie es zulässt, dass sie willentlich oder unwillentlich zu Poster Girls für die eine oder andere Partei werden, werden sie auf mehr Ärger und Ablehnung stossen. Sie sind bereits auf dem guten Weg dazu. Der Boston Globe berichtete diese Woche: "Während ihrer Reise in die Vereinigten Staaten könnten die Schwestern von (Robert) McCartney auf der einen oder anderen Veranstaltung auch (Gerry) Adams, einem angeblichen Mitglied der IRA Führung, begegnen. Adams traf die McCartneys letzten Monat und versicherte ihnen, er werde sich dafür einsetzen, dass sich Zeugen melden. Aber Catherine McCartney sagte, sie würde ihm wohl nicht die Hand geben. "Er schien es ehrlich zu meinen, als er uns getroffen hat. Damals dachten wir, das Problem wäre nur die Einschüchterung durch die IRA. Jetzt wissen wir es besser. Es ist klar, dass Sinn Fein stark in die Verschleierungsversuche verwickelt ist."
Es abzulehnen, Gerry Adams die Hand zu geben - mit all den quasi-rassistischen DUP Untertönen, die das impliziert - ist beleidigend genug, nicht nur gegenüber Gerry Adams, sondern gegenüber jeder einzelnen Person, die ihn wählte. Ihn aber beschuldigen, er sei in kontinuierliche Verschleierungsversuche verwickelt, ist grotesk und hetzerisch. Weit davon entfernt, die Kampagne für Gerechtigkeit für ihren Bruder weiterzubringen, erweist sie ihr einen Bärendienst. Diese Art von Wutausbruch mag ein Zeichen von Frustration und Ärger sein, aber nach gerade mal sechs Wochen an Kampagne ist es kein gutes Zeichen für die Zukunft. Wenn die PSNI einen klaren Mordfall nach einem Jahr oder 18 Monaten vor Gericht bringt, ist sie ganz schön gut. Es gibt Familien, deren Angehörige seit vielen Jahren tot sind und die noch nicht einmal eine Untersuchung des Falles gesehen haben, weil dies nicht im Interesse des Staates ist. Juristisch gesprochen, sind sechs Wochen gerade mal ein Augenzwinkern.
Es liegt eine gewisse Ironie in dem Medienrummel, denn es kann gut sein, dass die Veröffentlichungen von Namen und Anschuldigungen durch Journalisten, die behaupten, die Familie in ihrem Kampf um Gerechtigkeit zu unterstützen, die Sache der McCartney Familie mehr gefährdet, als alle Vertuschungsversuche miteinander. Klar wird jeder Verteidiger, der etwas auf sich hält, Beispiele bringen, wie die Vorverurteilungen durch die Medien den Gerichtsprozess schwerwiegend kompromittieren. Und wenn ein Richter - im Verfahren oder in der Revision - zu dem Urteil gelangt, dass ein faires Gerichtsverfahren nicht möglich ist, wer wird dafür dann die Schuld akzeptieren?
Copyright © 2005 Andersonstown News
Übersetzung: Uschi Grandel, www.info-nordirland.de, 20. März 2005