Im folgenden die Übersetzung einer Erklärung des Pat Finucane Centre vom 25. August 1998
Die in menschlicher wie politischer Hinsicht lähmenden Folgen des Bombenanschlags von Omagh müssen mehr als eine Woche nach dem Angriff noch verstanden werden.
Die vergangene Woche wird sich im Gedächtnis von allen von uns, die das Geschehen beobachteten, als eine Woche der Begräbnisse und unsäglicher Trauer eingraben. Väter, die kleine Särge in Kirchen trugen, während Mütter schwerverletzt in Krankenhäusern lagen und noch nichts über den erlittenen Verlust wußten. Kinder, die ihre Eltern und Großeltern beerdigten. Ein Bus, der Verletzte ins Krankenhaus brachte und angehalten wurde, damit er ein gefundenes Glied mitnahm. Die verstümmelten Leichen einer Großmutter, ihrer mit Zwillingen schwangeren Tochter und deren kleiner Tochter, die in den Ruinen eines Ladens lagen. Erschütterte Familien und Gemeinden. Viele der Verletzten verloren Gliedmaßen oder ihr Augenlicht.
Der ungeheure Verlust machte die ganze Insel in einem Maße betäubt, sprachlos und traurig, wie es niemand vorausgesehen hatte. Es ist schwierig, das lähmende und erdrückende Gefühl des Schmerzes in Worte zu fassen, das ganz Irland empfand, als die Begräbnisse ihren Gang nahmen. Es hat hier andere Greuel gegeben, aber keines in Zeiten so großer Hoffnung. Der Schmerz und das Leid, die über so viele kamen, können und dürfen nicht mit irgendeinem Rückgriff auf politische Motive hinwegdiskutiert werden.
Politische Gewalt hat in der Zukunft dieser Insel keine Rolle mehr zu spielen. Das muß das Vermächtnis von Omagh sein.
Letzte Woche hat die sog. "Real IRA" einen Waffenstillstand vorbehaltlich des Ergebnisses der Konsultation ihrer Mitglieder verkündet. Diese Konsultation kann nur ein Ergebnis haben, und zwar eine andauernde Waffenruhe. Die Erklärung der Irish National Liberation Army (INLA), in der ein vollständiger Waffenstillstand angekündigt wird, ist zu begrüßen und läßt hoffen, daß die einzige Organisation, die noch keinen Waffenstillstand erklärt hat, der Continuity Army Council, auch erkennen wird, daß die politische Gewalt aufhören muß.
Im Gefolge der Bombe von Omagh haben die irische und die britische Regierung leider beschlossen, weitere repressive Gesetze zu erlassen. Unter den Maßnahmen, die eingeführt werden sollen, ist im Süden auch die Aufhebung des Rechtes auf Schweigen. Dieses Recht wurde im Norden 1989 abgeschafft. Falls sich ein Verdächtigter weigert, Fragen zu beantworten, kann das Gericht daraus belastende Schlußfolgerungen ziehen. Außerdem soll ein leitendes Mitglied der RUC bezeugen können, daß er "glaube", daß jemand Mitglied einer illegalen Organisation sei. Diese Aussage kann dann als untermauernder Beweis benutzt werden, um eine Verurteilung abzusichern.
Letzteres wird seit einiger Zeit im Süden praktiziert. Falls ein Verdächtiger sich während des Verhörs weigert, Fragen zu beantworten und ein leitender Beamter der RUC oder der Garda (südir. Polizei) sagt aus, daß er glaube, daß die Person Mitglied einer illegalen Organisation sei, kann so tatsächlich eine Verurteilung abgesichert werden. Was die Menschenrechte und das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit anbetrifft haben die beiden Regierungen effektiv durch die Angleichung repressiver Gesetzgebung einen wesentlichen Teil des Abkommens von Karfreitag fallen lassen. Sie haben auch dem Friedensprozeß Schaden zugefügt, und das war schließlich das Ziel derjenigen, die die Bombe in Omagh legten. Das Pat Finucance Centre hat folgende Presseerklärung zu den neuen Maßnahmen herausgegeben:
Das Pat Finucane Centre in Derry hat "hinsichtlich der Einführung neuer repressiver Gesetze im Gefolge des Bombenanschlags von Omagh zur Vorsicht gemahnt". Ein Sprecher der Menschrechtsgruppe warnte, daß "die Verletzung des grundlegendsten Menschenrechts der Leute von Omagh, des Rechts auf Leben, nach dem grausamen Verbrechen nicht zur Verletzung der Rechte anderer Unschuldiger führen dürfe."
Der Sprecher fuhr fort: "Diejenigen, die 28 Männern, Frauen und Kindern das Leben nahmen und Hunderte verletzten, taten dies, weil sie glaubten, damit den Friedensprozeß zerstören zu können. Ein wesentlicher Bestandteil eben dieses Friedensprozesses ist die Achtung der Menschenrechte durch die Regierungen Englands und Irlands. Es ist klar, daß die, die die Bombe legten, die Menschenrechte nicht respektieren, aber dies darf nicht als Entschuldigung für die Einführung drakonischer neuer Gesetze dienen. Die Gesetze, die derzeit nördlich und südlich der Grenze erlassen werden, spielen in die Hände derjenigen, die die Bombe in Omagh legten, indem so der Respekt für das Recht unterminiert wird, der durch das Abkommen von Karfreitag geschaffen werden könnte.
Es gibt keinen Beleg dafür, daß solche Gesetze in der Vergangenheit wirksam waren. Es gibt jedoch beträchtliche Beweise dafür, daß eine repressive Gesetzgebung Mißbrauch und Fehlurteilen Tür und Tor öffneten. Wir appellieren an die beiden Regierungen, nicht den Weg zu gehen, der von denen geebnet wurde, die für die unentschuldbarste Verletzung von Menschenrechten in den vergangenen 30 Jahren auf dieser Insel verantwortlich sind.
(Eigene Übersetzung)