Portadown
und die Marschsaison
21.6.2005
Von Irish
Republican News
Dienstag/Freitag, 7./10. Juni
2005
Portadown und die Marschsaison
Die wichtigsten Fakten zur
protestantischen Marschsaison und der jährlichen Konfrontation zwischen
Marschierern und katholischen Bewohnern der Enklave in Garvaghy
Road, Portadown
- Die Marschsaison in den Six Northeastern Counties in Irland
erstreckt sich von April bis Dezember. Die meisten dieser Märsche werden
organisiert von den sog. Loyal Orders (loyalistischen Orden), und zwar dem
Orange Order, den Apprentice Boys und dem Royal Black Preceptory. (siehe Für
Gott und Ulster)
- In Portadown werden von diesen wie auch von anderen
loyalistischen Gruppierungen jedes Jahr ca. 40 Paraden organisiert. Mit
Ausnahme der Drumcree Parade, deren Rückweg durch die Drumcree Road sowie
die Garvaghy Road führt, finden alle Märsche im Stadtzentrum oder anderen
Teilen der Stadt statt, die vorwiegend protestantisch-unionistisch sind.
Obwohl alle diese Märsche Unannehmlichkeiten und Ärger mit sich bringen,
wehren sich die Katholiken/Nationalisten aktiv nur gegen den Rückweg der
Drumcree Parade entlang der Drumcree und Garvaghy Road.
- Die o.g. loyalistischen Orden sind Geheimgesellschaften, zu
denen Katholiken keinen Zugang haben. Wird jemand Mitglied eines dieser
loyalistischen Orden, muss er schwören, dass er keine ehelichen oder
sonstigen verwandtschaftlichen Bindungen zu irgendeiner Person katholischen
Glaubens hat. Die Loyal Orders sind ausschließlich protestantisch,
unionistisch und probritisch.
- Einige Paraden dieser Organisationen führen durch Gebiete,
die vorwiegend von Katholiken/Nationalisten bewohnt werden, wie z.B. die
Garvaghy Road in Portadown und die Ormeau Road in Belfast. Man stelle sich
dabei vor, wie es wäre, wenn der Ku-Klux-Klan in den USA durch Gegenden mit
einer farbigen Bevölkerungsmehrheit marschieren würde oder Neonazis in
Europa durch jüdische Viertel bzw. Viertel anderer ethnischer Minderheiten
paradierten.
- In den umstrittenen Gebieten weigern sich die
loyalistischen Orden, mit Anwohnerinitiativen Änderungen der strittigen
Marschrouten zu diskutieren, weg von konfliktträchtigen Gegenden.
- Das zuständige, weil dort gewählte, Parlamentsmitglied
ist David Trimble, der Führer der Ulster Unionist Party, der selbst
Mitliged des Orange Order ist. In der Zeit nach seiner Wahl 1990 bis Mai
1999 weigerte sich Mr. Trimble, mit der Anwohnerorganisation der Garvaghy
Road (die zu seinem Wahlkreis gehört), zusammenzukommen. Nach einem Besuch
in den USA, wo ihm über 100 Kongressmitglieder einen Brief überreichten
mit der nachdrücklichen Aufforderung, mit den Menschen in seinem Wahlkreis
zu sprechen, nahm er schließlich an zwei kurzen Treffen mit den Anwohnern
der Garvaghy Road teil. Während er jahrelang mit den katholischen Anwohnern
nicht sprach, hatte er aber dann keinerlei Probleme sich im Juli 1997 in
Drumcree mit bekannten loyalistischen Paramilitärs wie Billy Wright, auch
als King Rat bekannt, zu treffen. Wright war der Kopf eines loyalistischen
Killerkommandos, das in der Gegend von Portadown seine Basis hatte und für
die Ermordung von über 150 Katholiken seit 1970 verantwortlich ist. Haraold
Gracey, der Chef des Orange Order in Portadown, tauchte öffentlich häufig
in Wrights Begleitung auf. Weitere Informationen über David Trimbles
Verbindungen zu Wright und anderen findet man in dem Buch "The
Committee" von Sean McPhilemy, das von Roberts Rinehart
Publishers 1998 veröffentlicht
wurde.
- Wie in allen umstrittenen Gebieten ist auch hier für den
Orange Order eine alternative Route, die die Garvaghy Road vermeidet, möglich.
Diese alternative Marschroute in Portadown (entlang der Corcrain und
Dungannon Road) wird vom Orange Order auch auf dem Weg nach Drumcree tatsächlich
benutzt.
- Die loyalistischen Orden behaupten, dass die
Anwohnerorganisationen für die örtlichen Communities nicht repräsentativ
seien. In Portadown wird die katholisch-nationalistische Bevölkerung von
der Garvaghy Road Residents' Coalition vertreten, einer Dachorganisation,
deren Mitglieder aus lokalen Organisationen stammen.
- Portadown ist eine vorwiegend unionistisch-protestantische
Stadt in County Armagh mit einer Gesamtbevölkerung von ca. 28.000. Die
katholisch-nationalistische Minderheit umfasst ca. 6.000 Menschen. Fast die
gesamte katholisch-nationalistische Bevölkerung lebt in Siedlungen entlang
der Garvaghy Road oder der kleineren Obins Street im Nordwesten der Stadt.
Viele der dortigen Bewohner sind aus anderen Teilen der Stadt von
probritischen Paramilitärs gewaltsam vertrieben worden.
- Eine Untersuchung, die 1996 von der Independent Review of
Parades and Marches (einer Organisation der britischen Regierung) in der
Garvaghy Road durchgeführt wurde, kam zum Ergebnis, dass 93% der
katholischen Community in Portadown mit den von der Residents Coalition geäußerten
Anliegen sympathisieren.
- 97% aller in der Untersuchung Befragten und 99 Prozent
Katholiken sagten, dass die Organisatoren der Paraden demographische wie
auch andere Veränderungen, die die religiöse Zusammensetzung einer Gegend
betreffen, berücksichtigen sollten.
- Bei der Frage, ob eine Parade durch eine Gegend führen
sollte, in der 10 Prozent (oder weniger) Protenstanten und 90 Prozent (oder
mehr) Katholiken leben - so wie es etwa in der Garvaghy Road der Fall ist -
sprach sich niemand aus der katholischen Bevölkerung dafür aus, dass der
Marsch so durchgeführt werden sollte, 90 Prozent der Katholiken verlangten
eine Änderung der Route oder klar das Verbot solcher Märsche.
- In den Kommunalwahlen von 1997 wurden zwei Kandidaten, die
von der Garvaghy Road Residents Coalition aufgestellt worden waren, gewählt.
Breandan Mac Cionnaith and Joe Duffy vertreten nun ihre Community als
Mitglieder des Craigavon Borough Council.
- Die o.g. offiziellen Statistiken widersprechen völlig den
Unwahrheiten, die vom Orange Order und unionistischen Politikern ständig
verbreitet werden, dass nämlich die Garvaghy Road Residents Coalition für
die dortigen Bewohner nicht repräsentativ sei. * Britische Sicherheitskräfte
im Norden Irlands, einschließlich der Britischen Armee und der RUC, haben
große Operationen durchgeführt, um die umstrittenen Marschrouten des
Orange Order wie in der Garvathy Road und der Ormeau Road durchzusetzen.
- Die militärischen Operationen sind von nationalen und
internationalen Menschenrechtsorganisationen verurteilt worden, wie auch von
irischen, europäischen, kanadischen, amerikanischen und südafrikanischen
Parlamentarieren, die vor Ort waren, um zu bezeugen, wie die Situation tatsächlich
ist.
- Diese militärischen Operationen kommen der Ausrufung des
Kriegsrechts und einer Ausgangssperre für die katholisch/nationalistische
Bevölkerung gleich 1997 wurden in der Garvaghy Road mindestens 2500
Polizisten und Soldaten eingesetzt, um die ansässige Bevölkerung in Schach
zu halten, die sich auf insgesamt 6000 Männer, Frauen und Kinder beläuft.
Das Ausmaß der militärischen Besetzung bzw. die Einschränkung der
Bewegungsfreiheit war so groß, dass zur Druchsetzung einer Oranierparade
die katholischen Bewohner durch bewaffnete Soldaten mit körperlicher Gewalt
davon abgehalten wurden, wie sonst üblich die sonntäglichen Kirchenmessen
in der St. John the Baptist Church in der Garvaghy Road zu besuchen,.
- Katholische Anwohner, die versucht haben, friedlich gegen
den Oranierorden zu protestieren, sind geschlagen und mit Gewalt entfernt
worden. Über 200 Leute wurden 1996 in nicht provozierten Angriffen
verletzt, 1997 waren es am 6. Juli allein in der Garvaghy Road nochmals so
viele.
- In Portadown fühlen sich Katholiken/Nationalisten nur
inenrhalb ihrer eigenen Gegenden sicher. Im Laufe der Jahre sind viel durch
probritische loyalistische Todeskommandos getötet worden. Jack McCabe,
Felix Hughes, Eamon McMahon, Joey Weir, Martin McConville, Robert Hamill,
Thomas Trainer, Dennis Kelly and Adrian Lamph sind alle Katholiken, die von
Loyalisten im Stadtzentrum ermordet wurden. Viele andere Katholiken wurden
in der gleichen Gegend angegriffen und schwer verwundet, als sie ihren
Alltagsgeschäften nachgingen.
- Robert Hamill wurde im April 1997 von einem Lynchmob von über
30 Loyalisten ermordet, als er nachts mit zwei Cousinen nach Hause gehen
wollte. Diese brutale Tat ist immer noch ein großer Streitfall, weil
herauskam, dass RUC-Leute (Polizei also) da waren, als der Angriff auf
Robert Hamill stattfand, sich aber weigerten einzugreifen, um ihn zu retten
und dann auch trotz der Schreie und Hilferufe seiner beiden Cousinen keine
Erste Hilfe leisteten. Im März 1999 wurde das eine Bandenmitglied, das
wegen Roberts Ermordung vor Gericht kam, von der Anklage freigesprochen. Die
Zeugen aus der RUC durften schweigen und mussten im Prozess nicht aussagen.
- Seit der Drumcree-Parade vom Juli 1998 wurden in der Folge
der Angriffe des Orange Order auf die Garvaghy Road vier Menschen ermordet.
Am 12. Juli wurden drei kleine Jungen getötet, während sie in ihrem
Elternhaus in Ballymoney schliefen. Das Haus der Familie Quinn wurde von
Unterstützern des Orange Order mit Benzin-bomben beworfen, weil die Mutter
Katholikin ist. Es war den zu Hilfe geeilten Rettern nicht möglich, bis zu
den drei Jungen zu gelangen, bevor sie im Feuer, das von einer Brandbombe
ausgelöst worden war, starben. Im Oktober starb ein RUC-Beamter, Frank
Reilly, an Verletzungen, die er erlitten hatte, als ein loyalistischer Mob
Bomben und Feuerwerkskörper auf die Polizei warf, die das nationalstische
Gebiet schützten. Schließlich mussste 1999 Elizabeth O'Neill, eine 65jährige
Großmutter, sterben, nachdem Loyalisten ihr eine Bombe ins Haus geworfen
hatten.
-
Am 15. März 1999 wurde die Anwältin
der Garvaghy Road Residents Coalition, Rosemary
Nelson, durch eine unter ihren Wagen gelegte Bombe brutal
ermordet. Rosemary Nelson war durch ihren Einsatz für Menschrechte und als
Verteidigerin der Bürgerrechte in Irland sehr bekannt. Sie war die erste
Frau, die in Lurgan eine Rechtsanwaltskanzlei eröffnete und verteidigte
viele Opfer der Notstandsgesetzgebung in Nordirland. Sie begleitete die
GRRC zu Treffen mit dem britischen wie auch dem irischen Premier sowie zu
Gesprächen mit dem Orange Order. Rosemary Nelson hatte von Unterstützern
der Oranierloge in Portadown Todesdrohungen erhalten. Auch die RUC hatte ihr
Todesdrohungen und Einschüchterungen "übermittelt". Diese
Drohungen wurden zum Zeitpunkt ihrer Ermordung von der Metropolitan Police
un-tersucht. Alle Anwohnergruppen fordern gemeinsam eine vollkommen unabhängie
Untersuchung von Rosemarys Ermordung, da man der RUC keine unparteiische
Untersuchung zutraut.
Copyright © 2005 Irish Republican News - Übersetzung:
Irlandinitiative Heidelberg (Sib), 21. Juni 2005