Erklär mir einer Nord-Irland

Und seinen 30jährigen Krieg - Beobachtungen in Belfast, Derry und Portadown

Von Jürgen Lodemann


Ratlosigkeit bleibt auch dort, wo, wie in der FR, korrekt berichtet wurde, und sie wächst noch, wenn man sie selber zu spüren bekam, diese Haßpirale, nicht irgendwo im Exotischen, sondern nebenan, in einem zentralen Staat Europas, in einer Provinz Großbritanniens. Im Schein eines brennenden Bankgebäudes rennt da ein Mann über eine Straße in Derry, springt vor die britische Armee-Mauer und schreit sie an, die Soldaten der Königin, diese behelmten blassen jungen Gesichter hinter transparenten Hartplastikschilden, dicht an dicht aufgestellt zwischen verpanzerten Fahrzeugen, der Mann schreit die MP-Bewaffneten an, unterm Lärm von Helikoptern, die über der qualmenden Straße stehen und mit Suchlicht die Menschen da unten abtasten, dieser Einzelne aber brüllt, vor Wut zitternd: „Was wollt ihr Arschlöcher hier! verteidigt ihr etwa diese Scheißbank? und bin ich etwa IRA? Hab ich eine Waffe? Haut ab! geht doch endlich nachhause!“ Sie gingen natürlich nicht nachhause, die Straßenschlacht zwischen Soldaten, Polizei und Katholiken dauerte bis in die Morgenstunden, in der „Bogside“ von Derry, dort, wo vor 25 Jahren am „Bloody Sunday“ 14 friedliche Demonstranten von britischen Soldaten erschossen wurden, wofür der Einsatzleiter einen Orden der Queen bekam.

Ein kleiner Moment nur unter so vielem Irrsinn im nun schon fast 30jährigen Krieg zwischen „Christen“. Mitten im „globalen Dorf“, mitten in EU und UN und NATO. Es fällt schwer, hier irgendwas zu begreifen, man fühlt sich im Mittelalter oder auf dem Mars, wo andere Exemplare des homo sapiens zur selben Zeit ein Fahrzeug landeten. In Derry und Belfast aber und im Land dazwischen glüht Zorn, rasen Haß und Erbitterung, und es hilft auch in diesem Fall überhaupt nichts, sich das mit Buchstabenkürzeln wie IRA zu erklären, diese Menschen sind von sehr langer Hand ineinander verbissen und verbiestert, halten die jeweils anderen glatt für Teufel. Und wenn mir in Portadown ein Protestant erklärt, dort drüben, in der katholischen Garvaghy-Road - einem Getto im protestantischen Städtchen Portadown - dort sei die Hölle, dann muß er auf die Frage, ob er je dort gewesen sei, entrüstet verneinen. Das Übliche, sie kennen den anderen nicht, wissen aber alles über ihn.

Wer in Nord-Irland was werden will, muß Mitglied sein im Oranier-Orden, „Orange Order“. Wer dagegen Kontakte hält zur katholischen Hälfte der Bevölkerung, wird ausgeschlossen aus dieser nach Freimaurerweise organisierten „Bruderschaft“ der „Logen“ und „Großmeister“, der „Traditionshüter“. Zur wichtigsten Tradition zählen die jährlichen „Paraden“, triumphalistische Umzüge mit martialischem Getöse, unter feierlichem Gedröhn ziehen sie daher, im Sommer 1997 marschieren mehr als 3000 Paraden durch das kleine, das wunderschöne Land. Trommler gehen voran, das sieht aus, als führten sie wütende Vernichtungsschläge, es folgen Fahnenträger, Säbelträger, „Sons of the Conquerer“, so und ähnlich heißen sie, die „Logen“ unter den prächtigen Bannern.

In der Nacht vor dem 12. Juli, dem Hauptparadetag, wird in riesigen „Freudenfeuern“ die Fahne der irischen Republik verbrannt. Die Arroganz und Ignoranz ist beträchtlich, mit der dann auch dort marschiert wird, wo die „natives“ wohnen, die katholischen Iren, als führen Bulldozer durch Vorgärten und gute Stuben. „Weiße Nigger sind wir für die.“ „Friedlich demonstrieren wir unsere Kultur“, sagt die Gegenseite. Diese Märsche sind gänzlich humorlose Trampeleien. Der Zufall will es, daß ich mit meinem Auto, dessen KFZ-Zeichen mit BAD beginnt, vor einem dieser Protzmärsche halten muß und drei Stunden zu ertragen habe, was da an Monstern aus blutiger Vorzeit vorüberwankt. Die starren nun im Vorübertrampeln immer auf mein Auto und da es sie selber lieben, KFZ-Zeichen mit irgendeiner Bedeutung zu fahren (ihre eigenen Wagen-Nummern haben sie jetzt mit L.O.L. Loyal Orange Lodge vorsichtshalber überklebt, warum nur?), müssen sie jetzt jedesmal zusammenschrecken vor diesem Kommentar aus Deutschland: BAD! Und was anderes soll man auch sagen zu ihren Liedern, zum Beispiel zu

Croppies, geschlagen hat sie, eure Stund, denn jetzt geht's schaurig mit der Trommel rund, gedenken wir Wilhelms und hissen die Fahn', Grün sei Orange für immer untertan!

Die Iren, die „Grünen“, die „Croppies“ seien also für immer Menschen zweiter Klasse? Warum? Ein „englischer“ König (Wilhelm von Oranien kam in Wahrheit aus den Niederlanden) besiegte am 12. Juli 1690 den englischen König Jakob (daß nur dieser katholische Verlierer eindeutig ein Engländer war, wird sorgfältig ignoriert). Man weiß, wovon es abhängt, Bataillen zu gewinnen, von Zufällen, von Glück, wie im Fußball, und wer feiert nach 300 Jahren noch einen Fußballsieg. Die nordirischen Engländer feiern ihren 12. Juli wie weiße Siedler, fühlen sich in der Fremde, wie in Indianerland oder in Süd-Afrika. Der Sieger 1690 war Protestant, ergo: „protestantisches“ Tschingbumm. Diese Triumphmärsche mischen die Hochnäsigkeit eines Earl of Pipifax mit dem Haudrauf von Hooligans, als wenn Schalkefans es den Dortmundern mal zeigen wollten, nicht umsonst pfiff eine der Musiktruppen in Belfast „So ein Tag, so wunderschön wie heute“. Trinkspruch bei Orangisten-Feiern: „Dem ruhmreichen, gottesfürchtigen und unsterblichen Andenken des guten Königs Wilhelm, der uns vor Schurken und Schurkereien, vor Blechgeld und hölzernen Schuhen rettete! Und wer immer diesem Trinkspruch widerspricht, der werde in die Mündung der großen Kanone von Athlone geklopft, gestopft und gepfropft, und diese Kanone werde dem Papst in den Bauch geballert und der Papst in den Bauch des Teufels und der Teufel in die Hölle, und das Höllentor werde verriegelt, und der Schlüssel für immer und ewig in der Tasche eines Orange-Mannes versteckt.“ Und sie singen „Einen Strick, einen Strick dem Papst ums Genick!“

Auf welchem Planeten sind wir hier angekommen.? Bad? Diese feierlichen Greise in ihren Melonen ebenso wie die hinkenden, die krumm gearbeiteten Proleten in Sonntagskluft (im Orden zu sein "is a passport to employment"), diese Trinksprüche und Lieder, das alles wäre idiotisch bis lächerlich, würde daraus nicht immer wieder politischer Ernst, und zwar tödlicher. Dabei hat Wilhelm, der Gewinner von 1690, später die Tochter des Verlierers geheiratet, eine Katholische, eine Teufelin also. Wofür er heute aus jeder Loge flöge. Auch dies ignorieren sie natürlich, die Traditionshüter, die sich mitten im sogenannt aufgeklärten Europa wie blutige Monster benehmen.

Unterm Gepränge von „Tradition“, unter Vorwänden von Religion (selbst BBC nannte die Logen „religiöse Gruppen“), unter Bigotterie und mafiosem Cliquenklüngel nach Art von Opus Dei läuft da härteste Machtpolitik. Plötzlich werden alle Straßen zu „Straßen der Königin“, werden den katholischen Bewohnern Türen und Fenster vernagelt, sie selbst von der „königlichen“ Polizei von der Straße geprügelt, damit in Feindesland Flagge gezeigt werden kann ("flying the flag in enemy territory").

Auf Flugblättern, Wochen vor Beginn der Umzüge, die Frage: „Wissen Sie, wer neben Ihnen wohnt? Gegenwärtig ist es sehr unklug, einen Nationalisten als Nachbarn zu haben oder, noch schlechter, mit einem befreundet zu sein.“ Ein Text im Stürmer-Stil, er nennt Katholiken „Nationalisten“, zum einen, weil der Orden argwöhnt, die Iren wünschten die Vereinigung der Iren mit der Republik Irland, zum anderen, weil „katholisch“ für einen aufrechten Orangisten keine Religion ist und nicht mal beim Namen genannt zu werden hat. Es kommt keiner in den Orden, der mit jemandem aus der „papistischen Barbarei“ verheiratet ist (siehe aber jenen William von Oranien, auf den sich alle berufen). Nicht ordensfähig ist auch, wer einen katholischen Vater hat, eine katholische Mutter. Jedesmal in der „Paradensaison“ flüchtet sich eine katholische Rechtsanwältin vom Belfaster Protestantenviertel zu den Katholiken. „In diesen Tagen werden sie unausstehlich, ja gefährlich, ihre Märsche gleichen dem, was ich in meinem Job immer wieder vor mir habe, es sind Vergewaltigungen.“

Da ist es kaum ein Trost, wenn die Farmer an den Landstraßen Schilder aufstellen „Queens to sell“ und natürlich nur ihre neuen Kartoffeln meinen. Wer den stundenlangen Stumpfsinn des Marschgeprotzes, dieser gockelhaften Tambourmajore und der „Imperial Grand Master“ zu ertragen hatte, dem kommt der Verdacht, sie brauchen das, womit sie die Eroberten seit je eingeschüchtert haben, sie benötigen diese säbelrasselnde Maskerade nun erst recht, denn sie benagt die Gewißheit, daß ihre Zeit abgelaufen ist, nur deswegen müssen sie sich dermaßen aufmotzen und hochtrommeln, wie mit Henkerhieben müssen sie sich ihre Hirnrisse über die bösen Teufel dort drüben immer wieder einbläuen, ja, „bläuen“, nach der neuen Schreibung mit „äu“, getreu den eingebläuten Flecken nach dem Marsch durch Portadown, wo eine winzige katholische Minderheit von Staats wegen mißhandelt wurde. „Die Tories waren wenigstens ehrlich und haben uns tags weggeprügelt, Labour macht das nachts und tat vorher wochenlang, als gebe es Verhandlungen.“

In diesem Getto warteten die Gegenbilder zu den martialischen Triumphmärschen, gab es die in jedem Sinn Geschlagenen und Depressiven, drei Tage lang dauerte die Apathie der Betrogenen, kaum einer war in der Lage zu reden. "Unbelievable", "horrific". So lange, bis sie merkten, er war nicht unbeobachtet geblieben, dieser Übergriff von Menschen auf Menschen. Nachts um 3.30 h waren gegen alle Zusagen Polizei und Militär (aus der „ältesten Demokratie“) über 150 Einwohner hergefallen, je vier über einen und hatten sie einzeln hinter diese Hartplastikwände geworfen, wo sie dann behandelt wurden, ins Gesicht getreten, der Räumungsleiter selbst ließ sich das nicht nehmen, hat unterm Geschrei „Katholikenschwein“ mitgetreten, er trägt den schönen irischen Namen Fitzpatrick, empfahl sich ebenfalls für einen Orden der Queen.

In Portadown sind von den Katholiken 70 Prozent arbeitslos, von den Protestanten 12 Prozent. „Irgendwann werden sie uns eine Hundemarke umhängen so wie bei euch damals den Juden“. Fast alle hatten gehofft, die neue Regierung in Dublin und die neue in London, die würden endlich die Wende bringen. Bis zum Schluß hatte Mo Mowlan, Tony Blairs Irland-Ministerin, von Verhandlungen geredet. Und dann diese massive Brutalität. 500 Meter weit fliegen die Hartplastikgeschosse, Menschenrechtler zählten pro halbe Stunde mehr als 60 Schüsse, noch am Tag zuvor hatte Human Rights Watch appelliert, sie nicht einzusetzen, diese Geschosse kosten Zähne, Augen, das Leben. Der Polizeichef erklärte, er habe zu entscheiden gehabt zwischen zwei Übeln. Er? Oder doch irgendeine gewählte Regierung? Und das kleinere „Übel“? das war also der Widerstand der Katholiken. Das größere die Macht der Orangisten.

Obwohl der Sinn Féin- Parlaments-Abgeordnete McGuinness beschwor: „Trotz eurer Wut, schont Leben - und auch Eigentum“ - in der Nacht nach Portadown entbrannten quer durch die englische Kolonie Straßenschlachten, wurden Züge flambiert, wurden Autos und Busse im Wert von mehreren hundert Millionen Pfund verheizt, wurden Bagger geklaut, selbst Kräne, das schöne Derry wurde förmlich zugemüllt, nirgends mehr Tourismus, statt dessen ununterbrochen der Lärm der Helikopter, Sirenen von Ambulanzen und Polizei und Feuerwehr, Alarmglocken, es stinkt nach Petroleum, immer wieder lustvolles Aufheulen der Menge, wenn eines der grauen Panzerfahrzeuge getroffen ist und zu brennen scheint, von den älteren höre ich mehrfach die Vokabel „Dejavu“, das Französische Wort sprechen sie und meinen "same procedure as last year", wie schon in all den Jahren zuvor, die Menschenrechtler sind ratlos und notierten nur noch Zahl und Ausmaß aller Arten von Verletzung.

Von der Unterstadt "Bogside" stürmten sie wie in Raserei gegen die Oberstadt, gegen die City von "Londonderry". Diesen britischen Namen bekam Derry, als es im 17. Jahrhundert mit mächtigem Ringwall ummauert wurde, in Zeiten, da man anderswo begann, das Mittelalter zu schleifen. Inzwischen liest man auf dem Wall die häusergroßen Buchstaben: NO MOre lies MOWLAN -WE DEMAND OUR RIGHTS

Mag sein, dieser ungeheure Aufruhr der seit je Kolonisierten, diese Solidarität mit den Weggeprügelten in Portadown, auch die große Zahl der internationalen Presseleute und "Observer", sie hat London schließlich bewogen, vorm nächsten, vorm noch wüsteren Wochenende endlich einzulenken und - historisch zum erstenmal - dem dominierenden Orden der Orangisten Halt zu gebieten. „Aber auf unsere Vorrechte, auch auf unsere Paraden werden wir niemals verzichten“. In einer Art Wagenburgdenken haben sie sich eingepanzert.

„Hongkong geben sie frei - warum nie uns?“ Wahrscheinlich deswegen nicht, weil sich unter den nordirischen Parade-„Protestanten“ eine Verhornung seltenster Intensität bildete, Hartplastik bis ins Hirn - vergebens hab ich drei Stunden lang die bombastische Parade in der Metropole Belfast nach einem protestantischen Pfarrer abgesucht - die Geistlichen wären eigentlich diejenigen, die von nun an - in wahrscheinlich jahrzehntelanger Sorgfalt - zu vermitteln hätten, was Christlichkeit sein könnte oder Nachbarschaft. Einer 12jährigen im Radio blieb das vorbehalten. „Laßt es auch die Soldaten gut haben - laßt sie nachhause gehen - und wenn sie weg sind, dann setzen wir uns hier auf die Straße und reden und reden, so lange, bis wir uns endlich vertragen.“ In der Tat, die Bewohner dieser schönen Insel sind nicht etwa im Norden irre und aggressiv, im Süden friedlich und witzig, sie sind hier wie dort von der verträglichsten und gastfreundlichsten Art, „aber wir zahlen hier im Norden noch immer den Kolonialpreis dafür, daß die im Süden es gut haben“. Überfällig, daß sich Straßburg für die Einhaltung der Menschenrechtskonventionen interessiert, für den Mittelalterwall inmitten unseres globalen Dorfs. Vorerst entscheidet freilich, daß sich kaum noch Touristen oder Geschäftsleute hineintrauen, in diese Provinz der monströsen Sektierer.

Jürgen Lodemann, July 1997

Erschienen in: „Frankfurter Rundschau“ vom 25.07.1997


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