Dieser Artikel von Dietrich Schulze-Marmeling erschien in analyse und kritik (Nr.418). Wir danken dem Autor und ak für die freundlichen Genehmigung zur Veröffentlichung auf unserer Internetseite.
Anfang September erklärte die "Real IRA", verantwortlich für den verheerenden Bombenanschlag von Omagh, bei dem 29 Menschen ums Leben kamen, einen "permanenten und totalen Waffenstillstand" Die einstweilige Einstellung ihrer Kampagne hatte die Organisation bereits drei Tage nach der Omagh-Bombe ausgerufen. Die IRA soll mit Exekutionen gedroht haben. So bemerkte ein IRA-Mann: "Wir haben ihnen ein Angebot gemacht, daß sie nicht ausschlagen konnten." Hinzu kamen die totale politische Isolation der "Real IRA" und die massiven Repressionsdrohungen seitens der Regierungen in London und Dublin. Die Entscheidung zum Waffenstillstand fiel nicht einmütig. Insbesondere Aktivisten aus dem Süden sollen eher eine Haltung des "Abwartens" favorisiert haben.
Entstanden war die "Real IRA" im Juli 1997, als die IRA ihren zweiten Waffenstillstand erklärt hatte. Seinerzeit gründete sich das 32-County Sovereignty Movement. In der grenznahen südirischen Grafschaft Louth kündigte eine Gruppe von Sinn-Féin-Funktionären und -Aktivisten ihrem Präsidenten Gerry Adams die Gefolgschaft auf. Nach außen repräsentiert wurde das Sammelbecken fundamentalistischer Republikaner durch Bernadette McKevitt-Sands, die Schwester des 1981 im Hungerstreik verstorbenen IRA-Mitglieds und Unterhausabgeordneten Bobby Sands, und durch Francie Mackey, den ehemaligen Sinn-Féin-Chef in Omagh. Seit seinem Ausschluß aus der Sinn-Féin-Fraktion gehört Mackey dem Gemeinderat von Omagh als "Unabhängiger" an. Aus den USA wurden die Abtrünnigen von Martin Galvin unterstützt, den die Belfaster Sinn-Féin-Führung bereits vor einiger Zeit als Boß der Hilfsorganisation NORAID kaltgestellt hatte. So organisierte Galvin für McKevitt-Sands und Mackey eine Werbetour durch die USA.
Die Hochburgen der "Real IRA"
Schon bald kursierten auch Gerüchte, denen zur Folge ein nicht unerheblicher Teil der IRA in South Armagh sich von der Führung losgesagt habe. South Armagh war (und ist) die wichtigste ländliche Hochburg der republikanischen Paramilitärs und wurde von britischen Medien und Politikern gern "Banditenland" genannt. Zur Zeit des militärischen Konflikts verwandelte die IRA die dünn besiedelte Region in eine "no go area"für Armee und Polizei. Die Bevölkerung verweigerte die Zusammenarbeit mit den "Sicherheitskräften", und da die IRA die Gegend vermint hatte, bewegten sich Armee und Polizei vorwiegend mit Hilfe von Helikoptern. Das 1.000-Seelen-Dorf Crossmaglen wurde auch als " heimliche Hauptstadt der IRA" bezeichnet.
Die in South Armagh vorherrschende Republikanismus-Variante ist sehr konservativ und traditionalistisch, der bewaffnete Kampf mehr als nur ein Mittel zum Zweck. Zum Zeitpunkt der Omagh-Bombe soll in South Armagh die "Real IRA" stärker als die IRA gewesen sein. In Belfast und Derry verwies die IRA Dissidenten rigoros in ihre Schranken, nicht jedoch in South Armagh. "Sicherheitsexperten" vermuteten, daß die "Real IRA" so stark sei, daß sich Adams und Co. gegen sie schützen müßten.
Neben South Armagh wurde auch die angrenzende südirische Grafschaft Louth mit der Grenzstadt Dundalk zur Basis der "Real IRA" Für die IRA war Dundalk stets von großer strategischer Bedeutung gewesen. Dorthin waren nach den Pogromen 1969 zahlreiche Belfaster Katholiken geflüchtet. In Dundalk fanden allerlei konspirative Treffen statt, so auch Tagungen des IRA-Armeerats. East Tyrone, wo ebenfalls Widerstand gegen den Friedensprozeß auszumachen war, blieb hingegen mehrheitlich auf Adams-Kurs. Nicht von ungefähr hatte Adams in diesem Jahr diese Region für seine Osteransprache ausgewählt. Auch die meisten anderen süd- und nordirischen Grenzregionen unterstützten mehrheitlich den Adams-Kurs, nicht zuletzt weil starke Sinn-Féin-Persönlichkeiten sich dafür aussprachen: in der Grafschaft Monaghan Caoimlighin O Caolain, Mitglied des südirischen Parlaments, und in der Grafschaft Donegal Pat Doherty, Vize-Präsident Sinn Féins.
Für die "Real IRA" war hilfreich, daß sie den Quartiermeister der IRA in ihren Reihen hatte. Außerdem schlossen sich ihr fast sämtliche IRA-Einheiten in der Republik an. Die Ausnahme bildete Kerry. Auch hier war mit dem ehemaligen Waffenschmuggler Martin Ferris eine starke republikanische Persönlichkeit für die Unterstützung des Friedensprozesses ausschlaggebend. Daß die IRA den Süden verlor, war insofern von Bedeutung, als sich hier viele der IRA-Waffenlager befanden. Dies betraf insbesondere die Grafschaften Tipperary, Limerick und den Norden Corks. In den Wochen vor der Omagh-Bombe bemühte sich die IRA, so viele Waffen wie möglich in den Norden zu transportieren und so unter ihre Kontrolle zu bekommen. Es ist zumindest denkbar, daß die britische Regierung hiervon wußte und dies duldete. Schließlich wurde die "Real IRA" dadurch geschwächt. Außerdem bedeutete der Transport in den Norden und die Kontrolle durch die IRA, daß mehr republikanische Waffen für den Abrüstungsprozeß verfügbar gemacht wurden.
Bomben sollen Stärke vortäuschen
Ein interessantes Phänomen ist, daß diejenigen, die vom Konflikt im Alltag am meisten betroffen waren, in der Regel mit der Sinn-Féin- und IRA-Führung gingen. Dies betrifft vor allem die Republikaner in der "Kriegszone" Belfast, die sich nicht nur mit den "Sicherheitskräften" konfrontiert sahen, sondern auch mit dem sektiererischen Terror der loyalistischen Paramilitärs.
Dieses Bild wird durch ein weiteres Phänomen komplettiert: Zur "Real IRA" gingen vor allem Bombenspezialisten, nicht aber jener Teil der IRA, dessen Aufgabe die Plazierung von Bomben und die direkte Konfrontation mit den "Sicherheitskräften" war. Dies hatte natürlich auch mit der Konzentration der "Real IRA" auf South Armagh zu tun. Die "Real IRA" konnte zwar Bomben bauen, hatte aber Probleme, diese zu ihren Einsatzorten zu bringen. Diesbezüglich war sie auf die Unterstützung durch andere Gegner des Friedensprozesses, vornehmlich die Irish National Liberation Army (INLA), angewiesen. Bei der Beschaffung von für Bombenexpeditionen geeigneten Fahrzeugen soll es eine Zusammenarbeit mit der organisierten Kriminalität in der Republik gegeben haben.
Omagh war nicht die erste Bomben-Mission der "Real IRA" Vielmehr drohte ihre militärische Kampagne sich zu einer ernsthaften Herausforderung zu entwikkeln. Im Juni hatte sie mit einer Landmine einen riesigen Krater in die Straße von Newry nach Forkhill (South Armagh) gesprengt. Die Explosion zwang die "Sicherheitskräfte", erneut auf Helikopter umzusteigen. Zwei Tage später explodierte eine Autobombe in Newtownhamilton (ebenfalls South Armagh). Anfang Juli wurde in der Nähe von Newry die Bahnlinie nach Belfast gesprengt. Einen Monat später explodierte eine Bombe in Banbridge (Grafschaft Down), die über 30 Menschen verletzte und hohen Sachschaden verursachte. Auch in Portadown und Moira (North Armagh) gingen Bomben hoch.
Die "Real IRA" war offensichtlich darum bemüht, ihre Operationsbasis über South Armagh hinaus auszuweiten, um nicht den Eindruck zu erwecken, sie sei eine rein regionale Erscheinung. Dies war auch der Grund für die Omagh-Bombe, die in South Armagh gebaut und verladen wurde. Mit Hilfe der Bombe wollte sich die "Real IRA" in der Grafschaft Tyrone eine zweite Basis verschaffen. Die Bombe sollte die Autorität der IRA in dieser Region unterminieren und IRA-Volunteers, die im Friedensprozeß eher die Rolle von unschlüssigen Zuschauern einnahmen, auf die Seite der "Real IRA" ziehen.
Doch der Versuch, Stärke vorzutäuschen, endete in einem Desaster. Das Auto mit der Bombe wurde vor einem Geschäft abgestellt, das mit Roy Kells einem führenden Orangeman gehörte. Daß die Polizei bei den Warnungen der "Real IRA" den genauen Standort der Bombe nicht in Erfahrung bringen konnte, soll auch daran gelegen haben, daß der Anrufer Omaghs Geographie nicht genau genug kannte und in einem schwer verständlichen ländlichen Dialekt sprach.
Da die INLA bereits vor der "Real IRA" die Waffen niederlegte, bleibt jetzt nur noch die mit Republican Sinn Féin verbündete Continuity Army übrig, deren Anführer Michael Hegarty im Oktober 1996 verhaftet wurde.
Das Massaker von Omagh hat das Einlenken republikanischer Dissidenten zweifellos beschleunigt. Genauer ist es vermutlich, von einem Stillhalten zu sprechen, da bewaffneter Widerstand gegen das Belfaster Abkommen und seine Umsetzung momentan nicht opportun erscheint. Allerdings wurde in Nordirland noch keine paramilitärische Gruppe durch ihre eigenen Taten besiegt. Omagh war zwar das größte Massaker in der Geschichte Nordirlands, aber bei weitem nicht das einzige. Die IRA hat während des Krieges ähnliche Situationen immer wieder überstanden. Wenn Omagh tatsächlich das Ende aller militärischen Aktivitäten der Republikaner markieren sollte, dann nur deshalb, weil sich durch das Belfaster Abkommen von April dieses Jahres die Bedingungen erheblich gewandelt haben.
Dietrich Schulze-Marmeling
Oktober 1998
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