Von Frankfurter Rundschau
Donnerstag, 30. Juni 2005
Historischer Deal in Derry
Hintergrund
Von Peter Nonnenmacher (London)
Signalwirkung für ganz Nordirland dürfte die Einigung von Protestanten und Katholiken am Mittwoch über die lokale Orangisten-Parade in der Stadt Derry haben: Erstmals findet einer der umstrittensten Protestantenmärsche in der Provinz, zu dem Tausende auswärtiger Teilnehmer erwartet werden, mit Zustimmung der betroffenen katholischen Bevölkerung statt.
Zu früheren Zeiten hielten Ulsters Protestanten ihre sommerlichen Triumphmärsche ohne Rücksicht auf katholische Proteste ab. Die Märsche in Derry, der zweitgrößten Stadt Nordirlands, provozierten in den sechziger Jahren blutige Zusammenstöße, an denen sich die "Troubles", die nordirischen Unruhen der siebziger und achtziger Jahre, entluden.
In den letzten zwölf Jahren aber blockierten Derrys Katholiken die Teilnahme auswärtiger Protestanten an der örtlichen Orangisten-Parade zum "Zwölften Juli". Der 1997 von der Regierung Blair eingesetzte "Paraden-Ausschuss" forderte vom Orangisten-Orden, sich vor dem Marsch durch katholische Wohngebiete mit deren Bewohnern ins Benehmen zu setzen - andernfalls der Ausschuss es sich vorbehielt, Märsche zu untersagen.
Diese Regelung führte ihrerseits zu Ressentiments und Spannungen im Lager der Protestanten, besonders in Belfast und der Hardliner-Stadt Portadown. In Derry aber einigten sich beide Seiten am Mittwoch erstmals auf eine Parade ohne triumphale Töne: Entsprechende Zugeständnisse der Protestanten erlaubten es den Bewohnern der katholischen Bogside, den Orangisten grünes Licht für den Durchmarsch zu geben.
Zwar kam es bei den langwierigen Verhandlungen in dieser Frage zu keiner direkten Zusammenkunft der beiden Seiten. Die örtliche Handelskammer und eine Anzahl prominenter Geschäfts- und Kirchenleute fungierten aber als Mittler und erzielten den erhofften Kompromiss. Nach diesem "historischen" Durchbruch könne man auch in anderen Teilen Nordirlands damit beginnen, "das jährliche Ritual des Paradenstreits" aus dem Leben der Provinz zu streichen, erklärte ein Sprecher der Handelskammer Derrys am Mittwoch. Der Orangisten-Orden versprach "eine würdevolle Parade" in einer "an Kultur und Vielfalt reichen Stadt".
Noch zehn Tage zuvor war es im Nord-Belfaster Stadtteil Ardoyne anlässlich einer Orangisten-Parade zu blutigen Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten gekommen. 18 Polizisten und elf Zivilisten wurden dabei verletzt, einem Jugendlichen wurde der Arm gebrochen, drei Personen wurden festgenommen. Nordirlands Polizeipräsident Hugh Orde sprach anschließend davon, die Provinz müsse "aufwachen", statt sich vor der jährlichen Marschsaison in eine neue Periode der Gewalt hinein zu manövrieren.
Traditionell feiern Nordirlands Protestanten mit ihren Orangisten-Märschen den Sieg des Oranier-Prinzen William am Fluss Boyne über den katholischen König James II. im Jahr 1690, der die protestantische Vorherrschaft über Irland besiegelte und zu jahrhundertelanger Unterdrückung der katholischen Bevölkerung der Insel führte.
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