Mit Gewalt reagieren Nordirlands Protestanten ihre tiefe Enttäuschung ab

16.9.2005


Freitag, 16. September 2005

Mit Gewalt reagieren Nordirlands Protestanten ihre tiefe Enttäuschung ab

Behörden: Erschreckend viele Kinder und Jugendliche beteiligten sich an den Belfaster Ausschreitungen / Gespanntes Warten auf die Reaktion der IRA

Von Peter Nonnenmacher

Nach den Krawallen vom Wochenbeginn hat der britische Nordirlandminister Peter Hain den Waffenstillstand der militanten Loyalisten-Gruppe Ulster Volonteer Force (UVF) für beendet erklärt. Diese wird für einen Großteil der Ausschreitungen ver- antwortlich gemacht, bei denen 60 Polizisten und dutzende Zivilisten verletzt wurden.

UVF-Mitglieder hatten schon Anfang des Sommers Jagd auf rivalisierende Protestanten-Trupps gemacht, vier Angehörige der kleinen Dissidentengruppe Loyalist Volunteer Force (LVF) ermordet und nebenher ihre stumme Terror-Kampagne gegen katholische Mitbürger verstärkt. Vergangenes Wochenende, als die Schärpenträger des Orangisten-Ordens im Belfaster Stadtteil Whiterock ihren gewohnten Parade-Weg von der Polizei versperrt fanden, waren es UVF-Leute, die sich am willigsten in die "Schlacht" gegen die Staatsmacht warfen.

Der alte Waffenstillstand, die Rolle der UVF beim Zustandekommen der berühmten Belfaster Friedensvereinbarung von 1998, war vergessen. Notgedrungen, aber nicht unglücklich, mischte sich auch die andere große Loyalistentruppe, die Ulster Defence Association (UDA), ins Gedränge. Ebenso rückhaltlos schlossen sich unorganisierte Anwohner der betreffenden Straßen den "Aufständischen" an. Die große Zahl der Jugendlichen und Kinder war es, die die Behörden vor allem erschreckte. Loyalisten, der Loyalität zur Krone verschrieben, im Aufstand gegen den britischen Staat?

Eine Menge Frustration und Aggression hatte sich in den verarmten protestantischen Wohnquartieren angesammelt, und drängte anlässlich des "gestoppten" Orangisten-Marsches zum Ausbruch. Der Friedensvertrag sei nur den Katholiken zugute gekommen, lautete die einhellige Klage der Protestanten. Die Regierung schiebe den Katholiken Jobs und guten öffentlichen Wohnraum zu, nehme überall auf deren Wünsche Rücksicht, lasse deren Terroristen laufen und löse zugleich die alten protestantischen Regimenter auf - nur, weil die IRA London ein Ende ihrer Aktionen versprochen habe.

Auf katholischer Seite wird diese Sicht der Dinge strikt zurückgewiesen. Statistiken belegten, heißt es dort, dass katholische Bezirke noch immer doppelt so viel Arbeitslosigkeit hätten wie protestantische, oder die neue Polizeistreitkraft der Provinz noch immer zu 80 Prozent aus Protestanten bestehe. Auch den Katholiken ist aber bewusst, dass der gegenwärtige Trend ihnen - erstmals in der nordirischen Geschichte - Auftrieb, mehr Chancengleichheit, auch politischen Einfluss verschafft. Die Protestanten fühlen sich dagegen "auf dem absteigenden Ast" der Geschichte. Während mittelständische Orangisten-Verbände ihre jahrhundertalte Vorherrschaft in der Provinz für immer dahin schwinden sehen, glauben sich die protestantischen Armen, die früher zumindest noch auf die rechtlosen Katholiken herabsehen konnten, "verraten und verkauft".

Zornig argumentierte am Mittwoch Belfasts Orangisten-Großmeister Dawson Bailie, die jungen Gewalttäter hätten ja wohl "keine andere Wahl" gehabt, da niemand mehr den Protestanten ein Ohr leihe. Polizeipräsident Sir Hugh Orde und Nordirlandminister Hain bekräftigten hingegen ihre Überzeugung, dass die Orangisten sich mitschuldig gemacht hätten an den Krawallen, auch wenn die Gewalt selbst von den loyalistischen Gruppen koordiniert worden sei.

Ungewissheit herrscht darüber, ob die Untergrund-Organisation Irisch-Republikanische Armee (IRA), sich von den Unruhen und diversen neuen loyalistischen Provokationen in ihrer Absicht beirren lassen wird, die eigenen Arsenale in den nächsten Wochen endgültig preiszugeben. An dem im Juli gegebenen Versprechen der Republikaner hängt der Fortgang des Friedensprozesses. Angeblich sollen Belfaster Katholiken, die sich von den loyalistischen Aktionen bedroht fühlen, die IRA-Führung um eine Verzögerung der Selbstentwaffnung gebeten haben. Andererseits wissen die Republikaner, dass sie mit Zweideutigkeiten die Lage eher noch erschweren würden. Eine Erklärung des Abrüstungs-Beauftragten General John de Chastelain wird jedenfalls in Kürze erwartet. Sie könnte die Protestanten fürs erste besänftigen - oder neuen Anlass zu bitterem Widerstand liefern.

Illoyale Loyalisten

Mit der Ulster Volonteer Force (UVF) ist nach Auffassung Londons eine der beiden zentralen protestantischen Untergrundgruppen erneut in den "Kriegszustand" getreten. Die Gruppe, die sich als Erbin des Anti-Home-Rule-Terrors der 20er Jahre versteht, hat rund 2000 Mitglieder. Das kleine Red Hand Commando "kämpft" an ihrer Seite. Die Loyalist Volonteer Force (LVF) ist eine von der UVF abgespaltene Gruppe, mit der sich diese in einer gnadenlosen Fehde befindet. Die Ulster Defence Association (UDA), gelegentlich auch unter dem Namen Ulster Freedom Fighters (UFF) auftretend, ist der mit etwa 3000 Mitgliedern noch immer größte paramilitärische Verband der Protestanten. PN

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