Samstag, 29. November, 2003
Sinn Féin im Aufwind
Hintergrund
Von Peter Nonnenmacher (London)
Einst nur ein Anhängsel der Irisch-Republikanischen Armee (IRA), jetzt stärkste Partei der Katholiken in Nordirland: Die Republikaner-Partei Sinn Fein hat sich politisch durchgesetzt.
"Tiochfáidh ár lá" (Unser Tag wird kommen) war die alte Parole, mit der sich Irlands Republikaner stets Mut machten auf ihrem langen Marsch zu einem vereinten Irland. Das Ziel dieses Marsches haben sie zwar noch lange nicht erreicht. Aber einen ersten Tagesschimmer glauben sie auszumachen: Den Durchbruch auf der politischen Bühne hat Sinn Fein nach den Wahlen dieser Woche in Nordirland auf spektakuläre Weise geschafft.
Mit knapp einem Viertel aller Erststimmen bei den Wahlen überholte die Republikaner-Partei die katholischen Sozialdemokraten (SDLP), die nur noch auf 17 Prozent kamen. Zwar verkürzte die SDLP am Freitag dank freundlicher protestantischer Präferenzstimmen den Abstand zu Sinn Fein noch ein Stück. Doch klar war, dass die SDLP ihre alte Position als maßgebliches Sprachrohr der nordirischen Katholiken nicht halten konnte. Ohne ihr altes Schlachtross, den Friedensnobelpreisträger John Hume, und ein paar andere populäre Veteranen, die jüngst aufgegeben haben, wirkte die Partei auf ihre Wähler offenbar kopflos.
Weder gelang es der SDLP vor den Wahlen, die alte, wohl bekannte Führungsgarde durch eine attraktive neue zu ersetzen; noch fand sie im Wahlkampf die nötige Resonanz - trotz handfester Hilfe aus der irischen Republik. "Natürlich sind die SDLP-Wähler wieder schön zur Wahl gegangen", freute sich Sinn-Fein-Präsident Gerry Adams; "nur haben sie ihre Stimmen diesmal uns gegeben, Sinn Fein, und nicht der SDLP." Sinn Fein jedenfalls gewann bei den Wahlen jede Menge neue Wähler hinzu und vermochte die eigene Basis wesentlich auszubauen.
Angeführt von Adams und gepriesen im katholischen Lager für ihren konsequenten Kurs der Gewaltlosigkeit, sammelte Sinn Fein bei den Wahlen einen Sitz nach dem anderen ein und ließ der SDLP das Nachsehen. Nicht nur in republikanischen Hochburgen - in stark vom Bürgerkrieg gezeichneten Stadtteilen und in den Grenzgebieten zur Republik - sah sich Sinn Fein auf der Siegesbahn. Auch unter typisch mittelständischen Wählern setzten sich die Republikaner durch. In Süd-Belfast zum Beispiel, wo in gepflegten Straßen unter alten Bäumen Katholiken und Protestanten friedlich zusammenleben, fiel ein Sitz dem ehemaligen Boxer und Sinn-Fein-Hardliner Alex Maskey zu, der sich noch vor ein paar Jahren kaum aus den katholischen Ghettos West-Belfasts herausgewagt hätte.
Im Vorjahr freilich hatte Maskey, als erster Republikaner, die Amtskette des Lord Mayor von Belfast getragen - und es auf diesem Posten an Versöhnungsgesten gegenüber seinen protestantischen Mitbürgern nicht fehlen lassen. Nun, bei den Parlamentswahlen, kamen ihm diese Bemühungen zugute. "Die Feindseligkeit von früher ist weg", erklärte Maskey seinen Erfolg. "Jetzt ist Goodwill von allen Seiten zu spüren."
In ihren Armani-Anzügen, in ihrem Tony Blairs New-Labour-Party abgeschauten "New Sinn Fein"-Look, suchen die Sinn Feiner ihre Vergangenheit, ihre Verbindung zur Irisch-Republikanischen Armee, vergessen zu machen. Die Zeiten, in denen ihre Partei bloß ein Anhängsel der gefürchteten IRA war und bei Wahlen nie auf mehr als zehn Prozent aller Stimmen in Nordirland kam, sind für die Republikaner endgültig vorbei.
Um den "Glanz der Gewalt" gehe es inzwischen eh nicht mehr, meint der ehemalige IRA-Bomber Gerry Kelly, einer der ersten Abgeordneten, der bei diesen Wahlen wiedergewählt wurde. "Der erste IRA-Waffenstillstand liegt neun Jahre zurück, da waren unsere heutigen Erstwähler selbst gerade erst neun Jahre alt." Gereift, auf Respektabilität bedacht und jungen Radikalen ebenso wie unzufriedenen katholischen Bürgern eine politische Heimat bietend, hat sich Sinn Fein in eine ernst zu nehmende Kraft verwandelt.
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