Das Pulverfaß Nordirland ist vorerst entschärft

Mit dem Rückzug einiger Oraniermärsche sind die Konflikte aber noch nicht gelöst

von Michael Agricola


Das Recht auf freie Wahl einer Route für Gedenkmärsche gegen das Recht auf freie Bewegung im eigenen Viertel - auf diesen einfachen Nenner lassen sich die Konflikte zwischen Protestanten und Katholiken in der alljährlichen „Marching season“ zwischen Juli und August bringen. Doch auch nach der Absage oder Umleitung einiger Oranier-Paraden in Belfast, Derry, Newry und Armagh am Wochenende sind die Probleme nicht gelöst, sondern nur verschoben.

Von beiden Seiten wurde der Rückzug einiger Orden von konfliktträchtigen Marschrouten durch katholische Viertel mit Erleichterung aufgenommen. „Ich werde mich aber nicht bei den Oraniern dafür bedanken, daß ich mich in meiner Straße frei bewegen darf“, übte Gerard Rice, Sprecher der Lower Ormeau Concerned Community (L.O.C.C), einer katholischen Anwohner-Gruppe aus Belfast, trotz der grundsätzlichen Zustimmung auch Kritik an der von unionistischen Politikern als „mutig“ gefeierten Entscheidung, bot aber gleichzeitig Gespräche über zukünftige Märsche an. In den vergangenen Jahren waren die Bewohner der Lower Ormeau Road tagelang von Sicherheitskräften in ihren Häusern regelrecht eingesperrt worden, damit der Oranierorden die Straße ohne Zwischenfälle passieren konnte. Die katholischen Bürgerrechtler in allen betroffenen Städten hatten sich nicht für eine Absage der Märsche eingesetzt, ihr Ziel war die Umleitung in andere Straßen. Diese Alternative nutzten die Oranier in Belfast nicht, weil sie so ihr Recht zum Marsch durch die Ormeau Road für die Zukunft gefährdet gesehen hätten. Der örtliche Orden sagte die Teilnahme an der Hauptkundgebung kurzerhand ganz ab. Das Einlenken der Orden geschah ohnehin nur unter der Bedingung, daß man die Märsche zu jedem beliebigen Zeitpunkt wieder über den traditionellen Weg durchführen könne. Insofern muß der Rückzug auch eher als ein Aufschub gesehen werden, der neue Gespräche zwischen den Konfliktparteien ermöglicht.

Freiwillig leiteten die Orden ihre Züge in Derry, Armagh und Newry um. Gespräche mit Anwohnern wurden nur in Newtownbutler geführt. Sie endeten in letzter Minute mit dem Kompromiß, nur auf dem Hinweg durch ein katholisches Viertel zu marschieren, nicht jedoch auf dem Rückweg. Andernorts, so in Bellaghy, Strabane und Dunloy, nahmen die Orden dagegen ihre gewohnte Route.

Wütende Oranier forderten von den protestantischen Parteien, sie sollten sich sofort aus den All-Parteien-Gesprächen um eine friedliche Lösung des Konfliktes zurückziehen. Extreme Politiker wie der unionistische Pfarrer Ian Paisley bezeichneten die Entscheidung der Orden als Ausverkauf und Verrat protestantischer Traditionen, der von der britischen Regierung erzwungen worden sei.

In der Tat hatten sowohl Regierung als auch der nordirische Polizeichef Ronnie Flanagan Druck auf die Oranier ausgeübt, weil nicht für die Sicherheit der rund 75000 Teilnehmer an den Märschen garantiert werden könne. Eine Splittergruppe der IRA hatte mit Mordanschlägen auf Protestanten gedroht, falls weitere Märsche durch katholische Viertel gehen sollten, wie dies in Drumcree eine Woche zuvor der Fall gewesen war. Im Anschluß an diesen Marsch hatte es in mehreren Städten Krawalle gegeben, mit Sachschäden in Höhe von fast 60 Millionen Mark, unter anderem waren Autos, Busse und Züge angezündet worden. Daneben demonstrierten während der Woche an allen Brennpunkten katholische Bürger friedlich zu tausenden, allerdings mit immer weniger Vertrauen zur Regierung Tony Blairs.

„Jedesmal vertrauen wir der Regierung wieder, jedesmal werden wir wieder enttäuscht“, gab ein Bewohner der Bogside in Derry während einer Diskussionsveranstaltung die Stimmung vieler Katholiken wider, die sich durch die Ereignisse auf der Garvaghy Road in Drumcree um ihre Rechte betrogen fühlten. Zumal ein Regie

rungspapier bekannt wurde, das belegt, daß die Nordirlandministerin Mo Mowlam die Entscheidung über den Polizeieinsatz auf der Garvaghy Road offensichtlich schon Tage vor den Gesprächen mit den Anwohnern getroffen hatte.

Unberührt vom überraschenden Einlenken der Oranier zeigte sich die IRA in der Nacht vor den Paraden mit mehreren Anschlägen auf Sicherheitskräfte und Protestanten. In einigen katholische Vierteln kam es zu Krawallen. Die protestantischen Paramilitärs und die über die Entscheidung ihrer Orden erzürnten Oranier blieben dagegen relativ ruhig, sodaß die befürchteten Ausschreitungen ausblieben. Nur in Derry wurde der nach Limavady umgeleitete Marsch durch einige wütende Protestanten aufgehalten, die sich mit der Entscheidung nicht abfinden wollten . Stichwort: Oranier-Märsche

Märsche der Oranier finden im Juli und August in ganz Nordirland statt. Wichtigster Tag im Kalender ist der 12. Juli, wenn die protestantische Bevölkerung den Sieg ihres Königs Wilhelm von Oranien gegen den katholischen James II im Jahr 1690 feiert. Von den insgesamt etwa 2500 Märschen sind aber nur etwa ein Dutzend umstritten, weil sie katholische Viertel berühren.

Organisiert werden die Paraden von etwa 1400 verschiedenen auf lokaler Ebene organisierten Orden mit insgesamt ca. 100000 Mitgliedern. Die Orden sind bis auf Ausnahmen anti-katholisch ausgerichtet und nehmen fast ausschließlich nur Männer auf. Zu ihren Aufnahmebedingungen gehört, keine Mischehen mit Katholiken einzugehen und ihr Land gegen den Einfluß der katholischen Kirche zu verteidigen. Die meisten unionistischen Politiker sind Mitglieder in „Orange Orders“, ebenso viele Polizisten der Royal Ulster Constabulary, die auch zur Sicherung der Paraden eingesetzt wird.

Der Ablauf der Märsche ist überall gleich. Jeder lokale Orden startet auf seiner Route zu einem Treffpunkt im Zentrum und paradiert von dort aus mit den anderen Orden zu einem großen Feld, um einer Kundgebung beizuwohnen. Dabei passieren die Marschierenden oft auch Stadtviertel, die im Laufe der Zeit zu überwiegend katholischen Vierteln geworden sind.

Abgelehnt werden die Orden von der katholischen Bevölkerung nicht nur wegen ihrer anti-katholischen Haltung, sondern vor allem wegen der Provokationen während der Märsche. So hoben die Marschierenden auf der Belfaster Lower Ormeau Road in den vergangenen Jahren ihre Hand zum „Fünf-Finger-Gruß“ und erinnerten so in hämischer Weise an die wahllose Ermordung von fünf Katholiken in einem Wettbüro dieser Straße im Februar 1992 durch protestantische Paramilitärs.

Michael Agricola, Juli 1997 erschienen in: Oberhessische Presse Marburg


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