3.12.1998
Analyse: Wir haben uns erhoben
By Mary Nelis
Heute vor dreißig Jahren wurde in Derry ein friedlicher Marsch für Bürgerrechte von einem Ad-hoc-Komitee organisiert. Dem Komitee gehörten Repräsentanten des Derry City Republican Clubs, der James Connolly Society, der Derry Labour Party/Young Socialists und des Derry Housing Action Committees an.
Die RUC drängte ungefähr vierhundert Marschteilnehmer in die Duke Street ab und griff diese dann mit Schlagstöcken und Wasserwerfern an. Die RTÉ-Fernsehbilder eines wagemutigen Dubliner Kameramannes, die aufzeichneten wie ein offensichtlich um Vermittlung bemühter Demonstrant in den Bauch geknüppelt wurde, wie andere wahllos von der RUC verprügelt wurden und wie ein höherer Polizeioffizier seinen Holzknüppel schwang, führten erstmalig einer internationalen Öffentlichkeit den korrupten und tyrannischen Charakter der Gesellschaftsstruktur in den Sechs-Grafschaften vor Augen.
Für einige markierten diese Bilder von Widerstand und gewalttätiger Unterdrückung einen Ausgangspunkt für 'die Troubles'. Mary Nelis, die ihr ganzes Leben in der Bogside in Derry verbrachte, schreibt über die Umstände, die die Menschen an diesem Tag auf die Straße trieben.
Es war die beste aller Zeiten und die schlimmste aller Zeiten. Derry im Jahr 1968 war, gemäß den Worten eines jungen Aktivisten, "der herrlichste Platz zum leben".
Für die meisten Frauen, die 1968 in Derry lebten, hieß es, zu versuchen, große Familien von kleinen Einkommen zu ernähren und einzukleiden. Für die Männer bedeutete es, sich arbeitslos zu melden, den Hund auszuführen oder das nächste Schiff zu nehmen.
Für die Aktionsgruppen war es eine Zeit reger Aktivität. Die Housing Action Committees (Wohnungs-Aktionskomitees) forderten die unionistisch kontrollierte Wohnungsbehörde durch Straßenproteste, Störung von Sitzungen und Sitzstreiks in den Häusern, für die die rachmann landlords (allmächtige Hausbesitzer) bereits Zwangsräumungen angedroht hatten, heraus.
Die Arbeitslosen-Aktionsgruppen, die örtliche Labour Party und die Jungsozialisten stellten Streikposten vor den Stempelgeldstellen auf, belehrten die Arbeitslosen mittels Flugblättern und forderten sie eindringlich zum 'Kampf für Arbeitsplätze' auf.
Der Mieterverband, 1966 gegründet, wurde mit Beschwerden überhäuft - keine Einrichtungen für Kinder, mangelhafte Wartung der Häuser, fehlende Straßenbeleuchtung, verstopfte Abwasserkanäle und Unterricht in zwei Tagesschichten. Ja, es war eine gute Zeit zum leben, denn wir waren die Menschen, die seit fünfzig Jahren am stärksten unter einem Regime zu leiden hatten, das genau so gewalttätig, zerstörerisch und feindlich gesinnt war wie irgend eine lateinamerikanische Diktatur.
Obwohl die verborgenen Bewegungen - klein aber wahrnehmbar während der gesamten sechziger Jahre - anfingen, stärker und selbstbewußter, aufgeklärter und dadurch auch zorniger zu werden, waren wir dennoch in keinster Weise auf die Ereignisse des 5. Oktober 1968 vorbereitet.
An diesem 5. Oktober hingen weder Vorhänge an meinem Fenster noch lagen Matten auf dem Fußboden meines Hauses in Creggan, denn es war ein schöner Tag, um zu waschen und Matten auszuklopfen. Und mitten in meiner Arbeit bemerkte ich die Minibusse aus Belfast mit den Genossinnen und Genossen des Mieterverbandes, der Kommunistischen Partei, der sozialistischen und republikanischen Gruppen, die 'zum Marsch herübergekommen waren'. Am Ende des Tages würden viele von ihnen verwundet und manche verhaftet sein.
Die Untersuchung der Vorfälle dieses Tages würde erst später erfolgen. Wer war da, wer hätte da sein sollen, war es aber nicht. Es herrschte eine Stimmung der Nervosität und Unsicherheit, doch niemand von uns hatte sich ausrechnen können, was als nächstes passieren würde. Die Häuser, in denen es einen Fernseher gab, waren vollgestopft mit Leuten, die schockiert und zornig waren oder sich schuldig fühlten, weil sie nicht in der Duke Street waren; die meisten Männer waren währenddessen beim Fußballspiel der Mannschaft von Derry City gewesen. Aber trotz all ihrer Wut und Scham war das Aufleben einer vitalen Politik zu spüren. Für den Sechs-Grafschaften-Staat und seine unionistischen Herren waren die Würfel gefallen. Derry, die Stadt, die durch die Teilung Irlands von ihrem natürlichen Hinterland sowie von Handel und Wirtschaft abgeschnitten wurde, durch Entscheidungen, die niemals der Zustimmung ihrer Einwohner bedurften, war nun dabei, fünfzig Jahre der Ungleichheit und institutionalisierten Diskriminierung aufzuholen. Die Einrichtung eines 'Protestantischen Staates für ein protestantisches Volk' im Norden wurde nirgends besser veranschaulicht als in der Guildhall (Rathaus), dem Ort an dem die unionistisch kontrollierten Behörden ihre Arbeit verrichteten, und an dem es lediglich eine Beschäftigte aus dem katholischen Bevölkerungsteil gab, eine Putzfrau.
Wie die Menschen in Derry lebten und starben, wurde bereits lange zuvor hinter den vornehmen Türen von Stormont entschieden, wo die unionistischen Minister ihre Zeit damit verbrachten, ein System zu perfektionieren, welches, nach den Worten von Generalstaatsanwalt E. W. Jones im Jahr 1958 "absolut fair und angemessen war, um sicherzustellen, daß ausschließlich Loyalisten das Recht hatten, zu arbeiten".
Derry, mit seiner nationalisitischen Mehrheit von 65 %, wurde von der Unionisten Partei wegen seiner erkennbaren Untreue einem Staat gegenüber, der den Nationalisten niemals das Recht auf gleichgestellte Beteiligung zugestand, aktiv unterdrückt. Für Derrys Nationalisten bedeutete die unionistische Minderheitsregierung Arbeitslosigkeit, schlechtbezahlte Jobs, miserable Wohnverhältnisse, ruinierte Gesundheit, Emigration und eine fast fatalistische Akzeptanz, daß dies ihr Los wäre, und daß sie, falls sie in diesem Leben zu kurz kämen, dafür 'im nächsten Leben belohnt würden'.
LEBEN UND TOD
Für die katholische Mittelschicht bedeutete die unionistische Kontrolle über die Stadt einfach, daß ihre Ambitionen hinsichtlich eines Aufstiegs innerhalb der Sechs-Grafschaften gebremst wurde. Für die Arbeiterklasse jedoch war das Leben im Unionismus buchstäblich eine Frage von Leben und Tod. Der Südteil der Stadt, in dem die nationalistische Bevölkerung zusammengepfercht wurde, um das Gerrymander-Prinzip (Manipulation zugunsten der Unionisten Partei) für die Wahlen aufrecht zu erhalten, war eine unionistische Version des Harlem Ghettos. In den Fünfzigern grassierte die Tuberkulose, während sie überall sonst praktisch ausgerottet war.
Für arme Nationalisten waren dies die Jahre, in denen sie in überfüllten Behausungen leben mußten; Familien von bis zu zehn Personen schliefen in einem einzigen Raum und teilten sich zu viert ein Bett. Waschgelegenheiten gab es an öffentlichen Zapfstellen auf der Straße oder, in anspruchsvolleren Gegenden, an einer Wasserstelle im Hinterhof. Kleidungsstücke wurden in Kübeln gekocht, um sie zu sterilisieren und die Läuse loszuwerden.
In den späten Fünfzigern forderten Armut, Unterernährung und unhygienische Lebensumstände ihren Zoll. Die Wohnungsbehörde stand vor der Wahl, die Situation entweder dadurch zu entschärfen, daß sie Katholiken in anderen Stadtbezirken ansiedelte oder durch die Ausdehnung der Stadtgrenzen. Sie entschied sich stattdessen für den Bau von Hochhäusern. Die Elendsquartiere im Südteil der Stadt wurden durch verbesserte Elendsquartiere mit eingebauten Toiletten ersetzt, doch die Bevölkerungsdichte pro Quadratmeter blieb weiterhin die höchste in Europa.
Das Problem der Arbeitslosigkeit und die forcierte Abwanderung zum Zwecke der Arbeitssuche, wurden durch den Bau von sieben Fabriken in der Zeit von 1953 bis 1966 zu einem gewissen Grad gemindert, aber die Arbeitslosenrate in Derry lag nach wie vor bei 70 %. Zum Vergleich, in Lurgan, einer Kleinstadt mit einer Gesamteinwohnerzahl von 18.000 (überwiegend protestantisch), wurden im gleichen Zeitraum 13 aus öffentlichen Mitteln geförderte Fabriken gebaut.
Die überraschende Schließung der BSR-Fabrik im Jahr 1967, der Bau der neuen Universität in Coleraine und die von Unionisten aufgestellte Behauptung, daß die Arbeitslosenzahlen in Derry auf das Fehlen qualifizierter Arbeitskräfte zurückzuführen sei, führte zur Bildung von Gruppen wie dem Derry Housing Action Committee und dem Unemployed Action Committee (Arbeitslosen-Aktionsausschuß). Die nationalistische Arbeiterklasse hatte allmählich damit begonnen, sich zu erheben, und Themen wie Wohnung und Arbeit, Wahlbetrug und institutionalisierte Diskriminierung sollten sich später in den Forderungen der Bürgerrechtsbewegung wiederfinden. Die Bogside-Katholiken, die keine Autos besaßen um weit herumzukommen, wußten zu diesem Zeitpunkt ebenso wie viele andere, daß es nicht nur um Derry ging, sondern daß das unionistische Apartheidssystem zwei unterschiedliche Wirtschaftszonen östlich und westlich des Flusses Bann geschaffen hatte.
Im Jahr 1968 sagte der damalige Führer der Nationalist Party, Eddie McAteer, in seiner Neujahrsbotschaft an die nationalistische Bevölkerung von Derry, daß 'Schwefel in der Luft liegen würde'. Er nahm Bezug darauf, daß Nationalisten sich in Mieterverbänden, in Arbeitslosen- und Wohnungs-Aktionsgruppen organisierten, und daß die neuerdings auftauchenden Gymnasial- und Universitätsabsolventen, die vom Ausbildungsgesetz von 1947 profitiert hatten, nicht die geringste Absicht zeigten, sich mit dem Status des zweitklassigen Bürgers, der ihren Eltern aufgezwungen worden war, abzufinden.
Ja, das Jahr 1968 war ein Wendepunkt im Hinblick auf die Beendigung der unionistischen Vorherrschaft in der Politik Nordirlands.
Jene Generation, die sich erhoben hatte, würde in den kommenden Jahren "die Saat der Freiheit in ihren Töchtern und Söhnen säen", wie es in einem Lied der Bürgerrechtsbewegung heißt.
Es wird niemals mehr so sein wie zuvor
Übersetzung : Jutta Öhring und Anita Heiliger
By Mary Nelis
Ich hörte, wie ein prominenter Journalist im Radio sagte, daß wir den 5. Oktober 1968 vergessen und voranschreiten sollten. Doch welcher Nationalist wird jemals den Jahrestag eines Ereignisses vergessen können, das immer noch unsere Gegenwart beeinflußt, durch den getrübten Blick der unionistischen Führer, die die Ignoranz der Vergangenheit nicht ablegen können.
Die selben unionistischen Führer, die in dieser Woche eingeladen wurden, die Ereignisse, die im Norden vor dreißig Jahren stattfanden, zu kommentieren, streiten nach wie vor ab, daß irgendetwas in ihrem Sechs-Grafschaften-Kleinstaat nicht in Ordnung gewesen wäre. Es hat keine Diskriminierung, keine Manipulation bei den Wahlen (gerrymandering), keine Sonderermächtigungsgesetze gegeben, und wenn es arme Katholiken gab, die keine Arbeit hatten, so "ging es Protestanten auch nicht besser", stellen sie lediglich fest.
Die Bürgerrechtsbewegung bezeichnen sie heute, wie auch schon 1968, als eine republikanisch-kommunistische Verschwörung. Das immer wieder aufs neue erzählte Märchen von Protestanten und Katholiken, die vor 1969 in gegenseitigem Einvernehmen in einer Art Apartheidsutopie zusammengelebt haben, könnte den Schluß nahelegen, daß das Eingeständnis der Ungleichheit in der Vergangenheit nicht mit der Förderung des Wandels in der Gegenwart zu vereinbaren ist.
Unionistische Wortführer, die das, was seit 1921 die rauhe Realität des Lebens für die Menschen im Norden darstellte, abstreiten, verleugnen ebenso die britische Strategie, die von der unionistischen Regierung umgesetzt wurde, und die von vornherein auf einem Ungleichgewicht der Kräfte zur starken Benachteiligung der katholischen Bevölkerung basierte.
Die Bürgerrechtsbewegung entlarvte das Märchen indem sie die Aufmerksamkeit auf all das lenkte, was im unionistischen Staate faul war. Sie deckte die Armut, Machtlosigkeit und Hoffnungslosigkeit eines Bevölkerungsteils auf, der nach unionistischer Definition 'von Geburt an schuldig' war. Worin unsere Schuld bestand wußten wir nicht, als wir in unserer Unbefangenheit 1968 auf die Straße gingen, um einfache Gerechtigkeit, das Wahlrecht, das Recht auf Arbeit und ein Dach über dem Kopf einzufordern.
Die nationalistische Bevölkerung im Norden wäre am ehesten bereit gewesen, einzugestehen, daß es Armut, schlechte Wohnverhältnisse und armselige Löhne auch auf seiten der protestantischen Arbeiterklasse gab. Dennoch verhalf dieser Teil der protestantischen Gemeinde, dessen soziale Situation sich nicht sonderlich von der ihres katholischen Gegenübers unterschied, 50 Jahre lang einem Regime von unionistischen Aristokraten - den "Führern und Königen" - an die Macht, das die protestantische Arbeiterklassse unter Kontrolle hielt indem es sich ihre Ängste und Unwissenheit zu Nutze machte. Das Schüren des Sektierertums war eine Waffe, die stets eingesetzt wurde, wenn Gefahr bestand, daß sich die Arbeiterklassen aus beiden Teilen der Gesellschaft vereinigen könnten.
Dem Oranierorden fiel die Überwachungsfunktion im Unionismus zu. Brian Faulkner, der damalige Vorsitzende der Unionisten Partei, bezeichnete den Oranierorden als die Verbindung, die Reiche und Arme aus den protestantischen Reihen zusammenschweißt und die der Arbeiterklasse ein Überlegenheitsgefühl gegenüber ihren katholischen Nachbarn vermittelt. Die Forderungen der Bürgerrechtsbewegung nach sozialer Gerechtigkeit verfügten über das Potential, die Arbeiterklassen beider Bevölkerungsteile näherzubringen allein schon durch das Thema Gleichheit. Das wurde von Craig durchaus erkannt, als er die RUC (nordirische Polizei) anwies, die Marschteilnehmer anzugreifen. Es ging hier um die 'Niederschlagung eines Aufstandes der Unterdrückten' noch bevor sie sich richtig erheben konnten.
Innerhalb der nationalistischen Bevölkerung löste die Bürgerrechtsbewegung eine Welle von Schmerz, Zorn und Frustration aus. Allerdings aktivierte sie die Menschen auch und setzte eine Menge Energie frei, die jedoch aufgrund der Reaktion des unionistischen Regimes in keine kreativen Bahnen gelenkt werden konnte. In den Monaten, die dem Marsch vom 5. Oktober folgten, wurden die Maßnahmen seitens der unionistischen Regierung immer extremer, und die RUC, die B-Specials (militante Hilfstruppe der Polizei, später aufgelöst) und militante Protestanten nutzten jede Gelegenheit, um Bürgerrechtsdemonstranten anzugreifen.
Das Jahr 1969 begann mit einem brutalen Angriff auf den Marsch von Peoples Democracy * von Belfast nach Derry. Die Nationalisten in Derry waren außer sich, angesichts der jungen Studenten, die blutüberströmt in die Stadt getragen wurden, nachdem mit nagelgespickten Knüppeln auf sie eingeprügelt worden war. Der Rest der Welt verfolgte die Ereignisse vor dem Fernsehen.
In London erhielt die von Harold Wilson geführte Labour-Regierung aufgrund der Vorkommnisse im Norden eine schlechte Presse. Wilson wies den unionistischen Premierminister, den 'gemäßigten' Terence O'Neill, an, Reformen einzuleiten. O'Neill setzte die Cameron-Kommission ein, um die Bürgerunruhen und die Klagen der Nationalisten zu untersuchen. Die Kommission, die 1969 einen Bericht abgab, stellte fest, daß Katholiken diskriminiert würden in Bezug auf Wohnungszuteilungen, Machtmißbrauch seitens der B-Specials, Manipulation (Gerrymandering) bei der Abgrenzung der Wahlbezirke zwecks Kontrolle der Wählerstimmen, und daß sie generell innerhalb des Staates keine Rechte besäßen. O'Neills Versuche, den Unionismus zu reformieren, waren zum Scheitern verurteilt, obwohl Wilson die Hardliner (rednecks) warnte, daß, sollte O'Neill gestürzt werden, eine ernsthafte Neubewertung der Verhältnisse im Norden durch die Labour-Regierung in Erwägung gezogen würde. O'Neill trat zurück, und Wilson war ebenso wie Jack Lynch lediglich untätiger Beobachter.
Die Bürgerrechtsbewegung starb zusammen mit den Menschen in den Straßen von Derry am Blutsonntag 1972. Damals verloren wir unsere Naivität aber unsere Entschlossenheit festigte sich, niemals mehr würden Nationalisten etwas Geringeres als Gleichheit akzeptieren. Es ist dieses fortdauernde Streben nach Gleichheit, das die unionistischen Wortführer in den ständigen Kreislauf der Verleugnung trieb, und, was noch signifikanter ist, Trimble weiterhin die Ignoranz der Vergangenheit beibehalten läßt.
Diese Verleugnung und die Streitfrage der Entwaffnung sind die tatsächlichen Gründe, die uns alle am Vorankommen hindern.
*Peoples Democracy: Gruppe aus der nordirischen Studentenbewegung, die sich für Bürgerrechte einsetzten
Übersetzung : Jutta Öhring und Anita Heiliger