Olivers Armee - eine Geschichte von britischen Soldaten in Irland und in anderen Kolonialkonflikten
Deutsche Übersetzung
Wir verweisen zu diesem Kapitel auch auf den preisgekrönten Film über die
"Battle
of the Bogside", die auch in
diesem Kapitel mehrfach erwähnt wird. (Irlandinitiative HD)
Kapitel 7 - Spontane Implosion - Von der Bürgerrechtsbewegung zum bewaffneten Kampf
„Some said the flames were Ulster’s own,
And more they were extraneous,
But a Down man swore they lit their lone,
That combustion was spontaneous”
From A Bonfire on the Border, von Brian na Banba
Damals im Jahr 1796, zur Zeit der United Irishmen, schrieb Thomas Knox, ein probritischer Stadtrat aus Dungannon, über den neu gegründeten Oranierorden: „Was die Oranier betrifft, ist der Umgang mit ihnen nicht einfach; wir dürfen sie nicht völlig ablehnen – im Gegenteil, in gewisser Weise müssen wir ihre Existenz garantieren, denn trotz ihrer ganzen Liederlichkeit hängt von ihnen unser Leben und der Bestand unseres Eigentums ab, sollten schwierige Zeiten anbrechen.“ 1) Mehr als ein Jahrhundert später startete der Führer des Unionisten in Ulster, Sir Edward Carson, eine Kampagne gegen die Home Rule (Selbstverwaltung), die in der Massenunterschriftenaktion zum Ulster Covenant in Belfast ihren Höhepunkt fand – manche unterschrieben mit ihrem eigenen Blut. In dieser Vereinbarung wurde festgelegt, einem irischen Parlament, das Ulster aufgedrängt würde, jede Autorität zu verweigern und enthielt die Drohung, „alle notwendig erscheinenden Mittel einzusetzen“, um Home Rule zu verhindern. Mit diesen Worten wurde die Gründung der illegalen Armee von Carson, der Ulster Volunteer Force (UVF) gerechtfertigt.
Während des Ersten Weltkriegs hatten viele UVF-Mitglieder an der Front in der 36. Ulster Division gekämpft. Danach kehrten die meisten der Überlebenden in die Reihen der UVF zurück. 1920, während des anglo-irischen Krieges, wurden Männer von diesem bewaffneten Flügel des Oranierordens von Westminster ermutigt, der neu gegründeten Ulster Special Constabulary beizutreten. Die A, B und C Specials arbeiteten dann neben der Royal Irish Constabulary (RIC) im Norden Irlands in einer ähnlichen Weise wie die Black and Tans im Süden.
Brutale sektiererische Morde gaben dem Konflikt im Norden einen besonders bitteren Beigeschmack. Am 12. Juli 1920 verkündete Sir Edward Carson auf dem Oraniermarsch in Belfast in einer Rede: „Wir tolerieren hier in Ulster Sinn Féin nicht – es gibt keine Organisation von Sinn Féin, es gibt keine Sinn Féin-Methoden.“ Carson setzte seine Drohung fort:
„Aber wir sagen [der Regierung] folgendes: Falls sie uns nicht vor den Machenschaften von Sinn Féin schützen kann, obwohl wir unsere Hilfe angeboten haben, und unsere Hilfe nicht angenommen wird – werden wir die Sache selbst in die Hand nehmen. Wir werden in der ganzen Provinz mit den Ulster Volunteers unsere eigene Verteidigung organisieren und das sind keine bloßen Worte. Ich hasse leere Worte. 2)
Innerhalb der nächsten zwei Jahre wurden 428 Katholiken getötet und 1.766 verwundet. Darüber hinaus verloren 8.750 Katholiken ihre Arbeit und 23.000 wurden obdachlos. Es existierte weit verbreitetes Unbehagen über den Einsatz der Specials. Der Manchester Guardian kritisierte ihre Vorgehensweise in mehreren Leitartikeln, auch in dem vom März 1921:
Die Special Constabulary, die sich fast ausschließlich aus den Reihen des Oranierordens und der unionistischen „Volunteers“ rekrutiert, wurde gegründet, um Leben und Eigentum zu schützen und um die Ordnung aufrechtzuerhalten, nicht um als terroristische Macht über Leben und Tod ihrer katholischen Nachbarn zu befinden. Im Kopf der Unionisten ist Katholik und Sinn Féin-Angehöriger synonym. Ulsters Argument gegen ein Parlament für ganz Irland war immer die angebliche Furcht vor Verfolgung.
Es ist ein schlechter Anfang für das Parlament in Ulster, wenn seine Einrichtung mit der Unterdrückung der katholischen Minorität in den sechs Provinzen durch eine bewaffnete protestantische Macht zusammenfällt, die eine Art Lynchjustiz praktiziert.
1) A History of Ireland in the Eighteenth Century, W.E.H. Lecky 1892
2) Arming the Protestants, Michael Farrell, Pluto Press 1983

Bildunterschrift: Fliehende nationalistische Flüchtlinge entkommen vor protestantischen Pogromen über die Grenze
Die Warnung im Guardian wurde wenig beachtet, aber als die antikatholischen Angriffe weitergingen, wurden viele davon klandestin durch ein heimliches Netzwerk bewaffneter Organisationen, genannt „Cromwell Clubs“, ausgeführt. Diese wurden von führenden Unionisten initiiert und fanden schnell Anhänger unter Mitgliedern von RIC und Specials wie auch deren Ehemaligen. Um 1922 waren große Gebiete Belfasts faktisch im Kriegszustand und tausende von nationalistischen Flüchtlingen strömten über die Grenze, nachdem ihre Häuser in Brand gesteckt worden waren.
Als der nationalistische Widerstand weiterging, wurden etwa 500 Katholiken verhaftet und ohne Gerichtsurteil interniert. Viele Nationalisten glaubten, dass die Specials und die Cromwell-Clubs dazu da waren, alle Katholiken aus dem Norden zu vertreiben. Ein unter Verschluss gehaltener Geheimdienstbericht des Freistaats, der mit Hilfe von Informationen katholischer RIC-Mitglieder erstellt worden war, enthielt detaillierte Informationen über die Angriffe auf nationalistische Gegenden. Als zwei der führenden Organisatoren der Cromwell-Clubs innerhalb der RIC wurden County Inspector Harrison, Chef der Kriminalpolizei in Belfast, sowie District Inspector Nixon genannt.
Die IRA blieb im Norden aktiv, überfiel Kasernen der RIC und am 22. März erschossen sie in Belfast zwei Specials. In der folgenden Nacht schlugen Mitglieder der Cromwell-Clubs zu:
Uniformierte Männer drangen in das Haus von Owen MacMahon ein, einem bekannten katholischen Gastwirt in Belfast und Befürworter der Home Rule, stellte alle männlichen Mitglieder des Haushalts an die Wand und schoss sie nieder. Der Vater, drei Söhne und ein Barmann wurden getötet, zwei andere Söhne verwundet. Die Tötungen wurden allgemein als Vergeltung für den Angriff auf die Specials betrachtet. 3)
Im Monat darauf wurde der RIC-Mann George Turner von einem Heckenschützen bei einer Patrouille in Belfast erschossen. Danach griffen RIC und Specials das nahegelegene nationalistische Gebiet von Carrick Hill an, sie schlugen Türen ein und drangen gewaltsam in die Häuser ein. Als sie wieder gingen, waren die in Carrick Hill wohnenden Joseph McCrory, Bernard McKenna, William Spalling und Joseph Walsh tot. Der siebenjährige Sohn von Walsh wurde ebenfalls getötet und mehrere andere, darunter auch Kinder, wurden verletzt. Walsh war ein Veteran der britischen Armee aus dem Ersten Weltkrieg. Sein Schädel wurde mit dem Vorschlaghammer eingeschlagen, den man für die Tür benutzt hat. Spallin war 70 Jahre alt und war gerade von der Beerdigung seiner Frau nach Hause gekommen. Er wurde vor den Augen seines zwölfjährigen Enkels erschossen. Beide Überfälle wurden von Männern der RIC und der Specials verübt, die auch Mitglieder der Cromwell-Clubs waren.
3) Arming the Protestants, Michael Farrell, Pluto Press 1983. For a fuller account see The Mc Mahon Family Murders – and the Belfast Troubles 1920-1922, Joe Baker, Glenravel Local History Project 1993

Bildunterschrift: Einige A-Specials, mit Gewehren bewaffnet, bei einer Übung im Jahr 1922
Noch weit mehr „Vergeltungsmaßnahmen“ wurden gegen Katholiken verübt, durch die viele getötet bzw. verwundet wurden. Am 22. Juni 1922 wurde Feldmarschall Sir Henry Wilson, der frühere Befehlshaber des Imperial General Staff (Generalstab), vor seinem Haus in London erschossen. Reggie Dunne und Joseph O’Sullivan, zwei IRA-Leute und Veteranen der britischen Armee aus dem Ersten Weltkrieg, wurden am Ort der Tat verhaftet. Wilson war zum Sicherheitsberater der in Nordirland im Entstehen begriffenen Regierung und wurde als verantwortlich für die Pogrome an Katholiken betrachtet. Dunne und O’Sullivan, der bei Ypern ein Bein verloren hatte, wurden verurteilt und gehängt. Beim Prozess wurde den beiden ehemaligen Soldaten das Recht auf eine Erklärung verwehrt, diese wurde aber im Irish Independent veröffentlicht:
Wir beteiligten uns an den Bestrebungen unserer Landsleute in der gleichen Weise wie wir uns an der Unterstützung der Nationen der Welt beteiligten, die für das Recht der kleinen Nationen kämpften …. der gleiche Grundsatz, der uns dazu brachte, für den wir unser Blut auf dem europäischen Schlachtfeld vergossen, veranlasste uns zu der Tat, wegen der wir hier angeklagt sind. Sie können uns heute zum Tod verurteilen, aber was Sie uns nicht nehmen können, ist der Glaube, dass das, was wir getan haben, notwendig war, um Leben und Glück unserer Landsleute in Irland zu schützen.
Sir Henry Wilson ….. war nicht so sehr der große britische Feldmarschall als vielmehr der Mann hinter dem Terror der Oranier …. als militärischer Berater organisierte er eine Vereinigung, die bekannt ist als Ulster Special Constables und die vor allem eine terroristische Kampagne führen. Sie können uns durch Ihr Urteil für schuldig erklären, aber wir werden von unserem eigenen Gewissen gerechtfertigt zum Schafott gehen.
Am Tag nach dem Attentat auf Wilson drang eine Gruppe von britischen Soldaten und Specials im County Antrim in das Dorf Cushendall ein. Die Specials töteten dort drei katholische Jugendliche, wobei sie zwei von ihnen noch eine Gasse entlang schleppten, bevor sie sie erschossen. Nach starken Protesten von prominenten „gemäßigten“ Katholiken stimmte die britische Koalitionsregierung einer Untersuchung zu, da „britische Truppen involviert“ waren, und man beauftragte F.T. Barrington-War, den Stadtrichter von Hythe in Kent, mit ihrer Durchführung:
Die Specials hatten behauptet, bei ihrer Ankunft in Cushendall angegriffen worden zu sein und das Feuer zur Selbstverteidigung eröffnet zu haben, wobei die drei Jugendlichen dann in dem anschließenden Feuergefecht getötet worden seien. Einige britische Offiziere bestätigten dies. Barrington-Ward verwarf diese Version der Geschehnisse rundweg. „Ich komme zu dem Schluss, dass außer der Polizei und dem Militär überhaupt niemand geschossen hat“, sagte er.
Das Schicksal des Berichts von Barrington-Ward war eine Art Test über die Haltung der britischen und nordirischen Regierungen ….. Churchill akzeptierte den Bericht von Barrington-Ward und sandte eine Kopie an Craig (Premierminister von Nordirland), wobei er verlangte, dass die beteiligten Mitglieder der Specials identifiziert und angeklagt werden sollten. 4)
Die Regierung Craig hingegen verwarf den Bericht von Barrington-Ward und setzte eine eigene Untersuchung über den Vorfall an. Sie wies alle Zeugenaussagen der Dorfbewohner ab und hielt sich an die ursprüngliche von den Specials behauptete Version.
Die britische Regierung hatte damit gedroht, den Bericht von Barrington-Ward zu veröffentlichen und wurde jetzt auch von dem Liverpooler Abgeordneten T.P. O’Connor darum gebeten. Aber wie Michael Farrells Buch „Arming the Protestans“ gezeigt, war die Koalition unter Lloyd George nun durch eine konservative Regierung ersetzt worden, die den Unionisten in Ulster freundlicher gesonnen war. Farrell fuhr fort:
Man teilte O’Connor mit, dass die britische Regierung den Bericht nur in Auftrag gegeben habe, weil britische Soldaten beteiligt gewesen waren. Die Untersuchung hatte die Soldaten entlastet und die Veröffentlichung des Berichts sei nun Sache der nordirischen Regierung.
….. Die nordirische Regierung machte keine Anstrengungen, ihre Sicherheitskräfte zu disziplinieren bzw. Vergeltungsmaßnahmen zu verhindern und schien auch nicht daran zu denken, welche Auswirkungen ihr Handeln auf die katholische Bevölkerung haben musste. Die britische Koalitionsregierung …… machte nur wenig Anstrengung, um die Regierung Craig zum Handeln zu zwingen. Ihre konservativen Nachfolger unternahmen überhaupt nichts. 5)
4) Arming the Protestants, Michael Farrell, Pluto Press 1983
5) Ebenda – Arming the Protestants, Michael Farrell

Bildunterschrift: „Wenn wir Irland nicht um jeden verfügbaren Mann, jedes Pferd, jedes Gewehr und Flugzeug, die wir in der Welt haben, verstärken, werden wir Irland bis zum Ende des Sommers verlieren und mit ihm das Empire.“ (Sir Henry Wilson, im Mai 1921). Feldmarschall Sir Henry Wilson war von 1918 bis 1922 Chef des Generalstabs. Er war außerdem gewählter unionistischer Abgeordneter für North Down und wurde Sicherheitsberater der nordirischen Regierung. Er galt als verantwortlich für die antikatholischen Pogrome.
Die Royal Ulster Constabulary (RUC) wurde 1922 gebildet, drei Jahre später war sie 2.990 Mann stark, davon waren 1.435 Ex-Specials und nur 541 Männer waren Katholiken. Als im Jahr 1923 einer ihrer Sergeanten, der die Specials während ihrer Gewaltorgie in Cushendall befehligt hatte, befördert wurde, gründete man speziell für RUC-Leute die Sir Robert Peel Memorial Loyal Orange Lodge. Distriktinspektor John Nix war ihr erster Worshipful Meister. Nixon und Harrison, beide frühere leitende RIC-Männer in Belfast und Organisatoren im Cromwell Club, wurden in der Liste der Auszuzeichnenden anlässlich des Geburtstags von König Georg geehrt. Harrison erhielt einen OBE (Order of the British Empire) und Nixon einen MBE (Member of the Order of the British Empire) für ihre „wertvollen Dienste während der Unruhen“.
Im Jahr 1924 wurde die Oranierloge der RUC offen von unionistischen Parlamentsabgeordneten unterstützt, so auch von vier MPs, die auf der Jahreshauptversammlung der Loge sprachen. „Einer von ihnen, Robert Mc-Bride, erklärte: ‚Es gab eine Zeit in Irland, als das Tragen des Oranierordensbands einen ins Gefängnis brachte; aber nun hat man sich bei der Polizei offen zum Oranierorden bekannt.“ 6) Zur gleichen Zeit priesen führende unionistische Politiker die protestantische Überlegenheit und äußerten sektiererische Ansichten über Katholiken. Sir Dawson Bates, der zum ersten unionistischen Innenminister ernannt worden war, soll, wie ein früherer Kollege später berichtete, „solch ein Vorurteil gegen Katholiken gehabt haben, dass er gegenüber seinem Sekretär klarstellte, er wolle auch nicht den geringsten Büroangestellten, falls er Papist sei, in seinem Ministerium eingestellt haben.“ 7)
1934 erklärte Lord Craigavon, der erste unionistische Premierminister: „Ich habe immer gesagt, dass ich zuerst Oranier bin und erst dann Politiker und Mitglied dieses Parlaments. …. wessen ich mich rühme ist, dass wir ein protestantisches Parlament und ein protestantischer Staat sind.“ 8) Im gleichen Jahr, etwas später, meinte Sir Basil Brooke, der zu dem Zeitpunkt Landwirtschaftsminister und später dann Premierminister war: „Ich empfehle allen, die Loyalisten sind, keine Römisch-Katholischen einzustellen, 99 Prozent davon sind nicht loyal.“ 9) In den späteren Jahren wurde es zur alltäglichen Praxis der Arbeitgeber, die „Religion“ als Grund für die Nichteinstellung eines (katholischen) Bewerbers anzugeben.
Nach der Teilung wurde die Tradition der RIC als koloniale Polizeitruppe in Nordirland von der RUC weitergeführt. In ihrem Buch Ethnic Soldiers beschreibt Cynthia H. Enloe, wie die Polizeitruppe in Irland aufgestellt wurde:
Wenn wir die Aufgabe der Polizei eines Landes als „Aufrechterhaltung von Gesetz und Ordnung“ beschreiben, beziehen wir uns in Wirklichkeit auf zwei ganz unterschiedliche Funktionen: Kriminalität, zu der normalerweise einzelne von Individuen begangene Verstöße gehören; und andererseits Ordnung, was die Bewahrung eines Normensystems und die Verteilung der gesellschaftlichen Macht beinhaltet. Falls die Polizei drei Aufgabengebiete hat, wie in modernen Staaten üblich – uniformierte Schutzpolizei, eine geheimdienstliche Abteilung und paramilitärische Kommandos – dann sind die beiden letzteren vor allem zuständig für die Aufrechterhaltung der „Ordnung“.
…..Die ethnische Zusammensetzung der Royal Ulster Constabulary und ihre unmittelbaren Nachfahren in Ulster heute reflektieren diese Funktion der Aufrechterhaltung der Ordnung. 10)
Da mehr als ein Drittel der Bevölkerung dem Staat dauerhaft entfremdet gegenüberstand, konnte Nordirland – „ein protestantischer Staat“ – nur überleben, indem er gewaltige Repressionskräfte aufbaute. Die Hauptaufgabe der RUC war, den unionistischen Status quo zu erhalten. Die RUC-Angehörigen waren bewaffnet, hatten Zugang zu militärischer Ausrüstung und schweren Waffen und operierten von befestigten Gebäuden aus. Protestanten identifizierten sich mit der RUC und betrachteten sie als die ihrige, während die meisten Katholiken die RUC fürchteten und hassten – die Polizisten wurden peelers 11) genannt und ihre Gebäude „Kasernen“
6) Artikel von Brian Griffin in History Today, Bd. 49 (10), Oktober 1999
7) Irish Times, 4. Mai 1967
8) Northern Ireland Parliamentary Debates, 24. April 1934, Band 16
9) London Sentinel, 20. März 1934
10) Ethnic Soldiers, Cynthia H. Enloe, Penguin Books 1980
11) Genannt nach Robert Peel, Gründer der weltweit ersten Polizei 1829 in London (Anmerkung Irlandinitiative)

Bildunterschrift: Grund für die Nichtanstellung: Religion
Bis 1922 bestand das Vereinigte Königreich aus Großbritannien (England, Schottland und Wales) und Irland. Nach der irischen Teilung wurde es zum Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland. Während der Vertragsverhandlungen wurde die Teilung als zeitweiliger Kompromiss dargestellt, der einerseits die Forderungen der Mehrheit in Irland nach Unabhängigkeit und andererseits die Forderungen der Minderheit – der Nachfahren britischer Siedler –, die Irland als Ganzes im Vereinigten Königreich behalten wollten, berücksichtigte.
Ulster, eine der vier historischen irischen Provinzen, bestand aus neun Grafschaften, einschließlich Donegal, Cavan und Monaghan. Diese drei wurden nun von der übrigen sechs Grafschaften, Fermanagh, Armagh, Down, Tyrone, Derry und Antrim, abgespalten und bildeten nun Nordirland. Dieses Gebiet hatte zuvor nie als politisches Gebilde existiert und hatte weder eine natürliche Grenze noch bestand innere Einigkeit. Zur Zeit der Teilung besaßen die Unionisten nur eine Mehrheit in einem zusammenhängenden Gebiet, das kleiner als zwei Grafschaften war. Nordirland hatte damals eine Bevölkerung von 1.250.000 Menschen, mehr als die Hälfte von ihnen konzentrierten sich in Belfast, der Grafschaft Antrim und in der nördlichen Hälfte der Grafschaft Down. Hier lebten 552.000 Unionisten und 149.000 Nationalisten. In den übrigen viereinhalb Grafschaften lebten 281.000 Nationalisten und 268.000 Unionisten.
Nach der Teilung besaß Nordirland sein eigenes Parlament in Stormont, britische Truppen waren immer noch an strategisch wichtigen Orten stationiert, aber „Recht und Ordnung“ auf den Straßen waren in den Händen der RUC und der B-Specials. Verwaltungstechnisch kontrollierte die britische Regierung in Westminster Bereiche wie Verteidigung und Handelsbeziehungen, während Stormont die Kontrolle über das Innere hatte, einschließlich bewaffneter Polizei und ihrer Hilfskräfte.
Die von Stormont geplante ökonomische Entwicklung bevorzugte den unionistischen Bevölkerungsteil, der im Nordosten konzentriert lebt. Die nationalistische Bevölkerung erfuhr andauernde Diskriminierung, insbesondere was Arbeit und Wohnung anging. Bei Gemeinderatswahlen wurde das Wahlrecht manipuliert und Wahlbezirke „gerrymandered“. Lokale Behörden, von den Unionisten dominiert, waren oft genug offen bigott und sektiererisch und diskriminierten Katholiken, während sie den relativ privilegierten Status der Protestanten aufrechterhielten. Diese „Oranierideologie“ half, einen „unionistischen Block“ zu bilden, der Protestanten aus der Arbeiterklasse an die protestantische Mittel- und Oberschicht band. Zwei hauptsächliche Ziele vereinigten sie: die Union mit Britannien zu bewahren und die protestantische Dominanz über Katholiken („Ascendancy“ – Vorherrschaft) zu erhalten.
Innerhalb Nordirlands verstärkte sich die Belagerungsmentalität der Unionisten, die ihre Geschichte immer schon begleitet hatte. Drakonische Maßnahmen wie The Civil Authorities (Special Powers) Act, (Northern Ireland) 1922 wurden eingeführt, um die unionistische Position zu schützen. Das Special Powers Act wurde bis 1933 jährlich erneuert, ab dann galt es ständig, Mit diesem Gesetz waren die Behörden zu folgendem ermächtigt:

Bildunterschrift: RUC mit einigen Paragraphen des Special Powers Act
Im Januar 1959 wollte der Fernsehreporter Alan Whicker in Nordirland eine Serie von jeweils zehnminütigen Berichten für die Sendung Tonight der BBC drehen. Whicker hatte bis dahin aus vielen Ecken der Welt berichtet. Aber sein erster Bericht über Nordirland über Wettbüros sollte ihn in Teufels Küche bringen:
Whicker beging in der Eröffnungssequenz ganz unabsichtlich eine Sünde. Bei Aufnahmen vom Parlament in Stormont und dem Rathaus war auch Wandgraffiti zu sehen wie „No Pope here“ und „Vote Sinn Féin“. Bei der Nahaufnahme des Revolvers eines Polizisten erwähnte er, dass Nordirland, obwohl es der Geburtsort von Britanniens besten Generälen sei, zwar eine bewaffnete Polizei habe, aber keine Wehrpflicht. Dann fuhr er fort zu erklären, wie Wettbüros funktionierten; obwohl sie im Norden schon legal waren, wurden sie in Britannien gerade erst eingeführt. 12)
Obwohl Nordirland Teil des Vereinigten Königreichs ist, existierte es auch damals in seiner eigenen Welt, die von der herrschenden Elite streng bewacht wurde. Dafür, dass sie Bilder gezeigt hatten, die innere Spaltung andeuteten, und für die Erwähnung „bewaffneter Polizei“ sollten Whicker und die BBC das volle Ausmaß des unionistischen Zorns erfahren.
Whicker, ein Veteran des Zweiten Weltkriegs, der vor seiner Arbeit beim Fernsehen Kriegskorrespondent in Korea gewesen war, beschrieb die Situation, als er die Sendung später in einem Hotel in Derry sah: „Als der Bericht vorbei war, herrschte Stille in der Hotellounge. Der Mann, mit dem ich zusammen etwas getrunken hatte, wandte sich mit den Worten an mich: „So etwas können Sie nicht sagen.“ Ich war perplex.
Während des vorangegangenen Jahres hatte ich auf die genau gleiche geradlinige Art aus 17 verschiedenen Ländern berichtet, ohne dass mir jemand gesagt, hätte, das könne ich nicht machen. „Warm nicht? Jedes Wort ist wahr.“. „Ich weiß“, sagte er, „aber darauf kommt es nicht an. Man kann so etwas einfach nicht sagen.“ Wie ich später herausfinden sollte, hatte er absolut recht.“ Am folgenden Tag stieg der Druck auf Whicker und die BBC ständig:
Am folgenden Morgen beherrschte der kleine Bericht in Tonight die lokalen Schlagzeilen. Ein Bischoff und ein Senator reisten nach London, um sich zu beschweren. „Der Chef des Fremdenverkehrsamtes war empört“, berichtete Whicker, „und ein BBC-Team, das ein lokales Fußballspiel filmen wollte, wurde angegriffen.“ Der Premierminister von Nordirland Lord Brookeborough intervenierte persönlich und Stormont drohte damit, aus der BBC auszutreten. 13)
Die BBC gab eine ängstliche und unterwürfige Entschuldigung ab. Alan Whicker wurde aus Nordirland abgezogen und seine anderen Berichte wurden nie mehr gesendet.
In Westminster erhielten britische Abgeordnete bei Anfragen die Standardantwort, es sei gute Sitte, diese Dinge in Stormont zu regeln. Die Erfahrungen von Alan Whicker zeigen die Paranoia, mit der die Unionisten gegenüber jedem reagierten, der sich für das interessierte, was sie für ihren eigenen kleinen Staat und ihre Angelegenheiten hielten. Es zeigt auch die ängstliche Haltung der Regierung in Westminster und von anderen britischen Institutionen, die seit der Gründung Nordirlands sich wie die drei weisen Affen verhielten: „Nichts sehen, nichts hören und nichts sagen.“
12) Ireland: The Propaganda War, Liz Curtis, Pluto Press 1984; aktualisierte Ausgabe veröffentlicht von Sásta 1998 in Belfast
13) Ebenda – Ireland: The Propaganda War, Liz Curtis

Bildunterschrift: Ein Teil des Vereinigten Königreichs wird zum Polizeistaat
Britische Politiker blieben blind gegenüber den Verhältnissen in Nordirland, bis vier Jahrzehnte nach der Teilung der Wandel in Irland begann. Anfang der 60er Jahre waren die traditionellen Industrien in Nordirland am Verschwinden. Jenseits der Grenze war die irische Industrie hinter Schutzzöllen stetig gewachsen bis zu dem Punkt, wo Irland selbst zu klein wurde für ihre weitere Entwicklung. Als die Zollgrenzen fielen, wurde Irland der drittgrößte Markt Britanniens. Als beide Länder die Mitgliedschaft in der EWG beantragten, war klar, dass die wirtschaftlichen Interessen Britanniens nicht länger nur im Norden lagen.
Im Jahr 1963 wurde Terence O’Neill Premierminister von Nordirland, damit folgte er Lord Brookeborough und setzte die jahrzehntelang ungebrochene Einparteienherrschaft in Ulster fort.
Der neue Premier hatte unter Brookeborough die Schlüsselposition des Finanzminsters inne gehabt und war deshalb äußerst empfindlich, was die Abhängigkeit Stormonts vom britischen Wohlwollen betraf. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt kam in London Labour an die Regierung. Die Unionisten in Ulster waren traditionell mit den Tories verbunden, was bei schwierigen Verhandlungen mit der Regierung Wilson kein Vorteil war. O’Neill war sich der Notwendigkeit bewusst, ein Bild von Nordirland aufrechtzuerhalten, das für die neuen Herrscher in Westminster akzeptabel war. Er nahm richtigerweise an, dass Beziehungen zur Republik Irland London mehr bedeuteten als die Situation von ein paar Katholiken im Norden und machte sich clever an eine Normalisierung der Beziehungen zum Freistaat (hauptsächlich in wirtschaftlicher Hinsicht). Das eindringlichste Zeichen des Wandels gab es 1965, als O’Neill den irischen Premierminister Sean Lemass in Stormont Castle empfing. 14)
O’Neills Haltung gegenüber den Katholiken in Nordirland war gönnerhaft und rassistisch, obwohl er für andere Unionisten bei weitem nicht hart genug war. So sprach er 1969 davon, wie schwierig es sei, unter seinen protestantischen Mitbürgern Unterstützung für seine „moderate Politik“ zu gewinnen:
Es ist furchtbar schwer, den Protestanten klar zu machen, dass die Katholiken wie Protestanten leben würden, gebe man ihnen eine gute Arbeit und ein gutes Haus, da sie Nachbarn mit Autos und Fernsehapparaten sehen würden.
Sie würden sich weigern, 18 Kinder zu haben. Aber wenn ein Katholik arbeitslos ist und in der letzten Hütte wohnt, zieht er 18 Kinder mit Sozialhilfe groß.
Wenn man Katholik mit der nötigen Rücksicht und Freundlichkeit behandelt, leben sie wie Protestanten – trotz der gebieterischen Natur ihrer Kirche. 15)
Wegen dieser Äußerungen galt O’Neill als „gegenüber Katholiken zu weich“ und wurde von anderen Unionisten wegen seiner „liberalen Ansichten“ angegriffen.
Die Welt draußen war nun in Aufruhr, Studentenunruhen und Arbeiterrevolten, gewaltige Demonstrationen gegen den Krieg der USA in Vietnam. Von diesem „Jahrzehnt der Revolution“ in den 60er Jahren ermutigt – und insbesondere inspiriert von der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA –, begann eine Kampagne der nationalistischen Minderheit mit dem Ziel, die arrogante, sektiererische und repressive Natur von Politik und Legislative in Nordirland bloßzulegen:
In einer Atmosphäre der begrenzten Liberalisierung (mit einer wachsenden Wählerschaft aus der katholischen Mittelschicht auf der anderen Seite) entstand 1967 unter der Bezeichnung Northern Ireland Civil Righs Association (CRA) [Nordirische Bürgerrechtsvereinigung] eine breite Koalition … Allmählich wurde aus der kleinen Interessengruppe aus der Mittelschicht eine Massenbewegung, die weit über die Erwartungen ihrer Gründer hinausging und sich deren Kontrolle entzog.16)
Als sich die Augen in der Welt zunehmend auf die abnormale Situation in Nordirland richteten, verwirrte der Aspekt Katholizismus/Protestantismus viele Beobachter und ließ sie glauben, der Konflikt ginge auf interreligiösen Streit zurück. Tatsächlich war Religion das Merkmal für soziale und politische Unterschiede: „Wäre der Schauplatz Algier gewesen und nicht Belfast, es wäre wegen der verschiedenen Hautfarben einfach gewesen, Rassismus als den Kern des Problems zu identifizieren. Aber auf dem irischen Schauplatz war die religiöse Zugehörigkeit und nicht die Hautfarbe das soziale Identifizierungsmerkmal für die beiden Gruppen, Kolonisatoren und Kolonisierte.“17)
Bei Besuchen in London hatte O’Neill einige Reformen für Nordirland versprochen. Aber in Wirklichkeit tat er zu Hause nichts, um sie voranzubringen. Der nordirische Premierminister war unter dem Druck von „Loyalisten“ – unionistischen Hinterwäldlern –, die bei jedem Anzeichen einer versöhnlichen Geste gegenüber Dublin und den Katholiken im Norden „Verräter“ und „Keine Kapitulation“ brüllten. O’Neill wusste auch, dass jede größere Reform die fragile Einheit des unionistischen Blocks bedroht hätte und die protestantische Arbeiterklasse möglicherweise nicht mehr die Unionistische Partei gewählt hätten.
Die Märsche der Bürgerrechtsbewegung trafen auf zunehmend gewalttätige Reaktionen seitens der Loyalisten und der RUC bzw. den B-Specials.
August 1968 bis August 1969 war das Jahr der Bürgerrechte. Eine Reihe moderater Demonstrationen in der ganzen Provinz rief brutale Attacken seitens der Polizei und ihrer Hilfstruppen (B-Specials) sowie protestantischer „Selbstschutzorganisationen“ hervor. Demonstrationen wurden begleitet von Reformversprechen von Seiten O’Neills und dem Gebrüll von „Verrat“ und „Keine Kapitulation“ seitens der protestantischen Gegenbewegung, die vom früheren Innenminister William Craig und Reverend Ian Paisley angeführt wurde. Viele endeten mit Gewalt, wenn katholische Straßengangs gegen die Royal Ulster Constabulary kämpften, die in der Bogside in Derry oder der Falls Road in Belfast randalierte.18)
Mehr als 50 Jahre lang hatte sich die nationalistische Minderheit in Nordirland als Bürger zweiter Klasse behandeln lassen und nur gelegentlich dagegen rebelliert. Es war dies die Passivität der Armen und Verzweifelten gewesen, jetzt aber bestand Hoffnung und man war entschlossen, seine Bürgerrechte zu erkämpfen.
14) Monthly Review, November 1970, Russel Stetler
15) Belfast Telegraph, 10. Mai 1969
16) Monthly Review, November 1970, Russel Stetler
17) Ebenda, Monthly Review, November 1970
18) Ebenda, Monthly Review, November 1970

Bildunterschrift: Katholiken gingen auf die Straße, um für ihre Bürgerrechte zu kämpfen
Voller innerer Widersprüche drohte Nordirland zu zerreißen: „Die schlimmsten Unruhen des Jahres [1969] brachen im Sommer aus, in der Folge der jährlichen protestantischen Märsche am 12. Juli und 12. August, in denen zum einen die Siege von Protestanten über Katholiken im 17. Jahrhundert gefeiert werden und dabei gleichzeitig in martialischer Atmosphäre die Herrschaft von Siedlern über Einheimische bekräftigt wird.19)
Nach dem Oraniermarsch vom August in Derry hatte die RUC, unterstützt von B-Specials20) versucht, gewaltsam in das nationalistische Viertel Bogside einzudringen. Sie trafen auf entschlossenen Widerstand von Seiten der dort lebenden Bevölkerung, die sich mit Steinen und Benzinbomben bewaffnet hatte. Der Aufruhr breitete sich schnell aus, auch in Belfast, wo durch loyalistische Attacken viele Nationalisten aus ihren Häusern vertrieben wurden.
Nach zwei Tagen Straßenkampf wurde die RUC aus der Bogside gejagt und die britische Regierung stimmte der Bitte aus Stormont zu, die erschöpfte, demoralisierte und besiegte Polizei durch britische Soldaten zu ersetzen. Das war die Situation, als am 14. August 1969 Soldaten des First Battalion, the Prince of Wales‘ Own, auf die Straßen von Derry geschickt wurden, um „der Staatsmacht zu helfen“. Allerdings hatte die Labour-Regierung nicht vor, den Status quo zu ändern, wie auch der damalige Innenminister James Callaghan in Westminster klarstellte:
Das Generalkommando in Nordirland (GOC) wurde angewiesen, alle notwendigen Schritte einzuleiten, um in unparteiischer Weise Recht und Ordnung wiederherzustellen. Die Soldaten werden abgezogen, sobald dieses Ziel erreicht ist. Es handelt sich um eine beschränkte Operation [sic], während der sich die Soldaten unter der direkten und ausschließlichen Kontrolle des GOC befinden, das weiterhin gegenüber der Regierung des Vereinigten Königreichs verantwortlich sein wird …. Das Irland-Gesetz von 1949 stellt sicher, dass weder Nordirland noch irgendein Teil davon jemals aufhören wird, ohne Zustimmung der Parlaments von Nordirland Teil des Vereinigten Königreichs zu sein, und das Vereinigte Königreichs wiederholt seine bereits früher gegebene Zusicherung dass dies gelten wird, solange die Bevölkerung von Nordirland es wünscht.21)
Während einige Mitglieder der Labour-Regierung ihre Unterstützung für die Bürgerrechtler bekundeten, ging es der Regierung in Wirklichkeit um Stabilisierung der Lage. Anfangs begrüßten Nationalisten das Eingreifen britischer Truppen, weil sie den Einsatz von Soldaten aus Britannien als Sieg über Stormont und dessen RUC und B-Specials betrachteten:
Sie [die britischen Soldaten] wurden als unparteiische Beschützer von Recht und Ordnung akzeptiert, die sich um die Missstände kümmern würden, die unter der repressiven Herrschaft der Protestanten von Ulster entstanden waren …. Es wurde weithin angenommen, dass die Anwesenheit der britischen Armee den Gewaltexzessen ein Ende setzen würde und dass die Labour-Regierung möglicherweise selbst intervenieren würde, um die gemäßigten Forderungen der Bürgerrechtsbewegung zu erfüllen.22)
Zuerst sah es so aus, als erfüllten sich diese Erwartungen, da nach der Verurteilung durch den Hunt-Report und auf Anweisung aus Westminster die RUC entwaffnet und die B-Specials aufgelöst wurden. Es sah so aus, als sympathisierten die britische Regierung, die Medien und die meisten Soldaten vor Ort mit der nationalistischen Bevölkerung.
Diese frühen Tage des Konflikts wurden unter dem Namen „Honeymoon“ (Flitterwochen) bekannt. Ein walisischer Offizier erinnerte sich an diese Zeit: „In riesigen Mengen wurde von gewöhnlichen Bürgern, die sich über unsere Anwesenheit freuten, für die Soldaten Tee gekocht. Eine Patrouille in der Gegend um die Catholic Markets bedeutete auf jeden Fall ein dutzend Aufenthalte, um etwas zu trinken oder zu plaudern, und noch ein paar mehr, um auf die Toilette zu gehen. ‚Kontaktpflege‘ wurde zur großen Beschäftigung der Armee ….. man organisierte Ausflüge für die Kinder zum Meer, Tanzparties für Teenager und Fußballspiele für die Jungs vor Ort. Und wir alle meinten, wir würden einen guten, vergnügten Job machen.“ 23)
Ein anderer ehemaliger Offizier erinnerte sich: „Ich denke, wir waren uns der politischen Dimensionen bewusst …..Wir hatten alle den Eindruck, dass es Ungerechtigkeit gab in Bezug auf Häuser, Arbeit, Ausbildung und sogar in der Rechtsprechung. Ich glaube, wir sahen uns sicherlich auf der Seite der Katholiken …. es gab riesig viel Sympathie für sie. Das hielt lange an und es war sicherlich die Ungeschicklichkeit der Armee wie auch die Politiker, die dem ein Ende setzten.“24)
Dies wäre die ideale Zeit für eine politische Lösung gewesen, um die Beziehung zwischen Britannien und den beiden Teilen Irlands neu zu ordnen. Radikale Änderungen hätten jedoch bedeutet, sich gegen unionistische Grundüberzeugen zu wenden und keine britische Regierung war dazu bereit.
19) Monthly Review, November 1970, Russel Stetler
20) Der Einsatz der B-Specials in der Bogside wurde gerade noch verhindert durch den Aufmarsch der Armee (Anmerkung Irlandinitiative HD)
21) Pig in the Middle – The Army in Northern Ireland, Desmond Hamill, Methuen London Ltd. 1985
22) Monthly Review, November 1970, Russel Stetler
23) Y. Saeth, Frühjahr 1977
24) Zitat von einem jungen Offizier aus Pig in the Middle – The Army in Northern Ireland, Desmond Hamill, Methuen London Ltd.1985

Bildunterschrift: Britische Soldaten erscheinen in einer „begrenzten Operation“ auf den Straßen, wie die Labour-Regierung es nannte
Das Ziel der Bürgerrechtsbewegung war es nicht, den Staat zu stürzen, man wollte nur die Rechte erhalten, die alle anderen im Vereinigten Königreich auch hatten. Große Teile von Labour hatten diese Ziele unterstützt, aber die Intervention der britischen Armee im August 1969 war ein stillschweigendes Zugeständnis von Labour, dass der politische Plan, mit der unionistische Regierung innere Reformen durchzusetzen, nicht gelang.Von nun benutzte Labour die Soldaten als Polizisten, um Nordirland zu stabilisieren. Und jetzt, in einem Wahljahr, wollte man nicht für Aufruhr sorgen und entschied sich so für die Aufrechterhaltung des Status quo:
Die Labour-Regierung war sich über die Gefahr einer gewaltsamen protestantischen Gegenreaktion gegen jede sinnvolle Reform bewusst, und man scheute dieses Risiko zu einer Zeit, in der die Tories bereits nach Gesetz und Ordnung riefen. Labour wollte das gesamte Nordirlandproblem bis nach der Wahl aussitzen. Man formulierte jede Verlautbarung zu dem Problem in nicht kontroverser Weise, so dass man im Einklang mit Liberalen und Konservativen war. Auf diese Weise blieb die praktische Alltagspolitik in Belfast unter dem Oberkommando von General Freeland, einem ehemaliger Kolonialsoldat, der sich durch sein Kommando während des Mau-Mau-Aufstands in Kenia einen Namen gemacht hatte. 25)
Britische Soldaten auf den Straßen gehörten nun zum Bild des nordirischen Staates und ihre Beziehung zu den Nationalisten fing an, Anzeichen von Stress zu zeigen: „In den Gegenden von Ballymurphy in Belfast und der Bogside in Londonderry, wo es zu den meisten der anfänglichen Konfrontationen kam, dauerte es nicht lange, bis die Tage freundlichen Teetrinkens nach dem Eintreffen der Soldaten Anschuldigungen unnötiger Gewaltanwendung beim Umgang mit aufrührerischen Jugendlichen wichen. Auf der anderen Seite verloren die Soldaten die Geduld mit den zahlreichen, sich widersprechenden Rollen, die sie spielen sollten, angefangen von Sozialarbeit über Jugendarbeit bis zur Aufstandskontrolle.“ 26)
Während Westminster Ausflüchte machte und entschiedenes politisches Eingreifen verweigerte, begann das Scheitern des „Honeymoon“ zwischen Soldaten und nationalistischer Bevölkerung:
Das Risiko, dass die kleineren Konfrontationen, die sich natürlicherweise entwickelten, zu einem ernsteren Konflikt würden, war offensichtlich und wurde von Befehlshabern in der Armee auch klar gesehen. Es wurde aber wenig getan, diese Entwicklung zu verhindern.
Vor allem nahmen führende Armeeoffiziere und Politiker weder die Frustrationen und Befürchtungen der katholischen Bevölkerung richtig wahr noch den sich entwickelnden Antagonismus zwischen den normalen Soldaten und den Bürgern, auf deren Straßen sie patrouillierten. Vor allem für den Soldaten vor Ort war die Situation verwirrend. Er hatte keinen identifizierbaren Féind und war täglich mit Leuten seiner eigenen Klasse konfrontiert, die dieselbe Sprache hatten, die bei der einen Gelegenheit zwar ganz freundlich zu ihm waren, dann aber wieder Steine und Flasche nach ihm warfen. 27)
Während des „Notstandes“ in Kenia hatten sich die führenden Leute in der Armee mit der Kolonialverwaltung der weißen Siedler identifiziert. In Nordirland hatten einige leitende Offiziere starke prounionistische Überzeugungen. Da es aus Westminster keinerlei sinnvolle politische Direktiven gab, begann zunehmend die unionistische Sicht von Stormont zu dominieren:
Als die Erschöpfung der gewöhnlichen Soldaten angesichts der endlosen Konfrontationen und Unruhen, die sie nicht verstehen konnten, zunahm, und der Druck unionistischer Politiker auf die Armee sich verstärkte, eine härtere Linie gegenüber den Aufständischen einzuschlagen, wuchs die Féindschaft zwischen Soldaten und katholischer Bevölkerung in Londonderry und Belfast immer schneller.
Zunächst gab es nur kleinere Vorfälle mit verbalen Schmähungen und Drohungen; das betraf vor allem jene schottischen Regimenter, die besonders parteiisch auf der protestantischen Seite standen. Immer öfter wurden die Steine und Flaschen der Aufständischen durch Benzinbomben und Granaten ersetzt und die Schlagstöcke und der Stacheldraht der Soldaten durch CS-Gas und Gummigeschosse.28)
25) Monthly Review, November 1970, Russel Stetler
26) Law and State – The Case of Northern Ireland, Kevin Boyle, Tom Haden & Paddy Hillyard, Martin Robertson und Co. 1975
27) Ebenda, Law and State – The Case of Northern Ireland
28) Ebenda, Law and State – The Case of Northern Ireland

Bildunterschrift: Britische Soldaten mussten bald feststellen, dass sie benutzt wurden, um den unionistischen Status quo zu sichern
Zu Hause in Großbritannien verlor Labour trotzdem die Wahlen. Ende Juni 1970 reiste der neue Innenminister der Tory-Regierung, Reginald Maudling, nach Nordirland, um sich einen Eindruck von der Situation zu verschaffen: „Sagen Sie mal“, meinte einer, der Maudling getroffen hatte, „ist er wirklich so naiv, wie er wirkt? Er scheint von dem, was hier geschieht, überhaupt nichts verstanden zu haben.“
Das Urteil der Militärs lautete ähnlich: „Er schien erstaunt wegen der entsetzlichen Situation.“ Maudling selbst drückte seine Empfindungen so aus, als sein Flugzeug auf dem Heimweg nach London Höhe gewann….:“Um Gottes Willen, bringen Sie mir einen großen Scotch“, sagte er. „Was für ein fürchterliches Land.“ 29)
Als die ersten Soldaten auf den Straßen erschienen, war die IRA eine winzige, fast verschwundene Geheimorganisation gewesen, die kaum Waffen besaß. Viele Nationalisten hatten die IRA verachtet, da diese ihrer Meinung nach unfähig gewesen war, ihre Wohngebiete gegen loyalistische Attacken zu verteidigen. Trotz Maudlings privater Abneigung gegen den sektiererischen Staat war jetzt bald klar, dass die Tories den unionistischen Status quo vollständig unterstützen würden. Jeglicher guter Wille zwischen Nationalisten und britischen Soldaten löste sich mehr und mehr in Luft auf – und die Unterstützung für die IRA nahm beständig zu.
Im Sommer 1970 bestanden die Oranier darauf, ihre Märsche durch nationalistische Gebiete zu führen. Dies hatte bei zahlreichen Gelegenheiten in der Vergangenheit Aufruhr verursacht. Britische Soldaten sollten jetzt in Polizistenrolle die Marschierer schützen und Nationalisten sogar angreifen, die sich den Oraniern in den Weg stellten.
Zur selben Zeit waren die isolierten nationalistischen Enklaven Ardoyne im Norden von Belfast und Short Strand in Osten von bewaffneten Loyalisten angegriffen worden, wobei die britische Armee Schutz verweigert hatte. Die IRA, die sich als Verteidigerin der Stadtviertel regenerierte, sprang in die Bresche und bewies, dass sie nun die bewaffnete Kapazität hatte, nationalistische Gegenden zu schützen. Es kam in Ardoyne und Short Strand zu Feuergefechten und die Angreifer wurden verjagt, aber erst nachdem fünf Loyalisten und ein IRA-Mitglied getötet worden waren.
Einige Tage darauf traf sich das Joint Security Committee, das sich aus führenden Kräften von Polizei und Armee sowie unionistischen Politikern zusammensetzte, in Belfast. Im Komitee wurde über die im Gefolge der Oraniermärsche ausgebrochene Gewalt diskutiert: „Die Gewalt hat sich ausgebreitet, weil die Armee bei ihrem ersten Ausbruch nicht entschieden genug handelte. Auf dieser Basis entschied man über die zukünftige Politik: Was notwendig war, um den Frieden wiederherzustellen, war eine Machtdemonstration. Beim nächsten Vorfall, in dem es in Belfast zu Unruhen käme, sollte von der Armee mit größter Härte vorgegangen werden.“ 30)
29) Ulster, The Sunday Times Insight Team, Penguin Special 1972
30) Ebenda, Ulster, The Sunday Times Insight Team

Bildunterschrift: Soldaten gegen Nationalisten – der Konflikt in den Straßen beginnt
Die Ausgangssperre in der Falls
Diese Politik der Härte zielte allerdings nicht gegen die Anstifter der Provokationen, sondern auf diejenigen, die darauf reagiert hatten – vor allem auf die Nationalisten. Das wurde schon zwei Tage später anlässlich einer Aktion klar, welche die Haltung vieler Nationalisten in puren Hass gegen die britische Armee verwandeln sollte:
Am 3. Juli [1970] kam es in der Folge einer systematischen Razzia nach Waffen in der Balkan Street in der Lower Falls Road zu Anschuldigungen, Soldaten hätten Eigentum beschädigt. Ihr Verhalten trieb die Leute zur Weißglut. Die Soldaten wurden von Aufständischen eingeschlossen. Die ankommende Verstärkung benutzte CS-Gas, um die Angreifer zu zerstreuen und verkündete eine 36stündige Ausgangssperre. Vier Personen starben und das Verhalten der Armee zementierte die Féindseligkeit in den katholischen Ghettos. 31)
Der erste Tote war Charles O’Neill, ein versehrter ehemaliger Soldat, der zehn Jahre in der RAF (britische Luftwaffe) gedient hatte. Wegen der Geschehnisse besorgt, hatte er versucht, einen Militärkonvoi zu stoppen und die Soldaten vor den Auswirkungen ihres Handels, das Féindseligkeit gegenüber der Armee entfachte, zu warnen. Als er mit erhobenen Armen auf die Straße humpelte, merkte er zu spät, dass der in Front fahrende Saracen (Panzer) nicht anhielt und wurde davon zerquetscht. Ein Passant, der zur Hilfe eilen wollte, wurde von Schlagstöcke schwingenden Soldaten zurückgehalten, die ihm sagten: „Geh weiter, du irischer Bastard, es sind noch nicht genügend von euch tot.“
Die lokale IRA-Einheit versuchte, ihr Gebiet zu schützen und in den engen Straßen fanden Feuergefechte statt. Soldaten des Black Watch-Regiments und Life Guards wurden von dem nahegelegenen Fährhafen geholt und sie schossen oft rücksichtslos. Drei Zivilisten wurden von den Soldaten erschossen und viele der durchsuchten Häuser blieben verwüstet zurück:
Illegale Inhaftierung, flächendeckende Razzien und der Einsatz von bisher unbekannten Mengen von CS-Gar empörten große Teile der Bevölkerung der Falls Road. Deren Überzeugung, dass die „Invasion“ politisch motiviert war, wurde in ihren Augen zudem noch bestätigt, als die Armee zwei strahlende unionistische Minister, Kapitän William Long und Kapitän John Brooke, durch die bezwungene Falls fuhr.
… Der Schriftsteller Conor Cruise O’Brien erzählt, wie er in der Falls Road war, als die eingeschlossenen Menschen sonntagmorgens vor Wut kochend aus ihren Häusern kamen. Ein Armeehubschrauber kreiste über ihnen und ein britischer Offizier rief durch einen Lautsprecher: „Wir sind Ihre Freunde, wir sind hier, um Ihnen zu helfen.“ Männer wie Frauen reckten die Fäuste und warfen hilflos Steine. 32)
Die Armee postierte einen Ring von Soldaten um die Lower Falls, um die Ausgangssperre während der Razzien durchzusetzen. Nach eineinhalb Tagen gingen vielen Leuten die Lebensmittel aus, aber sie hatten Angst, die Häuser zu verlassen. Schließlich wurde die „Falls Curfew“ (Ausgangssperre in der Falls) durchbrochen, als eine Gruppe von Frauen von außerhalb mit Tee, Milch und Essen durch die Armeeabsperrung brach und sie begannen, die Vorräte an die belagerten Bewohner zu verteilen. Ein Priester aus der Gegend, Father Murphy, sah bei seinen Gemeindemitgliedern einen abrupten Wandel: „Frauen, die vorher Soldaten Tee angeboten hatten, waren nun auf der Straße und riefen zu der Melodie von Auld Lang Syne: ‚Geht nach Hause, ihr Penner, geht nach Hause ….‘.“ 33)
Die Tatsache, dass diese Aktion zu gegenseitigem Hass zwischen Nationalisten und britischen Soldaten geführt hatte, hielt die Armeeführung und die sie bedrängenden unionistischen Verantwortlichen nicht zurück: Als die Ausbeute an Waffen im Hof der Polizeistation Springfield Road ausgestellt wurde, drückte Captain John Brooke den Arm eines jungen Polizisten: „Dies ist für uns ein großer Tag“, sagte er. 34) Aber es würde in den folgenden Jahren ein hoher Preis für Aktionen wie die Falls Curfew zu entrichten sein: „In den kommenden Monaten rekrutierten die Provisionals [IRA] in schwindelerregender Geschwindigkeit neue Kräfte: von weniger als 300 Leuten wuchs die Bewegung zwischen Mai/Juni und Dezember auf 800. 35)
31) The Troubles, Thames LV Ltd. und MacDonald Futura Publishers Ltd. 1980
32) Ulster, The Sunday Times Insight Team, a Penguin Special 1972
33) Ebenda, Ulster, The Sunday Times Insight Team
34) Ebenda, Ulster, The Sunday Times Insight Team
35) Ebenda, Ulster, The Sunday Times Insight Team

Bildunterschrift: Nationalistische Frauen durchbrechen die Falls Curfew
Ende 1970, als die Haltung der meisten Bewohner nationalistischer Gegenden gegenüber der britischen Armee nahezu einhellig Féindselig wurde, machte Morris Fraser eine Studie über den Stress, die der Aufstand für die Zivilbevölkerung bedeutete. Sein Buch Children in Conflict beschrieb, wie die Soldaten von vielen Kindern gesehen wurden. Als die Haltung der Nationalisten sich von Freundschaft und Tolerierung in Angst und Hass verwandelte, zeichnte der zwölfjährige Séan zwei Cartoons, die Fraser so beschreibt:
Der erste Cartoon zeigt einen Soldaten, eine schwerfällig Gestalt, halb Teufel, halb Mensch, mit Hörnern und Schwanz, eine Spur der Zerstörung liegt hinter ihm. Er trägt einen Kilt: schottische Soldaten, von denen man annimmt, dass sie aus streng protestantischen Gegenden kommen, wurden von den Kindern besonders gefürchtet. Die andere Zeichnung ist eine bittere Satire auf Séans Umgebung, mit dem Titel Tir-na-Og, irisch für „Das Land der Kinder“. Eine schattenhafte Leiche und brennende Häuser im Hintergrund werden überragt von einem Soldaten mit halbeurasischen Zügen, gezeichnet mit harten, grausamen Strichen. 36)
Ein walisischer Offizier, der in dieser Frühzeit des Konflikts in Belfast seinen Dienst versah, sagte später zur Rolle der Armee:
Als die englische Armee im August 1969 zum ersten Mal in die gegenwärtigen Unruhen eingriff, konnte die IRA schätzungsweise nicht mehr als 40 Leute unter Waffen zusammenbekommen. Sie hatte nicht mehr als 5000 aktive Unterstützer.
Nun kann die IRA trotz der Inhaftierung von führenden Leuten und tausenden von Freiwilligen auf hunderte, wenn nicht tausende von Bewaffneten zurückgreifen. Tatsächlich bietet die gesamte katholische Arbeiterklasse ihre passive oder aktive Unterstützung an. Der britische Soldat wird gehasst.
Ein Grund dafür ist, dass die Taktik der IRA einigermaßen erfolgreich war. So traurig es für die Befürworter gewaltloser Aktionen auch ist, die Geschichte des modernen Irland ist eine Geschichte, in der nur Gewalt einen radikalen Wandel bringen konnte. Fünfzig Jahre lang bis zu den gegenwärtigen Unruhen hatte der durchschnittliche nordirische Katholik keine politische Macht, eine armselige Arbeit (wenn überhaupt), einen Sklavenlohn und miserable Wohnbedingungen.
…Man sagte uns, „Geht nach Nordirland und bewahrt den Frieden“. Schön in der Theorie, aber den Frieden zu erhalten in einer Situation, in der der Status quo mit Mitteln der Gewalt angegriffen wurde, bedeutete, sich für den Status quo einzusetzen. Und der Status quo bestand, und besteht noch immer in großem Ausmaß, aus protestantischen Privilegien und katholischer Unterwerfung.
Unter diesen Umständen war es unvermeidlich, dass sich die Flitterwochen zwischen der Armee und der katholischen Bevölkerung schnell dem Ende näherten. Bis zur Mitte der siebziger Jahre hatte sich eine Kampfsituation entwickelt, in der auf der einen Seite die protestantische, unionistische Bevölkerung und die englische Armee standen und auf der anderen Seite die Irisch-Republikanische Armee.
Es ist kein Wunder, wenn sich in einer solchen alltäglichen Situation die britischen Soldaten, die geschickt werden, um sich bekriegende Protestanten und katholische Massen zu trennen, gegen die Katholiken wenden. Führende Offiziere halten es für ihre Aufgabe, die katholische Bevölkerung zu bändigen, nicht so sehr, weil sie antikatholisch wären (tatsächlich sind vermutlich einige selbst katholisch), sondern weil dies die Möglichkeit ist, „den Frieden zu wahren“. 37)
36) Children in Conflict, Morris Fraser, Penguin Books 1974
37) Y. Saeth, Spring 1977

Bildunterschrift: Zeichnungen von nationalistischen Kindern, britische Soldaten darstellend
Das zunehmend gewaltsame Vorgehen der britischen Armee, die Oraniermärsche in nationalistischen Gebieten durchsetzte und in dieselben Viertel eindrang, um nach Waffen und republikanische Aktivisten zu suchen (eine Rolle, die vorher die verhasste und diskreditierte RUC und die B-Specials hatten), lieferte die Voraussetzungen für die Wiedergeburt der IRA.
Wir haben festgestellt, dass massiv Waffen nach Nordirland geliefert werden und dass ein intensives militärisches Trainingsprogramm läuft. Täglich explodieren Bomben, vor allem in Belfast. Sporadische Schüsse von Heckenschützen sind ebenso nichts Ungewöhnliches. Die durchgängige Antwort der britischen Armee besteht im klassischen Rückgriff auf Kollektivstrafen wie CS-Gas (ein Spezialtränengas), das seine Wirkungen in übertriebener Weise auf die hat, deren Alter und Gesundheit sie am wenigsten zur Teilnahme am Aufruhr befähigen. Der politische Effekt ist, dass sich die Bevölkerung hinter denen, die die Armee bekämpfen, sammelt; in erster Linie den Straßengangs und auf längere Sicht den republikanischen Anhängern des bewaffneten Kampfes. 38)
Jedes Jahr reisten Republikaner aus ganz Irland nach Bodenstown im County Kildare, um Wolf Tone an seinem Grab zu ehren. Sie sahen sich selbst in der Tradition des jahrhundertealten Kampfes gegen die englische Herrschaft in Irland stehend, im Gefolge der United Irishmen, der Fenier, James Connolly’s Irish Citizen Army und der IRA, die die Black and Tans bekämpft hatte. Joe Cahill wurde Anfang der siebziger Jahre OC (leitender Offizier) der Belfaster Brigade der IRA. 1972 äußerte er sich in einem Interview mit Michael O’Sullivan, einem amerikanischen Schriftsteller, wie folgt:
Ich bin Mitglied in der IRA seit 1938; zuvor war ich drei Jahre lang Mitglied in Na Fianna Eireann, der Jugendorganisation. Sowohl mein Vater wie auch meine Mutter waren republikanisch. Ich wurde 1920, zur Zeit der irischen Wirren, geboren. Was mich in meiner Jugend am meisten interessierte, war die furchtbare Armut, die auch in Südirland herrschte. Ich erinnere mich an die Hungermärsche. Ich denke, dass alle diese Dinge bei mir schreckliche Eindrücke hinterließen. Ich meine, dass ich am Ende zum Schluss kam, dass die einzige Möglichkeit für Irland voranzukommen war, seine Geschicke selbst zu bestimmen, ohne Einmischung von außen.
…. Es kam der August 1969 und mit ihm dieser fürchterliche Holocaust. Alle, die überhaupt republikanische Sympathien hatten, meldeten sich zum aktiven Dienst … Mehrere von uns erhielten die Aufgabe, Verteidigungseinheiten zu organisieren. Bedenken Sie, dass das, was im August 69 passierte, für die übergroße Mehrheit völlig unerwartet kam. Deshalb hatte es in Belfast keinerlei Vorbereitungen gegeben.
Eine meiner ersten Aufgaben war Ballymurphy, wo die Leute zu der Zeit wenig von der IRA hielten, weil sie von ihr enttäuscht waren. Aber es gelang uns, eine Organisation auf die Beine zu stellen.
…. So war die Lage bis etwa Ostern 1970, als die üblichen Osterdemonstrationen alle sehr ruhig vonstattengingen. Am Osterdienstag verliefen die Oranierparaden nicht ganz so ruhig. Man drang in viele Viertel in Belfast ein. Hier zeigte die britische Armee zum ersten Mal, wo sie eigentlich stand. Als sie die Oranier aus den nationalistischen Gegenden hätten treiben sollen, taten sie es nicht. Sie hielten sich zurück und ermöglichte ihnen so das Eindringen, was dann zu einer Konfrontation führte. Als der Mob endlich aus den nationalistischen Vierteln verjagt war, kam die britische Armee und begann mit Durchsuchungen und Verhaftungen. Da verstanden die Leute, dass die britische Armee nicht als Friedenswahrer da war, sondern um das existierende Regime zu stützen. Hier begann in Nordirland der Aufbau einer Opposition zur britischen Armee. 39)
In diesen Anfangstagen des bewaffneten Konflikts hatte sich die IRA in Officials und Provisionals gespalten, hauptsächlich wegen eines Mangels an Gewehren und der Unfähigkeit, nationalistische Gegenden vor loyalistischen Angriffen zu schützen. In dem Maße, in dem sich die Vorhersagen der kleinen, aber militanteren Gruppe der republikanischen Provisionals über die wahren Absichten und die Rolle der Briten (britische Regierung, Verwaltung, Soldaten) bewahrheiteten, begann man sich zu reorganisieren und die Zahl der Rekruten stieg. In der Nacht des 6. Februar 1971 wurde Robert Curtis von der Royal Artillery in der New Lodge Road in Belfast erschossen. Fast eineinhalb Jahre nachdem die ersten Soldaten auf nordirischen Straßen erschienen waren, hatte die IRA ihren ersten Soldaten erschossen.
38) Monthly Review, November 1970, Russel Stetler
39) Patriot Graves, Michael O’Sullivan, Follett Publishing Company, Chicago

Bildunterschrift: Joe Cahill – OC der Belfaster Brigade der IRA
Der militärische Flügel des Unionismus
In den sechziger Jahren rief die Entstehung der Bürgerrechtsbewegung eine zunehmend gewalttätige unionistisch/loyalistische Antwort hervor. Da Carsons Ulster Volunteer Force – die alte UVF – jetzt in die staatliche RUC und bei den B-Specials integriert war, nahm eine kleine loyalistische paramilitärische Gruppe 1965 ihren Namen an. Ein Jahr später beging die UVF ihre ersten Morde in dieser neuen Zeit.
Von einem „Adjutanten des Ersten Belfaster Bataillons der Ulster Volunteer Force“ wurden im Sommer 1966 in den Zeitungen gewaltsame Aktionen angekündigt. Man erkläre der IRA und ihren Splittergruppen den Krieg, als IRA-Mitglieder bekannte Männer würden „gnadenlos und ohne zu zögern exekutiert“. Kurze Zeit später wurde eine junger Arbeiter, John Patrick Scullion, nachts ermordet und einige Wochen später wurden vier Katholiken (drei von ihnen waren Hotelangestellte) beim Verlassen einer Gaststätte erschossen …. einer von ihnen, Peter Ward, starb fast sofort.
Drei Männer, Augustus Andrew Spence, Hugh Arnold McClean und John Williamson wurden innerhalb weniger Stunden verhaftet und des Mordes angeklagt. … Spence, McClean und Williamson – zwei von ihnen waren Mitglieder der Prince Albert Temperance Loyal Orange Lodge No. 1892 (Oranierloge) und alle drei waren sie Mitglieder in der UVF – wurden wegen Mordes angeklagt… Sie wurden schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt.40)
Die drei Männer waren für die UVF rekrutiert und von einem ehemaligen britischen Armeeoberst auf sie eingeschworen worden. Spence glaubt nun, dass die Organisation gegründet worden sei, um den „moderaten“ nordirischen Premierminister Terence of Neill zu stürzen:
Die UVF wurde nicht wegen einer Drohung seitens der IRA wieder ins Leben gerufen … ich denke, sie wurde neu gegründet, um gegen einige der Dinge, die O’Neill tat, zu opponieren. Die Leute wissen gar nicht, wie heftig die Opposition gegen O’Neill war. Gewaltsame Vorkommnissen in Belfast und Nordirland mit dem Ziel, kommunale und politische Spannungen zu steigern, sollten seinen Sturz ermöglichen.41)
Gusty Spence, der für spätere Loyalisten ein Volksheld war, hatte früher bei der Militärpolizei der britischen Armee in Zypern gedient. Spence erzählte später, wie er 1965 zu einer Eidablegungszeremonie der UVF eingeladen wurde: „Alles war sehr heimlichtuerisch, alles geschah im Stil von ‚das musst du wissen‘. Die Anwesenden waren, würde ich sagen, ‚respektable‘ Leute. Es gab keinen Dialog, keine Unterhaltung, vielleicht aus Sicherheitsgründen. Man wünschte nicht, dass die Gruppen untereinander in Kontakt kamen. Es wurde einem gesagt, man solle seine eigenen Waffen beschaffen und kaufen. Man sollte sich bereithalten.42)
Am Anfang der Stationierung britischer Soldaten versuchten mehrere nationalistische Viertel z.B. in West Belfast verzweifelt, Pogrome abzuwehren, die von unionistischen Vierteln ausgingen. Die Angriffe wurden häufig von (dienstfreien) RUC-Leuten und B-Specials angeführt. Oft wurden nach den Angriffen Soldaten geschickt und die standen dann da und sahen zu, wie Häuser von Nationalisten abbrannten.
Im August 1973 berichtete The Journal of the Northern Ireland Community Relations Commission, dass seit 1969 „in der größten erzwungen Völkerwanderung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg“ 60.000 Menschen in Belfast mittels Einschüchterung aus ihren Häusern vertrieben worden waren. Mehr als 80% der Betroffenen waren Katholiken und wieder flohen einige über die Grenze.
In den Jahren 1971-72 wurden den Behörden mehr als 4.000 Fälle von Bedrohung gemeldet, aber nur 12 Leute wurden in Zusammenhang damit verurteilt. Das ist eine Verurteilungsrate von 0,25 Prozent. Oberst David Hancock war einer der ersten auf den Straßen Belfasts eingesetzten Soldaten. Er kommandierte 1969 eine Kompanie der leichten Infantrie und erinnert sich, wie er die Special Branch der RUC (polizeilicher Geheimdienst) nach Informationen über illegale loyalistische Organisationen fragte:
Oberst Hancock sagte, …. dass die Gewalt der späten sechziger Jahre von protestantischen Gruppen begonnen und fortgesetzt wurde. Diese Gruppen hätten in hohem Maße zur Entstehung der Provisional IRA beigetragen.
Er sagte auch, …. dass er bei der Special Branch auf Informationen über die Aktvitäten und Führer der protestantischen Gruppierungen drängte und zur Antwort erhielt: „Also hier sind zwei Aktenschränke. Das ist alles, was wir über die republikanische Gefahr haben, bedienen Sie sich.“
Da aber einer der Hauptgründe für seinen Aufenthalt in Belfast die loyalistische Aggression gegen katholische Viertel war, fragte Oberst Hancock nach der Ulster Volunteer Force. Bei der Special Branch zeigte man sich daraufhin erstaunt und antwortete laut Oberst Hancock: „ Was für eine UVF? Es gibt keine UVF, es gibt diesbezüglich keine Erkenntnisse, wir beobachten sie nicht.“43)
Unionisten in Britannien und Irland hatten, um die Home Rule zu stoppen und die Teilung zu erwirken, die Bedrohung durch großangelegte Gewaltkampagnen seitens Carsons illegaler UVF-Armee organisiert bzw. unterstützt. Diese Tradition fand ihre Fortsetzung in den offiziellen Operationen der RIC/RUC und der Specials – und in den geheimen Aktionen der Cromwell Clubs. Um ihre Stellung mit allen Mitteln, die notwendig sein sollten, in den kommenden Jahren zu halten, organisierten und unterstützen die Unionisten weiterhin die sektiererischen Staatsorgane. Ebenso ignorierten sie wissentlich die Aktivitäten loyalistischer paramilitärischer Organisationen – und unterstützten sie verdeckt.
40) Divided Ulster, Liam de Paor, Penguin Special 1970
41) Seeking a Political Accommodation – The Ulster Volunteer Force: Negotiating History, Roy Garland, A Shankill Community Publication 1997
42) Ebenda, Seeking a Political Accommodation – The Ulster Volunteer Force: Negotating History, Roy Garland
43) Guardian, 6. Dezember 1984

Bildunterschrift: Terence O’Neill trifft 1965 mit Jean Lemass und Jack Lynch in Stormont zusammen. O’Neill wurde dann aus dem Amt gedrängt
Anfang April 1969 kam es außerhalb Belfasts im Silent Valley-Reservoir zu den in dieser Zeit ersten Bombenanschlägen. Sie wurden von der UVF klandestin ausgeführt, die hoffte, dass man sie der IRA anhängen würde und so der Druck auf O’Neill stiege. Die RUC deckte diese Machenschaften: „Plan der IRA hinter den Explosionen, sagt die RUC“, lautete die Schlagzeile des Belfast Telegraph. Der Artikel zitierte Polizeiquellen mit den Worten „man kann nun davon ausgehen, dass diese Explosionen von Leuten verursacht wurden, die nach Plänen der IRA arbeiteten … eine ‚terroristische Blaupause‘. 44) Später wurde Samuel Stevenson, Stabschef der UVF, wegen der Anschläge angeklagt und bekannte sich schuldig. Aber schon hatte man mit Hilfe prominenter Unionisten und der RUC in der IRA die Schuldigen gefunden und O’Neill aus dem Amt gedrängt. „Es waren Protestanten, die als erste Plastiksprengstoff in dieser politischen Phase in Ulster benutzten. Als O’Neill zurücktrat, ….. war seine letzte Botschaft an den Premierminister in Westminster, Harold Wilson, eine Warnung vor den Gefahren des Extremismus von rechts.“ [Hervorhebung von A. Renwick] 45)
Drei Monate vor O’Neills Rücktritt begannen Mitglieder von Peoples Democracy einen Marsch für Bürgerrechte, der von Belfast nach Derry führte. Sie wurden bei Burntollet von Loyalisten überfallen, von denen einige später als (sich nicht im Dienst befindende) Mitglieder der B-Specials identifiziert wurden.
In Derry wurden die Marschierer nochmals angegriffen, und am selben Abend drang eine große Anzahl von RUC-Kräften in der Bogside ein. Anwohner sagten, dass die RUC-Leute dort Fenster einwarfen, betrunken schienen und sich ausfällig verhielten. Einige sangen laut ihre Version des damals populären Hits der Monkeys:
Hey, hey we’re the Monkeys,
And we’ll Monkey you around;
Until your blood is flowing on the ground
Im April überfiel die RUC nochmals die Bogside: diesmal drangen sie auch in ein Haus ein und schlugen den 42 Jahre alten Samuel Devenney schwer zusammen. Die ersten Zivilisten, die in dem Konflikt der letzten 30 Jahre starben, waren der 67jährige Francis McCloskey und Devenney, beide aus Derry. Die zwei Männer starben innerhalb nur weniger Tage im Juli 1969. McCloskey, nachdem er mit einem RUC-Schlagstock am Kopf verletzt worden war, Devenney an seinen Verletzungen, die er drei Monate vorher erhalten hatte, als er in seinem eigenen Haus von RUC-Männern angegriffen wurde.
Trotz der Repression wuchs die Bürgerrechtsbewegung weiter und erhielt in Nordirland wie auch aus dem Ausland Unterstützung. Unter dem zunehmenden Druck versprach die Regierung Nordirlands einige Reformen, aber setzten weiterhin in den katholischen Gegenden RUC und B-Specials ein. Nach einem der jährlich stattfindenden Oraniermärsche startete die RUC einen weiteren Überfall auf die Bogside in Derry. Die Auseinandersetzungen dauerten zwei Tage und am Ende wurde die Polizei von den Bewohnern aus der Bogside vertrieben – dieses Ereignis entfachte die „Unruhen“. Verzweifelt baten der RUC-Chef und der neue unionistische Premier Chichester-Clark Westminster um die Entsendung von britischen Soldaten.
Der in Derry begonnene Konflikt breitete sich schnell nach Belfast aus, wo bald gewaltsamer Aufruhr herrschte. Es wurde klar, dass die RUC in der Falls Road nicht mehr willkommen war als in der Bogside und man fing an, in nationalistischen Gegenden in gepanzerten Shorland-Fahrzeugen zu patrouillieren:
Es wurde entschieden, …… dass die vorhandenen Shorland-Fahrzeuge mit ihren üblichen Waffen, einem 0,30-Kaliber-Maschinengewehr der Marke Browning aufgerüstet werden sollten… Diese Browing-Maschinenpistole……...hat eine Reichweite von fast zweieinhalb Meilen und feuert sechs bis acht Hochgeschwindigkeitskugeln pro Sekunde. Man kann mit ihr nur Salven abschießen, keine einzelnen Schüsse. Über Jahre hinweg war es das Standardmaschinengewehr der amerikanischen Armee. Die hochentwickelte Waffe sollte nun zur Aufstandsbekämpfung in den belebten Straßen Belfasts eingesetzt werden. 46)
Als die Unruhen größer wurden, eröffneten RUC-Leute am 14. August 1969 das Feuer auf die Divis Flats und drei Shorlands der RUC schossen ebenfalls aus ihren Brownings. Dabei wurde der neunjährige Patrick Rooney, der in einer der Wohnungen in seinem Bett geschlafen hatte, getötet. In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages wurde ein britischer Soldat auf Heimaturlaub, der 20jährige einfache Soldat Hugh McCabe, ebenfalls durch Schüsse der RUC getötet, als er die Ereignisse von einem Balkon aus beobachtete.
Der erste Polizist, der starb, war der 29jährige Victor Arbuckle. Er starb, nachdem das Hunt-Komitee die Auflösung der B-Specials und die Entwaffnung der RUC empfohlen hatte. Das Hunt-Komitee war von Westminster eingesetzt worden, um Vorschläge für die Polizeiarbeit in Nordirland auszuarbeiten, nachdem britische Fernsehzuschauer gesehen hatten, wie friedliche Bürgerrechtler von der RUC von ihren eigenen Straßen geprügelt wurden. Arbuckle wurde während loyalistischer Unruhen auf der Shankill Road getötet, die als Protest gegen die Vorschläge des Hunt-Komitees begonnen hatten.
Die anfängliche Gewalt aus der Mitte der unionistischen / loyalistischen Bevölkerung – die zu den ersten Bombenanschlägen sowie der ersten Tötung von Zivilisten, dem Tod eines Soldaten und eines RUC-Mannes führten – entsprang der paranoiden und rasenden Reaktion auf die friedliche Bürgerrechtsbewegung. Zu jener Zeit gab es die IRA kaum. Dies legt nahe, dass die hauptsächliche Ursache der „Unruhen“ unionistischer Extremismus war und nicht nationalistische Agitation. Das eigentliche Problem in Nordirland war deshalb nicht die Gewalt der IRA, sondern unionistische Unnachgiebigkeit und Dominanz – die bis zum heutigen Tag, immer noch mit Duldung britischen Politiker, andauern sollten.
Während jeder am Konflikt Beteiligte Verantwortung trägt für die Ereignisse der folgenden Jahre, liegt doch die größte Schuld bei den britischen Politikern, die kein Interesse oder keinen Mut hatten, die Wurzeln des Problems anzugehen –, weshalb sie die Hauptverantwortlichen für das Abdriften in den bewaffneten Konflikt sind. Indem sie einen „protestantischen Staat für Protestanten“ schufen, der Katholiken diskriminierte und sie in Bürger zweiter Klasse verwandelte, hatten die Unionisten tatsächlich einen instabilen Kleinstaat errichtet, der früher oder später implodieren musste. Die Teilung hatte eher ein Problem geschaffen, denn eines gelöst. Und so wie sich die Lage ab 1969 weg von dem Kampf um Bürgerrechte hin zum bewaffneten Konflikt entwickelte, zeigt klar, dass Nordirland ein gescheitertes Gebilde war – das implodierte, als die unionistische Vorherrschaft infrage gestellt wurde.
44) Ulster, The Sunday Times Insight Team, Penguin Special 1972
45) Ebenda, Ulster, The Sunday Times Insight Team
46) Monthly Review, November 1970, Russel Stetler

Bildunterschrift: Die Schlacht um die Bogside – Benzinbomben gegen CS-Gas. Der Konflikt beginnt
Übersetzung:
(sib) Irlandinitiative Heidelberg, 7. November 2010,
Anmerkungen in Klammern dienen der Erläuterung
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Copyright © 2004 Aly Renwick / TOM (Troops
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