Olivers Armee - eine Geschichte von britischen Soldaten in Irland und in anderen Kolonialkonflikten
Deutsche Übersetzung
Kapitel 4 - John Bulls andere Insel - Der Weg zur Teilung
In dem Augenblick, in dem nur
der
Name Irland fällt,
scheinen die Engländer sich von
normalem Empfinden, üblicher Besonnenheit und
gesundem Menschenverstand zu verabschieden und
barbarisch wie Tyrannen und einfältig wie Idioten zu handeln.
Sidney Smith, from Letters from Peter Plymley, 1807
Am Anfang des 20. Jahrhunderts glaubte das britische Establishment immer noch, dass man die mächtigste Nation und das größte Reich der Welt regierte. Aber es war ihnen auch bewusst, dass ihre Macht im In- und Ausland bedroht war. Jenseits des Atlantiks überholte die USA Britannien in der Warenproduktion. Im näheren Ausland tat Deutschland dasselbe – aber drohte dabei auch, Europa zu dominieren und stellte sogar eine Gefahr für Teile des Empire dar. Im Innern begannen militante Frauen ihren Kampf um das Wahlrecht, ebenso wie eine Arbeiterbewegung im Entstehen war, die nicht nur die Arbeiter einigen wollte, sondern auch nach neuen Gesellschaftsformen wie Sozialismus und Kommunismus suchte. Im Empire wurde mehr Demokratie gefordert und es drohten koloniale Revolten.
Als das Römische Reich begann Risse zu zeigen, hatte es unter seinen Herrschern oft Zeiten gegeben, in denen Panik, Paranoia und Hinterhältigkeit herrschten. Jetzt war das britische Establishment tief gespalten über die Frage, wie man mit den Bedrohungen der eigenen Herrschaft umgehen sollte, vor allem mit den Gefahren für das Empire. Einige meinten, dass es besser sei, bevor eine Revolte ausbrach, ein gewisses Maß an Selbstverwaltung zuzugestehen, aber dabei sicherzustellen, dass die, die dann an die Macht kämen, Britannien verbunden blieben und sich weiterhin ökonomisch beherrschen ließen. Andere waren völlig gegen jede Form der Versöhnung und meinten, das Empire müsse mit Waffengewalt gehalten werden, koste es, was es wolle.
1912 legte die britische Regierung, die von den Liberalen gestellt wurde und dafür war, den Iren im gewissem Umfang Autonomie zu geben, ein Gesetz für die Selbstverwaltung Irlands vor. Zu dieser Zeit war Irland nicht geteilt; das ganze Land war Teil des Vereinigten Königreichs und wurde direkt von Westminster aus regiert, wobei irische Abgeordnete im Unterhaus saßen. Das Wiedererwachen der gälischen Kultur und der irischen Literatur hatte das nationale Selbstbewusstsein nach einem Jahrhundert zahlloser Landvertreibungen, immer wiederkehrenden Hungers, andauernder Emigration und der Unterdrückung separatistischer Bewegungen wie der der Fenier erneut erweckt. Vor diesem Hintergrund sollte die irische Bevölkerung in Brianniens erster Kolonie den ersten Befreiungskampf des modernen Zeitalters führen.
Beide großen Parteien in Britannien, sowohl die Liberalen wie auch die Tories, hatten in der Vergangenheit mit dem Gedanken einer Selbstverwaltung Irlands gespielt. Dann hatten sich die Tories unter der Führung von Randolph Churchill dagegen ausgesprochen - zunächst nur aus opportunistischen Gründen, weil sie damit die Liberalen besiegen wollten. Um aber eine Allianz gegen die Liberalen zu schmieden, verbündeten sie sich mit äußerst imperialistischen Elementen im Establishment, die völlig gegen Selbstverwaltung waren, weil sie befürchteten, dies wäre der Anfang des Zusammenbruchs des Empire. Diese Haltung gegenüber Irland dominierte im Folgenden die Politik der Tories und wurde als "unionistisch" beschrieben - was auch zu ihrem Beinamen wurde.
Zwei frühere liberale Gesetzesvorschläge zur Selbstverwaltung waren im Parlament durchgefallen. Das erste war im Unterhaus 1886 gescheitert, das zweite hatte zwar 1893 das Unterhaus passiert, war aber vom Oberhaus verworfen worden. Für ihren nun dritten Versuch hatten sich die Liberalen mit der Partei der Irischen Nationalisten und mit Labour-Abgeordneten zusammengetan, um eine Mehrheit im Parlament zu haben. Auch hatten sie bereits Maßnahmen zur Beschneidung der Macht des Oberhauses ergriffen.

Bildunterschrift: Britische Empire 1899
Die illegale Armee der Unionisten
Nach der Niederlage der United Irishmen und der Aufzwingung der Act of Union (Einheit mit Britannien) im Jahr 1801 hatten die Nachfahren der Siedler in Irlands Norden eine historische Wahl:
Oder sollten sie wieder zu Britanniens loyaler Garnison werden und sich wirtschaftlich dem expandierenden Empire anschließen?
Die fehlgeschlagene Erhebung von Robert Emmet im Jahr 1803 hatte den radikalen Geist vernichtet und viele dazu gebracht, den zweiten Weg zu gehen. Die britische Regierung ermutigte sie dazu, indem sie allen Protestanten im Norden, der gerade dabei war der am meisten industrialisierte Teil Irlands zu werden, Privilegien versprach. Presbyterianer und Dissenter wurden in der ‚Oraniergesellschaft‘ willkommen geheißen; tatsächlich aber schlossen diese sich aber erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in größerer Zahl diesem Weg an. Aber allmählich wurde der Nordosten des Landes wieder der Brückenkopf britischer Herrschaft in Irland.
Die Partei der Torys und Unionisten erkannte nun, dass diese Situation in Nordirland ihnen die Chance gab, die Regierung der Liberalen zu stürzen, indem sie die Karte der Oranier spielten. Sie starteten eine lautstarke Kampagne gegen die Selbstverwaltung in Irland und überzeugten Sir Edward Carson, einen Dubliner Anwalt, diese Schlacht anzuführen. Viele Landbesitzer und Industrielle aus Ulster waren bereits entschieden gegen eine Loslösung vom Empire und schlossen sich der Opposition schnell an. Carson drohte mit bewaffnetem Widerstand gegen die Selbstverwaltung, aber der liberale Premierminister, Herbert Asquith, blieb standhaft und sagte: „Das britische Volk, das von Natur aus gerecht und großzügig ist, wird durch die Sprache der Einschüchterung sich nicht dazu bringen lassen, aus Furcht es zu unterlassen, eine gerechte Sache zu tun.“
Eine illegale Privatarmee mit Namen Ulster Volunteer Force (UVF) wurde daraufhin von den Unionisten im Norden gegründet. Diese Armee wurde ausgerüstet und trainiert mit Waffen, die aus Deutschland eingeführt wurden, während die meisten britischen Behörden wegsahen.
Die politische wie militärische Opposition gegen die Selbstverwaltung wurde angeheizt und unterstützt von prominenten Briten wie z.B. Lord Milner:
Milner half in England, militärische Hilfe und Munition für die UVF zusammenzubringen und er arbeitete mit einer Gruppe zusammen, die sich „Britische Liga für die Unterstützung von Ulster und der Union“ nannte und die Freiwillige verpflichtete nach Ulster zu gehen und sich dort der UVF anzuschließen, falls es zu Kämpfen kommen sollte. Er versuchte auch eine Organisation zu schaffen, die das Handeln der Regierung paralysieren sollte, bevor es in Ulster wirksam werden konnte. Außerdem sollte die Organisation in Großbritannien, Kanada, Australien und sonstwo für Unterstützung der Unionisten sorgen und heimlich bei wohlhabenden Leuten Geld sammeln, um die UVF auszurüsten. Waldorf Astor und Rudyard Kipling spendeten beide je 30.000 Pfund an diesen geheimen Fonds. Lord Rothschild, Lord Iveagh und der Herzog von Bedford jeweils 10.000 Pfund. 1)
Die UVF wurde eingesetzt, um gegen den Plan zur irischen Selbstverwaltung mit bewaffnetem Widerstand zu drohen. Offiziere nahmen ihren Abschied bei der britischen Armee, um die UVF zu organisieren. Viele erhielten Positionen in dieser illegalen militärischen Organisation: „Ein Engländer, Generalleutnant Sir George Richardson, K.C.B., Veteran der Feldzüge von Afghanistan, Waziri, Tirah, Zhob und Kunnan, der am 14. August 1900 seine indischen Truppen bei der Erstürmung und Plünderung Pekings angeführt hatte, wurde auf Anraten des achtzigjährigen Lord Roberts of Kandahar zum Oberbefehlshaber ernannt. 2)
Lord Milner schrieb an Carson und bot Unterstützung und Rat an: „Ich glaube nicht, dass die Avancen der Regierung ehrlich gemeint sind. Ich glaube, dass sie nur Zeit gewinnen wollen. Sollten sie es ernst meinen, muss es sehr bald, sicher in spätestens einem Jahr, eine gut vorbereitete Rebellion in Ulster geben. Es wäre eine Katastrophe erster Güte, wenn diese ‚Rebellion‘, die in Wirklichkeit der Aufstand des unverrückbaren Prinzips und von ergebenem Patriotismus wäre – der Loyalität zum Empire und zur Fahne – misslingen würde. Aber sie muss misslingen, wenn wir nicht den Arm, der erhoben werden mag, euch niederzuschlagen, festhalten.“
Carson, der beanspruchte die Unterstützung des Offizierscorps der britischen Armee zu besitzen, sagte: „Ich lasse die Regierung wissen, dass wir von einigen der größten Generäle das Versprechen und ihr Wort haben, dass sie, falls notwendig und wenn die Zeit gekommen ist, eingreifen werden, damit die alte Flagge weiter weht. 3) Carson wurde von dem konservativen Führer Bonar Law unterstützt, der bei einer Zusammenkunft von Unterstützern sagte: „Ich kann mir vorstellen, Ulsters Widerstand für welche Dauer auch immer zu unterstützen.“ F.F. Smith, der Tory-Sprecher für Irland, sagte bei einer anderen Zusammenkunft, dass Home Rule, eines jener höchst wichtigen Gewissenthemen sei, für die die normalen Grenzen zulässigen Widerstands gegenüber Gesetzen nicht gelten würden.
Einige Tories waren bereit, dies logisch zu Ende zu führen. Lord Winterton erinnerte sich später, dass er unter den vielen konservativen Parlamentsmitgliedern war, die bereit waren, Ulster in „physischem Sinne“ zu unterstützen und zu diesem Zweck, wirksame Vorbereitungen trafen … "Ich bildete etwas, das man heute ein Kommando nennen würde, das bereit war, Nordirland und die Ulster Volunteers physisch zu unterstützen, falls notwendig." 4) Carson, ermutigt durch die Unterstützung des Establishments, brüstete sich aufgrund der offenen Missachtung der Regierung der Liberalen: „Drillen ist illegal, die Freiwilligen sind illegal und die Regierung weiß, dass sie illegal sind, und sie wagt nicht, sich mit Illegalen anzulegen.“
1) Divided Ulster von Liam de Paor, Penguin Special 1970
2) Ebenda, Divided Ulster von Liam de Paor
3) The History of Partition (1912-1925), by D. Gwynn
4) Orders of the Day, Lord Winterton, London 1953

Bildunterschrift: Proklamation einer provisorischen Regierung von Ulster 1913
Obwohl sie erheblichem Druck ausgesetzt waren, schienen die Liberalen standhaft zu bleiben. Die Teilung Irlands wurde immer wieder angesprochen und Asquith war strikt dagegen. Er sagte: „Man kann Irland genauso wenig in zwei Teile spalten wie man England oder Schottland in Teile spalten kann. Irland ist eine Nation; es besteht nicht aus zwei Nationen, sondern aus einer Nation. Es gibt wenige solche Beispiele in der Geschichte, und wenn ich das als einer, der Geschichte studiert hat, bescheiden sagen darf, ich kenne keine andere Nation, die zugleich so ausgeprägt, so beständig und so integriert ist wie die irische.“ 5)
Dann erhöhte König George V. den Druck auf die Liberalen, als er Asquith darüber informierte, dass möglicherweise Armeeoffiziere nicht loyal zur Regierung bleiben würden.
Der König war die in die privaten Verhandlungen involviert, sein Einfluss wurde praktisch für die Zwecke der Unionisten benutzt, da er auch von der Notwendigkeit sprach, Bürgerkrieg zu vermeiden (was faktisch bedeutete, der Drohung damit nachzugeben). Vor allem sorgte er sich um die Offiziere in der Armee, deren Tory-Sympathien zu sehr strapaziert würden, wenn sie gegen den Landadel in Ulster vorgehen sollte, der dort an der Spitze der Privatarmee standen. Er schrieb über „unsere Soldaten“ privat an Asquith, am Tag, nachdem Carson die Unterstützung einiger der größten Generäle der Armee verkündet hatte:
„… aufgrund ihrer Geburt, Religion und ihrer Umgebung haben sie eventuell sehr entschiedene Einstellungen zur irischen Frage: Einflüsse von außen können auf sie einwirken; sie sehen wie ausgezeichnete Offiziere im Ruhestand bereits in Ulster bewaffnete Kräfte organisieren; sie hören Gerüchte über aktive Offiziere, die ihren Abschied nehmen, um diesen Kräften sich anzuschließen. 6)
Bereits zuvor im Jahr 1907, als er noch der Prince of Wales war, hatte George V. den damaligen Führer von Labour, Keir Hardie, angegriffen, weil er Indien besucht hatte. In einem privaten Brief an den Kabinettminister John Morely hatte der künftige König geschrieben: „Ich befürchte auch, dass sein Besuch in Zukunft für Ärger sorgen könnte. Ich vertraue darauf, dass Sie die geeigneten Schritte unternehmen werden, seinen Umtrieben ein Ende zu setzen, wenn er wirklich eine Gefahr für das Land wird." 7)
Hardie unterstützte die Liberalen jetzt in der Frage der irischen Selbstverwaltung und sagte, der König sei nun dabei die ernsteste verfassungsmäßige Krise seit der Zeit der Stuarts zu verursachen. Er fügte hinzu: „König George ist kein Staatsmann. Wäre er als Arbeiterkind auf die Welt gekommen, würde er wahrscheinlich auf der Straße herumhängen. Er wird zum Werkzeug der reaktionären Klassen gemacht, um die Macht der Demokratie zu brechen.“
5) Hansard, vol. XXXIX, Col. 787
6) Divided Ulster, Liam de Paor, Penguin Special 1970
7) Daily Record, 10th Aug. 2000

Bildunterschrift: Carson übergibt die Fahne an Freiwillige der UVF
Die Regierung der Liberalen ordnete eine Mobilisierung Armee an; man beabsichtigte, die Anzahl der Soldaten in Ulster massiv zu verstärken, um der UVF die Stirn zu bieten und die Situation zu befrieden. Gegen Mitte März 1914 befahl das Kriegsministerium in London General Sir Arthur Paget, dem Befehlshaber in Irland, Truppen, die im Curragh Camp nahe Dublin stationiert waren, in den Norden zu schicken., Paget rief seine leitenden Offiziere zu einer Besprechung in Dublin zusammen – unter ihnen war auch der Brigadegeneral Hubert de la Poer Gough, der Kommandeur der Dritten Kavalleriebrigade. Paget wandte sich folgendermaßen an die Versammelten: ‚In ihre erstaunten Ohren ergoss sich nun eine ausschweifende Rede, deren Hauptpunkt war, dass die Truppen nach Ulster sollten und dass die ganze Provinz bald in Flammen stehen würde. Er hätte „diese Schweine“ in der Regierung davor gewarnt, mit Feuer zu spielen, aber sie würden nicht auf ihn hören.‘ 8)
Noch am selben Tag erhielt das Kriegsministerium das folgende Telegramm von General Paget:
„Der befehlshabende Offizier der 5th Lancers erklärt,
dass alle Offiziere, außer zweien
und einem Unentschlossen
heute ihren Offiziersrang aufgeben.
Ich befürchte sehr, dass es so auch
bei den 16th Lancers aussieht. Befürchte,
dass sie sich der Verlegung veweigern werden.
Bedaure mitteilen zu müssen, dass Brigadegeneral Gough
und 57 Offiziere der Dritten Kavalleriebrigade
eine Entlassung vorziehen, falls sie nach Norden sollen.“
Die unionistische Opposition in England war bereits bezüglich des Regierungsbefehls, Truppen in den Norden zu verlegen, vorgewarnt worden. Zwei Tage vorher war Sir John French, Stabschef, von einer Kabinettsitzung gekommen und hatte General Wilson gesagt, dass die Regierung beabsichtige, „über ganz Ulster Truppen zu verteilen, als handele es sich um einen Streik von Kohlearbeitern“. … Wilson gab jedes Wort am Nachmittag zunächst an Bonar Law weiter, und dann beim gemeinsamen Abendessen an Sir Edward Carson, Lord Milner und Sir Lysander Jameson. 9)
Der Druck auf die Regierung der Liberalen nahm zu. Milner sprach über die „Rettung des Empire“ und drängte die National Service League, unter den Armeeoffizieren Unzufriedenheit zu verbreiten. General Wilson versprach, das gleiche im Kriegsministerium zu tun und er forderte Bonar Law auf, „Hubert [Gough] zu unterstützen“. Lord Hardinge, der Vizekönig von Indien, warnte vor ernsten Konsequenzen in Indien, wenn die Regierung nicht ihren Frieden mit der Armee machen würde. Unter diesem Ansturm gab die liberale Regierung auf und widerrief den Befehl an die Truppen zur Verlegung in den Norden.
Am 25. März 1914 machte Brigadiergeneral Hubert Gough folgendes Statement: „ Ich bekam [von der Regierung] eine unterzeichnete Garantie, dass unter keinen Umständen das Volk von Ulster zur Homerule gezwungen wird. Sollte es zum Krieg kommen, würde ich eher für Ulster kämpfen als dagegen.“ 10) Einen Monat später wurden an der Küste von Ulster in aller Öffentlichkeit 35.000 Gewehre und 2.500.000 Schuss Munition entladen.
8) The Damnable Question, George Dangerfield, Constable London 1977
9) Ebenda, The Damnable Question, George Dangerfield
10) Daily Telegraph, 25. März 1914

Bildunterschrift: Waffen für die UVF werden offen in Larne entladen, während die Behörden wegsehen
Einige Offiziere waren bestürzt über die Vorgehensweise jener, die sich geweigert hatten, den Befehlen der Regierung zu gehorchen. Z.B. Generalmajor Sir Charles Fergusson deutete dies in einem Brief an seinen Bruder an: „Wenn wir Offiziere uns weigern, gegen unsere Freunde zu kämpfen, sind wir dann auch bereit, das gleiche Argument von unseren Soldaten zu akzeptieren, wenn von ihnen gefordert wird, gegen ihre Freunde in Arbeitskämpfen vorzugehen usw.!...“ 11) Im Unterhaus hinterfragten einige Labour-Abgeordnete die Loyalität der Armee:
„‘Wir müssen hier und jetzt unzweifelhaft entscheiden, ob wir die Disziplin der Armee als neutraler Kraft aufrecht erhalten wollen … oder ob wir in Zukunft, nachdem wir vom Volk gewählt wurden, zu einem Offizierskomitee gehen müssen und diese Militärjunta fragen, ob sie der Ausführung eines bestimmten Auftrags zustimmen….‘ Ward fuhr fort und verlas ein syndikalistisches Manifest, das sich an die britischen Truppen richtete.
‚Oft wird von Euch verlangt, auf unbewaffnete und ungeschützte Ansammlungen von Männern und Frauen zu zielen. Ihr werdet dazu aufgefordert, damit Euer eigenes Fleisch und Blut billig gekauft und verkauft werden kann, so dass andere reich werden. Wir bitten Euch nun deshalb, von heute an keinen einzigen Schuss mehr auf Eure eigene Klasse abzugeben, wir bitten Euch, dem Beispiel der Generäle und anderer Offiziere in Irland zu folgen, die sich geweigert haben, gegen ihre eigenen Klasseninteressen eine Gefahr auf sich zu nehmen.‘
Der Labour-Abgeordnete für Derby, J.H. Thomas von der Eisenbahnergewerkschaft, sagte, dass, sollte die Doktrin der Tories weiter gelten, es seine Pflicht sei, den Eisenbahnern zu sagen, dass sie das Kapital der Gewerkschaft von über einer halben Million für Waffen und Munition ausgeben sollten.“ 12)
Das Thema wurde auch von Arbeiterorganisationen in Irland aufgegriffen. Das parlamentarische Komitee des irischen Gewerkschaftkongresses veröffentlichte ein Manifesto to the Workers of Ireland:
„Als irische Arbeiter haben wir mit der Haltung von Offizieren der britischen Armee nichts zu tun, noch sind wir über die Wirkung betroffen, die ihr Handeln für die britische Armee möglicherweise hat; aber wir behaupten, dass das, was der Offizier bei der Verfolgung seiner politischen und sektiererischen Überzeugungen tun kann, der einfache Soldat in Verfolgung seiner eigenen Überzeugungen ebenfalls tun kann; und wenn heute britische Generäle und Stabsoffiziere sich weigern, gegen die privilegierte Klasse zu kämpfen, der sie selbst angehören, so muss es dem einfachen Soldaten erlaubt sein, seinen Überzeugungen zu folgen und seine Brüder und Schwestern aus der Arbeiterklasse nicht niederzuschießen, wenn sie um ihre Rechte kämpfen…“ 13)
Tatsächlich waren die meisten Soldaten in der britischen Armee unpolitisch. Viele, wie z.B. F.C. Wynne, mit dem 1st East Surrey Regiment in Dublin stationiert, waren von den Aktionen ihrer Offiziere verwirrt. Wynne sagte später: „In jener Zeit war der britische Soldat unglaublich realitätsfremd, was öffentliche Angelegenheiten betraf, und fürchterlich ignorant hinsichtlich politischer Fragen. Soviel ich weiß, hat keiner, außer vielleicht den Offizieren, über Befehle politisch nachgedacht und die Befolgung von Befehlen stand in der breiten Masse außer Frage.“ 14)
Einige Jahre zuvor hatte die Regierung der Liberalen bei Auseinandersetzungen in Zonypandy, Llanelly und Liverpool bewaffnete Truppen gegen streikende Arbeiter eingesetzt. Fred Bowers, ein arbeitsloser Bauarbeiter aus Liverpool, schrieb einen Appell an die Soldaten:
Schießt nicht!
Männer! Kameraden! Brüder!
Ihr seid in der Armee.
Wie auch wir. Ihr seid in der großen Armee der Zerstörung. Wir sind in der
industriellen
Armee, der Armee des Aufbaus.
Wir arbeiten in Minen, Fabriken oder auf den Docks, wir produzieren und
transportieren alle
Güter, Kleider und Nahrungsmittel usw., die es den Menschen zu leben
ermöglichen.
Ihr seid Söhne von Arbeitern.
Wenn wir streiken, um unser Los zu verbessern, das auch das Los eurer Mütter und
Väter,
Brüder und Schwestern ist, wird von euren Offizieren von euch verlangt, uns zu
ermorden.
Tut es nicht!
Im Jahr 1911 wurde dieser Aufruf in James Connollys Zeitung The Irish Worker gedruckt und in der Folge in den Reden von Tom Mann, einem Gewerkschaftsführer, wiederholt. Guy Bowman druckte ihn nochmals in der ersten Ausgaben der Zeitung Syndicalist ab und der Eisenbahnarbeiter Fred Crowsley ließ ihn auf eigene Kosten als Flugblatt drucken und verteilen. Während die meuternden Offiziere in Curragh in Kreisen des Establishments wie Helden behandelt wurden, wurde Man unter dem vorwurd der Anstiftung zum Aufruhr verhaftet, angeklagt und zu sechs Monaten Gefängnis in Strangeways verurteilt. Bowman und Crowsley wurden auch verhaftet und eingesperrt.
11) The Army and the Curragh Incident, Ian F.W. Beckett (Hg.), Bodley Head for the Army Records Society 1986
12) The Cause of Ireland – From the United Irishmen to Partition, Liz Curtis, Beyond the Pale Publications 1994
13) The Orange and the Green, Clifford King, Four Square 1967
14) The Army and the Curragh Incident, herausgegeben von Ian F. W. Beckett, Bodley Head for the Army Records Society 1986

Bildunterschrift: Liverpool 1911 - Zwei Streikende wurden von Soldaten erschossen, während Tausende von bewaffneten Soldaten den Streik der Hafenarbeiter brechen sollten
Die liberale Regierung hatte ihre Politik der Versöhnung gegenüber Irland fortgesetzt und im September 1914 erhielt das dritte Gesetz zur Selbstverwaltung die Zustimmung des Königshauses. Dann kam der Erste Weltkrieg, ein Konflikt über Handel und Macht zwischen den stärksten Nationen Europas – und das Gesetz zur Selbstverwaltung blieb in der Schwebe. In ganz Irland wurden etwa 150.000 Männer zur britischen Armee eingezogen, wo sie zu den 70.000 irischen Soldaten dazukamen, die bereits dienten – ca. 35.000 davon sollten nie mehr nach Hause kommen. Die Unionisten im Norden wurden von Sir Edward Carson zum Kämpfen gedrängt, der ihnen versprach, dies würde zur Verhinderung der Selbstverwaltung beitragen. Die UVF wurde als 36th Ulster Division in die britische Armee eingegliedert. Anderswo in Irland wurden Männer vom Führer der Irish Party in Westminster, John Redmond, vom Kampf überzeugt, wobei er ihnen sagte, dies würde die Selbstverwaltung garantieren. George Gilmore berichtete, wie er in Belfast ein Rekrutierungsplakat gesehen hatte, auf dem stand „Bekämpft das katholische Österreich“. Er nahm es vorsichtig herunter, brachte es nach Dublin, wo er es neben einem anderen Rekrutierungsplakat wieder anbrachte, auf dem stand „Rettet das katholische Belgien“.
Bis Ende 1915 waren die 10. und 16. Irische Division und die 36. Ulster Division anderen britischen Armeeeinheiten in den Krieg gefolgt. Viele starben in den großen Schlachten, z.B. an der Somme und bei Gallipoli. Das Oberkommando war aber der Ansicht, dass nicht alle Soldaten ausreichend Opfermut bewiesen und beschloss, Exempel zu statuieren. Zwischen 1914 und 1918 wurde mehr als 300 Soldaten in der britischen Armee nach Kriegsgerichtsprozessen von Hinrichtungskommandos, bestehend aus ihren Kameraden, exekutiert – bei Tausenden wurden solche Urteile wegen Desertierens und Feigheit in Gefängnisstrafen umgewandelt. Viele dieser Fälle resultierten aus dem „Schützengrabentrauma“ – wie man es später nannte. Sie stellten die Spitze des Eisbergs dar, da Soldaten in beispielloser Anzahl davon befallen wurden. Ein Kommandant ließ Soldaten mit diesem Trauma an den Stacheldraht, der vor den Schützengräben gespannt war, binden, um ihnen „Rückgrat beizubringen“ und als Warnung für ihre Kameraden.
Harry MacDonald, ein Soldat im West Yorkshire-Regiment, stand in der Somme-Schlacht in vorderster Reihe. Vorher hatte er bei Gallipoli gedient, bevor er wegen Erfrierungen nach Hause geschickt wurde. Dort wurde seine schwangere Frau krank und MacDonald, der sich inzwischen erholt hatte, beantragte deshalb Urlaub. Als dieser verweigert wurde, setzte er sich ab, wurde aber schnell gefasst und an die Front nach Frankreich geschickt. An der Somme wurde er bei einer Granatenexplosion in seiner Nähe lebendig begraben. Da er wegen dieses Vorkommnisses in einem seelischen Stresszustand war und sich über seine Frau und sein ungeborenes Kind Sorgen machte, meldete er sich krank, traf aber bei den Militärärzten auf kein Verständnis.
Danach machte sich Harry MacDonald davon und war einen Monat lang ohne Genehmigung abwesend, bevor er von der Militärpolizei in Boulogne verhaftet wurde. Nach einem Kriegsgerichtsverfahren wurde er am 4. November 1916 in Louvencourt von einem Kommando, das aus Kameraden bestand, erschossen. Im Jahr 1917 trug der Labour-Abgeordnete Philip Snowden im Unterhaus den Fall von MacDonalds Witwe vor, die, wegen der Hinrichtung ihres Mannes, keine Pension erhalten hatte. Snowdens Antrag wurde von der Regierung abgelehnt.

Bildunterschrift: Redmonds Aufruf an die Iren, sich der britischen Armee anzuschließen
Als Ende 1993 die Aufzeichnungen über das Verfahren gegen MacDonald der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, wurde auch ein Blatt Papier gefunden, auf dem ein leitender britischer Offizier geschrieben hatte: „Ich empfehle, dass das Urteil [im Morgengrauen zu erschießen] ausgeführt wird. Ich bin nicht der Ansicht, dass die Tatsache, dass eine Granate neben einem Mann explodierte, als Entschuldigung für Fahnenflucht akzeptiert werden sollte.“ Diese Erklärung wurde von General Sir Hubert de la Poer Gough unterzeichnet, der zwei Jahre vorher einer der Rädelsführer bei der Curragh-Meuterei gewesen war. Nach seiner Beförderung zum General hatte Gough das Kommando über die Fünfte Armee in Frankreich erhalten, wo er in kurzer Zeit wegen seiner Arroganz und seines üblen Führungsstils berüchtigt wurde. Sein Verhalten trug auch zu einer hohen Rate an Verletzten unter seinen Soldaten bei. Schließlich fiel er endgültig in Ungnade, als seine dezimierten und demoralisierten Soldaten bei einer deutsche Offensive Anfang 1918 geschlagen wurden.
Während des Ersten Weltkriegs wurden unter den Bestimmungen des Army Act in der britischen Armee über 3.000 Männer zum Tode verurteilt. Viele Urteile wurden in Gefängnisstrafen umgewandelt, aber mehr als 300 Soldaten wurden „im Morgengrauen erschossen“. 15) Im Durchschnitt bedeutete das für die ganze Zeit des Krieges mehr als eine Hinrichtung pro Woche. Jedoch kam es zu den meisten Hinrichtungen vor oder während der großangelegten Angriffe, wenn den Soldaten befohlen wurde, in den fast sicheren Tod zu gehen.
Sechsundzwanzig der Erschossenen kamen aus irischen Regimentern und andere hingerichtete Soldaten waren in der irischen Community in Britannien rekrutiert bzw. dienstverpflichtet worden. Patrick J. Downey aus Limerick meldete sich freiwillig für „das große Abenteuer“ und schloss sich der 10. Division an, die in Gallipoli kämpfte und in der Bucht von Sulva schwere Verluste erlitt. Der 19 Jahre alte Gefreite im 6. Leinster Regiment konnte sich nicht an das Leben an der Front anpassen und erhielt eine 84tägige Strafe (Field Punishment Number 1). Als Downeys Mütze, die er tragen musste, während er an das Rad einer Lafette gefesselt war, in den frierenden Morast neben seinem überdachten Lager fiel, wurde ihm befohlen, die durchweichte Mütze wieder aufzusetzen. Nachdem er dies zweimal verweigerte, wurde er wegen Ungehorsam angeklagt und vor ein Kriegsgericht gezerrt, das ihn zum Tode verurteilte. Leitende Offiziere machten sich Sorgen über die Disziplin im Bataillon und bestätigten das Todesurteil. Im Dezember 1915 wurde Downey durch ein Exekutionskommando in der Nähe des griechischen Hafens Saloniki hingerichtet.
Vier der hingerichteten Soldaten, J. McCracken, JU. Templeton, J. Crozier und G. Hanna, dienten bei der 36. Ulster Division. Major Frank Percy Crozier, ein nicht verwandter Namensvetter, hatte James Crozier persönlich rekrutiert, wobei er dessen besorgter Mutter versprochen hatte, nach ihrem Jungen zu schauen. An der Front dann, während eines harten Winters, verließ dieser Soldat, da er sich krank fühlte, seinen Posten, ohne jemanden zu informieren und ging zum Feldhospital. Wegen unerlaubten sich Entfernens von der Truppe wurde der 18jährige Soldat vor ein Kriegsgericht gestellt und zum Tode verurteilt. In der Nacht vor der Hinrichtung wurde der junge Soldat von seinen Freunden betrunken gemacht. Am nächsten Morgen wurde er, in gnädigem Rausch, zur Hinrichtungsstätte gebracht, an den Pfosten gebunden, man verband ihm die Augen und erschoss ihn.
E.P. Crozier, zu dem Zeitpunkt zum Oberst befördert, empfahl die Ausführung des Todesurteils. Er versuchte dann ohne Erfolg, den Tod des Jungen als „gefallen im Kampf“ verzeichnen zu lassen. Viele Jahre nach dem Krieg schrieb Crozier, mittlerweile Brigadegeneral, über die vielen inoffiziellen Tötungen von Soldaten, die von Offizieren und NCOs ausgeführt worden waren. Er erzählte wie er seinen Soldaten empfohlen hatte, mit Maschinengewehren verbündete portugiesische Soldaten niederzuschießen, die vor den Deutschen flohen. Crozier beschreibt auch, wie er einen jungen britischen Offizier erschoss, der die Nerven verloren hatte und weglief: „Niemals werde ich den gequälten Ausdruck im Gesicht dieses britischen Jungen vergessen, als er in Angst und Schrecken davonlief.“ In seinem Buch, das den aufrichtigen Titel „Die Männer, die ich tötete“ trägt, versucht Crozier seine Taten zu erklären: „Oh, ich weiß, Sie werden fragen, warum ich diesen britischen Untergebenen tötete. Die Antwort ist eher einleuchtend, als dass sie einfach wäre. Meine Pflicht war es, die Front unter allen Umständen zu halten. Für England waren die Kosten gering. Für Oberst Blimp in seinem Club und Mrs. Blimb in ihrem Boudoir waren die Kosten null. Für mich? Auch wenn es Mord bedeutete, die Front musste gehalten werden.“ 16)
15) Einzelheiten dazu in Shot at Dawn, von Julian Putkowski und Julian Sykes, Wharncliffe Publishing Ldt 1989
16) The Men I Killed, by F. P. Crozier, Michael Joseph 1937

Bildunterschrift: Männer der 36. Ulster Division 1916 an der Somme
Während des Krieges verbreitete sich in Britannien eine antideutsche Stimmung, die von der Regierung angeheizt wurde. Diese Stimmung war so stark, dass der britischen Königsfamilie geraten wurde, ihre Namen zu ändern. Im Jahr 1917 gab König George V. eine Proklamation heraus, in der er verkündete, dass er und alle anderen Abkömmliche von Königin Viktoria ihre deutschen Zunamen – sei es Saxe-Coburg-Gotha, Battenberg, Saxony oder Hesse – in Windsor umwandeln würden. 17) Antideutsche Gefühle wurden auch bei den Soldaten aufgepeitscht. In einem weiteren Buch mit dem Titel "Ein hohes Tier im Niemandsland" schrieb Crozier über das Training seines Bataillons für den Ersten Weltkrieg. Nachdem er den einfachen britischen Soldaten als freundlichen Kerl beschrieben hatte, fügte er hinzu, es sei notwendig, diese Mentalität zu zerstören. Crozier fuhr fort:
„Was mich betrifft tue ich alles, um die Auffassungen, das Verhalten und die Mentalität von mehr als 1000 Mann zu ändern… Blutdurst wird zu Kriegszwecken gelehrt….. beim Kampf mit dem Bajonett und indem man ihre Köpfe mit Propaganda vergiftet. Die deutschen Grausamkeiten, von denen ich viele bezweifele, die Verwendung von Kampfgas, die Übergriffe auf französische Frauen, der ‚offizielle Mord‘ an Schwester Carvell, all das hilft, die rohe Bestialität zu entfachen, die für den Sieg notwendig ist. Der Vorgang des ‚Rotsehens‘, der sorgfältig kultiviert werden muss, wenn die Wirkung anhalten soll, wird selbst den Bescheidenen und Sanften mit Nachdruck eingetrichtert… Die christlichen Kirchen sind die besten Erzeuger von „Blutdurst“, die wir haben, und wir müssen davon vollen Gebrauch machen.“ 18)
Aus einer anglo-irischen Familie stammend hatte Crozier zunächst gegen die Buren in Südafrika gekämpft und war dann bei der West African Frontier Force in Nordnigeria gewesen. Danach verließ er das Militär für ein paar Jahre, kehrte aber nach Irland zurück, um der Ulster Volunteer Force seine Dienste anzubieten. Er erhielt das Kommando in einer Spezialtruppe (shock troops) dieser illegalen unionistischen Armee und wurde dann zusammen mit anderen Männern aus der UVF im Ersten Weltkrieg in die britische Armee übernommen.
Nach dem Krieg verbrachte Crozier einige Zeit in Litauen, wo er die Armee für den Kampf gegen die Bolschewisten trainierte, bevor er dann nach Irland zurückkehrte, um die berüchtigten Hilfstruppen zu befehligen. Britische Truppen wurden auch in Winston Churchills „unerklärtem“ Krieg gegen den Bolschewismus eingesetzt. Aus Protest dagegen veröffentliche der Daily Herald ein Gedicht von Osbert Sitwell, das Churchill verspottet:
I think, myself,
That my new war
Is one of the nicest we’ve had;
It is not a war really,
It is only training for the next one,
And saves the expense of Army Manoeuvres,
Besides, we have not declared war;
We are merely restoring order –
As the Germans did in Belgium,
And as I hope to do later In Ireland ....
19)
17) The complete Idiot’s Guide to British Royalty, von Richard Buskin, Alpha Books 1998
18) A Brass Hat in No Man’s Land, F.P. Crozier, Cape 1930
19) Daily Harald, 22. Juli 1919

Bildunterschrift: 'Lusitania' Rekrutierungspropaganda
Im Jahr 1916 waren Exekutionskommandos auch in Irland aktiv gewesen, nachdem frustrierte Anhänger der irischen Unabhängigkeit in Dublin gegen die britische Herrschaft rebelliert hatten. Das Kriegsrecht wurde ausgerufen, der Osteraufstand niedergeschlagen und Militärgerichte verurteilten 15 der Anführer, darunter Pearse and Connolly, zum Tod durch Erschießen. Viele andere Gefangene wurden nach Britannien deportiert und dort in speziellen Gefangenenlagern eingesperrt.
Nach dem Ende des Weltkrieges fanden 1918 in Britannien allgemeine Wahlen statt. Sinn Féin erzielte in Irland einen erdrutschartigen Sieg und begann, eine republikanische Verwaltung aufzubauen, die von den Briten verboten wurde. Viele der neugewählten Abgeordneten von Sinn Féin wurden verhaftet und eingesperrt und die Irisch-Republikanische Armee begann mit ihrer bewaffneten Kampagne.
Die Republikaner wussten, dass sie die britischen Streitkräfte nicht in einer offenen Schlacht besiegen konnten, so legten sie es darauf an, stattdessen das Land unregierbar zu machen. Michael Collins, der über ein Informationsnetzwerk von Agenten innerhalb der Kolonialverwaltung verfügte, leitete eine rücksichtslose und höchst wirksame Guerilla-Kampage, die für die britischen Kräfte schwer zu besiegen war. Als der Konflikt international Aufmerksamkeit erregte, erkannte Britannien, dass man in Gefahr war, den Propagandakrieg zu verlieren, vor allem, da man im „Großen Krieg“ für sich beansprucht hatte, für die Rechte kleiner Nationen zu kämpfen. So weigerte sich Britannien, den Konflikt als Krieg zu betrachten. In dem Versuch, den Freiheitskampf zu kriminalisieren, wurde die Royal Irish Constabulary (RIC) zunehmend in vorderster Front eingesetzt, wobei britische Soldaten, außer in Gebieten mit starken IRA-Aktivitäten, im Hintergrund blieben.
Die Irish Constabulary war von Sir Robert Peel Anfang des 19. Jahrhunderts ins Leben gerufen worden. 1867 hatte Königin Viktoria der Truppe als Anerkennung für die Rolle, die sie bei der Unterdrückung der Fenier gespielt hatte, den Zusatz „Royal“ verliehen:
„Der Irish Constabulary brachte der Aufstand der Fenier unvergleichlichen Ruhm … In der Police Encyclopaedia schrieb der Autor Adams: ‚Am Freitag, den 6. September 1867, heftete im Phoenix Park in Anwesenheit des Lord Lieutenant die Marquise (später Herzogin) von Abercorn mit eigenen Händen die Medaillen, die nur für diese Gelegenheit gemacht worden waren, an die Brust der Männer, die sich besonders hervorgetan hatten. Zusätzlich zur Medaille erhielten einige noch Geld oder einen Winkel.‘
… Ihre Majestät waren erfreut, befehlen zu können, dass sie zukünftig Royal Irish Constabulary heißen und das Recht haben sollten, Krone und Harfe als Abzeichen zu tragen.“ 20)
Die RIC wurde außerhalb der Gebiete rekrutiert, die sie kontrollierte. Sie war zahlenmäßig doppelt so stark, was das Verhältnis zur Bevölkerungszahl angeht, als jede andere Polizeitruppe in England. Sie operierte aus Festungen heraus und unter strikter zentraler Kontrolle, sie war so eine bewaffnete repressive Kraft, die koloniale Autorität darstellte:
„Von Beginn an wurde die RIC von irischen Protestanten kontrolliert. Sie war verantwortlich gegenüber den irischen Behörden in Dublin, die entweder protestantisch oder anglo-irisch waren. Angenommen, die Hauptgegner der RIC waren irische Nationalisten – meistens (wenn auch nicht ausschließlich) Katholiken –, d.h. keine Kriminellen, sondern politisch Militante. Indem man die Kontrolle über den irischen Nationalismus eher zu einer polizeilichen denn zu einer militärischen Aufgabe erklärte, konnte man die Nationalisten in London oder Dublin zu bloßen Banditen erklären. Das Sicherheitsproblem konnte so heruntergespielt werden. Die Benutzung des Begriffs ‚Banditen‘ zur Bezeichnung Aufständischer, so lange sie eine Angelegenheit für die Polizei waren, wurde in vielen britischen Kolonien üblich, die das RIC-Modell übernahmen… 21)
20) The Irish Police – from earliest times to the present day, von Séamus Breathnach, Anvil Books 1974
21) Ethnic Soldiers, von Cynthia H. Enloe, Penguin Books 1980

Bildunterschrift: Die RIC sucht Dan Breen
Im Jahr 1910 beschrieb F.M. Bussy über von ihm beobachtete Vorfälle: „In Dublin habe ich gesehen, wie die Polizei die Köpfe der Menschen zerschlug und Frauen und Mädchen auf den Gehsteigen der Hauptstraße Fußtritte versetzte …. Ich sah die Royal Irish Constabulary, eine Truppe unter Befehl des britischen Kabinetts, wie sie dabei half, in einer grausamen Zeremonie Petroleum auf die strohgedeckten Dächer von Bauernhöfen zu gießen und sie in Brand zu stecken…“ Bussy fuhr fort:
Ich sah wie Salven von Schrot auf Frauen und junge Burschen in Belmullet geschossen wurden und ich sah einen dreieckigen Schnitt in den Kleidern einer jungen Frau, die vom Bajonett eines Polizisten, das von hinten in ihren Körper eingedrungen war, an den Boden genagelt war … Eine alte Frau und ein Mädchen waren getötet worden und jungen Burschen war in Belmullet Blei in den Rücken gejagt worden, weil sie sich versammelt hatten, die bewaffneten Kräfte der britischen Krone zu verspotten, die die Leute, die Nahrung brauchten, zwingen wollten, ‚Armengebühren‘ zu bezahlen … 22)
Später beschrieb David Neligan, der für Michael Collins in der RIC arbeitete, die Hierarchie dort in seinem Buch „The Spy in the Castle“: „Die obersten Ränge waren englischen oder irischen Protestanten sowie Freimaurern vorbehalten.“ Er beschrieb dann das RIC-Handbuch: „Auf einer der ersten Seiten wurden wir darüber informiert, dass die Mitgliedschaft in einer Geheimgesellschaft verboten war, die Freimaurer ausgenommen.“
Da es nun schwierig war, die IRA aufzuspüren, wurde die RIC als Offensivkraft eingesetzt, um die irische Bevölkerung einzuschüchtern. Unter dem Kommando von Generalmajor H.M. Tudor wurde die Hierarchie der Truppe von Offizieren gebildet, von denen viele – wie auch Tudor – direkt aus der Armee kamen. Die Counter Insurgency-Operationen wurden verstärkt und am 20. März 1920 sperrte eine Einheit von RIC-Leuten die Straßen rund um das Haus des Oberbürgermeisters von Cork, Tomás Mac Curtáin, ab. Nachdem sie die Türe eingeschlagen hatten, bedrohten einige der Polizisten seine Frau mit der Waffe, während andere nach oben rannten und MacCurtáin erschossen. Die Untersuchung dazu kam zu folgendem Urteil:
„Wir stellen fest, dass der verstorbene Alderman Thomas MacCurtain, Oberbürgermeister von Cork, am Schock und schweren Blutungen gestorben ist, die durch Schussverletzungen hervorgerufen wurden; dass er absichtlich mit äußerst kaltschnäuziger Brutalität ermordet wurde; dass der Mord von der Royal Irish Constabulary organisiert und ausgeführt wurde, die offiziell der britischen Regierung untersteht; wir verurteilen David Lloyd George, Premierminister von England, wegen absichtlichen Mordes; außerdem Lord French, Lord Lieutenant von Irland; Ian Macphearson, den ehemaligen Irlandminister; den Generalinspekteur der Royal Irish Constabulary, General Smith; Divisional Inspector Clayton von der Royal Irish Constabulary; District Inspector Swanzy, und einige unbekannte Mitglieder der Royal Irish Constabulary.“ 23)
Terence MacSwiney, der Nachfolger MacCurtáins im Amt der Oberbürgermeisters, wurde von britischen Soldaten verhaftet und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er Dokumente
besessen hätte, die „geeignet waren, Abneigung gegen die Majestät des Königs“ zu erregen. MacSwiney wurde nach Brtiannien gebracht, wo der im Gefängnis von Brixton nach einem 74 Tage langen Hungerstreik starb.
22) The Irish Police – from earliest times to the present day, von Séamus Breathnach, Anvil Books 1974
23) Ebd., The Irish Police – from earliest timest o the present day, von Séamus Breathnach

Bildunterschrift: Lord French inspiziert die RIC. French, der die britischen Truppen in Frankreich kommandiert hatte, wurde 1918 zum britischen Vizekönig in Irland ernannt
Die irische Bevölkerung benahm sich zunehmend feindselig gegenüber der britischen Besatzung und Verweigerung der Zusammenarbeit, gekoppelt mit kleinen Sabotageakten, wurde alltäglich. Irland wurde zum Armeelager, in Dublin und in anderen Städten patrouillierten Soldaten mit Bajonetten. Viele der Soldaten hatten im „Großen Krieg“ gekämpft und manche sagten, der Dienst in Irland verursache größeren Stress als das Leben in den Schützengräben. Aber innerhalb der RIC gab es Anzeichen von noch größerem Druck, sowohl moralischer Art als auch hervorgerufen durch IRA-Angriffe, die schwere Verluste verursachten (bis Ende des Jahres 1921 waren 400 RIC-Leute getötet worden, im Vergleich dazu „nur“ 160 Soldaten). So beschloss die britische Regierung eine Aufstockung der Einheiten mit noch rücksichtsloseren Männern.
Zu dieser Zeit war Europa voll von demobilisierten Soldaten; viele Männer waren traumatisiert und brutalisiert durch ihre Erfahrungen von der Front zurückgekommen. In Deutschland wurden viele dieser desillusionierten Veteranen in die antirevolutionären Freikorps rekrutiert:
Es gab zweifellos eine Rücksichtslosigkeit, ein Gefühl der Verzweiflung bei diesen Männern, die nicht in der Lage waren, wirkliche politische Ziele zu formulieren und die zu Recht oder zu Unrecht sich von der Nation im Stich gelassen fühlten, für deren Sache sie sich einsetzten. Die Unterdrückung der Revolution in Berlin oder München war begleitet von brutalen Morden, und solche Morde geschahen sogar noch nach der Auflösung der Freikorps, oft begangen von deren früheren Mitgliedern.. Die 324 politischen Morde, die die politische Rechte zwischen 1919 und 1923 beging (im Vergleich zu 22 Morden, begangen von der extremen Linken) wurden zum größten Teil von früheren Soldaten unter dem Kommando ihrer ehemaligen Offiziere begangen…. 24)
Die „neuen Männer“ in den Freikorps sahen sich selbst die Kameradschaft fortsetzen, die sich zwischen den kämpfenden Männern an der Front entwickelt hatte. Ein Freikorpsmitglied, Ernst Salomon, schrieb: „Wir waren von der Welt bourgeoiser Normen losgetrennt … die Bindungen waren zerbrochen und wir waren befreit … Wir waren eine Bande von Kämpfern, voller Leidenschaft; voller Gier und jubelnd in der Tat.“
Veteranen wurden von ihren früheren Offizieren in die Freikorps rekrutiert und dazu benutzt, die politische Linke zu vernichten. Nach einem misslungenen Aufstand in Berlin wurden die revolutionären Führer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg von Freikorpsleuten gefangen. Sie wurden in das Hauptquartier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division gebracht und dann von Offizieren ermordet. Viele Freikorpsmitglieder wurden später Teil der Sturmtruppen der NSDAP, die von einem ehemaligen Hauptgefreiten des Ersten Weltkriegs geleitet wurde – von Adolf Hitler.
24) Fallen Soldiers – Reshaping the Memory of the World Wars, George L. Mosse, Oxford University Press 1990

Bildunterschrift: Rosa Luxemburg – sie wurde nach ihrer Gefangennahme durch Freikorpsangehörige ermordet
Am Gedenktag zum Waffenstillstand marschierten 1922 in London 25.000 arbeitslose Veteranen des Ersten Weltkriegs in Erinnerung an die Toten am Kriegsmahnmal vorbei. Aus Protest gegen ihre eigene Not steckten viele Pfandscheine neben ihre Medaillen. Der ehemalige Soldat George Coppard erinnert sich: Lloyd George und Konsorten hatten große Reden geschwungen darüber, wie gut das Land die Helden aufnehmen würde, aber das war alles nur heiße Luft. Es wurden keine praktischen Schritte unternommen, um die breite Masse der demobilisierten Männer wieder in die Gesellschaft zu integrieren.
Da die Versprechen der Politiker gegenüber den kämpfenden Männern nicht gehalten worden waren, mussten die Veteranen selbst schauen, wo sie blieben. So erklärt Coppard: „Ich stellte mich in die Schlangen von Arbeitslosen für Botenjobs, Jobs als Fensterputzer oder Küchenjunge … Vereinzelte Männer erhielten 29 Schilling pro Woche Arbeitslosengeld als besondere Vergünstigung, aber es gab keine Arbeit für die 'Helden', die so wie ich in den Billiardsälen herumhingen. Die Regierung hielt nie ihre Versprechen.“
Ähnlich den Freikorps in Deutschland wurden viele britische Veteranen von ihrem Establishment rekrutiert und nach Irland geschickt, um dort die irischen Nationalisten zu bekämpfen. Exoffiziere schlossen sich einer Eliteeinheit mit dem Namen Auxilaries an, die von F.P. Crozier kommandiert wurde. Ehemaliges Fußvolk, das verzweifelt nach Arbeit und Abenteuer suchte, wurde als Black and Tans nach Irland geschickt wurde.
In seinem Buch Out of the Lion’s Paw beschrieb Constantine Fitzgibbon diese berüchtigte Einheit: „Die Black and Tans erlangten ihren Namen von den Hunden der Jagd von Limerick, ..... Sie trugen Uniform, einige hatten die schwarze Jacke der RIC über den Khaki-Hosen der britischen Soldaten, oder umgekehrt. Dieser Aufzug war symptomatisch für die ganze Truppe, die weniger eine militärische Einheit war – sie war der Armeedisziplin nicht unterworfen –, noch im eigentlichen Sinn eine Polizeitruppe.“ Fitzgibbon fuhr fort:
In ganz Europa gab es junge Männer, die direkt von der Schule in die Schützengräben geschickt worden waren und die kein anderes Leben als das des Soldaten kannten. Dieser erbarmungswürdige menschliche Überrest eines ganz fürchterlichen Krieges lieferte die Männer, die mit Mussolini nach Rom marschierten, die an den deutschen Grenzen in den Freikorps kämpften und später den Kern der nationalsozialistischen Partei bildeten und die auf beiden Seiten des russischen Bürgerkriegs kämpften. In Britannien schlossen sich einige von ihnen den Black and Tans an, die aufgestellt wurden, um die schwindenden Kräfte der RIC zu stärken, während einige der Offiziere sich einer etwas eindrucksvolleren Truppe anschlossen, den Auxiliaries, die den Terror selektiver und effektiver ausüben sollten. 25)
25) Out of the Lion’s Paw – Ireland wins her Freedom, Constantine Fitzgibbon, Macdonald and Co Ltd 1969

Bildunterschrift: Die Streitkräfte der Krone: Links – ein Dubliner Polizist von der Metropolitan Police steht zwischen zwei Auxiliaries. Rechts – eine britischer Soldat, ein Zivilbeamter und ein Black and Tan
Die Auxiliaries und die Black and Tans wurden, sobald sie einmal rekrutiert waren, nach Irland gebracht und dort in RIC-Kasernen untergebracht – sie sollten die Speerspitze bei repressiven Operationen bilden. Der Divisionskommissar für Munster, Gerald Bryce Ferguson Smyth, berief in den Listowel-Polizeikasernen eine Sitzung ein, und erzählte seinen Leuten, dass die britische Regierung ihn mit einer neuen Politik beauftragt habe, die er enthusiastisch beschrieb:
Wir wollen eure Hilfe bei der Ausführung dieser Pläne und bei der Auslöschung von Sinn Féin. 26)
Einige Polizisten waren gegen die Anwesenheit der Black and Tans und diese neue aggressive Politik. Etwa 500 RIC-Leute reichten ihren Rücktritt ein und einige verließen die RIC nach gewissen Vorfällen in ihren Kasernen. Daniel Francis Crowley, der von 1914 bis 1920 bei der RIC diente, beschrieb, was in der Listowel-Kaserne geschah, nachdem Kommisar Smyth seinen Leuten die neuen Befehle gegen hatte:
Sergeant Sullivan sprach sofort und sagte, dass sie nach dem, was er gesagt hatte, sagen könnten, dass Colonel Smyth Engländer sei, und dass sie solche Befehle nicht befolgen würden; er zog seinen Mantel aus, nahm seine Mütze und seinen Gürtel ab und legte sie auf den Tisch. Colonel Smyth and Inspector O’Shea befahlen, ihn wegen Unruhestiftung zu verhaften, aber 19 andere standen auf und sagten, falls einer ihn anfasste, würde Blut fließen. Die Soldaten, die Colonel Smyth mitgebracht hatte, kamen herein, aber die Konstabel nahmen ihre geladenen Gewehre und Colonel Smyth und seine Soldaten gingen zurück nach Cork. Gleich am nächsten Tag zogen die RIC-Leute Zivilkleider an und verließen die Kaserne. 27)
Viele derer, die austraten, wurden eingeschüchtert, bedroht und sogar von den Black and Tans ausgepeitscht. Crowley, der „wegen der Misswirtschaft Englands in Irland zurücktrat“, floh nach Drohungen der Black und Tans aus dem Land, nachdem sein Freund Konstable Fahey von ihnen erschossen worden war.
Trotz der Ablehnung in der RIC wurde die „neue Politik“ schnell umgesetzt, aggressive Aktionen wurden gegen Menschen ausgeführt und das „Kriegsrecht“ in Gegenden erklärt, die für IRA- und Sinn Féin-freundlich gehalten wurden:
„Vielleicht wurde der größte Einzelakt an Vandalismus von britischen Streitkräften und Polizei am 11. und 12. Dezember 1920 begangen, als das Stadtzentrum von Cork geplündert und niedergebrannt wurde … Cork war natürlich nur einer von vielen Plätzen, die unter einer Politik zu leiden hatten, die Polizei und Militär zu Exzessen ermutigte. Florence O’Donoghue stellte fest, dass in nur einem Monat die Kräfte von ‚Gesetz und Ordnung‘ 24 Städte in Brand gesteckt und teilweise zerstört hatten; in einer Woche hatten sie Balbriggan, Ennistymon, Mallow, Miltown-Malbay, Lahinch und Trim gebrandschatzt …“ 28)
F.P. Crozier hatte versucht, seine Auxiliaries etwas zu kontrollieren, indem er den einen oder anderen wegen begangener Greueltaten und Plünderungen verhaften bzw. suspendieren ließ. Aber er musste feststellen, dass man diese Leute hinter seinem Rücken wieder einsetzte, nachdem einige der Suspendierten nach London gegangen waren und den Politikern damit gedroht hatten, die Wahrheit über Vorfälle bei der Niederbrennung von Cork öffentlich zu machen. Crozier kam zu dem Schluss, dass er nicht weitermachen konnte und trat zurück. Er war vom Umgang Westminsters mit Greueltaten so angewidert, dass er später Pazifist wurde und in den dreißiger Jahren die Arbeit der Peace Pledge Union in England aktiv unterstützte. Der ‚inoffizielle‘ aber offiziell organisierte und abgesegnete Staatsterror der Black and Tans und der Auxiliaries verbreitete Angst und Schrecken, aber schließlich verstärkte er doch nur das irische Nationalgefühl und ließ die Unterstützung der IRA anwachsen.
26) The Irish Police – from earliest times to the present day, Séamus Breathnach, Anvil Books 1974
27) Ebenda, The Irish Police – from earliest times to the present day, Séamus Breathnach
28) Ebenda, The Irish Police – from earliest times to the present day; von Séamus Breathnach

Bildunterschrift: Lloyd George, Sir Hamar Greenwood und Bonar Law sprechen mit einem RIC-Mann in Londen, nachdem sie eine Parade von Auxiliaries auf dem Weg nach Irland abgenommen hatten
In der viktorianischen Zeit, als das expandierende Empire immer mehr Soldaten zu Eroberung- und Unterdrückungszwecken brauchte, stammten viele davon aus ehemals kolonisierten Völkern – darunter auch Waliser, Schotten und Iren: „Der Historiker Macaulay schrieb über die Bezahlung der britischen Soldaten, dass "sie die englische Jugend nicht in ausreichender Zahl anziehen würde; und man hält es für notwendig, den Fehlbestand durch Rekruten aus der ärmeren Bevölkerung von Munster und Connaught auszugleichen“. 29) Die meisten der irischen Regimenter in der britischen Armee wurden nach der Herkunftsgegend der jeweiligen Einheit benannt, wie z.B. Connaught Rangers, Munster Regiment, Dublin Fusiliers oder Leinster Regiment etc.
1982 folgte James Connolly, der von Eltern aus der irischen Arbeiterklasse in Edinburg aufgezogen worden war, seinem Bruder in die britische Armee. Während die Armut für seinen Armeeeintritt bestimmt eine Rolle spielte, gab es darüber hinaus auch eine Tradition, die die Fenier bei national denkenden Iren begründet hatten, nämlich sich der Armee anzuschließen, um den Umgang mit Waffen zu erlernen:
Als sich James Connolly im Alter von 14 dem ersten Bataillon des King’s Liverpool Regiment anschloss, beging er damit keinen Verrat, sondern tat das damals Übliche. Das Regiment galt als irisch. Die Uniform war dunkelgrün und das Abzeichen eine irische Harfe, darüber eine Krone. … Das Bataillon wurde im Juli 1882 nach Cork geschickt und so sah Connolly Irland zum ersten Mal als grober Militärangehöriger. Er sollte fast sieben Jahre dort bleiben. 30)
Später kam Connolly als Zivilist nach Irland zurück, wurde Arbeiterführer und organisierte Gewerkschaften in Dublin und Belfast. Connolly wurde zu einem führenden Radikalen. 1914 warnte er fast prophetisch vor den Gefahren, die aus einer Teilung Irland entstünden: „Ein solches Vorhaben würde die Arbeiterbewegung auseinanderreißen und zerstören. Es würde in noch schlimmerer Weise die Uneinigkeit, die jetzt schon weit verbreitet ist, zementieren und Home Rule und den Oranier-Kapitalisten sowie dem Klerus helfen, ihr öffentliches Geschrei als politische Parole des Tages aufrecht zu erhalten.“
Connolly fand für seine militärischen Kenntnisse auch eine gute Verwendung, als er eine Arbeitermiliz gründete. 1916 verbündete sich Connollys Irish Citizen Army, die weder König noch Kaiser diente, auf den Straßen Dublins zum Osteraufstand mit den Irish Volunteers. Connolly wurde besonders gefürchtet, da er einen radikalen Sozialismus zu einem festen Bestandteil der irischen Politik gemacht hatte. Nachdem er gefangen genommen und bereits schwer verwundet war, holte man ihn aus dem Krankenbett, band ihn an einen Stuhl, da er nicht stehen konnte, und ließ ihn durch ein Exekutionskommando der britischen Armee erschießen.
Ein Jahr bevor Connolly hingerichtet wurde, schloss sich 1915 der 17 Jahre alte Tom Barry der britischen Armee an, „um zu sehen, wie Krieg ist, um ein Gewehr zu bekommen, neue Länder zu sehen und um sich als erwachsener Mann zu fühlen. 31) Im Mai 1916 diente er bei der Mesopotamian Expeditionary Force:
"Eines Abends kam ich an dem ordentlichen Zelt vorbei, vor welchem Heeresberichte veröffentlicht wurden. Normalerweise nahm man diese nur beiläufig wahr… Aber an diesem Abend gab es ein besonderes Kommuniqué mit der Überschrift REBELLION IN DUBLIN“. Es berichtete über den Granatbeschuss der Dubliner Hauptpost und der Liberty Hall, von Hunderten getöteten Rebellen, von Tausenden von Verhafteten und von Anführern, der exekutiert wurden. … Ich las diese Nachrichten drei-, viermal und jetzt, 32 Jahre später, kann ich mich fast immer noch Wort für Wort an sie erinnern." 32)
Diese Geschehnisse in dem weit entfernten Dublin erweckten in Barry irische nationale Gefühle und zwangen ihn, seine Loyalität zur britischen Armee, in der er diente, zu hinterfragen. Aber erst nach Ende des Ersten Weltkriegs, nachdem er in Ägypten, Palästina, Italien und Frankreich gedient hatte, gelang es ihm, Anfang des Jahres 1919 in seine Geburtsstadt Cork zurückzukehren. Dort schloss er sich der IRA an und wurde einer ihrer härtesten und erfolgreichsten Kommandeure. Er war für die West Cork Flying Column verantwortlich und führte einen Guerillakrieg gegen RIC, Black and Tans, Auxiliaries und die britische Armee – vor allem gegen Major Percival und sein Essexer Regiment.
29) Mutiny for the Cause, Sam Pollock, Leo Cooper Ltd. 1969
30) The Life and Times of James Connolly, C. Desmond Greaves, Lawrence & Wishart 1976
31) Guerrilla Days in Ireland, Tom Barry, Anvil Books 1962
32) Ebenda, Guerrilla Days in Ireland, Tom Barry

Bildunterschrift: James Connolly. Hauptbild: Irish Citizen Army bei der Parade vor der Liberty Hall, dem Hauptsitz der Irish Transport and General Workers‘ Union
Die Meuterei der irischen Soldaten
1920 diente das Erste Bataillon der Connaught Rangers in den Wellington-Kasernen in dem im indischen Punjab gelegenen Jullundur. Die meisten dieser Männer waren Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg und ebenso wie Barry vier Jahr zuvor beunruhigten sie Berichte vom anglo-irischen Konflikt zu Hause. Vor allem die Aktivitäten der Black and Tans und der Hilfstruppen, von denen sie von Verwandten und Freunden erfuhren, führten zu Groll und Wut. Die Situation spitzte sich zu, als eine Anzahl von Soldaten sich weigerten, weiter zu dienen, solange die Black and Tans in Irland waren.
Der Oberst ließ eine Parade abhalten und appellierte an die Soldaten, sich an die vielen Schlachten zu erinnern, die das Regiment gewonnen hatte, das den Spitznamen „Devil’s Own‘ trug. Am Ende der Rede trat der Gefreite Joseph Hawes vor und sagte: „All die Ehrungen auf den Farben der Connaught Rangers sind für England. Es gibt keine Ehrung für Irland, aber es wird heute eine geben und das wird die größte Ehrung von allen sein.“
Um sicherzustellen, dass ihr Protest auch bemerkt würde, übernahmen die Männer die Kontrolle über ihre Kasernen. Der Union Jack wurde eingeholt und die irische Trikolore, die man aus Stoff vom örtlichen Basar gefertigt hatte, wurde gehisst – zum ersten Mal wurde die irische Flagge im Ausland gehisst. Es war gerade ein Jahr her seit dem Massaker von Amritsar und einige der Männer hatten Sympathien mit der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Sie merkten, dass sie in Indien zu dem eingesetzt wurden, was die britischen Truppen in Irland taten.
Die Meuterei der Connaught Rangers wurde niedergeschlagen, als die Männer von anderen Armeeeinheiten umzingelt und dann vor ein Kriegsgericht gestellt wurden. Während der Verhandlung wurde der englische Sergeant Woods, der sich den Männern angeschlossen hatte, gefragt, wieso er sich von den Ereignissen in Irland betroffen fühlte. Woods, der die DCM in Frankreich gewonnen hatte, antwortete: „Diese Jungs haben mit mir für England gekämpft, so war ich bereit, mit ihnen für Irland zu kämpfen.“
Am 2. November 1920 wurde der 22jährige Gefreite James Daly, der einen erfolglosen Angriff auf die Waffenkammer in Solon angeführt hatte, bei dem zwei seiner Kameraden getötet worden waren, von einem Exekutionskommando der Armee erschossen. Sechzig andere Soldaten erhielten lange Zuchthausstrafen; einige von ihnen wurden im Militärgefängnis in Indien brutal geschlagen. In Handschellen und Fußeisen wurden die Männer mit dem Zug an die Küste gebracht, um auf ein Schiff nach England zu warten, wo sie ihre Strafe absitzen sollten. Als sie an Bord des Kriegsschiffes gingen, beobachtete eine neugierige Menge aus Indern und Europäern ihre Einschiffung und die Rangers wandten sich an sie mit ironischen Zurufen wie „Freiheit für kleine Nationen?“ und „Seht her, das bekommt ihr, wenn ihr für England kämpft!“ 33)
Zwei Jahre nach der Meuterei wurden die Connaught Rangers wie auch die meisten anderen britischen Armeeregimenter, die sich aus Rekruten aus dem neuen irischen Freistaat zusammensetzten, aufgelöst. Joseph Hawes, einer der Verurteilten, hatte die Aktionen der Black and Tans in Irland mitbekommen. Er sagte später: „Als ich mich 1914 der britischen Armee anschloss, erzählte man uns, wir würden für die Befreiung kleiner Länder kämpfen.
Aber als der Krieg vorbei war und ich nach Irland zurückkam, fand ich heraus, dass das nur leere Worte waren, soweit es kleine Länder wie auch meine Heimat betraf. 34)
33) Mutiny for the Cause, Sam Pollock, Leo Copper Ltd. 1969
34) Ebenda, Mutiny for the Cause, Sam Pollock

Vor 1914 hatten die europäischen Nationen ihre Reviere abgesteckt und ihre jeweiligen Imperien aufrechterhalten, indem sie ihre überlegene militärische Technologie gegen die Bevölkerung ihrer Kolonien einsetzten. Während des „Großen Krieges“ von 1914 bis 1918 mit seinem Morast, den Schützengräben, Maschinengewehren und Artilleriebombardements benutzten sie ihre modernen Waffen, um sich gegenseitig abzuschlachten. Britische Generäle zeigten nicht mehr Skrupel, ihre eigenen Leute in den Tod zu schicken, als beim Massaker an den Derwischen in der Schlacht von Omdurmann weniger als zwei Jahrzehnte zuvor. Der Wettstreit zwischen den rivalisierenden Imperien war der Hauptgrund für den Krieg. Das deutsche Militär hatte wegen der Berichte deutscher Spione über die Auseinandersetzung über Home Rule und die Meuterei der Offiziere bei Durragh gedacht, die britische Armee sei in Unordnung.
In Schottland war der Arbeiterführer John MacLean wegen seines Widerstandes gegen den „Großen Krieg“ eingesperrt worden. 1920 veröffentlichte MacLean The Irish Tragedy: Scotland’s Disgrace [Die irische Tragöde. Schottlands Schande], eine Streitschrift gegen die britische Herrschaft in Irland.
Während des gesamten Krieges rechtfertigte die britische Regierung ihre Kriegsteilnahme damit, dass es sich um einen Krieg der "Demokratie" gegen das Preußentum handele, und dass der Krieg die Rechte kleiner Nationen garantieren würde, wenn die Alliierten gewännen.
... Aber Irland Unabhängigkeit zu geben ist etwas anderes. Trotz Irlands wunderbarer Einigkeit und Solidarität in der Frage der Loslösung von Britannien, besteht die Koalitionsregierung mit Gewalt auf Irlands Zugehörigkeit zu Britannien ... Für jeden gerecht denkenden Menschen ist Britanniens Anspruch auf Irland ein ganz alarmierendes Beispiel einer 'terroristischen Diktatur', da Britannien Irland gegen irischen Wunsch beherrscht, mit bombenbewehrten Polizisten und einer gewaltigen Armee ...
Demokratie bedeutet in Britannien, mit einem klaren Mehrheitsvotum zu regieren ... Wie wurde in Irland bei den allgemeinen Wahlen im Jahr 1918 gewählt? Sinn Fein und die Redmondites erhielten 1.211.516 Stimmen bzw. 79,3 % der Gesamtstimmen; die Unionisten erhielten 271.455 Stimmen bzw. 17,8% und die Independents und die Labourists 45.939 bzw. 2,9 %. Der Wahlausgang zeigt deutlich, dass das irische Volk sich um seine Angelegenheiten selbst kümmern will.
... Die irische Wahlentscheidung wurde noch einmal im Januar 1920 bei den Kommunalwahlen bestätigt, als 95% der Gemeinden außerhalb von Ulster durch das Verhältniswahlrecht in die Hand der Republikaner kam. Sogar Derry und Lurgan in Ulster wurde den Unionisten genommen. In Lisburn, Dungannon und Cookstown haben die Carsonites nur eine einfache Mehrheit. Es ist offensichtlich, dass Britannien keine Entschuldigung dafür hat, Irland mit Truppen zu überschwemmen, und es ist die Pflicht der britischen Labour Party dafür zu sorgen, dass diese Soldaten, meistens Jungen im Alter von 18 Jahren, zurückgezogen werden und die Iren ihre Angelegenheiten selbst regeln können.
Die Regierung verteidigt ihr Festhalten an Irland mit der Behauptung, es sei ihre heilige Pflicht, die protestantischen Oranier zu schützen, denen eine harte Zeit bevorstehen würde, falls die katholischen Iren sich in einer irischen Republik vollständig durchsetzten. Diese Art der Argumentation war ein guter Bluff im Jahr 1914, aber kann bei klar denkenden Menschen keinen Bestand haben, die gewitzt genug sind, zwei und zwei zusammenzuzählen.
Man erinnere sich nur an Britanniens Entschuldigung für den Kriegseintritt. Ging es nicht darum, das arme kleine Belgien gegen Deutschland zu verteidigen? ... Aber jedermann sollte wissen, dass die Belgier katholisch sind und die Preußen protestantisch. Glaubt irgend jemand wirklich, dass Britannien den Weltkrieg geführt hat, um auf dem Kontinent Katholiken gegen Protestanten zu beschützten und sich nun daran macht, die Smaragdinsel in katholisches Blut zu tauchen, um Protestanten zu schützten?
Feldmarschall Sir Henry Wilson enthüllte den belgischen Bluff Mitte Mai 1920 im Union Jack Club, als er auf für einen Militär indiskrete Weise ausplauderte, dass Britannien in den Krieg eintrat, um seine eigene Haut zu retten. Dafür, dass ich das gleiche, mit anderen Worten natürlich, gesagt hatte, hatte man mich zu drei Jahren Gefängnis und, daran anschließend, fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt.
... Sir Henry Wilson hat vollkommen recht, wenn er sagt, dass Britannien aus selbstsüchtigen Gründen in den Krieg eingetreten ist – um die britische kapitalistische Vorherrschaft in der Welt zu erhalten. Mag das nicht auch das halsstarrige Beharren darauf erklären, dass Irland keine Unabhängigkeit erhalten soll? Ich denke, ja. Britannien mordete Menschen, um Ägypten den Suez-Kanal zu rauben und es behält Ägypten, obwohl es dort kein Ulster gibt...
Während des Jahres 1919 und in den ersten Monaten des Jahres 1920 wurden 66 irische Parlamentsmitglieder, die 1918 gewählt worden waren, nach Prozessen, die eine Farce waren, oder ohne jegliches Gerichtsurteil inhaftiert. Nur sieben MPs entkamen dem Gefängnis, weil sie Irland gleich nach ihrer Wahl verlassen hatten ... Es gibt kein Verbrechen, zu dem die Regierung Polizei und Soldaten nicht angestiftet hat, um diesen Krieg mit Irland bis aufs Messer weiterzuführen. In der Zeit von Mai 1916 bis Dezember 1919 war die Regierung in Irland für 59 Morde, 2084 Deportationen, 575 bewaffnete Überfälle auf unbewaffnete Zivilisten, 14153 Durchsuchungen von Privathäusern, 5041 Verhaftungen, 2038 Urteile, 369 Proklamationen unterdrückerischer Maßnahmen, 53fache Zeitungszensur, 506 Kriegsgerichtsurteile verantwortlich ... 35)
John MacLean war wegen seiner sozialistischen Aktivitäten und seines Widerstands gegen den Krieg fünfmal im Gefängnis. Er wurde in Glasgow zum bolschewistischen Konsul ernannt und in Moskau trägt eine Straße seinen Namen.
35) MacLeans Streitschrift wurde Ende 1973 vom Troops Out Movement mit einer Einleitung von Harry McShane und einem Nachwort von Aly Renwick noch einmal veröffentlicht

Bildunterschrift: John MacLean – zweimal im Gefängnis, weil er den "Großen Krieg" verurteilte, er verurteilt den Kapitalismus von der Anklagebank aus
Der Krieg in Irland wurde in der ganzen Welt mit Interesse verfolgt, auch von Anhängern nationaler Unabhängigkeit in vielen Teilen des Empire. Als sich die Guerillataktik der IRA als effektiv erwies, antwortete die britische Regierung darauf mit Friedensverhandlungen mit irischen Politikern, um einen Waffenstillstand zu erreichen und am Konferenztisch das zu gewinnen, was sie im Kampf nicht hatte erreichen können:
Lloyd Georges Angebot war diesmal ohne jede Vorbedingung – frühere Angebote hatten zunächst das Niederlegen der Waffen verlangt. Er war ernsthaft an Frieden interessiert; er war vor seinen Armeeführern auf der Hut, die darauf insistierten, 100000 Mann und 1000 Millionen Pfund zu benötigen, um in Irland zu siegen. Die grausamen Handlungen der Black and Tans und der Auxiliaries führten zu einer Verhärtung der irischen Haltung und beunruhigten die britische Öffentlichkeit; nur ein Patt schien möglich zu sein. 36)
Die Gespräche dauerten zwei Monate, während derer Lloyd George in schlauer Weise Versprechen abgab, die nicht gehalten werden würden: "Lloyd George versicherte Craig, dass eine Grenzkommission den Unionisten den Löwenanteil von Ulster überlassen würde, während er der irischen Delegation einen ganz anderen Eindruck vermittelte; sie glaubten, dass im Norden ein Plebiszit abgehalten würde, das zur endgültigen Einheit führte." 37) Dann unterzeichneten die irischen Delegierten angesichts der Drohung Lloyd Georges mit "unmittelbarem und schrecklichem Krieg" den Vertrag.
In Irland brach unter den Befürwortern der nationalen Unabhängigkeit nun ein Bürgerkrieg aus. Die britische Regierung hatte die Regierung des Freistaats dazu bewegt, gegen die Vertragsgegner vorzugehen und sie dabei unterstützt – auch mit Waffen. Lord Birkenhead, einer der britischen Unerzeichner des Vertrags, kommentierte später: "Wenn es Kämpfe geben muss, dann sollte es vor allem irisches Blut sein, das vergossen wird. ... Mir war lieber, Michael Collins würde von de Valera Verräter genannt, als dass mich irgend jemand so bezeichnete." 38)
Während Politiker in Westminster einander gratulierten, wurde die Teilung Irlands konsolidiert und ein von England gestütztes Nordirland geschaffen. Während des Konflikts waren katholische Arbeiter mit Gewalt aus den Belfaster Werften verjagt worden und jetzt, nach vollzogener Teilung, wurde viele Häuser von Nationalisten niedergebrannt und Tausende flohen über die neue Grenze in den Süden. Der Betrug, die Drohungen und Gewalt, die die neue Sechs-Grafschaften-Provinz hervorbrachten und aufrechterhielten, sollte eine tragische Erblast für die Zukunft sein – die ein halbes Jahrhundert später wieder zu Chaos und Gewalt führen würde.
Für das britische Establishment war das Ergebnis ein guter Kompromiss zwischen den sich widerstreitenden Strategien des direkten oder indirekten imperialistischen Einflusses – eine neokoloniale Freistaatlösung im Süden, während im Norden die englische Direktherrschaft weiterging. Für die Iren sowohl im Norden als auch im Süden war das Ergebnis ein Desaster. Die erfolgreiche Kampagne, die Home Rule verhindert hatte, hatte im Gegenzug zum Osteraufstand, dem englisch-irischen Krieg, dem tragischen irischen Bürgerkrieg und schließlich zur Teilung geführt.
Genau wie heute, wenn wir beobachten müssen, wie die Unionisten versuchen, den irischen Friedensprozess aufzuhalten, ihn sogar umzudrehen, sollten wir uns daran erinnern, dass diese Reaktionsweisen nicht nur in Nordirland entstehen, sondern auch in Teilen des britischen Establishments tief verwurzelt sind. In seinem Buch Divided Ulster zeigte der irische Historiker Liam de Paor auf, woher die Opposition zu jeder Form irischer Unabhängigkeit während der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts hauptsächlich herkam:
Die wirkliche Kraft, die sich gegen den Bruch der Union stemmte, kam nicht aus Ulster. Lord Randolph Churchill war nicht aus Ulster, Carson nicht, Lord Milner nicht, Lord Roberts nicht, General Sir George Richardson nicht, General Hubert Gough ebenfalls nicht. Der Trotz, mit dem das englische Parlament die irische Selbstverwaltung ablehnte, brachte das Vereinigte Königreich an den Rand eines Bürgerkriegs und Irland darüber hinaus, das geteilte Irland war das Irland der Offiziere und Gentlemen der herrschenden Klasse Englands. 39)
Die britische herrschende Klasse ließ den Exsoldaten James Connolly und die anderen gefangenen Anführer des Osteraufstandes erschießen – weil sie es gewagt hatten, sich ihrer Herrschaft in Irland zu widersetzen. Gleichzeitig wurden britische Soldaten an der Front in Frankreich, auch Männer aus der 36th Ulster Division waren dabei, erschossen, da sie keine große Lust auf den abscheulichen Schützengrabenkrieg gezeigt hatten. Der Veteran aus dem Ersten Weltkrieg, James Daly, wurde in Indien erschossen, weil er den Einsatz der Black and Tans in Irland hinterfragt hatte. Die Offiziersklasse dagegen kam trotz Hochverrats davon – die meisten Offiziere, die bei Curragh gemeutert hatten, wurden in der Folge innerhalb der Armee befördert. Auch das britische Establishment, das die Black und Tans wie auch die Auxiliaries rekrutiert und ihre staatsterroristische Kampagne in Irland autorisiert hatte, kam ungeschoren mit Mord davon.
Britiannien, ein relativ kleines Land, hatte sein Empire nicht nur durch überlegene Technologie und Waffengewalt errichtet und gehalten, sondern auch durch die Taktik des "Teile und Herrsche". Diese gleiche Strategie, die es wenigen Menschen erlaubte, über so viele Macht auszuüben, wurde wieder benutzt, um sicherzustellen, dass die britische Herrschaft in einem Teil Irlands fortdauerte:
Die englische Unionisten waren bereit recht weit zu gehen, um die koloniale Einheit aufrechtzuerhalten, aber sobald sie erkannten (was seit den 1880er Jahren der Fall war), dass die kleine irisch-katholische Mittelschicht mit Hilfe der große Masse an Katholiken wahrscheinlich eine Änderung der Mehrheitsverhältnisse in der Bevölkerung herbeiführen konnte, suchten sie nach einer Basis für den Gegenangriff, und zwar in dem Teil Irlands, in dem die Kolonisierung am erfolgreichsten gewesen war und wo es aufgrund der Industrialisierung den größten Reichtum gab. Sie spielten die "Orange card" aus und arbeiteten daran, die Spaltung in der Bevölkerung zu vergrößern, die von unterschiedlichen kulturellen und religiösen Traditionen herrührte. 40)
Dies half, die legimite nationale Selbstbestimmung der Iren zu verhindern. Auch wurde Home Rule für Irland, die demokratische Politik einer gewählten britischen Regierung, durch eine offene Rebellion, angefacht von den Gentlemen des Establishments, zum Scheitern gebracht – mit Unterstützung der Meuterei der Offiziere in der britischen Armee und der Drohung bewaffneten Widerstands seitens der illegalen unionistischen Armee, der UVF. Das Ergebnis: Rebellion, kolonialer Konflikt und Bürgerkrieg – am Ende die Teilung des Landes, was die Spaltung in der irischen Arbeiterklasse vertiefte und den herrschenden Eliten in Britannien und in den zwei Teilen Irlands half, ihre Vorherrschaft zu wahren. So war auch sichergestellt, dass Irlands englisches Problem fortbestand.
36) The Irish Civil War – An Illustrated History, Helen Litton, Wolfhound Press 1995
37) Ebenda, The Irish Civil War – An Illustrated History, Helen Litton
38) Ebenda, The Irish Civil War – An Illustrated History, Helen Litton
39) Divided Ulster, Liam de Paor, Penguin Sepcial 1970
40) Ebenda, Divided Ulster, Liam de Paor

Bildunterschrift: Entstanden und am Leben erhalten durch Drohungen und Gewalt, sollte der Norden 50 Jahre später nochmals explodieren
Übersetzung:
(sib) Irlandinitiative Heidelberg, 27. Januar 2009,
Anmerkungen in Klammern dienen der Erläuterung
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Copyright © 2004 Aly Renwick / TOM (Troops
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