Olivers Armee - eine Geschichte von britischen Soldaten in Irland und in anderen Kolonialkonflikten
Deutsche Übersetzung
Kapitel 3 - Britannia Waives the Rules („Britannien wirft die Regeln um“) - Die Wahrheit über das Empire
“N ist the Navy
We keep at Spithead,
It’s a sight that makes foreigners
Wish they were dead.”
Aus dem “ABC for Baby Patriots” – einem viktorianischen Buch für Erzieherinnen
In Britannien und Irland gipfelte die Unterdrückung der demokratischen Ideale, die durch die Französische Revolution verbreitet wurden, in der Niederlage der United Irishmen. Am 1. Januar 1801 wurde das 500 Jahre alte irische Parlament aufgelöst und the Act of Union wirksam. Eine neue Flagge, der Union Jack, wurde gehisst, auf der das Kreuz von St. Patrick den Kreuzen von St. George und St. Andrew hinzufügt wurde. Britische Soldaten würden zukünftig dieses Symbol des Empire in die entferntesten Winkel der Erde tragen, in die man sie schickte, um die Grenzen des britischen Weltreiches auszudehnen.
Seit den Zeiten der Tudors erhielt der Staat nach und nach ein Fiskalsystem, das in der Lage war, die Errichtung eines Imperiums im Weltmaßstab zu finanzieren. Globale Profitmacherei, Handel und Steuern (vor allem auf das Einkommen) lieferten die Gelder, die für den technologischen Fortschritt der industriellen Revolution gebraucht wurden, und führten zur Erweiterung des Empire. In Britannien strömten die arme Landbevölkerung und irische Emigranten in die immer weiter sich vergrößernden Industriestädte und arbeiteten dort an überlangen Arbeitstagen zu Hungerlöhnen. Sie machten so die Fabriken überaus produktiv. Für die herrschende Klasse standen billige Arbeit zu Hause und Ausplünderung in Übersee – verbunden mit Handelsmonopolen – auf der Tagesordnung.
Adam Smith hatte in seinem 1776 veröffentlichten Werk „Der Wohlstand der Nationen“ für eine Politik der Nichteinmischung in wirtschaftliche Angelegenheiten seitens der Regierung argumentiert, dafür, die „magischen Hand des Marktes“ frei walten zu lassen. Diese Hinwendung zu einer Wirtschaftspolitik des Laisser-faire führte zu den Reformgesetzen von 1832, die die Herrschaft des Kapitalismus über das Parlament konsolidierten, die Mittelklassen stärkten und den Unternehmern immer größer werdende Macht sicherten. Der Verwaltungsapparat der Regierung, der seit dem 16. Jahrhundert in Whitehall konzentriert war, wurde nach dem Northcote-Trevelyan Report von 1845 ebenfalls modernisiert – wobei die Anzahl an Beamten und Abteilungen stark anstieg.
Von Cromwells Zeiten bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts hatten Britanniens Herrscher ihre Armeen in zehn Kriege gegen europäische Rivalen geschickt. Der Siebenjährige Kriege, der 1763 mit dem Frieden von Paris endete, hatte gezeigt, dass Britannien durch Waffengewalt sein Empire auf Kosten anderer Kolonialmächte auszudehnen in der Lage war. Französiche Territorien wurden in Kanada, Amerika, Indien, Westafrika und auf den Westindischen Inseln besetzt – Florida, Manila, Havanna und Menorca wurden den Spaniern abgenommen. Dem Ziel, Großmacht zu werden, kam man durch Einsatz von Staatsmacht und Waffengewalt schnell näher:
Englands Kriege führten zum Erwerb neuer Territorien und Märkte. Zeitgenossen bezweifelten nicht die Worte von Lord Holderness, „unser Handel beruht auf der angemessenen Ausübung unserer Stärke auf See“. „Der Aufschwung der britischen Wirtschaft“, schreibt Professor Wilson, „basierte historisch auf der bewussten und erfolgreichen Anwendung von Stärke; gerade so wie der Abstieg der niederländischen Wirtschaft auf der Unfähigkeit eines kleinen und politisch schwachen Staates beruhte, seine Position gegen stärkere Staaten zu behaupten. 1)
1) Reformation to Industrial Revolution, von Christopher Hill, Weidenfeld und Nicolson 1967.

Bildunterschrift: Eine französische Sicht des britischen Empire
In den ersten Tagen des Kapitalismus wurde in England wenig auf die Not der Armen geachtet. Später, als der Bedarf an Soldaten und Seeleuten zunahm, sah man dann arbeitslose und obdachlose Jugendliche als potentielles Kanonenfutter für Armee und Marine. Im 18. Jahrhundert bildeten die Reichen „Gesellschaften“, um diese jungen Leute zu rekrutieren und auszubilden.
Die unverhohlen chauvinistischen Gesellschaften versuchten gutes Benehmen unter den gewöhnlichen Soldaten und Seeleuten zu verbreiten. Jeder Junge, der von der Marine Society rekrutiert wurde, erhielt neue Kleider - und dazu neue Ideen: Ihr seid die Söhne freier Männer. Auch wenn ihr arm seid, so seid ihr doch Söhne von Briten, die frei geboren sind; aber denkt daran, dass die wirkliche Freiheit darin besteht, Gutes zu tun; sich gegenseitig zu schützen, seinen Vorgesetzten zu gehorchen und für König und Vaterland bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen.
… Wie viele der jugendlichen Seeleute in der Lage waren zu lesen und diese Worte zu verstehen, ist unklar. Gewiss ist aber, dass viele der wohlhabenderen Unterstützer der Marine Society sich dafür aussprachen, als Lösung für die Probleme von Kriminalität, Unruhe und Armut Waisen und Arbeitslose für die Royal Navy zu rekrutieren. Eine Stärkung der nationalen Verteidigungskraft sollte einhergehen mit der Beseitigung potentieller Diebe, Bettler und anderer, die den Handel störten, von den Straßen. Und vielleicht klappte das auch. Von den 4.787 Jungen, die von der Marine Society während des Siebenjährigen Krieges rekrutiert wurden, konnten an seinem Ende nur noch 295 ausgemacht werden. 2)
Es war die Oberschicht, die in der britischen Armee und Marine in kolonialen Eroberungen viel zu gewinnen hatte – und die die Offiziere stellte, denen die gewöhnlichen Soldaten und Matrosen gehorchen mussten. Aber von Zeit zu Zeit waren die gewöhnlichen Soldaten nicht einverstanden mit den Dingen, die man ihnen zu tun befahl. Im Jahr 1870 enthielt Poetry of the Pavements ein Gedicht mit dem Titel The Hulks, das folgendermaßen begann: „Die Hulks waren alte Schiffe, auf denen ungehorsame Seeleute eingesperrt waren, die sich anmaßten ein Gewissen zu besitzen, das gegen die Zerstörung von Fremden war, die ihrerseits keinerlei Neigung hatten, sich in die privaten Angelegenheiten anderer Länder einzumischen. Aber ein Krieger sollte nie denken, und falls er ein Gewissen hat, muss er früh lernen, es der Pflicht unterzuordnen (was bedeutet, dass er Dinge gegen seine eigenen Neigungen tun muss, was man deshalb als unnatürliche Moral definieren kann). Andernfalls wird er bald die Konsequenzen zu spüren bekommen. Das Gedicht fährt fort:
The youth now leaves his home, his work, his friends;
All social happiness on earth he ends,
And learns assassination as a trade,
Which does his Christian feelings deep degrade.
Conscience at last will claim the power to speak,
And now for conscience brave, for duty weak,
In calm refusal to engender strife,
He earns with conscience clear the hulks for lifeAwake – free trade! And teach us better things;
Show earth is for the people, not for kings;
Show man should send his produce to exchange,
Not armies over other lands to range,
And claim possession through success in war,
Free trade! We ask that you at once restore
The Nation’s sense of justice, and disperse
Kings, Priests, and Warriors, every nation’s curse.
Der Freihandel wurde als befreiende Kraft gefördert, aber die großen Geschäftsleute, die verlangten, dass dem Handel keine Restriktionen auferlegt wurden, sorgten dafür, dass „ausländische Interessen“ nicht zum Zuge kamen. Laisser-faire hatte nicht zu sozialer Emanzipation geführt, sondern eher zum Entstehen von Monopolen und der verstärkten Ausbeutung von Arbeitern und nationalen Ressourcen. Das Ethos des Empire war Eroberung und Profit – nicht „Freihandel“ – so traf der Appell in Poetry of the Pavements auf taube Ohren.
2) Britons - Forging the Nation 1707 - 1837, von Linda Colley, Vintage 1996.

Bildunterschrift: In dieser deutschen Karikatur über das britische Empire wird ein Afrikaner mit Alkohol und Religion vollgestopft und anschließend ausgebeutet
Die viktorianischen Kolonialkriege
Während nun zu Hause die Polizei und die entstehenden Geheimdienste an vorderster Front bei der Sicherung des Status quo standen und die weltgrößte Marine die nationalen Interessen schützte, konnte sich die Armee recht ungestört auf koloniale Eroberungen konzentrieren. Die Marine schützte auf See das Empire und seine maritimen Handelsrouten und die Armee betrieb seine Ausdehnung zu Lande. Während der Regentschaft von Königin Viktoria (1837-1901) führte die britische Armee die nachfolgend aufgeführten Kriege und Feldzüge:
Antikoloniale Revolte in Kanada, 1837
Einnahme von Aden, 1838
Erster Afghanistan-Krieg, 1832-42
Gegen Boers, Südafrika, 1838-48
Opiumkriege in China, 1839-42
Levantinischer Krieg, 1840
Krieg in Afghanistan, 1842
Eroberung von Sind, Indien, 1843
Gwalior-Krieg, Indien 1843
Erster Sikh-Krieg, Indien 1845-46
Gegen Ureinwohner in Südafrika, 1846-52
Nordwestfront in Indien, 1847-54
Zweiter Sikh-Krieg, Indien 1848-49
Zweiter Burma-Krieg, 1852
Eureka-Revolte, Australia, 1854
Krieg mit Persien, 1856-57
Nordwestgrenze in Indien, 1858-67
Erstürmung der Taku Forts, China, 1859-60
Maori-Kriege, Neuseeland, 1861-64
Operationen in Sikkim, Indien, 1961
Ambela-Expedition, 1863
Yokohama, Japan, 1864-65
Bhutan-Expedition, 1865
Expedition nach Abessinien, 1868
Red River-Expedition, Kanada, 1870
Ashanti-Krieg, Westafrika, 1874
Expedition nach Perak, Malaysia, 1875-76
Galeka- und Gaikas-Krieg, Kapkolonie, 1877
Nordwestgrenze, Indien 1878-79
Zweiter Afghanistan-Krieg, 1878
Dritter Afghanistan-Krieg, 1879
Zulu-Krieg, 1879
Nordwestgrenze, Indien 1880-84
Transvaal-Revolte oder erster Burenkrieg, 1880-81
Bombardierung Alexandrias, 1882
Expedition in den Sudan, 1884-85
Dritter Burma-Krieg, 1885
Suakin-Expedition, Sudan, 1885
Ende des Nilfeldzuges, 1885
Nordwestgrenze Indien, 1888-92
Kleinere Operationen in Indien, 1888-94
Belagerung und Befreiung von Chitral, Indien, 1895
Mashonaland-Erhebung, Ostafrika, 1896
Wiedereroberung Ägyptens, 1896-98
Nordwestgrenz Indien, 1897-98
Boxer-Aufstand, China 1900-01 3)
Daneben war die britische Armee in dieser Zeit auch noch im Krimkrieg (1853-56), in der Indian Mutiny (1857-58), und im Burenkrieg (1899-1902) in größeren kriegerischen Auseinandersetzungen involviert. Auch waren während der Hungersnot weiterhin Truppen in Irland aktiv, wie auch während der Young Ireland-Revolte von 1848 und dem Fenian Rising von 1867. Manche Historiker haben diese Zeit als Periode der Pax Britannica beschrieben – das glatte und fast friedliche Entstehen eines großen Imperiums. Tatsächlich gab es in der Zeit von Wellingtons Sieg bei Waterloo bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges gerade einmal 15 Jahre, in denen die britischen Streitkräfte nicht irgendwo in der Welt in einen blutigen Konflikt verstrickt waren.
3) Ausführliche Informationen zu diesen Kriegen in Colonial Small Wars 1837-1901, von Donald Featherstone, David und Charles Ltd. 1973.

Bildunterschrift: Die Ausweitung des Empire mit Maschinen- und Sturmgewehren
Um kritische Stimmen verstummen zu lassen und um Unterstützung für weitere Eroberungszüge zu erhalten, begleiteten zu Hause Wellen von Hurrapatriotismus die Expansion des Empire. Während der viktorianischen Zeit beförderten in den Musiksälen Lieder wie Another Little Patch of Red diese Stimmung:
This John Bull is now a mighty chap, boys
At the world his fingers he can snap, boys
Eastward – Westward – you may turn your head
There you’ll see the giant trail of red
Dyed with the blood of England’s bravest sons
Bought with their lives – now guarded by her gunsRed is the colour of our Empire laid
England will see the tint shall never fade
For of pluck he’s brimming full
Is young John Bull
And he’s happy when we let him have his head
It’s a feather in his cap
When he’s helped to paint the map
With another little patch of red.
Dieser Hurrapatriotismus lief auf die Überzeugung hinaus, dass England das Recht auf die Eroberung und Ausbeutung anderer Länder habe und Interessenkonflikte zu seinen Gunsten mit Waffengewalt lösen könne. Das englische Wort für Hurrapatriotismus, Jingoism, kam nach 1878 in Gebrauch und leitet sich aus einem Musiksaal-Song von G.W. Hunt her:
We don’t want to fight; but, by Jingo, if we do,
We’ve got the ships, we’ve got the men,
we’ve got the money too.
Während die kämpferischen Qualitäten der britischen Streitkräfte zu Hause glorifiziert wurden, war es in Wirklichkeit die Überlegenheit der Militärtechnik, die in vielen Fällen den Ausschlag gab. In der Schlacht von Omdurman im Jahre 1898 feuerten die Soldaten unter dem Union Jack 3.500 Granaten und 500.000 Kugeln ab. Die Briten verloren 28 Leute, während 11.000 sudanesische Derwische getötet wurden. Die meisten von ihnen starben im Feuer der Maschinengewehre: „Es war keine Schlacht, sondern eine Hinrichtung … Die Leichen lagen nicht aufeinander – selten ist das so; sie lagen verstreut, Morgen für Morgen. Einige von ihnen lagen da sehr gelassen, sie hatten ihre Schuhe als letztes Kopfkissen unter ihren Köpfen; andere knieten noch im Tod, sie waren in ihrem letzten Gebet unterbrochen worden. Andere hatte es in Stücke gerissen….4)“ Verwundete Derwische wurden erschossen oder dort, wo sie gerade lagen, mit dem Bajonett erstochen. Hinterher brüstete sich General Kitchener, dass sein Sieg das ganze Land entlang des Nils ‚der Zivilisation und dem unternehmerischen Handel“ geöffnet habe.
W.E. Henley verherrlichte in Gedichten ebenfalls das Empire. Die Verluste, die die Eroberten erlitten, fand er nicht erwähnenswert. Die Leiden der eigenen Leute wurden als glorreiches Opfer dargestellt:
What if the best of our wages be
An empty sleeve, a stiff-set knee,
A crutch for the rest of life – who cares,
So long as the One Flag floats and dares?
So long as the One Race dares and grows?
Death – what is death but God’s own rose?
Let but the bugles of England play
Over the hills and far away!
Andere Schriftsteller wie z.B. G.A. Henty, einst Herausgeber von The Union Jack – eines wöchentlich erscheinenden Groschenheftchen für Jungs – schrieb Abenteuerbücher, die die koloniale Kriegführung verherrlichten. Seine erdachten Charaktere wurden ins reale Leben versetzt und waren immer „ehrenwert“ und „männlich“, besondere „Charaktere“ mit „Selbstdisziplin“ und „Autorität“. Yorke Harberton ist ein typischer „Held“ in dem Buch With Roberts to Pretoria: Ein gutes Exemplar der Klasse, von der Britannien aufgebaut wurde, seine Kolonien geformt und seine Schlachten gewonnen – eine Klasse, unerreicht in der Welt mit der ihr eigenen Energie, Furchtlosigkeit, ihrem Abenteuergeist und der Bereitschaft, alle Schwierigkeiten zu schultern und zu überwinden. Henty, der älteste Sohn eines Börsenmaklers und Minenbesitzers, hasste Gewerkschaften und schrieb seine Bücher, um den „imperialen Geist“ zu stärken, wobei er behauptete, dass Schwarze untergeordnete Tiere seien und auf der Stufenleiter der Schöpfung unter dem Weißen stünden. 5)
Für viele britische Kinder begann die Indoktrination sogar noch früher. Proimperialistische Motive füllten Bücher für Kleinkinder, z.B. das ABC für Baby Patriots:
A is the Army
That dies for the Queen
It’s the very best Army
That ever was seen.I is for India
Our land in the East
Where everyone goes
To shoot tigers and feast.N is the Navy
We keep at Spithead,
It’s a sight that makes foreigners
Wish they were dead.
4) With Kitchener to Khartoum, von G. W. Steevens.
5) The British Empire, vol. 4, Orbis 1979.

Bildunterschrift: Aus dem „ABC für kleine Patrioten“
Während das Empire mit Gewalt, überlegenen Waffen und der Strategie des „Teile und herrsche“ errichtet wurde, war die Rechtfertigung für solches Tun gewöhnlich rassistisch. Eroberung und Kolonisierung hatten immer schon eine Änderung der Haltung gegenüber den Eroberten mit sich gebracht. Der Sklavenhandel, der verlangte, das Leiden der Sklaven zu ignorieren und zu rechtfertigen, verstärkte diesen Prozess. In seinem Buch Reformation to the Industrial Revolution schrieb der Historiker Christopher Hill:
Frühe Beispiele in der englischen Literatur von nichtweißen Personen – Pocahontas, Othello, Massingers The City Madam, viele Gedichte aus dem frühen 17. Jahrhundert über Liebeständel zwischen Schwarz und Weiß, Aphra Behn’s Oroonoko – sie alle legen nahe, dass rassische Diskriminierung nicht Ursache, sondern Folge des gewinnträchtigen Sklavenhandels war; im 17. Jahrhundert scheint allgemein eine größere Verachtung gegenüber den Iren als gegenüber Schwarzen existiert zu haben. 6)
Hill fuhr fort: „Die Rolle, die der Sklavenhandel in der Brutalisierung der öffentlichen Einstellung und der Steigerung der puritanischen Tendenz zur Heuchelei spielte, sollte nicht unterschätzt werden.“ Die Kontrolle über die Westindischen Inseln hatte das Tor für den Sklavenhandel geöffnet, als Eroberung und Ausbeutung Hand in Hand gingen. Von 1500 an wurden über die nächsten dreieinhalb Jahrhunderte etwa 20 Millionen afrikanische Sklaven in Eisen gefesselt auf Schiffe getrieben, um in die „Neue Welt“ transportiert zu werden. Etwa ein Viertel von ihnen überlebte nicht einmal die Reise. Sie starben traumatisiert oder an Krankheiten, die wegen der Bedingungen, unter denen man sie gefangen hielt, ausbrachen – und sie starben an der brutalen Behandlung durch ihre Kidnapper.
Die Londoner City boomte und Häfen wie Bristol und Liverpool expandierten während des Sklavenhandels enorm, der auch wesentlich zur Finanzierung der Industriellen Revolution beitrug. Die Sklaverei, diese äußerste Form der Ausbeutung von Menschen, schuf ein Vermögen für die, die ihn betrieben und kontrollierten:
„Diese Zunahme unseres Reichtums kommt hauptsächlich von der Arbeit der Neger auf den Plantagen“, sagte Joshua Gee 1729 mit einer Offenheit, die man nur bei wenigen Historikern findet. Der Sklavenhandel war ein wesentlicher Bestandteil des imperialen Dreieckshandels, der sich unter den Navigations Acts entwickelte. Er erschien Ökonomen ideal, da die Sklaven mit britischen Exporten gekauft und auf britischen Schiffen transportiert wurden….
Wenn ich an die gewaltigen Bankette der Plantagenbesitzer auf Barbados denke [schrieb Richard Pares], an das Geld, das die Westindischen Inseln zu Hause auf die Wählerschaft in Yorkshire regnen lassen, … an das private Orchester und andere Eskapaden des William Beckford in Lissabon, an Fonthill Abbey oder gar an die Codrington-Bibliothek, und mich erinnere, dass das Geld dafür aus afrikanischen Sklaven gepresst wurde, die zwölf Stunden täglich schuften müssen und nicht genug zu essen bekommen, fühle ich nur Wut und Scham. 7)
Gefangene Afrikaner wurden wie Tiere behandelt, nicht wie Menschen. Sklavenhändler brannten ihnen sogar mit dem Eisen ihre Initialen ein. Gerechtfertigt wurde dies, indem man die Afrikaner barbarische Heiden nannte und sagte, sei seien keine Christen. Ottobah
Cugoana war 13 Jahre alt, als er in Ghana gefangen und als Sklave auf die Westindischen Inseln verschifft wurde. Nachdem er schließlich nach Britannien gebracht und befreit worden war, fragte er nach der Moral derer, die ihn versklavt hatten: „Ist es nicht merkwürdig zu denken, dass diejenigen, die als die gebildetsten und zivilisiertesten Leute der Welt gelten sollten, dass sie einen Handel von größter Grausamkeit und Ungerechtigkeit betreiben, und dass viele so liederlich werden und denken, Sklaverei, Raub und Mord seien keine Verbrechen?“ 8)
Die Sklaverei blieb bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts ein lukratives Geschäft, 1833 wurde sie im ganzen Empire verboten. Viele ehrliche Menschen hatten gegen die Sklaverei gekämpft. Sie wurde aber auch beendet, weil die Industrialisierung einen weiter sich ausdehnenden ausbeutbaren Arbeitsmarkt brauchte, der am besten aus zwar freien, aber unorganisierten Arbeitern, ohne Eigentum und arm, bestand. Der Zusammenstoß der Anforderungen von altem und neuem Kapitalismus war auch eine wichtige Ursache des amerikanischen Bürgerkrieges, in dem die Bedürfnisse der Industrie im Norden und die der Plantagen-Aristokratie des Südens gegeneinander standen. Danach erhielten die früheren Sklaven, obwohl sie „befreit“ waren“, wenig Hilfe zur sozialen Integration, während der Sieg des Nordens die Industrialisierung enorm beschleunigte und Reichtum und Macht der Banken vergrößerte.
6) Reformation to Industrial Revolution, von Christopher Hill, Weidenfeld und Nicolson 1967.
7) Ebd. - Reformation to Industrial Revolution, von Christopher Hill.
8) Staying Power: The History of Black People in Britain, von Peter Fryer, Pluto Press 1984.

Bildunterschrift: Eine rassistisches Ansicht aus Hentys Union Jack
„Wissenschaftlicher“ Rassismus
Während der Expansion des Empire in viktorianischer Zeit verbreiteten sich misstrauische und hasserfüllte Einstellungen gegenüber Fremden in Britannien, die von Hurrapatriotismus und neuen pseudowissenschaftlichen Rassentheorien gestützt wurden. Eine Hierarchie der Rassen wurde vbehauptet, an deren Spitze weiße teutonische Angelsachsen und unten schwarze „Hottentotten“ standen. Dazwischen waren die Iren, die Juden und die britische Arbeiterklasse – über die man sagte, sie hätte dunklere Haut und Haare als die Oberschicht. Es wurde sogar eine Art von „Negerindex“ erstellt, demgemäß man die rassischen Komponenten jeder Population ableiten konnte.
Das britische Establishment begrüßte das Streben nach dem Empire als zivilisatorische Mission. Man nahm es auf sich zu Schiedsrichtern in Sachen Weltmoral zu werden – mit Eroberung als Pflicht und Ausbeutung als edle Tat. „Wissenschaftlicher“ Rassismus unterfütterte diese vorurteilsgeladenen Ansichten, die in Musikhallen und in den Schriften und Gedichten der Befürworter des Imperialismus propagiert wurden. 1899 gab Rudyard Kipling dieser scheinheiligen Ideologie Ausdruck in einem Gedicht:
Take up the White Man’s burden –
Send forth the best ye breed –
Go bind your sons to exile
To serve your captives’s need;
To wait in heavy Harness
On fluttered folk and wild –
Your New-caugt, sullen peoples,
Half devil and half child.Take up the White Man’s burden –
The savage wars of peace –
Fill full the mouth of Famine
And bid the sickness cease;
And when your goal is nearest
The end for others sought,
Watch Sloth and heathen Folly
Bring all your hope to naught.
Je größer die Überlegenheit der britischen Waffen und Technologie gegenüber eingeborenen Völkern wurde, desto mehr steigerten sich die rassistischen Gedanken. Wo einst Interesse an und manchmal Bewunderung für Aspekte der Kultur und Religion anderer Völker gewesen war, existierte jetzt allzu oft nur noch Verachtung. Britannien ist auch heute noch von diesen Einstellungen durchdrungen.

Bildunterschrift: „Wissenschaftlicher“ Rassismus aus einem amerikanischen Magazin – Harper’s Weekly
Während der gesamten Zeit des Empire gab es häufig Revolten gegen die britische Herrschaft. Sogar in Britannien hatten viele Leute trotz der proimperialistischen Propaganda Zweifel an der moralischen Berechtigung, andere gewaltsam ihres Landes zu berauben. Dies führte oft zu widersprüchlichen Gefühlen über Britanniens Soldaten, die von Francis Adams in seinem Gedicht "England in Ägypten" ausgedrückt werden:
From the dusty jaded sunlight of the careless Cairo streets,
Through the open bedroom window where the pale blue held the palms,
There came a sound of music, thrilling cries and rattling beats,
That startled me from slumber with a shock of sweet alarms,
For beneath this rainless heaven with this music in my ears
I was born, and all my boyhood with its joy was glorified,
And for me the ranging Red-coats hold a passion of bright tears,
And the glance of the bayonets lights a hell of savage pride.So I leapt and ran, and looked,
And I stood, and listened there,
Till I heard the fifes and drums,
The fifes and drums of England
Thrilling all the alien air!
And "England, England, England,"
I heard the wild fifes cry,
"We are here to rob for England,
and to throttle liberty!"
And "England, England, England,"
I heard the fierce drums roar,
"We are tools for pious swindlers
and brute bullies evermore!"And the silent Arabs crowded, half-defiant, half-dismayed,
And the jaunty fifers fifing flung their challenge to the breeze,
And the drummers kneed their drums up as the reckless drumsticks played,
And the Tommies all came trooping, tripping, slouching at their ease.
Ah Christ, the love I bore them for their brave hearts and strong hands,-
Ah Christ, the hate that smote me for their stupid, dull conceits –
I know not which was geater, as I watched their conquering bands
In the dusty jaded sunlight of the sullen Cairo streets.And my dreams of love and hate
Surged, and broke, and gathered there,
As I heard the fifes and drums,
The fifes and drums of England
Thrilling all the alien air! –
And "Tommy, Tommy, Tommy,"
I heard the wild fifes cry,
"Will you never know the England
For which men, not fools, should die?"
And "Tommy, Tommy, Tommy,"
I hear the fierce drums roar,
"Will you always be a cut-throat
And a slave for evermore?"
Um die Macht zu behalten und kritischen Stimmen entgegenzuwirken, hatte das Establishment das öffentliche (in Wirklichkeit private) Schulsystem entwickelt. Bis zum 19. Jahrhundert kamen fast alle Offiziere über diese Schulen, denen häufig Studien in Oxford oder Cambridge folgten, zu ihren Regimentern, die damit zu Trainingslagern der herrschenden Klasse wurden.
Um 1800 wurden über 70 Prozent aller englischer Peers in nur vier Schulen erzogen: Eton, Westminster, Winchester and Harrow. Und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts machten die Söhne des Hochadels und des Landadels zusammen 50 Prozent der Schüler aller größerer öffentlichen Schulen aus ... weg von der privaten, beschaulichen Welt in ihrem ländlichen Zuhause wurden sie in fortwährenden Kontakt mit ihnen sozial Gleichgestellten gebracht, wurden genormten Ideen ausgesetzt und lernten die englische Sprache in einer unverwechselbaren und charakteristischen Weise. 9)
Die Kadetten wurden in den Schulen in patriotischer Tradition erzogen, was der Nährboden für die Offiziersklasse war. Diese Konzentration junger Aristokraten in Institutionen, die ihre Wahrnehmung und ihr Denken formten, trug dazu bei, eine homogene, geschlossene herrschende Elite zu schaffen.
Die patriotische Pflicht wurde auf praktische Weise hervorgehoben, z.B. wenn Schulleiter die Jungs ermutigten, an nationalen Subskriptionen teilzunehmen und Siege des Militärs und der Marine zu feiern. Und in gewisser Weise war der Patriotusmus im klassischen Curriculum enthalten. Griechische und römischee Autoren wie auch die antike Geschichte lieferten Geschichten von Kriegen und Imperien wie auch von Tapferkeit und Opfer für das Vaterland.
... klassische Literatur war in zweifacher Hinsicht dienlich, da die Art patriotischer Leistungen, die sie feierte, besonders geeignet war. Die Helden von Homer, Cicero und Plutarch waren ausdrücklich Männer von Rang. Als solche erinnerten sie die britische Elite an ihre Pflicht zu dienen und zu kämpfen, aber sie versicherten sie auch ihrer überlegenen Fähigkeiten, dieses zu tun. 10)
1864 stellte eine königliche Kommission zu den öffentlichen Schulen fest, sie seien: "Die Wiege für unsere Staatsmänner; in ihnen und in Schulen, die entsprechend ihrem Vorbild gestaltet werden, sind Männer auf der Grundlage sozialer Gleichheit herangewachsen, die sich für alle Berufe und Karrieren eignen, und haben in diesen Schulen die beständigsten Freundschaften geschlossen, und die sie bestimmenden Lebensgewohnheiten übernommen; und diese Schulen haben vielleicht den größten Anteil an der Charakterbildung eines englischen Gentleman."
9) The British Empire, vol. 4, Orbis 1979.
10) Ebd. -The British Empire, vol. 4.

Bildunterschrift: Aus "Bilder für kleine Engländer" – 'Old Boys' erfüllten gewöhnlich die o.g. Rolle
In der Vergangenheit hatte das Erstgeburtsrecht in herrschenden Familien alle außer den männlichen Erstgeborenen in ihren Möglichkeiten beschränkt. Jetzt aber eröffneten das Empire und die Industrialisierung neue Wege für alle „Gentlemen“, sich Ruhm und Vermögen zu erwerben. James Mill beschrieb die Kolonien als ein „riesiges System der Entlastung der Oberklassen von außen“. Und mit der alles bestimmenden Überzeugung der eigenen Überlegenheit und des Rechtes zu herrschen, drängten sich die „old boys“ sowohl zu Hause wie in Übersee in einflussreiche und machtvolle Positionen. Im Jahr 1878 schrieb G.A. Denison, der Sohn eines Landbesitzers in Nottinghamshire Notes of My Life, in denen er von seinen Brüdern und Schwestern berichtete:
Sechs von uns waren in Eton, einer in Harrow … Mein ältester Bruder, John, Viscount Ossington ….. wurde nach 30 Jahren im Parlament Sprecher des Unterhauses ... William ging von Eton nach Woolwich, dann zu den Technikern … Nachdem er zu Hause und in Übersee gearbeitet hatte, wurde er 1846 Gouverneur von Van Dieman’s Land: Generalgouverneur von Australien, KCB, 1855; Gouverneur von Madras 1961. Stephen … war viele Jahre lang stellvertretender Kriegsgerichtsrat. Alfred kam nach 20 Jahren eines arbeitsreichen, ehrenwerten und erfolgreichen Lebens in Australien zurück nach England und wurde Privatsekretär des Sprechers [des Unterhauses, d.Ü.]. Charles war im 52. Regiment und wurde dort Oberst. Er hatte verschiedene Aufgaben in Indien; schließlich wurde er der Hauptbevollmächtigte der Verwaltung in Madras.
Meine Schwester Charlotte heiratete Charles Manners Sutton, damals Wehrdisziplinaranwalt; später 17 Jahre lang Sprecher der Unterhauses.
Die führende Rolle der Armee als Hüter des Empire wurde in den Caldwell-Reformen 1870 festgeschrieben, die die Verbindungen zwischen dem Offizierskorps und der Regierung stärkten sowie auch Erneuerungen bei Verfahrensweisen und Logistik empfahlen. Das System verbundener Bataillone sah vor, dass ein Teil des Regiments im Ausland seine imperialen Dienst tat, während die zweite Einheit in Britannien blieb. Dieses System verschaffte der einzelnen Einheit mehr Flexibilität, um ihre eigenen Techniken und Verfahren kolonialer Kriegführung zu entwickeln. Sie stellte auch sicher, dass diese Methoden dann der ganzen Armee bekannt wurden. Das zweite, zu Hause stationierte Batallion war zur Hand, um eine ausgefeilte Art dieser Kriegsführung gegen jede innere Bedrohung anzuwenden. Andere westliche Länder hatten auch koloniale Imperien geschaffen. Jedoch war im restlichen (Binnen-)Europa die Hauptaufgabe der meisten nationalen Armeen die Verteidigung gegen Bedrohungen von außen.
Normalerweise ging es um konventionelle Kriegführung, wobei der Kolonialkrieg, der irregulärere Maßnahmen mit sich brachte, ein Anhängsel war. In Britannien als Insel fiel die Verteidigungsaufgabe der Marine zu, was die Armee ziemlich frei machte, um sich auf die Aufgaben der Eroberung und Unterwerfung in Übersee zu konzentrieren. Während die Fußsoldaten von den Armen und Kolonisierten kamen, sicherte das Offizierskorps, das vom öffentlichen Schulsystem produziert worden war, die Fortdauer des Status quo. Die Armeegeschichte kann bis zu Cromwells Zeit zurückverfolgt werden, aber der Charakter der Armee wurde während der viktorianischen Kolonialkriege geschaffen, in denen auch die hierarchische Armeeordnung verstärkt wurde. In dieser Zeit erwarb sich die britische Armee ihren heutigen Ruf unter den Armeen der Großmächte als eine Kraft der Counterinsurgency.
Pictures for Little Englanders war ein viktorianisches Buch für kleine Kinder. Unter einer Zeichnung von Kitchener, dem Soldaten, und Kipling, dem Schriftsteller, standen folgende Zeilen:
Men of different trades and sizes
Here you see before your eyes;
Lanky sword and stumpy pen,
Doing useful things for men;
When the Empire wants a stitch in her
Send for Kipling and for Kitchener.
In der letzten Jahren von Viktorias Regierungszeit holte England Lord Horatio Kitchener, den "großen Kriegshelden" von Khartoum und der Schlacht von Omdurman, und sandte ihn nach Südafrika, wo er gegen die Buren vorgehen sollte, die gegen die Britischen Truppen einen Guerillakrieg führten. Er befahl, die Gehöfte der Buren niederzubrennen und die Frauen und Kinder in Lagern zu "konzentrieren". Mehr als 60.000 Menschen lebten so unter Bedingungen, die ein australischer Reporter als " kriminelle Missachtung einfachster Hygieneregeln" bezeichnete. Bis zum Ende des Krieges starben 28.000 burische Internierte – 22.000 davon waren Kinder.

Bildunterschrift: Ein britisches Gefangenenlager, in dem burische Familien "konzentriert" wurden
Im Jahr 1942 schrieb George Orwell in einer Besprechung von A Choice of Kipling’s Verse (eine Auswahl von Gedichten Kiplings) von T.S. Eliot, Kipling sei der Prophet des britischen Imperialismus in dessen Expansionsphase gewesen … ebenso wie der inoffizielle Historiker der Britischen Armee. Orwell schrieb weiter:
Offensichtlich erkennt Kipling ebenso wenig wie der durchschnittliche Soldat oder koloniale Verwaltungsbeamte, dass ein Empire in erster Linie ein nach Geld strebender Konzern ist. Seiner Ansicht nach ist Imperialismus eine Art erzwungener Evangelisierung. Man richtet sein Gewehr auf einen Mob unbewaffneter „Eingeborener“ und setzt dann die Zivilisation durch, wozu Straßen, die Eisenbahn und ein Gerichtsgebäude gehören.
…Wenn man berücksichtigt, dass er schließlich ein Künstler war, war seine Haltung diejenige eines bezahlten Bürokraten, der die „Box-wallah“ (Geschäftsleute) verachtet und oft sein ganzes Leben lang nicht erkennt, dass der „Box-wallah“ den Ton angibt. 11)
Indien, wo Kipling geboren wurde und wo er einen Teil seines Lebens verbrachte, wurde rücksichtslos von der East India Company und englischen „Box-wallahs“ wie z.B. Sir Josiah Child und Robert Clive ausgebeutet.
Die East India Company wurde 1600 von 125 Londoner Kaufleuten zu „Ehren des Königreichs“ gegründet und erhielt bereits unter Königin Elisabeth I. ihren ersten Freibrief sowie Monopolprivilegien. Der Lagerbestand der Gesellschaft wuchs in der Zeit Cromwells, der sie vor Konkurrenz schützte und so ihre weitere Expansion förderte, um das Neunfache: „Der Freibrief von 1661 anerkannte das Recht der Gesellschaft, Steuern zu erheben und gegen Nicht-Christen Krieg zu führen. Um 1684 plädierte Sir Josiah Child für „absolute hoheitliche Macht für die Gesellschaft in Indien“. Mitte des 18. Jahrhunderts begann Clive diese Politik zu betreiben – mit großem finanziellen Gewinn für sich selbst und die Gesellschaft. 12)
Nach Clives Sieg bei der Schlacht von Plassey im Jahr 1757 fiel Bengalen unter die Herrschaft der East India Company und die Steuern auf Land wurden verdreifacht. Millionen von „sanften Bengalen“ starben in der darauf folgenden Hungersnot, während die Gesellschaft weiterhin Reichtümer aus dem Land holte. In der kommenden Zeit sollten mehr Inder an Krieg, Seuchen und Hunger sterben, unter ihnen aber Millionen in allein den letzten drei Jahrzehnten von Viktorias Herrschaft. Andere waren gezwungen, in andere Gegenden des Empire zu ziehen, als halb versklavte Arbeiter.
Während ihrer Expansion manipulierte und beeinflusste die East India Company die ursprüngliche Ordnung und frühere Herrscher so, dass sie die Dominanz der Gesellschaft akzeptierten, und man machte sich rasch daran, jede Opposition auszuschalten. Die Strategie des "Teile und herrsche" ermöglichte es einer kleiner Gruppe von Kolonialverwaltern und Soldaten, den riesigen Subkontinent zu beherrschen und die eroberten Gebiete ihrer strikten Zentralgewalt zu unterstellen. Zur Intensivierung der Ausbeutung schuf die Gesellschaft ihre eigene Marine und Armee und errichtete Forts, für deren Unterhalt die indische Bevölkerung Steuern bezahlen musste. Clive war Militäroffizier und dann Gouverneur von Ostindien. Er und andere „Box-wallahs“ wie Warren Hastings benutzten das aus Indien herausgepresste Geld, um zu Hause Ruhm und Einfluss zu gewinnen.
Der durch die Ausplünderung Indiens erworbene große Reichtum ermöglichte es den Räubern, sich in die englische Politik einzukaufen. Clive selbst errang zunächst einen Parlamentssitz, dann wurde er Peer. Es wurde behauptet, dass die Gesellschaft und ihre Angestellten zwischen 1757 und 1766 von Indien sechs Millionen Pfund „geschenkt“ bekamen. Warren Hastings rühmte sich selbst, nie die Gesellschaft zu betrügen: bevor er Geld annahm, fragte er sich selbst nur „ob es in die Taschen eines schwarzen Mannes ginge oder in seine eigenen“. Innerhalb von 13 Jahren überwies er über 218.000 Pfund nach England, die er so vor dem schwarzen Mann gerettet hatte. Es gab in der Geschichte seit den Raubzügen der Konquistadoren bei den Azteken und Inkas Amerikas im frühen 16. Jahrhundert nichts Vergleichbares. 13)
Als die East India Company dann 1773 am Rande des Konkurses stand, wurden Clive und andere in einer parlamentarischen Untersuchung in London beschuldigt, sich selbst bereichert zu haben, während „Unterdrückung in vielerlei Form sich in die Gesichtszüge der armen schutzlosen Eingeborenen eingegraben hatte“. Clive, dessen militärischen Siege die Expansion der Gesellschaft ermöglicht hatten und ihn zu einem großen britischen Helden machten, antwortete, dass er über seine eigene Mäßigung erstaunt sei, da er so wenig für sich selbst genommen habe. Er wurde im Unterhaus entlastet, wo gesagt wurde, dass er dem Staat einen großen Dienst erwiesen habe, obwohl er sich 234.000 Pfund in die eigene Tasche gesteckt hatte. Es war aber schwierig für Clive, seine Kritiker zum Schweigen zu bringen. Er wurde depressiv und beging im folgenden Jahr Selbstmord.
11) Horizon, Feb. 1942.
12) Reformation to Industrial Revolution, von Christopher Hill, Weidenfeld und Nicolson 1967.
13) Ebd. - Reformation to Industrial Revolution, von Christopher Hill.

Bildunterschrift: Aus dem ABC für kleine Patrioten
Die East India Company wurde vor dem Bankrott gerettet und dehnte ihre Operationen nach China aus, um dort einen Handel Opium gegen Tee zu betreiben. Die Handelsgesellschaft wurde der größte Drogenhändler der Weltgeschichte, indem sie indische Bauern zum Mohnanbau zwang. Im Jahr 1830 erreichten fast 450 Tonnen Opium China und im folgenden Jahr stand in einem Bericht des Unterhauses: "Das Opiummonopol in Bengalen verschafft der Regierung Einkünfte in Höhe von 981.293 Pfd. jährlich; und die Abgabe darauf beläuft sich auf 302% der Kosten der Ware. ... Es scheint nicht ratsam, eine solche wichtige Einkommensquelle aufzugeben."
Als die Chinesen versuchten, den Drogenhandel zu stoppen, verlegte sich England auf Krieg und sandte Soldaten, um in den Opiumkriegen von 1839-42 jeglichen Widerstand zu brechen. Die besiegten Chinesen wurden gezwungen, 2.000.000 Pfd. zu bezahlen und Hongkong an England abzutreten. Mit vier Handelshäfen wurde China dem vornehmlich britischen Handel geöffnet.
Unter dem Indiengesetz von 1833 hatte die East India Company ihre Automie größtenteils verloren. Als viele eingeborene Soldaten rebellierten, war ihr Niedergang 1857 beschlossen. Die indische "Meuterei", die die britische Herrschaft in Indien erschütterte, wurde von britischen und aus loyalen Einheimischen bestehenden Truppen rücksichtslos unterdrückt. Viele Rebellen wurden hingerichtet. Manche wurden gehängt, andere aber mit einer neuen Methode getötet:
Hängen ... war gewöhnlich zu gut für Meuterer. Wenn die Möglichkeit bestand, war es üblich, sie durch Kanonen zerfetzen zu lassen. Man behauptete, diese Methode beinhalte "zwei wichtige Elemente der Todesstrafe: sie war für den Kriminellen schmerzlos und furchtbar für die Zuschauer". Das Ritual war sicher scheußlich. In einer großen Zeremonie wurde das Opfer zum Exerzierplatz gebracht, während die Militärband eine muntere Melodie spielte. Das Opfer wurde mit dem Rücken vor eine Kanonenmündung gebunden. Dann hörte die Musik auf und man hörte nur das schwache Knistern des Feuers an der Lunte. Mit einem Lichtblitz und Kanonendonner ging dann ein ekelerregender Schwall von Blut und Eingeweiden auf die Zuschauer und die Kanoniere nieder, 14)
Der staatliche Drogenhandel dehnte sich noch aus, als die East India Company 1958 aufgelöst wurde und die Krone die direkte Kontrolle über Indien übernahm. Während 1843 "nur" 2.000 Tonnen Opium nach China exportiert worden waren, hatte sich der Export bis 1866 auf 5.000 Tonnen erhöht. 6.500.000 Pfd. wurden allein 1875 am Opiumhandel verdient. Am 1. Januar 1887 wurde Königin Viktoria formell als Kaiserin von Indien ausgerufen. Währenddessen starben indische Bauern weiter an Hunger und in China starben Millionen an den Auswirkungen der Drogensucht.
14) The British Empire, vol. 2, Orbis 1979.

Bildunterschrift: Eine französische Karikatur zeigt einen britischen Admiral, der einem Chinesen Opium einflößt
Am Ende des 18. Jahrhunderts hatte William Cobbet neun Jahre in der britischen Armee gedient, wobei er zum Oberstabsfeldwebel seines Regiments aufgestiegen war. Offiziere konnten ihren Auftrag kaufen und betrogen ihre Männer oft um die Bezahlung, die Ausrüstung und Verpflegung. Nach Cobbetts Erinnerung erhielten die Soldaten nur 6 Pence pro Tag, was kaum zum Überleben reichte:
Wir hatten einige Rekruten aus Norfolk (es handelte sich um das West Norfolk-Regiment); und viele von ihnen desertierten aus purem Hunger. Sie waren einfache Bauern. Alle waren sie groß, denn damals wurde keine kleinen Männer genommen. Ich erinnere mich an zwei, die sehr abbauten und innerhalb eines Jahres starben. Als sie zu uns gekommen waren, waren sie kerngesund gewesen. Ich habe sie viele Male in ihren Kojen liegen sehen und tatsächlich vor Hunger weinen. Eine Wochenration reichte knapp für einen Tag. 15)
Cobbett verließ die Armee 1791. Er hatte genug von der Einstellung einiger Offiziere, die seine Angewohnheit Bücher zu lesen nicht mochten. Er machte sich dann daran, einige der korrupten Praktiken von Offizieren, die er beobachtet hatte, zu entlarven. Aber er musste für einige Zeit nach Frankreich fliehen, um Vergeltung zu entkommen. Cobbetts Ansichten waren damals ziemlich konservativ, was vielleicht angesichts seines Ranges als Stabsfeldwebel nicht überraschend ist. Nachdem er von Frankreich aus nach Amerika gegangen war, wo er einige Zeit lebte, schrieb er Artikel, in denen er die französische Revolution verurteilte und die militärischen Maßnahmen der britischen Regierung gegen die United Irishmen unterstützte.
In England zurück, änderte sich Cobbetts Einstellung und er begann eine Zeitung mit dem Namen The Political Register herauszubringen. Im Jahr 1809 wurden in Ely fünf Soldaten zu jeweils 500 Peitschenhieben wegen "Meuterei" verurteilt, weil sie in "bedrohlicher Weise" gegen die Bezahlung eines Tornisters protestiert hatten, obwohl man mit ihrem Sold im Rückstand war. Cobbett griff die Urteile gegen die Soldaten direkt und sarkastisch an: "500 Hiebe für jeden! Ja, das ist richtig! Peitscht sie! Peitscht sie! Peitscht sie! Man sollte sie zu jeder Mahlzeit schlagen! Schlagt sie täglich! Schlagt sie täglich! Schlagt sie täglich!. Wie bitte! Meuterei wegen des Preises für einen Tornister? Peitscht sie! ect." Cobbett wurde verhaftet, wegen Aufruhrs angeklagt und zu einer Geldstrafe von 1.000 Pfund und zwei Jahren Gefängnis in Newgate verurteilt. Er veröffentlichte The Political Register weiterhin vom Gefängnis aus.
Cobbett war auf dem Land aufgewachsen und begann 1821 mit seinen berühmten Rural Rides durch England. Seine Erkenntnissse über die Bedingungen im Land, die Gesellschaft und die gewöhnlichen Leute wurden während der nächsten fünf Jahre in seiner Zeitung gedruckt. Cobbett versuchte dann, sich im Unterhaus Gehör zu verschaffen und wurde nach einigen Fehlschlägen 1832, im Alter von 69 Jahren, zum Abgeordneten von Oldham gewählt. Im Parlament schlug ihm große Ablehnung entgegen. So schmiedete Cobbett in Westminster eine Allianz mit den irischen Abgeordneten, die von O'Connell geführt wurden. Im Juli 1834 schrieb Cobbet über Irland im Political Register:
Ich habe mich entschlossen, dieses Land mit eigenen Augen zu sehen, um mir selbst ein Urteil zu bilden, und um dem Volk von England, soweit es mir möglich ist, einen wahren Bericht zu liefern. Ich bin entschlossen zu gehen als ginge ich in ein Land, über das ich noch nie ein Wort sprach. Ich habe in zwei Parlamentssitzungen solch widersprüchliche Berichte gehört, die beide von Herren von unbestreitbarer Aufrichtigkeit kamen, dass ich unmöglich nicht wünschen könnte, faktische Beweise vor Augen zu haben. ... Kurz gesagt, ich habe das Verlangen, die ganze Wahrheit zu kennen; und wenn mir es nicht gelingt, wenn ich das Land sehe, dann kann das kaum jemand. 16)
Später sandte Cobbett im selben Jahr eine Reihe von Briefen aus Irland an die Zeitung. Im vierten Brief beschrieb er einige seiner Erfahrungen: " Ich war nun über 180 Meilen in Irland unterwegs, in Grafschaften wie Dublin, Wicklow, Kildare, Carlow, Kilkenny und Waterford. Ich war früher in jeder Grafschaft Englands ... ich habe die besten Teile von Schottland gesehen und in den schönsten Teilen der Vereinigten Staaten von Amerika gelebt. Und ich erkläre hiermit der gesamten Welt, dass ich nirgendwo durch 50 Meilen im Durchschnitt so guten Landes gekommen bin wie während dieser 180 Meilen. ,,, Und doch sind hier diese hungernden Menschen!" Cobbett fuhr fort und beschrieb, warum dies so war:
Auf dem Weg von Kilkenny nach Waterford, .... kam ich durch eine kleine Stadt namens Mullinavat, wo ein Markt für Vieh, fette Schweine und Äpfel stattfand. Es waren vielleicht 4.000 Leute da; auf etwa sieben Morgen befand sich Vieh (meistens fett) und auf den ganzen Straßen der Stadt lagen DREITAUSEND SCHÖNE, FETTE SCHWEINE. ... Ah! Aber Überlegungen ergaben sich aus diesem schönen Anblick, die mein Blut in Wallung brachten; dass der bei weitem größte Teil derjenigen, die diese Schweine gezüchtet und gefüttert hatten, keinen Happen davon essen würden, nicht einmal von den Innereien, und dass sie schlechter lebten als die Schweine und nicht einmal wagten von dem Futter, das die Schweine erhielten, zu essen! Die Schweine sollen geschlachtet, getrocknet oder verwurstet und ins Ausland geschickt werden – gegen Geld, das die Landbesitzer erhalten, die es in London, Bath, Paris, Rom oder sonstwo zu ihrem Vergnügen ausgeben, während diese armen Kreaturen hier all die Nahrung schaffen und selbst hungern. 17)
Cobbett berichtete seinen Lesern von den Hütten, in denen die meisten Armen lebten, und den Lumpen, die viele trugen. Gerade zehn Jahre vor der Hungersnot, die Irlands Bevölkerung heimsuchen sollte, erklärte er seinen Lesern auch, wie die armen Leute gezwungen wurden, sich von lumpers, der schlechtesten Kartoffelsorte, zu ernähren. In seinem fünften Brief wies er auch auf das Zwangssystem hin, das zu dieser Situation führte:
Von Clonmell kamen wir nach Fermoys ... gutes Land; Scharen von Truthähnen überall, Vieh, Schafe, Schweine, wie zuvor; und die Leute, die arbeitenden Leute, genauso elend wie zuvor. ... Auf einer Seite dieses Tals erhebt sich eine meilenlange, wunderschöne, sanft abfallende Hügelkette. Auf diesen Hügeln und an ihren Hängen wechseln sich Kornfelder und Wiesen ab mit Wald und Hainen. Aber wie ich auf der Brücke stand und diese schöne Landschaft betrachtete, sprangen mir drei KASERNEN für Fußtruppen, Pferde und Artillerie in die Augen; Gebäude, die in ihren Ausmaßen alle Paläste übertreffen, die ich je sah; elegant und teuer wie Paläste; Gebäude, die, wie es heißt, 3.000 Fenster haben und über 40.000 Männer aufnehmen können. 18)
15) The Rambling Soldier, von Roy Palmer, Penguin Books Ltd 1977.
16) Not by Bullets and Bayonets – Cobbett’s Writings on the Irish Question 1795-1835, von Molly Townsend, Sheed und Ward Ltd 1983.
17) Ebd. - Not by Bullets and Bayonets – Cobbett’s Writings on the Irish Question 1795-1835.
18) Ebd. - Not by Bullets and Bayonets – Cobbett’s Writings on the Irish Question 1795-1835.

Bildunterschrift: Kitchener und Kipling – aus Bilder für kleine Engländer
In ganz Irland gab es Kasernen für britische Soldaten. Fermoy, von wo man auf den Fluss Blackwater in der Grafschaft Cork blickte, war eine riesige Kaserne, um die herum eine Stadt gebaut worden war. Die größte Garnison, Curragh, wurde 1646 als erste errichtet. Sie stand auf einer großen Ebene in der Nähe von Kildare und beherrschte eine Seite der Dubliner Straße, auf der anderen Seite befand sich eine Rennbahn. Irland wurde kreuz und quer mit Kasernen besetzt, die an strategisch wichtigen Orten errichtet wurden. Dazu kamen die kleineren, aber zahlreicheren befestigten Gebäude der Irish Constabulary (IC).
Während der Hungersnot gab es im ganzen Land 1.600 IC-Kasernen, die sich in Dörfern und Städten befanden. Im Bedarfsfall von Soldaten unterstützt, halfen bewaffnete IC-Leute bei der Durchführung von Landvertreibungen, dem Schutz der Landbesitzer und ihrer Bevollmächtigten sowie bei der Bewachung der Nahrungsmittel, die weiterhin aus Profitgründen ins Ausland exportiert wurden. Auch ein ausgedehntes Gefängnisnetz wurde errichtet, als man aufhörte. Gefangene zu verschicken. Bis zur Zeit der Hungersnot wurden 26 neue Gefängnisse gebaut, die zu den achtzehn, die bereits existierten, hinzukamen. In diesen Gefängnissen wurden vor allem politische Gefangene einem harten Regime aus Kontrolle, Bestrafung und Zwangsarbeit unterworfen.
Im Jahr 1856 besuchte Friedrich Engels Dublin und beurteilte das Land folgendermaßen: "Irland kann als Englands erste Kolonie betrachtet werden ... die sogenannte Freiheit des englischen Bürgers basiert auf der Unterdrückung der Kolonien. Ich habe noch nie in irgendeinem Land so viele Gendarmen gesehen und der abgestumpfte Blick des preußischen Gendarmen ist in der hiesigen Gendarmerie, die mit Karabinern, Bajonetten und Handschellen bewaffnet ist, zu seiner höchsten Perfektion entwickelt." Dreißig Jahre später, im Jahr 1887, besuchte auch Francis Adams Dublin und hielt sein Bild von der Stadt in einem Gedicht fest:
Dublin at Dawn
In the chill, grey summer dawn-light
We pass through the empty streets;
The rattling wheels are all silent;
No friend his fellows greets.
Here and there, at corners,
A man in a great-coat stands;
A bayonet hangs by his side, and
A rifle is in his hands.This is a conquested city;
It speaks of war not peace;
And that's one of the English soldiers
The English call "police".
Nur durch ein schmales Band Wasser von England getrennt, war es unvermeidlich, dass Irland ein frühes Opfer des englischen Expansionismus wurde. Landbesitz und Ausbeutung waren die Hauptmotive des Drangs, die Iren zu unterwerfen, aber es gab auch noch einen weiteren Grund. In der Vergangenheit hatten O'Neill und Tone Bündnisse mit Englands Feinden geschlossen, mit Spanien bzw. Frankreich, die beide Truppen nach Irland geschickt hatten. Das hatte England in seiner Entschlossenheit bestärkt, Irland zu kontrollieren und sicherzustellen, dass es niemals mehr eine militärische Gefahr werden würde.
Cobbett dachte auch, dass Britanniens Sicherheit geschützt werden müsse, aber er wusste auch, dass der Gebrauch repressiver Gesetze und militärischer Macht in Irland falsch und kontraproduktiv war. Er glaubte, dass "eine wahre Union der Herzen" zwischen den Völkern von Britanien und Irland geschaffen werden könne, wenn man statt Gewalt Vernunft walten ließe:
Ich empfehle nicht Kugeln und Bajonette. Der Versuch sollte durch Versöhnung gemacht werden, durch Mittel, die geeignet sind, die irische Bevölkerung aufzuklären, durch Respekt für ihre Rechte und Pflichten und indem man ihnen jene Privilegien gibt, auf die die ganze Menschheit ein natürliches und legitimes Recht hat. 19)
Cobbetts Appell traf auf taube Ohren; Sogar eine solche Tragödie wie die Hungersnot brachte keine Änderung in der Politik. Im Jahr 1846 wurde ein neues Zwangsgesetz (Coercion Act) für den Fall eines möglichen Aufstands durch die hungernde Bevölkerung in Kraft gesetzt. Es war das achtzehnte Zwangsgesetz, das seit der Act of Union *) von 1801 eingebracht wurde. Wie Lord Brougham bemerkte, besaß das neue Gesetz einen "höheren Grad an Strenge". Während eine Million Iren an Hunger und den damit verbundenen Krankheiten starben, verließen immer noch Schiffe, beladen mit Fleisch, Mehl, Hafer und Gerste, irische Häfen.
19) Not by Bullets and Bayonets – Cobbett’s Writings on the Irish Question 1795-1835, von Molly Townsend, Sheed und Ward Ltd 1983.
*) womit Irland Teil Großbritanniens wurde, d. Verf.

Bildunterschrift: In dieser französischen Karikatur von 1899 hängt Irland am Kreuz englischer Unterdrückung und ruft: „Oh Gott, ich habe schon so lange um Hilfe gefleht; könnte es sein, dass Du Engländer bist?“
Eine große Menge jubelte Königin Viktoria im Jahr 1897 zu, als sie zur Feier ihres Jubiliäums von ihrem Palast zur St. Pauls Cathedral fuhr. Sie wurde in der gewaltig großen Prozession von Soldaten aus allen Teilen des Empire begleitet. In ihrem Bericht zu diesem Ereignis schrieb die Daily Mail über diese Soldaten:
Weiße Männer, gelbe, braune, schwarze, jede Hautfarbe, jeder Kontinent, jede Rasse, jede Sprache – und alle unter Waffen für das britische Empire und die britische Königin. Hier kamen sie, immer mehr, neue Typen, neue Reiche, alle paar Meter, ein anthropologisches Museum – ein lebendiges geographisches Lexikon des britischen Empire. Zusammen mit ihnen kamen ihre englischen Offiziere, denen sie gehorchen und folgen wie die Kinder. Und man begann zu verstehen, wie niemals zuvor, was das Empire bedeutet … dass all diese Menschen nicht einfach unter uns arbeiten, sondern mit uns – wir schicken einen Beauftragten da- und dorthin, er greift sich, wo er hinkommt, die Wilden, lehrt sie zu schießen und zu marschieren und bringt ihnen bei, ihm zu gehorchen, an ihn zu glauben und für ihn und die Königin zu sterben. 20)
Nicht alle jedoch teilten die Einstellung der Mail zum Empire. In Irland und Indien entwickelte sich eine Opposition, die die britische Herren angriff – die ihrerseits mit repressiven Gesetzen und militärischer Gewalt reagierten.
Am Ende des Ersten Weltkriegs hatten viele Inder als Belohnung für die Männer und Gelder, die Indien für Britanniens Krieg im weit entfernten Europa gestellt hatte, positive Schritte hin zu Institutionen der Selbstverwaltung erwartet. Statt dessen wurden neue repressive Maßnahmen eingeführt. Im Jahr 1919, 22 Jahre nach Viktorias Jubiläum und fünf Monate nach dem Ende des „Großen Krieges“, kam es in ganz Indien zu Massenprotesten empörter Menschen gegen das Rowlatt-Gesetz, das für politische Fälle Internierungen ohne Prozess und Gerichte ohne Geschworene einführte.
In der Stadt Amritsar drangen Soldaten des Empire in Jallianwala Bagh ein, einen von hohen Mauern umschlossenen Garten, und begannen, in die dort zu einem friedlichen Protest zusammengekommenen Inder zu feuern. Der Schießbefehl wurde von Brigadier-General Reginald Dyer gegeben und von 50 Schützen seiner Sikh- und Gurkha-Soldaten ausgeführt. Mehr als zehn Minuten lang feuerten sie ununterbrochen und gaben dabei 1.650 Schüsse direkt in die Menge ab. Viele der schweren Kugeln durchschlugen ihre ersten Opfer, um dann noch weitere Opfer zu fordern. Als das Gewehrfeuer aufhörte, waren Tausende von Männern, Frauen und Kindern tot oder verwundet.
Hundert Jahre zuvor waren die Gurkhas aus Nepal nach einem blutigen Konflikt mit der East India Company während der Eroberung Indiens besiegt worden. Die Company war von den kämpferischen Qualitäten der Gurkhas beeindruckt und sicherte sich das Recht, Gurkha-Bataillone für ihre Truppen in Indien aufzustellen, womit sie der britischen Tradition folgte, die „martialischen Rassen“ zu benutzen, nachdem man sie unterworfen hatte. Während der indischen „Meuterei“ waren es unter all den einheimischen Soldaten die Gurkhas, die sich als die loyalsten und verlässlichsten erwiesen. In der Tat wurde die Loyalität der Gurkhas gegenüber britischen Interessen so hoch geschätzt, dass Britannien nach der indischen Unabhängigkeit, als die meisten einheimischen Soldaten sich der indischen Armee anschlossen, dafür sorgte, dass einige Gurkha-Bataillone weiterhin bei der britischen Armee blieben.
Nepal, ein unabhängiger Staat zwischen Nordost-Indien und Tibet, stellt weiterhin Soldaten für Britannien. Berühmt für ihre Technik des leisen und heimlichen Tötens, wurden diese Gurkha-Soldaten danach zum Schutz britischer Interessen in anderen Teilen des Empire eingesetzt. Als 1974 Gurkhas zur Verstärkung der britischen Basen nach Zypern gesandt wurden, schrieben lokale Zeitungen dort gegen sie als „Söldner in der Uniform Ihrer Majestät“. Damals dienten 6.500 Gurkhas in der britischen Armee.
Da fast die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebte, war das Geld, das die Gurkhas als britische Soldaten verdienten, Nepals größte Devisenquelle. Jedoch sollte uns das Verständnis der ökonomischen Gründe, die so viele nepalesische Männer in die britische Armee führten, nicht blind machen für die Rolle, die die Gurkhas gerne für ihre englischen Herren spielten. Nach ihrer Beteiligung am Amritsar-Massaker sagten einige Gurkha-Soldaten voller Schadenfreude einem britischen Kolonialbeamten: „Sahib, es war wunderbar: wir feuerten mit allem, was wir hatten.“
20) Daily Mail, 23. Juni 1897, zitiert in: The Cause of Ireland - From the United Irishmen to Partition, von Liz Curtis, Beyond the Pale Publications 1994.

Bildunterschrift: Indische „Meuterer“ werden von britischen Kanonen „gesprengt“
Brigadier-General Dyer, der den Schießbefehl in Amritsar gegeben hatte, meinte: „Für mich sind die Schlachtfelder in Frankreich und Amritsar gleich.“ Obwohl Dyer seine militärischen Aktionen als Kriegsmaßnahmen betrachtete, wussten gefangene indische Unabhängigkeits-Aktivisten jedoch, dass man sie nicht als Kriegsgefangene behandeln würde. Bis zum Ende der indischen „Meuterei“ hatten die britischen Behörden auf den entfernt gelegenen Adamanen, einer Inselgruppe im Golf von Bengalen, eine Strafkolonie errichtet. Nach vier Jahren waren von 8.000 Gefangen, die man auf die Inseln verschleppt hatte, 3.500 getötet worden oder wegen der unhygienischen Zustände am Fieber gestorben.
In den kommenden 80 Jahren versuchte das brutale Gefängnisregime den Willen eines nicht abbrechenden Stromes indischer politischer Gefangener mit Zwangsarbeit, Folter, Hinrichtungen und medizinischen Experimenten zu brechen. Endlich wurde das Gefängnis nach mehreren Todesfällen während eines Hungerstreiks im Jahr 1937 geschlossen. Mohandas Mahatma Gandhi, einer der Köpfe der Bewegung für die indische Unabhängigkeit, sandte den Gefangenen ein Telegramm mit den Worten: „…. WIR VERSUCHEN UNSER BESTES, UM EUCH ZU HELFEN“, und eine Woge der Unterstützung ging durch Indien, was die Behörden zwang, die Gefangenen in die Heimat zurückzubringen und das Gefängnis zu schließen. 21)
Nach dem Massaker von Amritsar kaufte der Indische Nationalkongress Jallianwala Bagh, damit der Opfer gedacht werde. Folgende Worte sind an diesem Ort zu lesen:
Dieser Platz ist getränkt mit dem
Blut von etwa 2000 patriotischen Hindus, Sikhs und Moslems,
die in einem gewaltlosen Kampf zur Befreiung Indiens von britischer Herrschaft
zu Märtyrern wurden.
General Dyer von der britischen Armee ließ auf unbewaffnete Menschen Feuer eröffnen.
Jallianwala Bagh ist so ein ewiges Symbol für den gewaltlosen und friedlichen
Kampf für die Freiheit des indischen Volkes und die grausame Tyrannei der Briten. 22)
Ein Jahrzehnt nach dem Massaker besuchte Gandhi England. Dort wurde er gefragte, was er von der westlichen Zivilisation halte. Er antwortete: "Ich meine, das wäre eine gute Idee."
21) Guardian Weekend magazine, Artikel von Cathy Scott-Clark und Adrian Levy, 23. Juni 2001.
22) The Amritsar Massacre - Twilight of the Raj, von Alfred Draper, Buchan und Enright 1985.

Bildunterschrift: Die indische Bevölkerung half Britannien im Großen Krieg – aber als sie danach Reformen wollte, setzte man die Armee gegen sie ein
Gegen Ende der Industriellen Revolution hatte Friedrich Engels in seinem Buch „Bedingungen der arbeitenden Klasse in England“ die furchtbaren Lebensbedingungen in den Slums britischer Städte wie auch die brutalen Arbeitsbedingungen in Fabriken und Minen beschrieben. Die Chartisten kämpften für Änderungen und gegen die „alte Korruption“ im Parlament. Da nur die relativ Wohlhabenden ein Wahlrecht hatten, verlangten die Chartisten eine Erweiterung des Wahlrechts und wollten die fixer abschaffen, die das Wahlsystem manipulierten und das viktorianische Pendant der heutigen spin doctors waren.
Im Jahr 1842 legten die Chartisten während der Opiumkriege dem Parlament eine Liste von 3.317.702 Unterschriften vor, in der die Annahme einer Rechtscharta folgenden Inhalts gefordert wurde: allgemeines Wahlrecht für Männer, gleiche Wahlbezirke, regelmäßige Parlamenhtssitzungen, Bezahlung der Abgeordneten, geheime Abstimmungen und vom Besitz unabhängige Möglichkeit der Kandidatur. Die Peoples Charter wurde in Westminster mit 49 zu 287 Stimmen abgelehnt. Unruhen und Streiks brachen aus, wurden aber von Polizei und Armee unterdrückt.
Engels hatte geschrieben, dass England dabei war, der Produktionsbetrieb der Welt zu werden; alle anderen Länder sollten für England das werden, was Irland schon war – Märkte für Fertigwaren und Lieferanten von Rohstoffen und Lebensmitteln. In The Economic History of India schrieb der indische Historiker Rumesh Dutt: “Die East India Company und das britische Parlament entmutigten indische Hersteller .... um die steigende Fertigwarenproduktion in England zu fördern. Ihre festgeschriebene Politik war es, Indien für die Industrie Großbritanniens dienstbar zu machen und die indische Bevölkerung landwirtschaftliche Erzeugnisse anbauen zu lassen, um Material für die Fabriken und Webstühle in Großbritannien zu liefern.“
Die traditionelle indische Produktion von Seide und Baumwolle wurde durch Gesetze und Zölle unterdrückt und das Rohmaterial nach England geschickt zur Verarbeitung in „dunklen, teuflischen Spinnereien“. Die Wirkung für die indischen Handwerker war katastrophal wie ein Sonderausschuss des Unterhauses 1840 erfuhr: „Dacca, das das Manchester Indiens war, einst eine sehr blühende Stadt, ist jetzt sehr klein und arm; die Not ist dort tatsächlich sehr groß."
Während der Freihandel als Rechtfertigung für die Aktivitäten von Handelsgesellschaften wie der East India Company propagiert wurde, war er in Wirklichkeit nur in eine Richtung frei und blieb für die einheimische Bevölkerung ein abgekartetes Spiel. Britische Geschäftsinteressen widersetzten sich heftig jedem Versuch der öffentlichen Kontrolle, aber verlangten, dass Regierungen in ihrem Auftrag alle Arten von Schutzmaßnahmen trafen. Moralische Erwägungen spielten bei der Enscheidungsfindung keine Rolle, denn Gewinnstreben war das vorherrschende Motiv und sorgte dafür, dass ein Monopol auf Fertigwaren aufrecht erhalten wurde – gegen „ausländische Interessen“.

Bildunterschrift: Indische Opfer des Hungers 1896/97
The Butcher's Apron (Die Schürze des Schlachters)
Alte Imperien wie Rom hatten bei denen, die sie eroberten, Beute gemacht und von ihnen Tribut gefordert. Später wurde Spanien das reichste europäische Land, weil es Gold und Silber in Südamerika stahl. Das britische Empire war gößer als alle anderen früheren Imperien wegen des Systems, auf dem es beruhte. Das frühe Empire und der Sklavenhandel hatten das Kapital geschaffen, das für die industrielle Revolution notwendig war, die wiederum, durch Ausbeutung billiger Arbeitskräfte zu Hause, einen Überschuss produzierte, der mit großem Gewinn in den Teilen des Empire verkauft wurde, in denen man die einheimische Produktion estickt hatte.
Das Ostindienhaus in der Londoner City war eine der Schaltzentralen, von denen aus dieses System agierte. Es stand in der Nähe der Bank von England und war in seiner Größe und mit seiner kunstvollen Fassade ein beeindruckendes Symbol der imperialen Errungenschaften. Es wurde nach dem Niedergang der Company abgerissen. Passenderweise steht heute das Gebäude von Lloyds an seiner Stelle, denn zu ihrer Zeit war die East India Company ein wesentlicher Teil der globalen Ökonomie:
Der mit Sklavenarbeit gewonnene Zucker verband sich mit dem durch den Opiumhandel "gekauften" Tee zu einem "Produkt", das Englands Nationalgetränk wurde.
Dieses System wurde geschützt durch eine Armee und Marine, die von der Offiziersklasse kontrolliert wurde, während das Fußvolk oft aus den keltischen Randgebieten bzw. aus der städtischen und ländlichen Unterklasse kam. Mit Söldnern und einer Kolonialpolizei, die oft unter den zuvor Eroberten rekrutiert wurden, und die oft eine ausschlaggebende Rolle spielten.
Proimperialistische Historiker prahlen oft damit, dass das Britische Empire auf seinem Höhepunkt ein Viertel der Landoberfläche der Erde bedeckte und eine Bevölkerung von über 400 Millionen hatte. Sie vergessen jedoch, uns zu sagen, dass Drogen- und Sklavenhandel dabei halfen, Britannien zu „Groß“-Britiannien zu machen. Oder dass die Hungersnöte in Irland und Indien, die Millionen Tote forderten, das Resultat einer unnachgiebigen Marktideologie waren, begleitet von öffentlicher Gleichgültigkeit.
Während „Zivilisation“ und „Christentum“ die häufig genannten Motive für das Empire waren, hatten viele der Unterworfenen, über deren Länder der Union Jack wehte, ihre eigene Sichtweise der britischen Herrschaft. Sie nannten die britische Flagge „the butcher’s apron“ (die Schlachterschürze), und wenn britische Politiker sich rühmten, dass die Sonne im Empire nie unterginge, fügten sie hinzu „und nie trocknet das Blut“.
Und in der heutigen Zeit des US-geführten neuen Imperialismus sollten wir uns erinnern, dass zu Hause und in Übersee die Armen Unterdrückung, Sklaverei, Elend und Tod ausgesetzt waren, während sich in der Glanzzeit des Empire in Londons City die Gewinne vervielfachten.

Bildunterschrift: Mahatma Ghandi während eines Besuches in Britannien, umringt von jubelnden Menschen in Lancashire
Übersetzung:
(sib) Irlandinitiative Heidelberg, 6. April 2008,
Anmerkungen in Klammern dienen der Erläuterung
Zur Kapitelübersicht
Copyright © 2004 Aly Renwick / TOM (Troops
Out Movement)
Englisches Original - English Language Version
Weiter zu Kapitel 4: John Bulls andere Insel - Der Weg zur Teilung