Irische Geschichte / Irish History


Interview von Dermot O'Connor, Irlandinitiative Heidelberg, mit Aly Renwick


Frage: Aly, der Titel deines Buches lässt vermuten, dass sehr ausführliche Forschungsarbeit notwendig war. Wie lange hast du gebraucht, um die notwendigen Informationen zusammenzutragen und betrachtest du das Buch als erschöpfend im Hinblick auf das Ausmaß der weltweiten kolonialen Verwicklungen Britanniens und natürlich hinsichtlich der langen Geschichte Englands in Irland?

Antwort: Obwohl ich selbst nie an Konflikten beteiligt war, zwang mich mein Dienst in der Armee vor allem an Orten wie Westdeutschland, Zypern, Kenia, Nordostthailand (während des Vietnamkrieges) und in Nordirland über Themen wie Menschenrechte, nationale Rechte und die Rolle von Imperialismus nachzudenken. Noch während meiner Zeit als Soldat, nahm ich mir vor, dass ich eines Tages versuchen würde, die Wahrheit herauszufinden und bekannt zu machen - und seit ich die Armee vor 35 Jahren verlassen habe, habe ich nach und nach das Material gesammelt und bearbeitet, das ich nun in Oliver's Army zusammengefasst habe.

Die ersten sechs Kapitel von Oliver's Army behandeln etwa 700 Jahren Geschichte in ca. 60.000 Wörtern. Da kann ich nicht behaupten, dies sei erschöpfend. Jedoch habe ich diese Kapitel benutzt, um darzulegen, welche Triebkräfte hinter dem britischen Imperialismus und der bewaffneten Macht standen, mit der ein Weltreich geschaffen und aufrechterhalten wurde. Ich zeige auch, wie normale Leute in Irland, in anderen Kolonien und in Britannien (einschließlich der Soldaten, die als Kanonenfutter benutzt wurden) von der Schaffung und der Auflösung des Empire betroffen waren. Die letzten sechs Kaptiel handeln von den letzten 35 Jahren in Nordirland und diese befassen sich detaillierter mit verschiedenen Aspekten des nordirischen Kleinstaates. Britische Politik und der Einsatz von Truppen - hier wird ein anderer und einzigartiger Einblick in die militärischen Operationen während des Konfliktes geboten.

Frage: Sie traten in sehr jungen Jahren in die Armee ein und Sie haben viel von der Welt gesehen während der fünf Jahre aktiven Dienstes nach Ihrer Ausbildung. Gab es eine bestimmte Erfahrung, die mehr als alles andere Ihre Entscheidung beeinflusste, Ihre "sichere" Position in der Armee aufzugeben?

Antwort: Als ich mit 16 in die Armee eintrat, hatte ich reichlich konservative Ansichten und diese änderten sich allmählich. Der Hintergrund und vielleicht der wichtigste Aspekt dabei war, dass ich während der 60er Jahre in der Armee war, während eines Jahrzehnts, das von Konservativen heute für alles mögliche verantwortlich gemacht wird. Aber ich halte es für eine Zeit der Befreiung, mit Arbeiterkämpfen und studentischen Kämpfen, antikolonialen Revolten und für eine Zeit, in der Menschen den Wandel wollten und Dinge hinterfragten, die sie zu anderen Zeit vielleicht nicht hinterfragt hätten. In der Militärschule bekam ich Kontakt zu einigen der letzten Wehrpflichtigen, die im Ausbildungskorps waren und uns unterrichteten. Einige von ihnen mochten die Armee ganz eindeutig nicht und machten Vorgesetztenwitze, sie waren gegenüber manchen Dingen in der Armee ohne Respekt. Zuerst war ich darüber etwas schockiert, später erkannte ich, dass ihr Sarkasmus in vielem berechtigt war. Ich begann mir eine eigene Meinung zu bilden und zu erkennen, dass die Armee halbfeudal organisiert war mit einer starren Hierarchie, die durch ein System strenger Diziplin und Strafen aufrechterhalten wurde. Ich fing an mich zu fragen, ob ich Teil einer solchen Organisation sein wollte. Was ich später an verschiedenen Orten in der Welt erlebte, bestätigte meine Ablehnung gegenüber der Armee und machte sie immer eindeutiger.

Frage: Hatten Sie in der Armee irgendwelche Schwierigkeiten, weil Sie an Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg teilgenommen hatten?

Antwort: Immer wenn ich mit Infrantriesoldaten in Kontakt kam, dachte ich, wie gehirngewaschen sie waren und wie schwierig es war, sich mit ihnen rational zu unterhalten. Ich nehme an, ich hatte Glück, dass ich in so ein Regiment, wie es die Techniker waren, kam mit Soldaten, die für Argumente und Diskussionen etwas offener waren. Ab Mitte der 60er Jahre war es üblich, dass einige meiner Kollegen libertäre Flower Power-Publikationen lasen. Ich zog politischere Schriften vor und hatte sogar eine Abonnement für den Morning Star. Ich ging einmal an Ostern auf die Antiatomdemonstration des CND in Aldermaston, ebenso wie ich an Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg teilnahm. Dadurch fiel ich in der Armee auf und ich wurde, wie ich später herausfand, durch den SIB (spezielle Untersuchungsgruppe) der Red Caps, der Armeepolizei, beobachtet. Aber obwohl ich von bestimmten Operationen der Armee ferngehalten wurde, wurde ich wegen meiner politischen Aktivitäten nie direkt bestraft. Ich denke, das hatte viel damit zu tun, dass ich bei den Technikern war und nicht in einem Infantrieregiment.

Frage: Nach dem Beschluss vom 6. Dezember 1921, Irland zu teilen, war es die Rolle der britischen Armee, den Status quo zu sichern.. Die Armee wurde in Derry am 14. August 1969 zum ersten Mal wieder auf den Straßen Nordirlands eingesetzt, nachdem sie jahrzehntelang im Hintergrund in ihren Kasernen gewesen war. Es wird häufig gesagt, die Armee wurde wieder eingesetzt, um die Katholiken im Norden vor loyalistischen Pogromen zu schützen, obwohl dies in Derry nicht der Fall war. Könntest du erklären, welche Situation es war, die zur militärischen Intervention in Derry führte?

Antwort: Britanniens Überlegungen hinsichtlich Irlands waren schon immer politischer, ökonomischer und strategischer Natur. Gegen Ende der 60er Jahre, als die alten strategischen Erwägungen noch galten (Teil des ‚Kalten Krieges' gegen Russland), begannen sich jedoch die politischen und ökonomischen zu verändern, da der Süden zum größeren Markt für britische Produkte wurde und beide Länder sich um eine Mitgliedschaft in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EEC) bewarben. Damit erhöhte sich der Druck auf die unionistische Regierung im Norden hinsichtlich einer Normalisierung der Beziehungen zum Süden, was wiederum eine heftige Gegenreaktion seitens der Loyalisten provozierte. All dies geschah gleichzeitig mit dem Erstarken der Bürgerrechtsbewegung im Norden was die loyalistische Reaktion noch verschärfte - und die unionistischen Sicherheitskräfte, die RUC und die B Specials (paramilitärische Spezialeinheit der nordirischen Polizei), wurden zusehens paranoider und attackierten nationalistische Gegenden, wann immer sich die Möglichkeit bot. Nach einem Oraniermarsch am 12. August 1969 in Derry griff die RUC-Polizei mit Unterstützung der B Specials (Sondereinheit, die der RUC unterstellt war und deren Mitglieder zu fast hundert Prozent zum Oranierorden gehörten) das nationalistische Wohnviertel Bogside an, das sie auch schon in der Vergangenheit attackiert hatten. Diesmal waren die Bewohner vorbereitet und stoppten nicht nur die unionistischen Sicherheitskräfte, sondern drohten sie zu überwältigen. Zu diesem Zeitpunkt wurden britische Truppen in die Strassen Derrys entsandt, "um den zivilen Kräften zu helfen". Nicht um Katholiken zu schützen, obwohl dies behauptet wurde, um damit nationalisitische Agitation einzudämmen, sondern um den Status quo im Norden aufrecht zu erhalten.

Frage: Warum wurde Militär in den Strassen Belfasts erstmals am 15. August 1969 eingesetzt, nachdem bereits Hunderte katholischer Familien zuvor vertrieben und ihre Häuser ausgebrannt worden waren (1502 katholische Familien waren betroffen im Zeitraum von Juli bis September 1969) und die Regierung der Republik Irland eine UN Internvention verlangt hatte?

Antwort: Das gleiche Vorgehen in Belfast, die Truppen wurden nicht dazu eingesetzt um Katholiken zu schützen, sondern um die Situation zu stabilisieren, die außer (staatlicher) Kontrolle zu geraten drohte - und der Truppeneinsatz diente britischen politischen und militärischen Interessen, nicht dem Schutz der Katholiken. Anfangs wurde die (verspätete) Ankunft britischer Soldaten von vielen Nationalisten 1) begrüßt, da sie es als einen Sieg über die unionistischen Sicherheitskräfte und Regierung betrachteten.

Frage: Hätten aufeinander folgende britische Regierungen ihrer Armee eine positive Rolle in Irland zuweisen können, speziell nach den loyalistischen Pogromen in Belfest 1969?

Antwort: Der letzte Versuch einer britischen Regierung, die Armee in progressivem Sinne in Irland einzusetzen, erfolgte durch die Liberalen in 1914 mit der Unterstützung ihrer Home Rule Bill (Gesetz zur begrenzten Selbstverwaltung). Dieser Versuch wurde beendet durch einen Aufstand der Offiziersklasse der Armee, die in der Curragh Kaserne stationiert war, und durch Ultras unter den Unionisten innerhalb des britischen Establishments die die "Orange Card ausspielten". Jetzt sind diese Elemente, wenn auch schwächer, immer noch lebendig und aktiv innerhalb der britischen Gesellschaft und sie unterstützen jetzt und in Zukunft den Unionismus im Norden Irlands. Die Ereignisse von 1969 zeigten, dass der künstliche Kleinstaat Nordirland ein gescheitertes Gebilde war, das nur mit fortdauernden ‚troubles' existieren konnte. Eine progressive Regierung hätte sich dessen angenommen, sich bemüht die Beziehungen Britanniens zum gesamten Irland zu restrukturieren und ein Programm des Abzugs in die Wege geleitet - wobei die Truppen eine positive Rolle hätten spielen können (Entwaffnung des Unionismus etc.), bevor sie schließlich für immer abgezogen wären.

Frage: Welche Auswirkungen hatten die Bombenanschläge in Dublin und Monaghan 1974 auf die künftigen politische und militärische Ereignisse in Irland?

Antwort: Nach 1969 gab es kurze "Flitterwochen" zwischen der nationalistischen Bevölkerung und den britischen Truppen. Dies brach ab, als deutlich wurde, dass die Soldaten die gleichen Aufgaben verrichteten wie die verhasste RUC und die B Specials. Als die Gewalt eskalierte, wurde Aufstandsbekämpfungs-Experten wie Kitson grünes Licht gegeben für eine Offensive gegen die IRA. Allerdings führte dies nicht zu einem Sieg über die IRA, sondern zu Problemen für die Armee - es gab schwere Verluste und viele Soldaten verließen die Armee nach einem Einsatz im Norden. Aufgrund des Ausbleibens eines militärischen Erfolgs und eingeschüchtert durch das wachsende "Truppen raus" Gefühl in Britannien initiierten die Konservativen und später Harold Wilsons Labour Regierung das politische "Sunningdale Abkommen", das dazuerdacht wurde, um die Nationalisten zu spalten indem ihre moderaten Vertreter (SDLP etc.) in eine "Machtteilende" Regierung im Norden eingebunden werden sollten. Während dies darauf zielte, Republikaner2) (deren politischer Flügel damals klein und schwach war) zu isolieren, wurde Sunningdale ironischerweise von Loyalisten und den Ultras unter den Unionisten attackiert, die als Protest einen "Streik" organisierten der zum Zusammenbruch der Infrastruktur und Industrie im Norden führte. Dies wurde begleitet von einer Mordserie an Katholiken, was in den Bombenanschlägen in Dublin und Monaghan gipfelte. Nachdem Sunningdale aufgegeben werden musste, startete die Labour Regierung mit der Ulsterisation - und bereitete damit die Basis für Jahrezehnte des Konflikts.

Frage: Bis vor kurzem war die Annahme weit verbreitet, dass Harold Wilson und die Labour Regierung 1974 Opfer rechter Elemente in der britischen Armee waren. Was sind die bekannten Fakten heutzutage, dreißig Jahre danach?

Antwort: In den sechziger Jahren waren viele im britischen Establishment beunruhigt über die Infragestellung des Status quo bzw. die Angriffe darauf. Anfang der siebziger Jahre wurden einige Leute, auch Teile der Geheimdienste und des Militärs, angesichts der Arbeiterstreiks, insbesondere der Streiks der Bergarbeiter, der schwachen Führung der Torys, der möglichen Regierungsübernahme durch eine linksorientierte Labour Party und einer Niederlage gegenüber der IRA paranoid. Als Labour unter der Führung von Wilson Anfang 1974 die Wahlen gewann und sich mit den Bergarbeitern sofort einigte, wobei deren Forderungen fast alle akzeptiert wurden, verstärkte sich die Angst der Rechten und führte dazu, dass ein Teil von ihnen sich gegen Wilson und das Sunningdale-Abkommen, das Labour nun umsetzen wollte, verschworen. Das Militär war mit der Sunningdale Situation unzufrieden, da sie nicht beide Seiten der Bevölkerung im Norden bekämpfen wollten. Die Armee war jetzt taktisch und psychologisch dafür ausgebildet, Krieg gegen die nationalistische Bevölkerung zu führen, d.h. sie neigten dazu, Befehle von Labour Politikern, die ein Vorgehen gegen loyalistische/unionistische Aktionen forderten, zu ignorieren oder zu verweigern. Soldaten verbrüderten sich mit loyalistischen Protestierenden und die Geheimdienste streuten verdeckt Propaganda, die Wilson und seine Regierung dikreditierte. Einige Teile der Armee (Geheimdienst und Spezialeinheiten) standen in enger Verbindung zu loyalistischen paramilitärischen Organisationen wie der UDA und der UVF, die sie dazu nutzten, um den "gemeinsamen Feind" - die IRA vor allem, aber auch Republikaner und Nationalisten im allgemeinen - ins Visier zu nehmen. Die Bombenanschläge in Dublin und Monaghan waren eine gemeinsame Operation, die von Loyalisten ausgeführt wurde, aber seitens Teilen der britischen Armee und Geheimdienstmaschinerie Unterstützung bei der Planung und durch Informationen und hochentwickeltes Bombenmaterial erfuhr.

Frage: Es wird allgemein davon ausgegangen, dass der loyalistische Streik, der die Bombenanschläge von Dublin und Monaghan begleitete, allein das Sunningdale Abkommen nicht hätte zu Fall bringen können, wenn nicht die britische Armee den loyalistischen Paramilitärs freie Hand gelassen hätte. Was tat die Labour Regierung um ihr eigenes Abkommen zu retten?

Antwort: Anfangs hatte die Labour-Regierung den Plan, die Truppen zum Betrieb der Kraftwerke und anderer essentieller Versorgungsdienste im Norden abzustellen und sie unterstützte und organisierte zusammen mit der TUC (Gewerkschaft....) "zurück-zur-Arbeit"-Märsche wie jenen zur Harland & Wolff Werft. Aber das militärische Oberkommando weigerte sich, einen solchen Truppeneinsatz in Erwägung zu ziehen und das Militär war nicht in der Lage, für adequaten Schutz während der "Zurück-zur-Arbeit"-Märsche zu sorgen, was dazu führte, dass der TUC Geschäftsführer Len Murray in Belfast mit faulen Eiern und Tomaten beworfen wurde. Angesichts all dieser Opposition verlor die Labour Regierung die Nerven und zog ihre Unterstützung für Sunningdale zurück - genau wie die Liberalen 60 Jahre zuvor nach dem Curragh Aufstand.

Frage: Seamus Mallon von der SDLP nannte das Karfreitagsabkommen (Good Friday Agreement) Sunningdale für "Schwerfällige". Dieser Vergleich wurde von jeher von Republikanern abgelehnt. Da der Vergleich nun einmal angestellt wurde: Was ist der Unterschied zwischen Sunningdale im Jahr 1974 und dem Karfreitagsabkommen des Jahres 1998?

Antwort: Ein Unterschied ist, dass Sunningdale während einer Zeit heftiger Auseinandersetzungen zwischen der britischen Armee und der IRA zustande kam und es war ein direkter Versuch, die Unterstützung und Autorität des bewaffneten Kampfes der Republikanischen Bewegung zu unterminieren - indem man moderate Nationalisten in ein Arrangement zur Machtteilung lockte. Die nationalistische Arbeiterklasse war ebenfalls gegen Sunningdale, da es keine Aussicht auf ein Ende der Internierung und die Patrouillen britischer Soldaten in ihren Strassen in Aussicht stellte - und keine Möglichkeit eröffnete, um als Iren ihr Recht auf Selbstbestimmung in Anspruch zu nehmen. Das Karfreitagsabkommen kam viel später, als die britische Armee sowie die Republikanische Bewegung realisierten, dass sie in einen militärischen Konflikt verwickelt waren, den keine Seite gewinnen konnte. In dieser ausweglosen Situation stellte das Karfreitagsabkommen keine umfassende Lösung dar - sondern es schaffte eine Anzahl demokratischer Konditionen - wie Machtteilung (diesmal inklusive Sinn Fein und nicht nur mit der SDLP), gesamtirische Institutionen, eine akzeptable Polizei und verbriefte Grundrechte - die es Republikanern erlaubte, ihre Ziele mit politischen anstatt militärischen Mitteln zu verfolgen. Natürlich stehen die Hardliner unter den Unionisten dem Karfreitagsabkommen ablehnend gegenüber und negieren fortgesetzt jegliche Weiterentwicklung des Friedensprozesses. Es ist offensichtlich, dass mit Sunningdale und jetzt dem Karfreitagsabkommen die britische Regierung und der Unionismus die SDLP als eine schwache und ins Trudeln geratene Partei ansehen - die man manipulieren kann, um mit ihrer Hilfe die resolute Haltung der Republikanischen Bewegung zu unterminieren.

Frage: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem festgefahrenen irischen Friedensprozess und der internationalen Anti-Terror-Doktrin die von Bush und Blair befürwortet wird?

Antwort: Die Anti-Terror-Doktrin suggeriert stark, dass "Terrorismus" nicht belohnt werden dürfe, indem man Konzessionen macht. Außerdem haben wir im United Kingdom kürzlich Bemühungen erlebt, alte Attitüden des British Empire wieder aufleben zu lassen, mit der Auslegung, dass es nicht nur für die Profiteure, sondern auch für ihre Untertanen Gutes brachte. Dies wurde getan, um den neuen Imperialismus der von den USA geführten ‚Neuen Weltordnung' zu rechtfertigen und resultierte in der Stärkung der proimperialistischen Haltung - was den Unionismus im Norden Irlands und in Britanniens einschließt. Während Blair mit anderen Problemen beschäftigt ist und Bush wenig Interesse an irischen Angelenheiten zeigt, haben jene mit einer antirepublikanischen Agenda die Gelegenheit genutzt und sich bei einigen Aspekten des ‚Krieges gegen den Terror' eingeklinkt, um zu versuchen, den irischen Friedensprozess zu vereiteln.

Frage: Steht das big business mit dieser Doktrin in Verbindung, z.B. in Irak?

Antwort: Die Anti-Terror-Doktrin ist Teil des neuen Imperialismus, der selbst ein Produkt der westlichen ökonomischen und industriellen Macht ist - dazu eingesetzt weltweit die Ressourcen im Interesse des big business auszubeuten. Die Öl-Kapazitäten des Irak werden nur noch von Saudi Arabien übertroffen und befinden sich inmitten einer Region, die ein Viertel der weltweiten Ölmenge produziert und umfasst mehr als die Hälfte aller entdeckten Reserven. Die USA ist der Welt größter Ölimporteur und mit der Invasion erhielt Amerika die Kontrolle über die irakischen Ölfelder. Hätte der Irak keine natürlichen Ressourcen zur Verfügung, hätte die Invasion nie stattgefunden, auch nicht wegen Saddam. Die Lügen bezüglich Massenvernichtungswaffen wurden nur dazu aufgebracht, um die Leichtgläubigen zu täuschen.

Frage: Wenn dem so ist, wie läßt sich dieses zugrunde liegende Interesse mit einem erfolgreichen Abschluss des Karfreitagsabkommens in Einklang bringen?

Antwort: Die Strategie des big business kann sich verändern, wenn es die Umstände erfordern. Nehmen wir beispielsweise den Imperialismus in Afrka; dort hat es durch die weißen Siedler in Kenia, Zimbabwe und Südafrika geherrscht. Und das so lange, bis die Selbstbestimmungskämpfe diese weißen Minderheitsregime unhaltbar machten und dann hat big business seine Verbündeten gewechselt - es wurden schwarze neokoloniale Eliten gestützt und/oder ihre ökonomische Macht genutzt, um neue Regierungen unter Druck zu setzen oder zu bedrohen. In Europa wird die europäische Vereinigung (EU) vom big business vorangetrieben, mit dem Fallen von Grenzen wird sowohl der Warenhandel einfacher als auch der Arbeitskräftemarkt beweglicher. Britannien und Irland sind beide ein integraler Bestandteil der EU, aber während des Konflikts war die Grenze zwischen dem Norden und dem Süden Irlands die am besten kontrollierte und militarisierte Europas. Dies und die Bombenanschläge und Schießereien machten den Norden untragbar. Nicht in der Lage, die IRA zu besiegen, ersann die britische Regierung dann das Karfreitagsabkommen, um diese monetäre und politische Last loszuwerden.

Frage: Sie erwähnten, dass einige Teile des Geheimdienstes und Spezialeinheiten der britischen Armee im Jahr 1974 in Kriegshandlungen gegen den irischen Staat verwickelt waren, was schließlich zum Kollaps von Sunningdale führte. Arbeiten die gleichen Elemente heutzutage gegen das Karfreitagsabkommen und tun sie dies mit oder gegen New Labour?

Antwort: Nach Abschluss des Karfreitagsabkommens möchten britische Politiker und diejenigen im Militärapparat, die sie während drei Jahrzehnten bekämpften, jetzt nicht unbedingt die Gegenseite triumphieren sehen. Allerdings hatten Politiker schon immer eine eher taktische Haltung gegenüber jenen, die sie "Terroristen" nennen, während die Soldaten der Frontlinie eher anfällig für die Propaganda sind und deshalb eine wesentlich extremere antirepublikanische Haltung und Vorgehensweise haben. Es ist klar, dass einige, die noch immer Teil der Sicherheitskräfte im Norden sind, die loyalistische Linie der Ablehnung des Karfreitagsabkommens verfolgen, dass sie Propaganda streuen und auf Aktionen drängen, die destabilisierend wirken und Aspekte des Abkommens ablehnen. Während die Politiker nicht wollen, dass das Karfreitagsabkommen scheitert, benutzen sie opportunistischerweise diese Haltung und einige dieser Aktionen dazu zu versuchen, den Aufstieg von Sinn Féin als politischer Kraft zu bremsen.

Frage: Was bedeutet dies alles heute für das Karfreitagsabkommen unter New Labour?

Antwort: Das britische Establishment ist gespalten hinsichtlich der "irischen Frage" wie sie es auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren. Der mehrheitliche (big business) modernisierte Teil will nur Geld machen, und keine Anormalität wie Nordirland mit seinen Konflikten/Bombenanschlägen im Zentrum Londons etc., die dem im Wege steht. Sie sind demzufolge bereit, politische Veränderungen in Kauf zu nehmen, um ihr Ziel zu erreichen. Gleichzeitig gibt es noch immer eine prounionistische Minderheit, die den Status quo beibehalten möchte. Sie sind wortgewaltig und äußerst antirepublikanisch mit Stimmen in allen politischen Parteien, den Gewerkschaften und speziell in den Medien. New Labour ist mit dem big business liiert und wird deshalb das Karfreitagsabkommen weiter verfolgen, aber angesichts unionistischer Opposition wahrscheinlich nur in dem Maße, um den Norden ruhig zu stellen - und ganz sicher nicht, um den Weg zur Selbstbestimmung für die irische Bevölkerung zu ebnen. Das heißt, das letztere Ziel, das eine Vorbedingung zur Bildung einer vereinten Arbeiterklasse ist, kann nur durch Republikaner, Sozialisten und all jene zustande gebracht werden, die eine progressive Lösung für Irlands englisches Problem befürworten.

Frage: Die irische Zeitung "Sunday Business Post" schrieb neulich über den Friedensprozess: 'Zehn Jahre nach dem ersten Waffenstillstand der IRA (31. August 1994) wartet der Norden immer noch auf die Umsetzung der Menschen- und Gleichheitsrechte, auf eine Regierung, in der alle Parteien proportional vertreten sind, eine grundlegende Reform der Polizei und auf Normalisierung.' Meine letzte und wahrscheinlich schwierigste Frage an Dich, Aly, ist: In welche Richtung wird sich Deiner Meinung nach Irlands Problem mit England in den nächsten zehn Jahren entwickeln?

Antwort: Es ist eine Sache zu versuchen, die Geschichte zu interpretieren und eine ganz andere, die Zukunft vorauszusagen. Was wir sicher wissen ist jedoch, dass die Auseinandersetzung über bestimmte Punkte weitergehen wird wie in der Vergangenheit. Zunächst sollten wir uns einmal daran erinnern, dass 1914 die proimperialistischen Kräfte in Britannien mit Armeeoffizieren im Curragh Camp und extremistischen Unionisten im Norden konspirierten, um das Gesetz zur Home Rule der liberalen Regierung zu blockieren. Sechzig Jahre später, nämlich 1974, haben diese Kräfte das Sunningdale Abkommen zum Scheitern gebracht. In beiden Fällen haben unentschlossene britische Regierungen gegenüber den Rechten im britischen Establishment und unnachgiebigen Unionisten einen Rückzug gemacht.

Heute im Jahr 2004, dreißig Jahre später, erleben wir, wie nahezu dieselben Kräfte versuchen, das Karfreitagsabkommen zu zerstören und den irischen Friedensprozess aufzuhalten. Und wiederum erscheint die britische Regierung - wie auch die irische - unentschlossen und zögerlich. Demokraten in Britannien und Irland würden gut daran tun, zu überlegen wie dieser ständig sich wiederholende Gang der Dinge unsere beiden Länder beeinträchtigt. Es ist sicher im Interesse von uns allen, den Friedensprozess zu unterstützen und dafür zu sorgen, dass seine Gegner - bei denen es sich in Britannien wie auch in Irland um eine Minderheit von reaktionären Kräften handelt, sich nicht wieder durchsetzen.

1)  Der irische Nationalismus manifestiert sich in der Forderung nach einer irischen Wiedervereinigung, als Rahmen für eine irische Selbstbestimmung. Alle wesentlichen Parteien der Republik Irland sowie im Norden - die SDLP und Sinn Féin - bekennen sich, allerdings mit unterschiedlicher Vehemenz und unterschiedlichen Konsequenzen, zum irischen Nationalismus und dem Ziel der Wiedervereinigung. (Quelle: Dietrich Schulze-Marmeling et al., Der lange Krieg - Macht und Menschen in Nordirland, Göttingen, 1989)

2)  Der irische Republikanismus ist eine über den Nationalismus hinausgehende Ideologie. Alle Republikaner sind Nationalisten, aber bei weitem nicht alle Nationalisten sind auch Republikaner. Die fünf Hauptelemente des Republikanismus lauten: 1. Separatismus (d.h. Abtrennung der gesamten irischen Insel vom Vereinigten Königreich). 2. Säkularismus (d.h. Trennung von Religion und Politik). 3. Antisektierertum (d.h. Ablehnung einer Politik, die entlang von konfessionellen Trennungslinien formuliert wird bzw. Aufhebung der konfessionell bestimmten Spaltung der irischen Unterklassen). 4. Nationalismus (d.h. Aufhebung des künstlichen nordirischen Separatstaates zugunsten einer irischen Wiedervereinigung). 5. Radikale Sozialpolitik. (Quelle: Dietrich Schulze-Marmeling et al., Der lange Krieg - Macht und Menschen in Nordirland, Göttingen, 1989)

Wir bedanken uns bei Aly Renwick für seine ausführlichen und interessanten Antworten und für die Zeit, die er sich dafür genommen hat.

Heidelberg, 6. November 2004


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