Goldene Palme in Cannes für den Film "The Wind That Shakes The Barley"
"Das ist eine sehr wichtige Geschichte, über die in England nicht geredet wird"
Ken Loach
Montag, 29. Mai 2006
Cannes - Film "The Wind That Shakes The Barley"
Ken Loach - "Engländer haben schreckliche Dinge getan"
"Wir waren alle bewegt von diesem Film und unsere Entscheidung über die Palme war einstimmig."
(Der chinesische Regisseur und Jury-Vorsitzende Wong Kar-Wai am Sonntag nach der Vergabe der Goldenen Palme in Cannes über die Entscheidung für "The Wind That Shakes The Barley" von Ken Loach)
"Wir hoffen, dass dieser Film einen Schritt, einen ganz kleinen Schritt darstellt, um die Briten vor ihre imperialistische Vergangenheit zu stellen. Wenn wir es nicht wagen, die Wahrheit über die Vergangenheit zu sagen, dann trauen wir uns vielleicht auch nicht, die Wahrheit über die Gegenwart zu sagen."
(Der britische Palmen-Gewinner Ken Loach auf der Bühne nach der Auszeichnung.)
"Das ist eine sehr wichtige Geschichte, über die in England nicht geredet wird. Die Engländer haben schreckliche Dinge in Irland getan. Jetzt hat England Truppen im Irak. Es geht um eine Besatzungsarmee, die der Zivilbevölkerung schlimme Dinge antut." (Ken Loach im Interview nach der Preisvergabe.) (APA/dpa)
The Wind That Shakes The Barley
Frankreich / Irland / Großbritannien 2006
Der Film erzählt vom Kampf der Iren gegen die britische Besatzung in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts.
Presse
Presseschau auf film-zeit.de
Anke Westphal fühlte sich ein wenig wie bei der Politinformation. Der Regisseur möchte "ein komplexes Bild der Verhältnisse zeichnen, indem er etwa die Korrumpiertheit von IRA-Mitgliedern anspricht (sie machen Geschäfte mit Wucherern, die die bettelarme Mütter ruinieren) und die Gewissensqualen eines britischen Offiziers, doch auch Loachs Sicht der Dinge bleibt proklamatorisch geordnet." 20. Mai 2006 | Berliner Zeitung
Ausrechenbar ist der Film für Hanns-Georg Rodek; er "ist eine Lehrstunde in irischer Historie, in der Ken Loach allerdings mehr Grau zwischen Schwarz und Weiß entdeckt als wir von ihm gewohnt sind. Es geht um den Unabhängigkeitskampf der Iren gegen die Briten im Jahr 1920, wo zunächst auch für Loach die Fronten klar sind -bis die Iren beginnen, aufeinander zu schießen." 20. Mai 2006 | Die Welt
Ken Loach steht für Jan Schulz-Ojala nachwievor für den engagierten, gesellschaftsbewegenden Film. Der Regisseur "inszeniert, vor betörend grüner Landschaft, erst die Gewaltspirale und dann den Bürgerkrieg konsequent als Bruderkrieg – zwischen dem intellektuellen Idealisten und dem obsiegenden Realpolitiker. Sein erster historischer Film seit LAND AND FREEDOM (1995) ist ein packendes, aus der Tragik einer Familie entwickeltes, nur kurz in die bloße Geschichtsstunde ausfaserndes Stück Kino." 20. Mai 2006 | Der Tagesspiegel
Ungewöhnlich distanziert hat Daniel Kothenschulte den Film erlebt. "Loach erzählt den Konflikt am Beispiel eines jungen Mediziners, der auf dem Weg zu einer bürgerlichen Existenz in England noch einmal kehrt macht, um seinem Bruder, einem Rebellenführer, beizustehen. Bald hat er ihn links überholt und steht schließlich, in einem fast opernhaft ausgespielten Finale, vor dem von ihm befehligten Hinrichtungskommando. Beide haben zu viel Dreck am Stecken, um noch einfache Sympathieträger abzugeben, und Loach enthält sich der Parteinahme." 20. Mai 2006 | Frankfurter Rundschau
Geschichte ist für den 70-jährigen Ken Loach immer auch die Geschichte von Klassengegensätzen, meint Martin Walder. "In THE WIND THAT SHAKES THE BARLEY knüpft er nach zehn Jahren an die leidenschaftliche politische Auseinandersetzung an, die er in LAND AND FREEDOM um die Fragen nach der Legitimität von Gewalt und der Nähe von Loyalität und Verrat im Spanischen Bürgerkrieg geführt hat. Hier ist der irische Freiheitskampf im Blickfeld, die Fragen sind die gleichen." 20. Mai 2006 | Neue Züricher Zeitung
Gewohnt gewissenhaft und ehrenwert inszeniert der Regisseur laut Lars-Olav Beier. "Er erzählt von mutigen Aufständlern und ihrem Kampf um Scholle, Familie und Vaterland, überrascht den Zuschauer aber mit einer erstaunlichen Wendung." 19. Mai 2006 | Der Spiegel
Verena Lueken sah einen Kostümfilm, der mit dem Problem kämpft, uns im historischen Gewand auch etwas über die Gegenwart erzählen zu wollen. Den Regisseur interessiert, was in der kleinen Gruppe von Unabhängigkeitskämpfern geschieht ... Doch wir kommen den Figuren nicht wirklich nah, so daß wir die inneren Kämpfe, in denen sich die politischen Widersprüche spiegeln, nicht miterleben und am Ende eine Art Lehrstück gesehen haben, einschließlich all der langen Erklärungen der verschiedenen Positionen zum Waffenstillstandsvertrag von 1922. Das ist ein bißchen enttäuschend, mindert aber Loachs Ruf als einer der Großen des britischen Kinos nicht wirklich." 19. Mai 2006 | Frankfurter Allgemeine Zeitung
Laut Cristina Nord setzt der Regisseur auf Dringlichkeit. "Erst in seinen letzten 30 Minuten erreicht THE WIND THAT SHAKES THE BARLEY eine beeindruckende Radikalität, insofern sich Loach nun den Aporien des Befreiungskampfes zuwendet. Nach der Schlacht kommt das Schlimmste, und die Moral, die eben noch die Guten von den Bösen schied, vergeht so schnell wie ein Reetdach, das die britischen Soldaten bei einer ihrer Hausdurchsuchungen anzünden. In diesen Momenten ist der Film von einem Pessimismus gezeichnet, der Loachs anderen Filmen über Befreiungskämpfe, CARLAS SONG und LAND AND FREEDOM, noch fremd war." 19. Mai 2006 | Die Tageszeitung
Wie man Unterdrückung, Ausbeutung, Gewalt und Bürgerkrieg rein politisch erzählen kann, beweist wieder einmal Ken Loach, der alte Sozialisten-Haudegen unter den englischen Regisseuren, schreibt Tobias Kniebe. Der Regisseur "zeigt, dass er immer noch wuchtig agitieren kann, wenn Frauen von brüllenden Soldaten misshandelt werden, er freut sich an den historischen Kostümen und inszeniert elaborierte Hinterhalte in der grünen irischen Landschaft - aber der Kern seiner Erzählung bleibt unscharf und der Film damit deutlich unter seinem eigenen Niveau." 19. Mai 2006 | Süddeutsche Zeitung