Mehr als nur ein fauler Apfel

Zusammenarbeit zwischen Todesschwadronen und den "Sicherheitskräften"


Dieser Artikel erschien vier Tage vor der Ermordung Rosemary Nelsons in der Irish News (Belfast). Er erhielt durch das Attentat erschreckende Aktualität.

Artikel in den ‘Irish News’ vom 11.3.1999

In den letzten Wochen wurde der von Nationalisten seit langem erhobene Vorwurf, daß es eine verdeckte Zusammenarbeit von Sicherheitskräften und Mördern gegeben habe, just von darin verwickelten loyalistischen Paramilitärs aufgegriffen. Paul O’Connor vom Pat Finucane Centre in Derry untersucht die Stichhaltigkeit der vorgebrachten Anschuldigungen...

Mehr als nur ein fauler Apfel

Bobby Philpott, ein führender Loyalist, sorgte letzte Woche für Aufregung mit seiner Behauptung, daß es eine weitverbreitete Zusammenarbeit zwischen Angehörigen der Sicherheitskräfte und loyalistischen Paramilitärs gegeben habe.

Am Wochenende brachte das Aushängeschild für die Denkweise des Establishments, die ‘Sunday Times’, ein zweiseitiges Exposé mit weiteren vernichtenden Behauptungen des ehemaligen RUC(nordirische Polizei)-Mannes und loyalistischen Paramilitärs John Weir.

Oberflächlich betrachtet ist der ‘Sunday Times’ Bericht ein gutes Beispiel für knallharten ermittelnden Journalismus, der traurigerweise im ‘Nach-Thatcher- Britannien’ abhanden gekommen ist.

Weir, ein ex-RUC-Angehöriger, wurde seinerzeit gemeinsam mit einem anderen RUC-Mann, Billy McCaughey, im Zusammenhang mit dem Mord an dem katholischen Ladenbesitzer William Strathearn 1977 verurteilt.

Laut ‘Sunday Times’ hat Weir behauptet, daß es eine weitverbreitete Zusammenarbeit gab und, was als noch kontroverser angesehen wird, daß diese von höherer Stelle abgesegnet war.

Unter anderem behauptet er,

Diese zwei Seiten ‘Sunday Times’ bieten eine fesselnde Lektüre. Desto bedauerlicher ist es, daß Lesern in Britannien die Chance vorenthalten wurde, anhand des Berichtes über die Behauptungen, daß Angehörige der Sicherheitskräfte in Bombenanschläge und Schießereien verwickelt waren und dies in enger Zusammenarbeit mit einigen der brutalsten loyalistischen Paramilitärs der letzten 30 Jahre, unter ihnen Robin Jackson genannt ‘Jackal’, nachzugrübeln.

Der Report wurde lediglich als interessant genug für die irische Ausgabe erachtet.

Wie hätten Mr. Jones und Mrs. Smith während ihres Frühstücks im ländlichen England auf die Behauptung reagiert, daß die 33 Menschen in den Straßen Dublins und Monaghans von Männern bestialisch ermordet wurden, denen das Bombenmaterial von der UDR zur Verfügung gestellt wurde, die ein ‘sicheres’ Haus eines RUC-Reservisten benutzen konnten und das alles vor dem Hintergrund, daß „sich die RUC wenig darum bemühte, die Mörder zu finden“?

Hätte Mr. Jones seinen Tee verschüttet? Wäre Mrs. Smith das Messer aus der Hand gefallen?

Die offizielle Reaktion der RUC zu den mörderischen Aktivitäten Weirs und einiger seiner Kollegen in der Special Patrol Group zu jener Zeit wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet.

Weir behauptet, daß Special Branch Inspector Brian Fitzsimmons ihn schließlich zu sich rufen ließ, der „mir sagte, daß er wüßte, daß ich Verbindungen hätte, außerhalb... deshalb wollte er, daß ich weitere Verbindungen knüpfe, außerhalb, um herauszufinden, was vor sich ging. Er machte außerdem deutlich, daß die Special Branch ein Auge auf mich haben würde.“

Zwei Offiziere der Special Branch wurden damit beauftragt, sich um ihn zu ‘kümmern’.

‘Sunday Times’ Journalist Liam Clarke zieht den Schluß, daß das Treffen mit Fitzsimmons, der später Assistant Chief Constable (Stellvertr.Polizeichef) wurde, „einerseits eine Warnung sein sollte und andererseits der Versuch, die Kontrolle über seinen Informanten zu bekommen.“

Ausgehend davon, daß Weir zum damaligen Zeitpunkt bereits der Beteiligung an loyalistischen Anschlägen verdächtigt wurde, einschließlich des Mordes an William Strathearn, erscheint das Vorgehen der RUC reichlich seltsam, um es milde auszudrücken.

Einer ihrer Beamten stellte nicht nur ‘Verbindungen’ zur halbseidenen Welt der loyalistischen Paramilitärs her. Er und andere Angehörige der RUC waren persönlich an einem schmutzigen illegalen Krieg im Zusammenwirken mit der UVF beteiligt.

In einem begleitenden Leitartikel „Terror und die Wahrheit“ warnt die ‘Sunday Times’ davor, ‘Anklägern’ wie Philpott oder Weir zu viel Glauben zu schenken und schlägt vor, daß sich die Ministerin für Nordirland lieber die Ergebnisse der Stevens-Untersuchung noch einmal gründlicher vornehmen sollte, anstatt grünes Licht für eine neue Untersuchung zu geben.

Die Leser werden an Chief Constable (Polizeipräsident) Ronnie Flanagan erinnert, der Philpotts Behauptungen verwirft und als „starken Tobak“ bezeichnet, zumal der Betroffene verhaftet und verurteilt wurde aufgrund von Ermittlungen seitens der RUC.

Weirs Behauptung, daß die Zusammenarbeit „inoffiziell von hochrangigen RUC-Männern abgesegnet wurde“ wird von der ‘Sunday Times’ als „unwahrscheinlich“ eingestuft, da (wenn es so gewesen wäre) Weir sonst sicher noch im Dienst der Sicherheitskräfte wäre.

Diese Argumentationslinie, welche die Zusammenarbeit zum Ausnahmefall (‘der vereinzelte faule Apfel’) erklärt, läßt sich bei näherer Untersuchung nicht aufrecht erhalten (Von jeher ein unglücklicher Vergleich, wenn man bedenkt, welche Auswirkungen faule Äpfel haben können, wenn sie sich mit anderen in einer Kiste befinden).

Außer den Beteiligten weiß niemand, wie ausgeprägt die Zusammenarbeit war oder bis zu welcher Hierarchiestufe sie akzepiert oder toleriert wurde. Zu behaupten, daß die Verurteilung einer kleinen Anzahl von Einzelpersonen über die Jahre hinweg die Theorie vom ‘vereinzelten faulen Apfel’ oder von ‘einzelnen unehrenhaften Ausnahmen’ bekräftigt, ist unseriös.

Es kann keinen Zweifel daran geben, daß es unterschiedliche Fraktionen und interne Spannungen in der RUC und anderen Abteilungen der Sicherheitskräfte über die Jahre hinweg gegeben hat.

Es wäre in der Tat eine unhaltbare Verschwörungstheorie zu behaupten, daß jedes Mitglied der RUC mit loyalistischen Paramilitärs zusammengearbeitet hat.

Die Tatsache, daß es innerhalb der RUC Offiziere gab, die entschlossen waren, loyalistische Paramilitärs rigoros zu verfolgen, Beamte die von sektiererischen Anschlägen angeekelt waren, sollte nicht überraschen.

Wenn wir annehmen, daß es anständige Polizisten, die die Gesetze befolgten, Polizisten, die sich dafür einsetzten, daß UDA- oder UVF-Mitglieder hinter Gitter gebracht wurden, innerhalb der RUC gab, schließt dies nicht die Möglichkeit aus, daß es auf höherer Ebene eine Unterstützung oder Tolerierung für die  Zusammenarbeit gab.

Die Behauptung, daß die Zusammenarbeit ‘inoffiziell von hochrangigen RUC-Männern abgesegnet’ war, ist weder bewiesen noch widerlegt worden im Zusammenhang mit dem neuesten Ansturm von Anschuldigungen.

Regierung und RUC haben die Existenz von ‘offizieller’ oder ‘institutionalisierter’ Zusammenarbeit vehement bestritten.

Es wird ja wohl niemand im Ernst glauben, daß sich die Zusammenarbeit anhand von Memos mit Briefkopf des Hauptquartiers, in denen angeordnet wird, daß weitere 100 Akten verloren gehen sollen oder daß eine bestimmte Person ins Visier genommen werden soll, offenbart?

Jene, die behaupten, daß die Zusammenarbeit nicht weitverbreitet war, weisen außerdem darauf hin, daß die Mehrzahl der Opfer loyalistischer Gewalt Zivilisten waren, die nicht aus der republikanischen Bewegung kamen.

Wenn Informationen an Loyalisten weitergegeben wurden, warum wurden dann so viele Zivilisten ins Visier genommen, anstelle von republikanischen Aktivisten?

Diese Argumentationslinie setzt voraus, daß es nicht nur eine gemeinsame Zielsetzung unter den Sicherheitskräften und loyalistischen Paramilitärs (die IRA zu besiegen), sondern gleichfalls eine gemeinsame Strategie gab. Es ist jedoch nicht abwegig zu behaupten, daß es gar keine gemeinsame Strategie gegeben hat.

Loyalistische Repräsentanten haben klargemacht, daß der IRA-Waffenstillstand nach ihrer Ansicht aufgrund der wahllosen Ermordung katholischer Zivilisten zustande kam. In der Tat läßt sich der ideologische Antrieb für den größten Teil der loyalistischen Gewalttaten unter dem Motto ‘jeder Taig (Katholik) ist uns recht‘ zusammenfassen.

Andere sind der Meinung, daß die zufällige Wahl der Ziele für loyalistische Gewalt eher peinlich war und der Sache schadete. Daraus läßt sich schließen, daß es jene gab, die der Meinung waren, daß loyalistische Gewalt stärker fokussiert und gesteuert werden müsse. Daher die Notwendigkeit für das ‘Durchsickern’ von Dokumenten.

Die Ludlow-Familie in Dundalk, die Verwandten der Toten nach dem Dublin-Monaghan-Bombenattentat, die Fullerton-Familie in Buncrana, die Verwandten von Sam Marshall in Lurgan und viele andere haben Fragen, die noch gestellt und beantwortet werden müssen. Ich will nur eine in Erinnerung bringen.

Vor zwei Jahren sagte mir ein ehemaliger Angehöriger der Polizeibehörde, daß die RUC allgemein und insbesondere der damalige Chef der Special Branch, Brian Fitzsimmons, vorzeitig von einer Verschwörung zur Ermordung Pat Finucanes gewußt hätten.

Ich widersprach und zu meinem Erstaunen wurde mir dann gesagt, daß die RUC rechtzeitig Bescheid wußte, „aber lediglich Stunden zuvor, als sie von der Armee informiert wurde, die ihrerseits Rückendeckung suchte“.

Es folgte eine groteske Erläuterung der Schwierigkeiten der RUC, an Sonntagen Personenschutz in Belfast bereitzustellen. Nicht so viele Beamte im Dienst etc. (Pat Finucane wurde an einem Sonntagabend ermordet).

Es gibt ausreichend Grund zur Annahme, daß die RUC Special Branch rechtzeitig von der Verschwörung Kenntnis hatte, aber selbst wenn wir die Erläuterungen des ehemaligen Angehörigen der Polizeibehörde ernstnehmen, drängt sich immer noch diese Frage auf... kam ein einfacher Anruf, um Pat Finucane vor der potentiellen Gefahr zu warnen, nicht in Frage?

Viele andere Fragen bleiben unbeantwortet.

In einem guten Beispiel für ermittelnden Journalismus wirft der ‘Sunday Times’ Artikel etliche Fragen auf.

Das Problem ist, daß die Zeitung ein Urteil abgibt, bevor alle Beweise gehört  wurden.

Die Tatsache, daß Weir verurteilt wurde, ist als Beleg dafür genommen worden, daß die RUC die Dämonen in den eigenen Reihen ausgetrieben habe. Das spiegelt die Reaktion des Chief Constables auf die Behauptungen Philpotts vor einigen Tagen wieder.

Die Leserinnen und Leser werden sich vielleicht an die Reaktionen von Teilen des britischen Establishments auf die letztendliche Urteilsaufhebung und Freilassung der Birmingham Six erinnern. Dies wurde als gutes Beispiel dafür gepriesen, wie das britische Justizsystem funktioniert!

In diesem Sinne informiert die ‘Sunday Times’ die Leser, daß „Weirs unschöne Geschichte zeigt, daß eine Truppe (RUC) mit schlechten Elementen in ihren eigenen Reihen zu kämpfen hatte und siegte“. Viele Familien erlauben sich hierzu eine andere Meinung.

Übersetzung: Anita Heiliger


Zurück/Back