Wer Schwierigkeiten damit hat, die Situation der katholischen Einwohnerinnen und Einwohner von Portadown und ihr tiefes Mißtrauen gegenüber der RUC (Royal Ulster Constabulary/nordirische Polizei) und dem nordirischen Justizsystem zu verstehen, sollte sich u. a. näher mit dem Mord an Robert Hamill befassen.
Es war ein ganz normaler Samstagabend in Portadown. Wie viele andere junge Leute war Robert Hamill mit Freunden unterwegs, um sich zu amüsieren. Nach dem Besuch einer Tanzveranstaltung trat er zusammen mit einem Freund und zwei Kusinen gegen 1.45 Uhr am 27.4.1997 den Heimweg an. Sie kamen aus der St. Patricks Hall und liefen zu einer Kreuzung in Richtung Woodhouse Street. Für Insider war unschwer erkennbar, daß es sich um Katholiken handelte. Auch zu jener Zeit ließen katholische Einwohner Vorsicht walten, wenn sie sich im Stadtzentrum bewegten. Nachdem sie sahen, daß ein RUC-Landrover auf der anderen Seite der Kreuzung stand, schätzten sie es als ungefährlich ein, an einer Menschengruppe, die an der Kreuzung herumhing, vorbeizugehen.
Eine nachvollziehbare Schlußfolgerung, die sich jedoch als fatale Fehleinschätzung erwies.
Die Vier wurden unversehens von der Gruppe, die aus ca. 30 Männern und Frauen bestand, angegriffen. Robert Hamill sank nach einem Schlag (möglicherweise mit einer Flasche) sofort zu Boden. Unter Gebrüll wie „Stirb, du fenian (republikanischer) Bastard“ wurde wieder und wieder auf den bewußtlos am Boden liegenden Mann eingetreten. Der zweite Mann wurde ebenfalls attackiert und bewußtlos geschlagen. Während die beiden Frauen verzweifelt um Hilfe riefen und versuchten, die Männer mit ihren Körpern zu schützen, blieben die Türen des RUC-Jeeps fest verschlossen.
Robert Hamill starb am 8. Mai 1997, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben.
Am 27.4.1997 gab die RUC eine Pressemitteilung mit folgendem Wortlaut heraus:
„Als Folge eines Zusammenstoßes gegnerischer Gruppen um ca. 1.45 Uhr heute morgen in Portadown wurden zwei junge Männer mit Kopfverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Die Polizei griff ein, um die Gruppen auseinanderzubringen, die an der Ecke Thomas Street/Market Street aneinandergeraten waren. Während der Auseinandersetzungen wurden Flaschen geworfen, und die Polizei wurde von einem Teil der Menschenmenge angegriffen. Die Ordnung wurde gegen 3.00 Uhr morgens wiederhergestellt.“
Die nicht nur in britischen Kreisen bevorzugte Version von den zwei kriegerischen Stämmen und der bedauernswerten Polizei, die zwischen die Fronten gerät.
Diese Linie wurde jedoch nicht aufrecht erhalten. Die folgenden Pressemitteilungen änderten sich graduell von „...die Polizei wurde wegen einer öffentlichen Ruhestörung alarmiert und schritt umgehend ein, um die Ordnung wieder herzustellen und Tätlichkeiten zu verhindern...war aufgrund der großen Anzahl der Beteiligten überfordert und wurde selbst attackiert...“ (30.4.1997) bis schließlich am 7.5.1997 auch von Seiten der Polizei festgestellt wurde „...vier Leute, zwei Paare, die von einer Veranstaltung in der St. Patrick’s Hall kamen, wurden von einer großen Menschenmenge überfallen. Die Männer der Vierergruppe wurden zu Boden geschlagen und grausam traktiert...“
Die Polizisten im RUC-Landrover wurden kurz vor dem Überfall von einem Mann angesprochen, der ebenfalls aus der Tanzhalle kam. Er zeigte sich besorgt über die anwachsende Menschenmenge an der Kreuzung und bat darum, daß sie die Situation im Auge behalten sollten, zumal in Kürze (nach Ende der Veranstaltung) mehrere Katholiken in diese Richtung kommen würden.
Wie bereits erwähnt, saßen die Polizisten zum Zeitpunkt der Tat in ihrem Fahrzeug. Sie waren gut ausgerüstet, bewaffnet, und konnten das Geschehen aus geringer Entfernung beobachten. Sie haben keine Verstärkung herbeigerufen, sie haben nicht in die Luft geschossen, sie haben keine erste Hilfe geleistet, sie haben ihr Auto nicht verlassen.
Als die Ambulanz eintraf, mußten sich die Helfer erst einen Weg durch die Menge bahnen, bevor sie zu den Verletzten gelangen konnten. Die Polizisten hatten erst kurz zuvor ihr Fahrzeug verlassen.
Niemand wurde verhaftet, der Tatort wurde nicht abgesichert
Am Tag nachdem Robert Hamill gestorben war, wurde gegen fünf Verdächtige Anklage wegen Mordes erhoben, am 12.5.1997 gegen einen weiteren Verdächtigen. (Niemand wurde wegen der tätlichen Angriffe auf den zweiten Mann angeklagt.) Auf eigenen Wunsch wurden sie im LVF-Flügel im Long Kesh-Gefängnis untergebracht. Die LVF (eine Abspaltung der UVF/loyalistische Paramilitärs, die sich unter Billy Wright formierten) erkor sie zu den ‘Portadown Six’ und produzierte ein Flugblatt zu ihrer Unterstützung.
Die Blumen, die zum Gedenken an Robert Hamill am Tatort, mitten in Portadown, niedergelegt wurden, waren jedesmal schnell wieder verschwunden, und um den 12. Juli (Höhepunkt der Marschsaison) wurden sie durch Blumen „Für die sechs Helden“ ersetzt - - durch Unbekannte.
Am 31.10.1997 wurde die Anklage gegen drei der Männer fallengelassen und am 19.11.1997 gegen zwei weitere ebenfalls. „Keine ausreichenden Beweise, um eine Verurteilung wegen Mordes aussichtsreich erscheinen zu lassen“. Der letzte in Haft verbliebene Verdächtige wurde am 25.3.1999 vom Mordverdacht freigesprochen und lediglich wegen Landfriedensbruch zu vier Jahren Haft verurteilt.
Constable Alan Neill hatte ausgesagt, daß er gesehen hätte, wie dieser Angeklagte nach Robert Hamill austrat, aber er hätte nicht sehen können, ob er tatsächlich traf.
Ein Zeuge hatte sich bei der Staatsanwaltschaft darüber beschwert, daß es, obwohl er gesehen hätte, wie ein Mann Robert Hamill attackiert hatte, keine Gegenüberstellung gegeben hätte. Dieser Zeuge sagte ebenfalls, daß er den betreffenden Mann nach dem Überfall im RUC-Landrover sitzen sah, und daß es so aussah, als hätten die Polizisten mit ihm gescherzt.
An verschiedenen Gebäuden (Banken, Baugesellschaften etc.) in der Nähe des Tatorts waren Überwachungskameras angebracht. Die RUC weigerte sich, die Videoaufzeichnungen, die sich im Besitz der Polizei befinden, der Anwältin der Hamill-Familie, Rosemary Nelson, zugängig zu machen.
Die betroffenen Polizisten wurden nicht suspendiert. Eine dahingehende Petition mit 20.000 Unterschriften war der Nordirlandministerin Mo Mowlam im November 1997 übergeben worden.
Die Untersuchung hinsichtlich der Rolle der Polizisten wurde von den Kolleginnen und Kollegen der betroffenen Beamten durchgeführt. Die ICPC/Independent Commission for Police Complaints (Unabhängige Kommission für Beschwerden über die Polizei) ermittelte nicht eigenständig, sondern hatte, wie üblich, lediglich eine Supervisionsfunktion. Der Bericht ist der Staatsanwaltschaft im Januar 1998 vorgelegt worden. Der Inhalt ist nicht bekannt.
Disziplinarische Maßnahmen für die Polizisten am Tatort wurden jedenfalls bis heute nicht für nötig erachtet. Man wird ihnen, wie vielen ihrer Kolleginnen und Kollegen zuvor, die Absolution erteilen.
Robert Hamill starb an den Tätlichkeiten eines loyalistischen Mobs, der sich in sektiererischem Wahn an einem Wehrlosen austobte und an der Untätigkeit der Polizisten, die in der ersten Reihe saßen und dann nicht einmal verwertbare Aussagen zustande brachten.
British Irish Rights Watch Berichte
British Irish Rights Watch hat nach eigenen Recherchen zwei Berichte an den UN-Sonderberichterstatter für außergerichtliche, summarische oder willkürliche Hinrichtungen übergeben. Darin werden u.a. viele Fragen aufgeworfen, deren Klärung unabdingbar ist.
Im Bericht vom August 1997 werden folgende Schlußfolgerungen gezogen:
„Wir sind der Meinung, daß dieser Fall in den Zuständigkeitsbereich des Sonderberichterstatters für außergerichtliche, summarische oder willkürliche Hinrichtungen fällt, da es sich um einen Mord handelt, der unter Mittäterschaft, Duldung oder mit dem Einverständnis von Staatsbediensteten, in diesem Fall Polizisten, begangen wurde. Die RUC blieb nicht nur untätig als zwei unschuldige Männer Opfer eines nichtprovozierten, gewalttätigen, sektiererischen Überfalls wurden, sondern veröffentlichten darüber hinaus auch unrichtige Erklärungen zum Vorfall, aufgrund derer der Anschein erweckt wurde, daß die Opfer selbst auch Täter waren, und die eigene Rolle falsch dargestellt wurde, indem behauptet wurde, daß sie sofort eingeschritten seien und selbst angegriffen wurden.
Wir halten es außerdem für möglich, daß die Vorgehensweise bei der Ermittlung zum Tod von Robert Hamill den Standards, wie im Leitfaden für die wirksame Prävention und Ermittlung im Falle von außergerichtlichen, summarischen und willkürlichen Hinrichtungen beschrieben, bei weitem nicht gerecht wurde.
Wir bitten den Sonderberichterstatter höflich darum,
Warum kann bei einer gerichtlichen Untersuchung kein Urteil gefällt werden?“
Im zweiten Bericht an den Sonderberichterstatter vom Mai 1998 wurden die folgenden Fragen, die anläßlich der Anhörung zum Verfahren (committal proceedings) des seinerzeit letzten verbliebenen Angeklagten am 22.4.1998 im Craigavon Magistrates Court auftraten, hinzugefügt:
Wann wird die gerichtliche Untersuchung stattfinden?...“
Wenn Robert Hamills Mörder straffrei ausgehen, wenn die Polizisten ohne Tadel davonkommen, wer und wie vermittelt man dann loyalistischen Schlägertrupps, daß die Jagd auf katholische Einwohner Portadowns ein verwerflicher Sport ist?
Die Angehörigen von Robert Hamill strengen zunächst eine Zivilklage an.
Auf der Suche nach Gerechtigkeit wird die Hamill-Familie denselben Weg wie andere Familien von Mordopfern gehen müssen. Ein weiterer Fall für europäische, internationale Richter, die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen.
Zusammenarbeit der RUC mit Todesschwadronen
Eine neuerliche Untersuchung hinsichtlich verdeckter Zusammenarbeit von RUC und loyalistischen Todesschwadronen sowie Belästigung und Einschüchterung von AnwältInnen seitens der RUC, veranlaßte Dr. Param Cumaraswamy, den Vereinten Nationen-Sonderberichterstatter zu Fragen der Unabhängigkeit von Richtern und Anwälten, zu massiver Kritik an der RUC.
Dieser Tage erläuterte der Sonderberichterstatter seinen Bericht vor der Vereinten Nationen - Menschenrechtskommission in Genf. Dr. Param Cumaraswamy kritisierte den Umgang der RUC mit Anschuldigungen von AnwältInnen wegen Belästigungen und Einschüchterungen seitens der RUC scharf. Er stellte u. a. fest, daß sich die RUC von den Vorwürfen „völlig unbeeindruckt“ gezeigt habe und kritisiert die Untätigkeit des Polizeipräsidenten hinsichtlich vertrauensbildender Maßnahmen in diesem Zusammenhang. „Versäumnisse des Polizeipräsidenten haben zu einer Verschlechterung der Situation geführt.“
Im Falle der Ermordung des Anwaltes Pat Finucane verlangt er eine unabhängige Untersuchung, da es nach seinen Erkenntnissen Anfangsbeweise (prima facie) für eine Zusammenarbeit staatlicher Stellen (RUC und/oder Militär) mit loyalistischen Paramilitärs gibt.
Im Hinblick auf die Ermordung der Anwältin Rosemary Nelson empfiehlt er, daß die Beteiligung der RUC an den Ermittlungen auf das absolute Minimum beschränkt werden sollte, um die Glaubwürdigkeit der Untersuchungesergebnisse zu erhöhen.
Wie lange kann Ronnie Flanagan, der Präsident der RUC, mit Unterstützung der britischen Regierung noch die Illusion eines über alle Zweifel erhabenen Polizeiapparates und Rechtssystems aufrecht erhalten?
Anita Heiliger