Rosemary Nelson

 Leben und Tod einer Verteidigerin der Menschenrechte


Die Notwendigkeit einer unabhängigen Ermittlung und Untersuchung

1. Todesdrohungen

Angesichts der langen Geschichte von Feindseligkeiten gegenüber Rosemary Nelson seitens Mitgliedern der RUC existiert ein offensichtlicher Interessenkonflikt, wenn Mitglieder gerade dieser Polizei mit der Untersuchung ihrer Ermordung befaßt sind. Die Feindseligkeit zeigte sich in klar belegbaren Todesdrohungen, die der Anwältin aus Lurgan durch ihre Klienten übermittelt wurden. Diese Drohungen stammten in erster Linie von RUC-Offizieren, die in den Verhörzentren der Gough Barracks und von Castlereagh arbeiteten bzw. von der RUC in Lurgan. Da dieser Umstand vor dem Mord öffentlich bekannt war, wirkte er auf mögliche Zeugen einschüchternd, wie der Chef der RUC zugestand. Rosemary war auch 1997 während der Drumcree-Krise von Mitgliedern der RUC körperlich angegriffen und beleidigt worden. Auch diese Vorfälle waren in der Gegend von Lurgan öffentlich bekannt.

2. Nachforschungen der ICPC

Die Unabhängige Kommission zur Untersuchung von Beschwerden über die Polizei (engl. Independent Commission on Police Complaints [ICPC]) war über die Ermittlungen der RUC wegen des Verdachts von Todesdrohungen so beunruhigt, daß die Angelegenheit mit der Nordirlandministerin Dr. Mo Mowlam erörtert wurde. Daraufhin wurden der RUC die Untersuchungen entzogen und Commander Mulvihill von der Londoner Metropolitan Police übernahm sie. Der darauf folgende Bericht des ICPC-Mitglieds Gerlyn McNally veranlaßte Paul Nelson zu der Frage: "Falls die ICPC kein Vertrauen in die Fähigkeiten der RUC hatte, die Todesdrohungen gegen Rosemary zu untersuchen, wie kann man von meiner Familie erwarten, daß wir auf deren Fähigkeit oder genauer deren Willen, den Mord an ihr aufzuklären, vertrauen." (Siehe hierzu Appendix C, der den vollständigen ICPC-Bericht enthält.)

3. Die Ermittlungen zu dem Mord

Der RUC-Präsident Ronnie Flanagan hat klargemacht, daß die Ermittlungen wegen des Mordes im wesentlichen der RUC obliegen. Die häufig gerühmte Beteiligung außenstehender Stellen  kann dabei nicht von den realen Gegebenheiten ablenken. Vor Ort in Lurgan, wo die Ermittlung am wichtigsten ist, sind es RUC-Beamte, die für das Sammeln von Beweisen verantwortlich sind. Colin Port, der hohe Polizeibeamte aus Norfolk, der die Ermittlungen leitet, bleibt abhängig von Informationen, die ihm von den lokalen Beamten  gegeben werden. Das führt zu zahlreichen ernsten Problemen. Viele Bewohner, möglicherweise wichtige Zeugen, trauen der RUC nicht und sind deshalb nicht zur Zusammenarbeit bereit. Einige Leute, die befragt wurden, haben dem Pat Finucance Centre gesagt, daß die Beamten sie einfach ignorierten, wenn es um die große Aktivität der Sicherheitskräfte in den Tagen vor dem Anschlag ging. Die Beamten weigern sich, die von den Befragten geäußerten Befürchtungen bezüglich Straßenkontrollpunkten, Hubschrauberpräsenz und Truppenbewegungen zu vermerken. Die Kluft zwischen dem Untersuchungsteam und der örtlichen Bevölkerung könnte nicht tiefer sein.

Laut Presseberichten hat Colin Port seine Bereitschaft erklärt, den Vorwurf der Kollaboration zu überprüfen, allerdings sagt er auch, daß RUC-Beamte diese Vorwürfe untersuchen werden. Mr. Port wird mit den Worten zitiert, daß die Anbringung des Sprengsatzes "überhaupt keine Zeit brauchte". Das stimmt, aber es brauchte Zeit sich zu versichern, daß das Familienauto wieder vor dem Haus stand, nachdem es am Wochenende nicht da gewesen war. Es muß auch Zeit gekostet haben, abzusichern, daß ein brauchbarer Fluchtweg heraus aus der hauptsächlich nationalistischen Gegend zur Verfügung stand. Die Bestätigung, daß Mitglieder der RIR mit Hubschraubern in den Stunden, bevor der Sprengsatz angebracht wurde, anwesend waren, ist beunruhigend. Die Mitglieder der RIR in Nordirland werden vor Ort rekrutiert und haben eine lange Geschichte der Verwicklung in loyalistische paramilitärische Aktivitäten. Erst 1998 wurde das RIR-Mitglied Hugh Wilson Dickson wegen des Besitzes einer Maschinenpistole aus loyalistischen Beständen verurteilt.

In einem Fall scheint Colin Port eine ungenaue Information erhalten zu haben. Ein wichtiger mit Rosemary befreundeter Zeuge war sieben Wochen nach dem Mord noch immer nicht vernommen worden. Diese Person hatte das Wochenende mit der Familie Nelson in Donegal verbracht und hatte ihren Wagen in der Einfahrt der Nelsons geparkt. Zweieinhalb Wochen nach dem Mord kamen Beamte der RUC zum Haus der betreffenden Person, um sie zu befragen. Nachdem ihnen von einem anderen Mitbewohner versichert worden war, daß die fragliche Person nicht da sei, aber unter der Adresse lebe, versuchten sie eine Bestätigung für die Beschreibung des Familienwagens zu erhalten. Sie hatten die falsche Beschreibung. In der folgenden Woche informierte Colin Port Paul Nelson, daß Beamte noch die befreundete Person befragen müßten und daß die Beamten zur falschen Adresse gegangen wären. Dies war nicht richtig, und es muß angenommen werden, daß sich Colin Port dessen nicht bewußt war.

4. Das Verhalten der Sicherheitskräfte seit dem 15. März

Nach den Worten des Chefs der RUC "wird jeder Stein umgedreht werden", um die Mörder zu finden. Das Verhalten einiger Mitglieder der Sicherheitskräfte nach dem Mordanschlag wird die katholische Community in Lurgan an dieser Behauptung zweifeln lassen. In zahlreichen Berichten, die das Pat Finucane Centre erhielt, ist davon die Rede, daß sowohl Soldaten (RIR und Mitglieder eines schottischen Regiments) als auch RUC-Beamte an dem Ort der Explosion lachten und kicherten. Bewohner berichten über eine "triumphierende und fröhliche Stimmung, die fast Festcharakter hatte" bei gewissen Mitgliedern der Sicherheitskräfte. Vorbeigehende Patrouillen haben in den Wochen nach dem Anschlag provokative Äußerungen gemacht. Auch dies hat nicht dazu beigetragen, in der katholischen Bevölkerung  der Gegend Vertrauen zu erwecken.

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