Erklärung der Bloody Sunday-Verwandten zur Veröffentlichung des Saville-Berichts

Unschuldig


Die Kampagne, die seit 38 Jahren von Familien der Opfer von Bloody Sunday geführt wurde, um die Unschuld der Getöteten und Verwundeten zu beweisen, hat mit der Veröffentlichung des Berichts der Bloody Sunday-Untersuchung heute ihr Recht erhalten.

Lord Saville gab bekannt, dass alle Getöteten und Verwundeten unschuldig waren und dass keiner der Schüsse der britischen Soldaten zu rechtfertigen waren.

Tausende hatten sich vor der Guildhall (Rathaus) versammelt und erhielten, schon bevor der britische Premierminister David Cameron vor dem Parlament eine Erklärung abgab, erste Hinweise vom positiven Ergebnis des Berichts durch die hochgestreckten Daumen von Familienmitgliedern, die hinter den Fenstern der Guildhall standen.

Es folgt die Erklärung der Familien, verlesen auf den Treppen der Guildhall, nachdem es zuvor eine Schweigeminute für alle Opfer des Konfliktes im Norden gegeben hat.

"Die Opfer von Bloody Sunday sind rehabilitiert. Über das Fallschirmjägerregiment ist Schande gekommen. Widgerys große Lüge ist entlarvt. Endlich kommt die Wahrheit nach Hause zurück.

Wir können der Welt nun sagen, dass die Toten und Verwundeten von Bloody Sunday, Demonstranten für Bürgerrechte, alle zusammen unschuldig waren und in ihren eigenen Straßen niedergeschossen wurden von Soldaten, die man hatte glauben machen, sie würden völlige Straffreiheit genießen, wenn sie töteten.

Die Fallschirmjäger stehen an vorderster Front beim Töten für Britanniens politische und militärische Elite. Der Bericht des Saville-Tribunals bestätigt dies. Es war die Aufgabe der Fallschirmjäger in Derry, Leute zu massakrieren, die sie für Staatsfeinde hielten. Sie werden gewusst haben, dass man von ihnen erwartete zu morden, als sie in unsere Straßen eindrangen.

Bloody Sunday hat Derry verwundet. Wir können hoffen, dass wir von heute an damit beginnen können, diese Wunden zu heilen. Aber wir erkennen auch, dass Fragen, die sich aus dem Bericht ergeben, weiter und tiefer gehen als die Belange von Derry.

Wenn der Staat seine Bürger tötet, ist es im Interesse aller, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Es ist nicht nur Derry oder ein Teil der Menschen von Derry, es ist die Demokratie selbst, die wissen muss, was hier am 30. Januar 1972 geschah. Die britische Bevölkerung muss es wissen. Die Welt muss es wissen.

Mit unserer Kampagne ging es uns zuallererst um Gerechtigkeit für unsere Lieben. Aber wir haben nicht nur für uns gekämpft. Wir haben versucht, Stellvertreter zu sein für alle, die den gleichen Schmerz und das gleiche schmerzehafte Unrecht von Seiten einer verantwortungslosen Macht erfahren haben und die vielleicht nie in einer offiziellen Untersuchung Recht bekommen werden, deren Wahrheit nie anerkannt wird. Wir denken an die Opfer des Massakers von Ballymurphy, das von Männern des Fallschirmjägerregiments im August 1971 verübt wurde, an die Familien der beiden Männer, die von den Paras im September 1972 auf der Shankill Road ermordet wurden. Und an alle Familien, die durch die Fallschirmjäger und andere Staatsorgane während des Konflikts Angehörige verloren haben. Und an alle, die hier gestorben sind, welchen Hintergrund sie auch immer hatten und von wessen Hand auch immer sie starben.

Bloody Sunday war der Preis, den die Bogside für Free Derry zu zahlen hatte. So ist es, immer und überall. So wie die Bürgerrechtsbewegung vor 40 Jahren Teil von etwas ganz Großem war, das überall auf der Welt stattfand, so war die Repression, die über uns kam, die gleiche, die einfache Leute überall erleiden müssen, wenn sie es wagen, gegen Unrecht aufzustehen. Sharpville, Grosny, Tiananmen-Platz, Dafur, Falludscha. Unsere Wahrheit soll auch für die ihre stehen.

Bloody Sunday war ein großes Unrecht. Aber der Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit war auch inspirierend. Es hat uns klarer erkennen lassen, wer wir sind. Und uns mehr bewusst gemacht, dass wir Bürger einer Welt sind. Keiner, der für Gerechtigkeit kämpft, wird hier ein Fremder sein. Keiner, der im Kampf für Gerechtigkeit stirbt, wird hier vergessen werden."

Die Familien der Opfer von Bloody Sunday

Derry, 15.06.2010

Übersetzung: (sib) Irlandinitiative Heidelberg, 16. Juni 2010, Anmerkungen in Klammern dienen der Erläuterung


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