Im Rahmen des diesjährigen West Belfast Festivals fand am 4. August die erste Damien Walsh-Gedenkveranstaltung statt. Damien Walsh wurde am 25. März 1993 von loyalistischen Paramilitärs erschossen, niemand wurde dafür zur Verantwortung gezogen oder verurteilt. Die Damien Walsh-Gruppe vertritt die Meinung, daß den Opfern des Konflikts dadurch ein gebührendes Denkmal gesetzt werden kann, daß eine dauerhafte friedliche Lösung herbeigeführt wird, durch Dialog, besseres Verstehen und Förderung der Wahrheit. Die Vorlesungen dieses Abends widmeten sich dem Thema:
Medien und politische Morde im Zusammenhang mit dem anglo-irischen Konflikt.
Roy Greenslade, ehemaliger Chefredakteur des 'Mirror' und Medienkommentator für den 'Guardian', beleuchtete die Berichterstattung in den britischen Medien, das subtile Zusammenspiel von Medien, Politik, und öffentlicher Meinung. Er deckt eine 'Hierarchie des Todes' auf und weist auf die fatalen Auswirkungen von Falschdarstellung - basierend auf einem ideologischen Konstrukt, das der Realität nicht gerecht wird - Apathie und eines irreführenden Neutralitätsprinzips hin. Eine empfehlenswerte Lektüre für alle, die in den Medien Verantwortung tragen - nicht nur in den britischen Medien - und alle Konsumenten.
Wir danken der Damien Walsh-Gruppe für die Genehmigung zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
Vortrag von Roy Greenslade
Es ist wohl kaum eine weltbewegende Neuigkeit zu sagen, daß nationale Londoner Zeitungen niemals angemessen über Vorkommnisse im Norden Irlands berichtet haben.
Sie beschäftigen sich natürlich mit dem Naheliegenden - den entscheidenden Märschen, den bedeutenden politischen Krisensitzungen, gewissen Ausbrüchen von Gewalt und Chaos. Aber über die Dinge, die Tag für Tag, Woche für Woche in den sechs Grafschaften geschehen, wird in Britannien nicht berichtet. Von Morden, ganz abgesehen von den zahlreichen Gewalttaten, wird in den meistgelesenen, für den Massenmarkt produzierten Boulevardblättern nichts erwähnt. Sogar die seriösen Blätter, die sogenannten 'Zeitzeugen', haben versagt. Eine rigorose Berichterstattung während der letzten 30 Jahre haben auch sie nicht aufrecht erhalten.
(Nun, was das betrifft, haben meine zugegebenermaßen flüchtigen Nachforschungen zu den mehr als 40 davorliegenden Jahren - den Jahren der "friedvollen" Stormont-Herrschaft! - ergeben, daß die britischen Zeitungen selten über diese Gegend berichtet haben. In jener Zeit unverhohlener sektiererischer Herrschaft und gerrymandering [Wahlbezirke zugunsten einer Partei manipulieren], hat die Presse Nordirland als ruhiges Hinterland des Vereinigten Königreiches und somit als uninteressant für britische Leser betrachtet.)
Heutzutage, selbst wenn im ersten Moment ein hochgradiges Medieninteresse besteht, läßt das sehr schnell nach, oft schon innerhalb eines Tages. Manchmal wird über einen Vorfall berichtet (vielleicht war gerade ein ruhiger Tag in Finchley oder Fergie war nicht in der Stadt), aber die Geschichte verschwindet über Nacht. Es gibt keinen nachfolgenden Bericht, keine Kontinuität.
Zum Beispiel erfahren wir, daß ein Mensch brutal attackiert wurde und sich in kritischem Zustand befindet. Was jedoch mit diesem Opfer in den nächsten Tagen geschieht, egal ob er oder sie stirbt, davon wird nichts in den Zeitungen berichtet. Mit anderen Worten, die Briten erfahren nicht die ganze Geschichte, man gibt ihnen nicht die Möglichkeit zu sehen, wie sich das Drama täglich, Woche für Woche entfaltet. Deshalb können sie die Realität nicht erfassen und wohl kaum die Zusammenhänge erkennen.
Aber die hier Anwesenden wissen das bereits. Viele einfühlsame Autoren und Politiker haben dies in den letzten Jahren aufgezeigt und ihre Sichtweise mit einer Menge Beweise untermauert. Was aber größtenteils fehlte, war eine methodische, empirische Analyse darüber, wie es dazu kommt, daß bestimmte Ereignisse eine ausführliche Berichterstattung in den britischen Zeitungen erfahren während andere offenbar übersehen werden. Nur dann können wir fundierte Schlußfolgerungen ziehen hinsichtlich der Gründe - der Bewertung der sogenannten Attraktivität der Nachrichten -, die zu dieser unausgewogenen Berichterstattung führten.
Ich möchte deutlich machen, daß das, was ich hier darlege, nicht das Ergebnis eines akademischen Forschungsprojektes ist. Aber es ist weder schlecht eruiert noch handelt es sich um parteiische Mutmaßungen. Es ist das Ergebnis einer sorgfältigen Studie gewisser Ereignisse. Und ich glaube, wir erhalten eine Vorstellung davon, in welchem Ausmaß die politische Ideologie des britischen Staates Einfluß nimmt, ohne daß wir eine alberne Verschwörungstheorie bemühen müßten.
Ich lese die Zeitungen, aber ich lese sie nicht wie andere Leute. Zunächst einmal lese ich sie alle, zehn Zeitungen, jede Seite, jeden Tag. Außerdem analysiere ich sie während ich sie lese, um die Unterschiede herauszufinden, die unterschwelligen Vermutungen herauszulesen. Ich versuche zu erahnen, welche Überlegungen dazu geführt haben, daß die Wahl auf dieses Foto, jene Schlagzeile fiel, welche Gründe für die Auswahl eines bestimmten Themas ausschlaggebend waren, warum einer Nachricht enorm viel Platz eingeräumt wurde im Gegensatz zu einer anderen, was einen Redakteur dazu bewegte, einen Leitartikel zu einem bestimmten Ereignis in Auftrag zu geben während ein anderes ignoriert wurde.
Nun gehen die Menschen in Britannien davon aus, daß zumindest auf einem Gebiet - dem Tod von Zivilisten in Folge des irischen Konflikts - die Berichterstattung größtenteils fair und ausgewogen war. Unter vielen großen Lügen ist dies die größte von allen. Keiner von uns im Mediengeschäft ist frei von Schuld. Wir haben uns über die Jahre hinweg selbst etwas vorgemacht, und ich selbst habe gewiß eine lange Zeit gebraucht, um das zu durchschauen. Meine Bekehrung führe ich auf die Reaktion der Medien auf Vorkommnisse im März 1993 zurück. Der Beginn einer Reise, an der ich Sie heute teilhaben lassen möchte.
Am 20. März explodierte eine Bombe in Warrington, Cheshire, die zwei kleine Jungen, Jonathan Ball und Tim Parry, das Leben kostete. Seit den frühen 70er Jahren sind viele IRA-Bomben in Britannien explodiert und eine Menge Leute sind umgekommen. In allen Fällen war das Interesse der Londoner Medien gewaltig, in dieser Hinsicht machte Warrington keine Ausnahme. Der Zeitpunkt, die Tatsache, daß es keine rechtzeitige Warnung gab, und daß es sich bei den Opfern um zwei kleine Kinder handelte - eines von ihnen kämpfte noch einige Tage um sein Leben - waren Garantie für eine umfangreiche Berichterstattung.
Tagelang war die Nachricht auf den Titelseiten und an erster Stelle bei allen Fernseh- und Rundfunk-Nachrichtensendungen. Polternde Leitartikel riefen weniger nach Taten als vielmehr nach Rache. Sonderberichterstatter wurden nach Warrington entsandt, um seitenweise Material zu liefern über das "Massaker an den Unschuldigen". Eine Friedensinitiative, die von einer Frau namens Susan McHugh (Erinnert sich heute jemand an sie?) ins Leben gerufen worden war, erhielt ausdrückliche Unterstützung durch den Umfang an Berichterstattung. Das war, sagte die Presse, ein Wendepunkt. Es darf keine Morde mehr geben. Einige Zeit später kommentierten Paul Bew und Gordon Gillespie, zwei Politik-Analytiker, daß die Warrington-Bombe "eine Welle des Abscheus überall auf den britischen Inseln gegen Terrorakte wie diese" erzeugt hatte. Was sie meinten war natürlich, daß die Medienberichterstattung über die Morde eine Welle des Abscheus erzeugt hatte.
Am 25. März, nur fünf Tage nach der Warrington-Bombe, wurden vier katholische Männer - James Kelly, James McKenna, Gerry Dalrymple und Noel O'Kane - erschossen, als sie an ihrer Arbeitsstelle in Castlerock, Grafschaft Derry, ankamen. Am gleichen Abend wurde in West Belfast dem 17jährigen Damien Walsh in den Rücken geschossen. Man sollte meinen, daß sich die Presse und das Fernsehen auf diese Morde gestürzt hätten. Im Gegenteil, sie wurden im Grunde genommen ignoriert. Zu behaupten, daß die Berichterstattung in der Londoner Presse unzureichend war, hieße, das Wort "unzureichend" neu zu definieren. Die Castelrock-Morde wurden von der 'Sun' mit fünf Zeilen bedacht, mit zwei Absätzen von 'Today', drei Absätzen vom 'Express', drei Absätzen vom 'Daily Star', vier Absätzen vom 'Mirror' und fünf Absätzen von der 'Mail', die es als "einen Racheakt" verkaufte. Der Mord an Damien wurde in dreien dieser Zeitungen überhaupt nicht erwähnt. Zu jener Zeit verkauften diese Zeitungen zusammen 10,7 Millionen Exemplare am Tag. Bei der üblichen Hochrechnung von Lesern pro Exemplar wurden sie von 30 Millionen Menschen gelesen.
Die seriösen Zeitungen waren nicht viel besser. Sie räumten diesen sektiererischen Morden in der Tat nur geringen Raum ein. Noch hatten die Leser, denen diese Nachrichten vorenthalten wurden, die Möglichkeit, über das Fernsehen herauszufinden, was passiert war. Die Hauptnachrichten der BBC plazierten kleine Beiträge am Ende der Sendung. Währenddessen wurden den Nachwirkungen der Warrington-Bombe noch immer große Schlagzeilen gewidmet. Es war der Tag, an dem Tim Parry den Folgen seiner Verletzungen erlag, und eine Nation wurde aufgefordert, um ihn zu trauern. Sie war sich der Ermordung Damiens durch eine UFF-Bande [Loyalistische Paramilitärs] nicht einmal bewußt.
Es war, wie ich bereits sagte, ein entscheidender Zeitpunkt für mich. Es stand außer Frage, die britischen Medien gingen mit Meldungen aus Nordirland anders um als mit Meldungen aus England. Sie erfüllten ihre Aufgabe nicht. Sie machten ihre Arbeit nicht. Obwohl ich Mitgefühl mit den Eltern der Warrington-Jungen empfand, hatte ich doch nicht geringere Empfindungen für die Angehörigen der Castlerock-Opfer oder die Angehörigen von Damien. Warum also wurde ihnen nicht der gleiche Respekt entgegengebracht, weder von Seiten der Medien noch, nebenbei gesagt, von Seiten der britischen und irischen Regierungen?
Als ich über diese Ungleichbehandlung im 'Guardian' schrieb, fiel mein Artikel den Leuten vom 'Spotlight'-Programm der BBC Nordirland auf. Man kann ihnen zu Gute halten, daß ich die Chance erhielt, einen Film zu diesem Thema zu machen. Das gab mir die Gelegenheit, einige der Entscheidungsträger in Zeitung und Fernsehen zu fragen, warum sie sich für ihre letztendlich gewählte Vorgehensweise entschieden hatten.
Die Antworten waren faszinierend und erschreckend zugleich. Mark Damazer, damals Redakteur der 9.00 Uhr-Nachrichten der BBC und einer der profiliertesten Männer, wurde auf dem falschen Fuß erwischt. Er stammelte, daß Warrington "extrem ungewöhnlich" war, weil Kinder davon betroffen waren und einer der Gründe für das große Medieninteresse war, man höre und staune, "daß die Eltern äußerst wortgewandt waren". Und warum waren die Morde in Nordirland weniger interessant? Nun, da war Heseltines Weißbuch zur Zukunft der Kohle-Industrie an jenem Tag. Und, ehrlich gesagt, Tod in Nordirland ist nichts Besonderes und hier das Wesentliche: "Die Nachrichten-Rangordnung wird größtenteils von den Faktoren Ungewöhnliches, Rarität oder Überraschung sowie Tragweite bestimmt."
David Banks, damals Chef-Redakteur des 'Daily Mirror', vertrat eine ähnliche Ansicht. Er sagte, man müsse unterscheiden zwischen "außergewöhnlichen Nachrichten und statistischen Meldungen" und er fügte hinzu: "Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich das sage, aber was in den letzten 25 Jahren in diesem Teil des Vereinigten Königreichs zur Banalität geworden ist, war in der Tat äußerst ungewöhnlich und nicht alltäglich für eine Stadt in Cheshire. Und das ist keine Rechtfertigung, aber es ist, wenn Sie möchten, eine Erklärung."
Komplettiert wurde das Trio von Peter Murtagh, einem Iren, der damals Redakteur für home news [Inlandsnachrichten] beim 'Guardian' war. Er sagte, was die anderen nicht sagten, aber offensichtlich dachten. "Warrington ist gerade mal um die Ecke, Teil des, Zitat: 'mainland' [Festlandes] Britanniens. Es war ein Anschlag auf uns in unserem Land. Nordirland ist ein anderes Land. Das mag nun nicht die legale oder konstitutionelle Realität wiederspiegeln, aber ich denke, so sehen es die Leute wirklich." Er verwies auch auf eine Art von Überdruß hinsichtlich des Konflikts der so zermürbend ist, daß "es für jeden schwer ist, das Interesse aufrecht zu erhalten." Für jeden, Journalist und Leser.
Da haben wir nun dank dreier Schlüsselfiguren in den Medien eine nette Zusammenfassung über die Gründe, die dazu führten, Warrington maximalen Raum zu gewähren und die Morde an fünf anderen Menschen zu vernachlässigen. Später in der Studiodiskussion war Ed Gorman, der Nordirland-Korrespondent der 'Times', erstaunlich offen. Er kündigte seinen Posten nach vier Jahren weil er es, wie er sagte, als "korrumpierend" empfand, für eine Zeitung zu arbeiten, die es unterläßt solchen Vorkommnissen entsprechenden Platz einzuräumen. Er sagte: "Das wirklich Deprimierende an meiner Arbeit ist, und das empfinden andere Korrespondenten von seriösen Tageszeitungen hier ebenso wie ich, daß du aufgibst. Nach einer Weile wirst du zu einem Vertreter der Gleichgültigkeit."
Das Enttäuschende an der Sendung war natürlich, daß sie nur in Nordirland ausgestrahlt wurde. Ich predigte für die Bekehrten. Es sind die Briten, die aufgerüttelt werden müssen im Hinblick auf die Gleichgültigkeit ihrer Medien. In den nächsten vier Jahren habe ich mich an diesem Thema festgebissen, Akten mit Zeitungsartikeln angelegt und Notizen gemacht. Aber es sollte bis Juli letzten Jahres dauern, bevor ich die nächste Etappe auf meiner Reise antrat.
Diesmal war es ein merkwürdiges Zusamentreffen von Mordfällen, was meine Aufmerksamkeit erregte: Die Morde an Modedesigner Gianni Versace in Miami und an Bernadette Martin in Nordirland. Als ich über die enormen Unterschiede in Quantität und Qualität der Medien-Berichterstattung zu diesen separaten Gewalttaten, die am gleichen Tag verübt wurden, nachsann, wurde mir deutlich, daß ein viel schockierenderer Vergleich innerhalb des Schauplatzes Nordirland selbst gemacht werden konnte: Der Unterschied in der Medien-Reaktion im Fall von Bernadettes Ermordung und der Erschießung von zwei RUC-Männern [Royal Ulster Constabulary/nordir.Polizei] in Lurgan einen Monat zuvor.
Das trieb mich zurück zu meinen Akten, zurück zur Dokumentationsstelle des 'Guardian' und zum Colindale Zeitungsarchiv. Plötzlich tat sich mir eine Wahrheit auf, die sich schon seit langer Zeit direkt vor meiner Nase ausbreitete. Die britischen Medien haben nicht nur dahingehend versagt, daß sie keine ordentliche Berichterstattung über Nordirland zustande brachten, sondern sie arbeiteten auch - obgleich unbewußt - nach einem Prinzip der selektiven Berichterstattung. Nirgends wurde das so deutlich wie beim Umgang mit Mordfällen. Einige Fälle wurden groß herausgebracht und andere ignoriert.
Aber das war kein unberechenbarer Akt, keine Wahl, die auf gut Glück getroffen wurde. Trotz der Konkurrenz unter den Zeitungen, trotz der Konkurrenz unter den verschiedenen Medienarten, trotz der vielgepriesenen Pluralität und Unterschiede im Medienangebot haben sie alle bei fast jedem Fall bemerkenswert einheitlich reagiert. In der Tat, je genauer ich hinsah, desto eindeutiger zeigte sich die Gleichförmigkeit der Reaktionen.
Lassen Sie mich zunächst auf den Unterschied in den Reaktionen zur Ermordung Bernadettes und der zwei RUC-Männer eingehen. Am 16. Juni letzten Jahres wurden der Polizist John Graham und der Reserve-Polizist David Johnston von der IRA in Lurgan erschossen. Was die Medien anging, war dies ein katastrophales Ereignis. Es war, sagte die 'Daily Mail', eine Greueltat. Die 'Times' nannte es "einen kaltblütigen Doppelmord". Es war für alle Zeitungen eine Nachricht für die Titelseite und die Spitzenmeldung beim BBC Fernsehen und im Radio. Die Politiker reagierten unverzüglich und entschlossen. Die britische Regierung brach die Verbindung zu Sinn Féin ab, der irische Taoiseach [Premierminister] war außer sich, ebenso wie US-Präsident Clinton. Fast jede Zeitung drückte in Leitartikeln ihre Mißbilligung aus.
Am 15. Juli wurde der 18jährigen Bernadette Martin, die in Lurgan arbeitete, viermal in den Kopf geschossen, während sie im Haus ihres Freundes in Aghalee, Grafschaft Antrim, schlief. Normalerweise wäre dieser grausame, vorsetzliche Mord aufgrund der dramatischen Begleitumstände dafür prädestiniert gewesen, den Puls der Boulevardpresse zum Rasen zu bringen. Es gab ein Romeo und Julia-Element, da sie offensichtlich nur deshalb ermordet wurde, weil sie als Katholikin einen Protestanten liebte. Eine unschuldige junge Frau, die aus niedrigsten Motiven getötet wurde.
Doch die Meldung über die Ermordung Bernadettes erschien lediglich auf einer Titelseite und sie wurde von vier nationalen Zeitungen vollkommen vernachlässigt. Der Versace-Mord war im Moment die heißeste Geschichte und der Mord an Bernadette wurde an diesem Abend sogar von den BBC 9.00 Uhr-Nachrichten übersehen. Es gab dazu Tage später ein paar Meldungen, aber das Ausmaß der Berichterstattung über die RUC-Morde wurde bei weitem nicht erreicht, noch wurde ihre Geschichte in ähnlich prosaischer Form erzählt. Es gab keine Leitartikel zu Bernadette, keine Schlagzeilen, die nahelegten, daß der Friedensprozeß gefährdet wäre. Es wurden keine Stellungnahmen von politischen Führern Britanniens, Irlands und der USA eingeholt und wir können davon ausgehen, daß sie auch nicht offeriert wurden.
Als ich bei den Redakteuren nachfragte, erhielt ich die zu erwartenden Anworten. Wie tragisch der bestialische Mord an Bernadette auch zweifelsfrei war, in ihren Augen war es doch nur eine weitere Zahl in der Statistik der alten Geschichte mit den zu vielen Tragödien. Aber diesmal klangen ihre Ausflüchte nicht echt. Die Polizisten in Lurgan waren der 300. und der 301. RUC-Polizist, die starben: Waren sie nicht auch nur Zahlen einer Statistik?
Mir ist klar, daß es widerwärtig ist, einen Mord mit dem anderen zu vergleichen, aber es muß gesagt werden, daß Bernadette im Gegensatz zu den RUC-Leuten nicht bewaffnet war. RUC-Männer rechnen mit Gefahr, Bernadette tat das nicht. Die RUC-Männer waren wach, auf Streife in der Öffentlichkeit. Bernadette hat geschlafen, sicher, mußte sie annehmen, in einem Haus. Wie Brid Rodgers von der SDLP traurig bemerkte: "Man muß sich fragen, warum solch unterschiedliche Maßstäbe angelegt werden."
Auch ich hatte mir diese Frage gestellt. Warum erfahren manche Morde in Nordirland die volle Aufmerksamkeit der Presse und Politiker während andere nicht beachtet werden? Was lag hinter dem einseitigen Umgang der Medien mit Tragödien in Nordirland?
Ich fand schon bald heraus, daß während der gesamten Dauer des Konflikts unterschiedliche Maßstäbe bei der Berichterstattung der Medien über Morde angewandt wurden. Und es kam ans Licht, daß es etwas gab, was ich seither die "Hierarchie des Todes" nenne. Dieses deutlich erkennbare Muster muß im Zusammenhang mit den politischen Verhältnissen gesehen werden, aber das verstärkt sogar noch die Theorie. Wie funktioniert das also?
In der höchsten Kategorie - mit der ausführlichsten Berichterstattung - sind Briten, die in Britannien getötet wurden. In Warrington wurde das noch verstärkt durch das zarte Alter der Opfer. Es war schon immer so, daß Gewaltakte oder auch nur die Androhung von Gewalt in Britannien auf alle Fälle mit riesigen Schlagzeilen bedacht wurden. Die Reaktion auf die Verhaftungen in London vor ein paar Wochen bestätigt dies.
In die zweite Kategorie fallen Angehörige der Sicherheitskräfte, gleich ob Armee oder RUC. Über diese Morde wurde gewöhnlich auf den Titelseiten berichtet, und es wurden Leitartikel sowie ergänzende Sonderberichte verfaßt. In fast allen Fällen wurde ausführlich über die Beisetzungen berichtet, was wieder eine Gelegenheit bot, darüber nachzudenken, ob es nicht nötig wäre, Taten folgen zu lassen.
Manchmal kamen Gefängnisbeamte in die zweite Kategorie. Gewöhnlich sind sie aber in die dritte Kategorie gerutscht. In dieser dritten Kategorie sind Zivilisten, die Opfer von Republikanern wurden. In manchen Fällen - falls die Opfer jung waren oder falls es eine große Anzahl von Opfern gab, ich denke dabei an Enniskillen, oder wenn die politische Lage es erforderte - wurden die Maßstäbe der zweiten oder gar der ersten Kategorie angelegt.
In der vierten Kategorie sind Mitglieder der IRA oder von Sinn Féin, die von den Sicherheitskräften getötet wurden. Einzelne besonders dramatische Fälle - wie Gibraltar und Loughgall - verändern die Prioritäten, aber die meisten IRA-Toten erhalten anfänglich geringe Aufmerksamkeit.
Und zum Schluß, in der fünften Kategorie, sind die Opfer von loyalistischen Paramilitärs, seien es Katholiken, Protestanten, IRA-Angehörige oder harmlose Passanten. Ich habe in der Vergangenheit gesucht, um Beispiele dafür zu finden, daß Morde aus der fünften Kategorie in den ersten Rang erhoben wurden, mit Titelseiten in großer Aufmachung und 2-seitigen Reportagen, Stellungnahmen von besorgten Politikern und Leitartikeln. Es hat sich als unmöglich erwiesen, auch nur ein Beispiel dafür zu finden.
Einige Journalisten versuchten mich zu überzeugen, daß die Ermordung von Bernadette größere Bedeutung erlangt hätte, wenn Versace nicht auch gerade erschossen worden wäre. Aber die Fakten lassen diesen Schluß nicht zu. In den Monaten nach ihrem Tod, als Versace längst nicht mehr in den Schlagzeilen war, starben zwei Katholiken, Robert Hamill und John Slane, was jedoch in der britischen Presse kaum Erwähnung fand. Fünfte Kategorie, wie gesagt, nicht wert eine große Show in den nationalen Medien daraus zu machen.
Ich gebe zu, daß es einfach wäre, diese 'Hierarchie des Todes' als eine Medien-Verschwörung anzusehen. Es hat aber viel mehr damit zu tun, wie der Konflikt seit langem - von den britischen Medien als auch von der politschen Führung Britanniens - gesehen wurde: Erstens als ein Krieg zwischen der britischen Regierung und den Republikanern und zweitens, vielleicht die vorherrschendere These, als ein Konflikt zwischen zwei sich bekriegenden Stämmen wobei das arme, unbedarfte Britannien unversehens zwischen die Fronten geraten ist.
Die erste Sichtweise brachte es mit sich, daß alle Nationalisten und demzufolge alle Katholiken, von den Medien als "der Feind" oder der potentielle Feind angesehen wurden. Schlimmstenfalls als Unterstützer der IRA. Bestenfalls als "treulose" Untertanen Ihrer Majestät, erpicht darauf, den Bund mit Britannien aufzukündigen. Sogar angepaßte Nationalisten, die Gewalt immer abgelehnt haben, hatten darunter zu leiden, wenn nicht unter der Feindseligkeit der Medien, dann zumindest unter ihrer Gleichgültigkeit.
Wie interessant das auch sein mag, es ist die zweite These, die in letzter Zeit immer mehr an Bedeutung gewonnen hat. Es ist diese Ideologie, die Restriktionen auferlegt und damit weitreichende Folgen hat, die einen negativen Einfluß auf die Medien-Berichterstattung nimmt und, wie ich behaupte, die politische Entwicklung hemmt. Die Berichterstattung über Vorkommnisse in Nordirland, speziell über Mordfälle, muß als Beweis dafür herhalten, daß Britannien in einer hoffnungslosen Lage ist. Die unschuldige zwischen zwei schuldigen Parteien, die verständnisvolle Mutter, die versucht, mit zwei zankenden Bengeln fertigzuwerden, der ehrliche Makler, der versucht, mit unversöhnlichen Klienten umzugehen.
In welchem Maße diese Sichtweise angenommen wurde, wird deutlich, wenn man in Britannien eine Radiosendung mit Hörerbeteiligung zum Thema Irland anhört. Die Anrufer geben überwiegend Kommentare ab wie: "Da ist doch einer so schlimm wie der andere." Britische Politiker sagen es immerzu. Leitartikel der Zeitungen konstatieren es. Aus Radio- und Fernseh-Journalisten sprudelt es nur so heraus.
Wie verführerisch dieses Argument sein kann, erlebte ich, als ich vor einigen Jahren eine Gruppe von Commonwealth-Journalisten begleitete, die auf Einladung des Nordirland-Ministeriums im Rahmen eines fact-finding-Besuches nach Belfast kamen. Es war faszinierend. Der beharrlich vorgetragene Kernsatz von Leuten des Nordirlandministeriums, der RUC, von den verschiedenen Bediensteten der Quangos [Quasi-nichtstaatl.Organisationen] war, daß sich Britannien in einer unmöglichen Lage befinde. Ein Schiedsrichter wider Willen zwischen zwei kriegerischen Fraktionen religiöser Fanatiker. Eine Seite ist genauso schlimm wie die andere. Es gibt da keinen Unterscheid zwischen beiden. Wenn sie nur die Kindereien lassen würden, sich die Hände reichten und lernen würden, miteinander zu leben, dann wäre alles in Ordnung. Britannien will diese unangenehme Rolle des Ringrichters nicht. Britannien ist nicht und war nicht das Problem. Durch eine ungünstige Fügung der Geschichte wurde ihm diese Bürde auferlegt. Mit anderen Worten, die Tatsache der britischen Herrschaft wird beiseite gelassen.
Eine Weile dachte ich, daß diese gewieften Sprecher auf geschickte Weise eine politische Linie wiedergeben würden, die von Whitehall ausgeklügelt worden war. Dann wurde mir aber klar, daß sie kein zynisches Spiel trieben. Sie hielten sich nicht an irgendein vorgegebenes Manuskript. Sie glaubten es, und bis zu einem gewissen Grad wird das auch von Whitehall und Westminster geglaubt.
Kann es jemals ein erfolgreicheres ideologisches Konstrukt geben, als eines das von fast allen Beteiligten als unumstößliche Wahrheit akzeptiert wird? Im Grunde genommen pflichten alle bei, die die öffentliche Meinung beeinflussen: britische Abgeordnete, Tory und Labour, Rechte und Liberale, britische Journalisten in Presse, Funk und Fernsehen und natürlich eine beträchtliche Mehrheit der Briten.
Anders ausgedrückt, die Geschichte wurde nicht umgeschrieben, sie wurde ausgelöscht. Wir sollten uns nicht mit der Vergangenheit befassen, sondern nur mit der Gegenwart. Sogar jene Menschen in Britannien, die sich noch an die Protestmärsche der Bürgerrechtsbewegung erinnern oder erinnern wollen, haben die Gründe für diese Märsche verdrängt. Vor ein paar Monaten hörte ich wie Sinn Féins Martin McGuinness während eines Radio-Interviews die Tatsache erwähnte, daß er in seiner Jugend aufgrund seiner Religionszugehörigkeit keine Arbeit finden konnte. Der Interviewer schien gereizt, fast peinlich berührt von dieser historischen Wahrheit. Es erschien ihm nicht relevant. Viel wichtiger, es paßte nicht zur gängigen Anschauung: Wenn eine Seite so schlimm ist wie die andere, dann kann eine Seite nicht die moralischen Gründe für sich beanspruchen.
Ich denke, indem beide Seiten verdammt werden, umgehen wir nicht nur eine Grundsatzdebatte, sondern laufen auch Gefahr, politisch in eine Sackgasse zu geraten. Die Folge der von den Medien und der Regierung angestellten Analyse - Entschuldigung für das Wort Analyse - ist, daß die Menschen in Britannien, die Wähler, die Steuerzahler, akzeptiert haben, daß es keine Lösung gibt.
Nun sehen wir deutlich, wie der Prozeß abläuft. Die Medien und die Regierung sagen, wir befinden uns politisch in einer ausweglosen Situation; die Menschen akzeptieren das und werden apathisch; dann, als Reaktion auf diese Gleichgültigkeit der Menschen, berichtet die Presse immer weniger, und gibt so auch keine Informationen weiter, die nicht zum "kriegerische-Stämme"-Bild passen. Und so geht der Zyklus der Falschdarstellung weiter.
Das wird auch dadurch verstärkt, und das ist noch viel umstrittener, daß die Rundfunk- und Fernsehgesellschaften - wenn auch in guter Absicht und im Glauben, daß sie der Öffentlichkeit einen Dienst erweisen, indem sie die Statuten befolgen - an ihrer Politik der sogenannten "Ausgewogenheit" festhalten.
Ausgewogenheit im Zusammenhang mit Nordirland heißt, das Konzept des Unschuldig-zwischen-die-Fronten-geratenen-sein/Eine-Seite-so-schlimm-wie-die-andere--Modells zu untermauern. Das ist auch eine Art von Neutralität. Aber ich sehe es als das "Irreführende-Neutralitätssyndrom" an. Das hat in Nordirland selbst sicher keine Bedeutung (obwohl ich auch da meine Zweifel habe), aber in Britannien, wo den Menschen sowieso schon die tägliche Information über einen fernen Ort auf der anderen Seite der See vorenthalten wird, verhindert es ein jegliches Verstehen des Konflikts.
Ironischerweise und traurigerweise wurde ich gerade vorige Woche Zeuge einer Begebenheit in Donegal, die uns zeigt, wie beherrschend das Prinzip der Ausgewogenheit oder Gleichbehandlung sein kann, und wie gefährlich es ist, wenn dabei falsche Maßstäbe angelegt werden.
Ich hörte mir gerade eine Sendung des Highland-Radios an, als der Sprecher einen anonymen Brief verlas, bei dem es sich dem Anschein nach um ein authentisches Sinn Féin-Dokument handelte, das mit anti-protestantischem Fanatismus gespickt war. Als er von einem verärgerten Hörer, der das Dokument als eine billige Erfindung des britischen Geheimdienstes aus der Zeit des Black and Tan-Krieges entlarvte, in die Mangel genommen wurde, versuchte der Sprecher sich zu verteidigen. Er stellte seine Sendung als ausgewogen dar und die heutige Lesung als Ausgleich für die am Tag zuvor verlesenen anti-katholischen Passagen aus den Statuten des Oranierordens. Er brauchte einige Zeit, um zu akzeptieren, daß er Fakt mit Fiktion verglich. Und das in der Republik.
Dieser Fehler unterlief dem Highland-Radio in den ersten Tagen der Drumcree-Krise. Und ich möchte die Berichterstattung über Drumcree als ein letztes Beispiel dafür nehmen, daß und in welcher Weise die Medien ihrer Aufgabe nicht gerecht werden. Es waren bedeutende Nachrichten für die Londoner Zeitungen, aber wie so oft, nur für ungefähr eine Woche. Anfänglich konzentrierte man sich auf den Schauplatz Garvaghy Road und auf die verschiedenen politischen Ränkespiele, in welche die britische Regierung und die neugewählte Assembly-Führung mit verwickelt waren. Die meisten Zeitungen - besonders die Boulevardpresse - ignorierten vollkommen die Vielfalt dessen, was den Drumcree-Aufstand sonst noch begleitete an Einschüchterungen, Brandstiftungen, Überfällen, Niederbrennen von Häusern, Bombardierungen, Blockaden, Terror und Chaos. Funk und Fernsehen erwähnten es nur nebenbei.
Somit erfuhren die Menschen in Britannien nichts darüber, daß in Carrickfergus, im Ortsteil Glenfield, Brandbomben in die letzten vier Häuser, die von Katholiken bewohnt waren, geworfen wurden; daß eine Horde von Loyalisten versuchte, eine katholische Grundschule in Lisburn in Brand zu stecken; daß Dunloy von 1000 Loyalisten belagert wurde; daß acht Brandbomben im Collingwood-Viertel von Lurgan explodierten; daß der Mob Wohnsitzlose auf die Straße zwang, nachdem sie ein Wohnheim in Ost-Belfast attackiert hatten...und so weiter.
Außerdem haben sie keine Ahnung davon, daß solche sektiererische Gewalt um den 12. Juli herum üblich ist. Britische Zeitungen berichten kaum jemals vom Schrecken, den die Männer verbreiten, die Unionsflaggen-schwenkend durch die Straßen ziehen und rohe Gewalt entfachen im Namen der britischen Königin. Wenn man darüber etwas in einer nationalen Zeitung erfahren will, dann muß man schon die Dubliner 'Irish Times' lesen. Zweifelsfrei ist es in politischer Hinsicht bezeichnend, daß diese Zeitung dem täglichen Geschehen in Nordirland viel Platz einräumt, während die seriösen Zeitungen in Britannien, dem Land das die Regierungsgewalt über Nordirland beansprucht, uns so wenig mitteilen.
Aufgrund loyalistischer Gewaltakte im Zusammenhang mit Drumcree suchten Bedienstete der Wohnungsämter hier noch in der letzten Woche Wohnungen für 141 katholische oder religiös-gemischte Familien, die durch Brandanschläge und Einschüchterungen aus ihren Häusern vertrieben worden waren, neben den Wohnungen für Familien von 50 RUC-Beamten. Über diese Tatsache - diese schokierende Tatsache - hat nicht eine britische Zeitung berichtet.
Es ist nicht verwunderlich, wenn mir unweigerlich folgender Gedanke kommt: Wenn die Medien viel mehr, so viel mehr, über diese Vorkommnisse hier berichtet hätten und weniger empfänglich für die dahingehende Regierungspropaganda gewesen wären, die besagt, daß es keinen Ausweg gibt, dann hätte vielleicht schon früher, vor Jahren schon, eine politische Übereinkunft erreicht werden können. Dann wäre Damien Walsh nicht im Alter von 17 Jahren gestorben und Bernadette Martin nicht mit 18 Jahren. Eine ganze Menge Unschuldiger wären am Leben geblieben.
Eines Tages muß die historische Wahrheit über dieses geopolitische Unding genannt Nordirland mit der Gegenwart verbunden - ich wage zu sagen, wiedervereint - werden. Nur dann kann es eine dauerhafte Lösung geben.
Wir danken Anita Heiliger, Mitarbeiterin von medico international, für die Übersetzung.
Irlandinitiative Heidelberg
Die Medien und der anglo-irische Konflikt (Sehen hierzu auch unseren Text, Informationen zu Nordirland)