Dienstag, 10. Mai, 2005
Mittwoch, 11. Mai, 2005
Pannen-Anlage Sellafield
Umstritten ist die Atomanlage Sellafield im Nordwesten Englands seit Jahrzehnten. Bei der Wiederaufarbeitung von atomaren Brennstoffen wurden hier große Mengen radioaktive Stoffe in die Irische See geleitet.
Der schwerste Zwischenfall in der früher nach dem Nachbarort Windscale benannten Anlage ereignete sich im Oktober 1957. Damals brach in einem zum Bau von Bombenplutonium genutzten Reaktor ein Feuer aus und radioaktive Gase verseuchten ein Gebiet von mehreren hundert Quadratkilometern.
Seit mehr als 50 Jahren macht die britische Atomanlage Sellafield durch gefährlicher Pannen Schlagzeilen. Eine Auswahl:
1955: Bei Reparaturarbeiten werden 251 Arbeiter verstrahlt.
1957: Der Reaktorkern brennt tagelang, Radioaktivität wird frei. Nach offiziellen Angaben sterben 33 Menschen, nichtstaatliche Stellen gehen von mehr Toten aus.
1973: Explosion, 35 Arbeiter verseucht.
1983: Radioaktive Substanzen werden in die Irische See geleitet, weite Strandabschnitte müssen gesperrt werden.
1986: Elf Menschen werden verstrahlt.
1993: Unfallserie, die Aufarbeitungsanlage muss zum Teil evakuiert werden.
1997: Sechs Arbeiter werden verstrahlt.
2005: Nach einem Rohrbruch fließen 20 Tonnen eines Uran-Plutonium-Gemischs in eine Auffangwanne in der Anlage.
Sellafield meldet gigantisches Leck
20 Tonnen Uran und Plutonium im englischen Atomkraftwerk ausgelaufen / Angeblich keine Gefahr für die Umwelt
Von Peter Nonnenmacher und Vera Gaserow
In der englischen Wiederaufbereitungsanlage ist innerhalb des Werks durch eine undichte Rohrleitung eine Salpetersäurelösung mit hoch radioaktivem Material ausgelaufen. Es soll insgesamt 20 Tonnen Uran und Plutonium enthalten.
London/Berlin · 9. Mai · Nach der Entdeckung des enormen Lecks im englischen Atomkraftwerk Sellafield wurde ein Teil der Anlage sofort geschlossen. Eine Gefahr für die Außenwelt besteht nach Angaben der Werksleitung nicht. Aber Sellafields Aufbereitungsanlage wird voraussichtlich monatelang stillliegen - und ob und wie der Schaden überhaupt behoben werden kann, weiß bisher noch niemand zu sagen.
Der Vorfall ereignete sich bereits im vorigen Monat in Sellafields modernster Anlage, dem Wiederaufbereitungs-Werk Thorp, wurde aber erst jetzt bekannt. Die Flüssigkeit, die vom Volumen her das Becken einer olympischen Schwimmhalle füllen würde, hat sich offenbar in einer riesigen Stahlkammer gesammelt, die jetzt so verstrahlt ist, dass sie kein Mensch mehr betreten kann. Wie diese Flüssigkeit wieder aufgesogen und das in ihr enthaltene Uran und Plutonium unschädlich gemacht werden kann, ist bislang unbekannt.
Material für 20 Atombomben
Bei den Sellafield-Betreibern war am Montag davon die Rede, dass man Roboter konstruieren müsse, die sich des Schadens annehmen könnten. Gespräche mit den Atominspektoren der Regierung sind im Gange, um eine Lösung für dieses Problem zu finden. Während Uran offenbar den größten Anteil des ausgeflossenen radioaktiven Materials ausmacht, werden auch mindestens 200 Kilogramm Plutonium in der verstrahlten Stahlkammer vermutet - nach britischer Expertenmeinung das Äquivalent von 20 Atombomben.
Akzeptiert haben die Inspektoren fürs erste die Versicherung Sellafields, dass nach dem Vorfall im Thorp-Werk "für die Außenwelt keine Gefahr" bestehe. Für das zwei Milliarden Pfund teure Werk selbst ist das Mega-Leck aber auch so eine Katastrophe. Mit den Einnahmen Thorps, die sich auf eine Million Pfund pro Tag belaufen sollten, wollte die britische Regierung den stufenweisen Abbau ausgedienter Atomanlagen im Königreich, und die "Bereinigung" der betreffenden Gelände, finanzieren.
Schon in den ersten Produktionsjahren blieb Thorp wegen technischer und kommerzieller Probleme weit hinter den Erwartungen zurück. Nun muss sich das Werk - und mit ihm die Regierung - die Frage stellen, ob es jemals die erhofften Profite einspielen werde. Ein prominenter Sprecher der Anti-Atomkraft-Lobby, Martin Forwood, erklärte dazu, es sei von Anfang an "naiv" gewesen, die nötigen Stilllegungs-Kosten der Branche durch zusätzliche Wiederaufbereitung bestreiten zu wollen. Die Sellafield-Eigner, meinte Forwood, "würden dem Steuerzahler den größten Dienst damit erweisen, das Werk ein für alle mal still zu legen." Für Premier Tony Blair kommt das Thorp-Leck zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Er erwägt zur Zeit die Genehmigung für den Bau einer neuen AKW-Generation zu erteilen.
Umweltministerium "verwundert"
Das Bundesumweltministerium in Berlin, das erst durch Zeitungen von dem Unfall erfuhr, äußerte sich "verwundert" über die Informationspolitik. Nachdem die dortigen Behörden ihren deutschen Kollegen den Zwischenfall am Montag mündlich bestätigten, will Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) auch eine offizielle Auskunft von der britischen Regierung. Es stelle sich die Frage, warum auch vier Wochen nach dem Unfall noch keine offizielle Störfallmeldung bei den Anrainerstaaten vorliege.
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Atomunfall macht Blair zu schaffen
Der britische Premier will die Nuklearenergie ausbauen - nun kommt ihm die Panne in Sellafield dazwischen
Von Peter Nonnenmacher (London)
Der just wiedergewählte Londoner Premierminister Tony Blair wollte die Nation gerade auf eine spektakuläre Kehrtwende in der britischen Atompolitik einstimmen. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt haben ihm die Vorfälle in der Mammutanlage Sellafield, dem Kernstück der britischen Atomindustrie, die Sache nicht leichter gemacht.
Der Unfall in der Wiederaufarbeitungsanlage hat die Briten daran erinnert, für wie viel Probleme britische Atomanlagen in der Vergangenheit schon gesorgt haben. Sellafield allein, das ehemalige Windscale, hat alle Jahre wieder ungute Schlagzeilen gemacht und die Anti-Atomkraft-Bewegung der Insel weiter und weiter wachsen lassen.
Beim jüngsten Vorfall, dem Ausfluss einer riesigen Menge hoch radioaktiver Salpetersäure aus einem undichten Rohr in eine Stahlkammer des Werks im vorigen Monat, scheint zumindest innerhalb und außerhalb des Werks niemand zu Schaden gekommen zu sein. Die Frage freilich, wie die ausgetretene Säure, die 200 Tonnen Uran und Plutonium enthalten soll, im Werk selbst wieder unschädlich gemacht werden kann, ist noch keineswegs beantwortet. Vorläufig - und möglicherweise auf lange Zeit hin - bleiben zentrale Teile der Wiederaufarbeitungsanlage geschlossen.
Auch andere Fragen bedürfen der Antwort. Zum Beispiel die Frage, wie es zu dem Vorfall überhaupt kommen konnte. Unklar ist bisher zudem, wie lange es dauerte, bis das Leck entdeckt wurde - und wie lange, bis die Bevölkerung die entsprechenden Informationen erhielt.
Eine erste Meldung des Rundfunksenders BBC am 23. April klang noch sehr viel harmloser als die präzisere Nachricht, mit der am Montag die Londoner Presse aufwartete. Spekulationen sprachen am Dienstag davon, die Sellafield-Betreiber hätten mit der Veröffentlichung der Details bis nach den Wahlen warten wollen. Ein Untersuchungsbericht, der in wenigen Wochen fällig ist, könnte Licht in dieses Dunkel tragen.
Industrie hofft auf Neubau-Pläne
Der britischen Atomindustrie kommen die neuesten Nachrichten aus Sellafield natürlich äußerst ungelegen. Noch vor der Sommerpause nämlich, hoffen die Industriellen, wird die Regierung Blair dem Parlament einen Plan zum Bau von mindestens zehn neuen Atomreaktoren in Großbritannien zur Absicherung der britischen Stromversorgung vorlegen. Ein jüngst bekannt gewordenes Dokument aus dem neuen Ministerium für Produktivität, Energie und Industrie weist jedenfalls darauf hin, dass eine Entscheidung dringend notwendig sei, da die zur Zeit noch betriebenen zwölf Reaktoren der Insel im Laufe der nächsten 20 Jahre aus Altersgründen abgeschaltet werden. Nach Berechnungen des Ministeriums könnte es schon vom Jahr 2008 an zu Engpässen in der Energieversorgung kommen.
Der Ausbau der Atomenergie würde der bisherigen Regierungslinie zuwiderlaufen. Blairs erklärtes Ziel war die stufenweise Abschaltung der alten Atomreaktoren und erhebliche Investition in erneuerbare Energiequellen. In letzter Zeit hatte der Premier jedoch durchblicken lassen, dass seiner Meinung nach der wachsende Strombedarf ohne ein neues Atom-Programm wohl nicht zu decken sei - und dass bei der Bekämpfung der globalen Erwärmung der Atomkraft eine wichtige Rolle zukommen könne. Im Umweltministerium, geleitet von Margaret Beckett, steht man dem Projekt hingegen eher ablehnend gegenüber. Und in Gordon Browns Schatzkanzlei fürchtet man die Milliarden-Kosten eines entsprechenden Programms
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