Nordirland in Geschichte und Gegenwart/Northern Ireland - Past and Present lautet der Titel des mit 571 Seiten bislang umfangreichsten Buches, das hierzulande zu diesem Thema erschien. Der Herausgeber ist Jürgen Elvert (Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 1994 [= Historische Mitteilungen der Ranke-Gesellschaft Beiheft 9]; 148.00 DM).
Elvert beklagt in seinem Vorwort ganz richtig das mangels sachkompetenter Berichterstattung verzerrte Bild vom Nordirlandkonflikt in der deutschen Öffentlichkeit, um dann hinzuzufügen, daß dieses Bild "durch zum Teil bewußt parteiische Darstellungen aus überwiegend extremrepublikanischer Perspektive von selbsternannten 'Solidaritätskomitees' noch weiter verfälscht" worden sei. Da ein Akademischer Rat wie Herr Elvert von einem Universitätsgremium berufen wird und sich nicht selbst ernennt, muß er einer Wissenschaft genügenden Belege für eine solche These erst gar nicht vorbringen. Jedenfalls haben die unterschiedlichen Solidaritätskomitees seit den frühen siebziger Jahren mehr zur Erhellung der nordirischen Verhältnisse beigetragen als dieses Buch aus einem Wissenschaftsbetrieb, der - einer Aussage Adornos nach - seine genaue Entsprechung in der Geistesart hat, die er einspannt: sie brauchen sich gar keine Gewalt mehr anzutun, um als die freiwilligen und eifrigen Kontrolleure ihrer selbst sich zu bewähren.
Da wird beispielsweise - entgegen vielfältig gesicherter Erkenntnis - behauptet, die genauen Vorfälle des Blutsonntags von Derry vom 30.Januar 1972 stünden "bis heute nicht fest und werden wohl immer umstritten bleiben." Vierzehn von britischen Soldaten erschossene Bürgerrechtler, die Hälfte davon im jugendlichen Alter, waren die traurige Bilanz dieses Massakers. Kaum ein Ereignis hat der IRA soviele neue Kämpfer beschert wie diese von höchsten Regierungsstellen schon am 24. Januar 1972 abgesegnete Militäraktion.
Und da finden sich die den Terror der Ulster Volunteer Force (UVF) und der Ulster Defence Association (UDA) rechtfertigenden Ausführungen, "die Genese beider Gruppen müssen als Reaktionen der protestantischen Arbeiterschicht auf katholische Angriffe auf den Staat verstanden werden." Ursache und Wirkung werden so völlig verdreht: Die katholische Bevölkerungsminderheit mußte sich seit den späten sechziger Jahren gegen brutale Übergriffe durch einen unionistisch-loyalistischen Mob schützen. Die UDA, deren mörderisches Treiben genauso dokumentiert ist wie etwa die Ereignisse des Blutsonntags, wird in dem Buch zu "einer großen, stets legal operierenden gesamtstaatlich agierenden Vereinigung" stilisiert. Und den unionistischen Predigern des Hasses, wie etwa einem Ian Paisley, wird die Absolution erteilt, wenn formuliert wird: "Die Rebellion, die aus der Revolution steigernder Erwartungen auf nationalistischer Seite erwuchs, wurde von der unionistischen Elite mehrheitlich nur kurzfristig als legitim akzeptiert. Bald ergriff auch sie die von den protestantischen Unterschichten ausgehende Furcht vor einer Neuformulierung des sozialen Status quo durch politischen Wandel." Hier zeigt sich auch das Ressentiment des Intellektuellen gegen die Unterklassen, die, entsprechend ideologisch aufgerüstet, noch allemal dazu angehalten werden, die Dreckarbeit für die feinen Herren zu erledigen.
Mit freundlicher Genehmigung von Jürgen Schneider
Centre for the Study of Conflict,University of Ulster, Coleraine
Neil Jarman und Dominic Bryan vom Centre for the Study of Conflict (Zentrum für Konfliktforschung) der Ulster Universität haben kürzlich eine Studie mit dem Titel From Riots to Rights, Nationalistische Märsche im Norden Irlands, veröffentlicht. Die Autoren befassen sich hier mit einem oft vernachlässigten Aspekt des Konflikts, der Geschichte der nationalistischen Märsche und dem daraus entstandenen Konflikt mit dem Staat und dem Unionismus. In dieser Publikation werden Marschtraditionen, demographische Veränderungen und das heißumstrittene Recht zu marschieren während der vergangenen 300 Jahre untersucht.
Übersetzung Anita Heiliger
Human Rights on Duty: Principles for better policing - International lessons for Northern Ireland
Committee on the Administration of Justice
Eine radikale Reform der überwiegend mit Protestanten besetzten nordirischen Polizei, der Royal Ulster Constabulary (RUC), ist unabdingbar, egal, ob der Friedensprozeß nun in der im Karfreitagsabkommen vorgesehenen Weise fortgesetzt wird oder nicht.
Das Committee on the Administration of Justice (CAJ) hat eine eine umfangreiche Studie von Mary O'Rawe und Dr. Linda Moore mit weitreichenden Vorschlägen zu einer Polizeireform in Nordirland vorgelegt:
Die Autorinnen analysieren die RUC und unterbreiten, ausgehend auch von der Auswertung von Feldstudien in Australien, Belgien, Kanada, El Salvador, den Niederlanden, Südafrika, dem Baskenland und Katalonien, Empfehlungen für eine Reformierung der nordirischen Polizei. Der erste Teil ihrer Empfehlungen gilt "einem repräsentativen Polizeidienst", Teil zwei der Ausbildung und der Organisation, Teil drei den rechtlichen Grundlagen, Teil vier der demokratischen Kontrolle, Teil fünf den neuen Strukturen und Formen des Polizeiwesens und der letzte Teil der Handhabung des notwendigen Wandels. Die Empfehlungen sind auf einem achtseitigen Faltblatt zusammengefaßt, das beim Committee on the Administration of Justice angefordert werden kann:
CAJ, 45-47 Donegall Street, Belfast BT1 2FG, N.IrlandJürgen Schneider
The Blueshirts and Irish Politics
Mike Cronin (Four Courts Press)
Mike Cronins 1997 herausgegebene Geschichte der Blueshirts ist ein Muß für jeden politischen Junky. Es ist wesentlich besser als die Rechtfertigung der Blueshirts durch den Fine Gael-Senator Maurice Manning, die bis jetzt als Standardwerk galt. Cronin, der nicht unsensibel mit den Blueshirts umgeht, zeigt uns, daß diese Bande beides war, sowohl faschistisch als auch lächerlich. Es geht in Ordnung, Dev de Valeras Konservativismus anzuprangern. Aber die Diktatur eines Eoin O'Duffy hätte Devs 'sittsame Jungfrauen' wie die Spice Girls aussehen lassen.
Übersetzung Anita Heiliger
Ireland - The Propaganda War: The British Media
Liz Curtis (Pluto Press)
Bei diesem Buch handelt es sich um einen neu aufgelegten Klassiker, der die Rolle der Medien im Nordirland-Konflikt untersucht.
Dazu ein Kommentar von Danny Morrison, der früher für die Öffentlichkeitsarbeit von Sinn Féin verantwortlich war. Als Bobby Sands in den ersten Stunden des 5. Mai 1981 starb, gaben wir im republikanischen Pressezentrum die ganze Nacht über ein Interview nach dem anderen. Ungefähr um 7.30 Uhr morgens traf Katie Adie vom BBC London ein und bat um ein Interview. Es war bereits hell und so gingen wir hinaus auf die Sevastopol Street, eine Seitenstraße der Falls Road, wo ihre Kameraleute warteten. Alle ihre Fragen wurden in feindseliger Weise gestellt, beginnend mit: "Wie fühlen Sie sich persönlich, jetzt, da sie Bobby Sands haben verhungern lassen?"
Ich ließ es weder zu, daß sie mich in Wut brachte, noch ließ ich sie das Tempo bestimmen, und ich hatte das Gefühl, daß aus unserem Wortwechsel ein sehr gutes Interview geworden war. Zwei Stunden später rief Clive Ferguson vom BBC vom Broadcasting House in Belfast an und fragte mich, ob ich rüberkommen könnte für ein Interview für BBC London. Ich sagte ihm, daß ich das bereits getan hätte. Er sagte, es gäbe da Probleme.
Das Interview war zu wichtig, um es auszulassen und so ging ich zum BBC und begab mich mit Clive und einer TV-crew aufs Dach. Im Hintergrund stieg Rauch aus den nationalistischen Vierteln Belfasts auf. Ich fragte, was mit dem ersten Interview schiefgegangen sei. Er war verlegen, zögerte und sagte schließlich in einer Art, die nach meinem Gefühl nicht einmal überzeugend klingen sollte, "Der Film ist nichts geworden." Ich sagte: "Das ist seltsam, ich dachte, ich hätte Katie Adie kleingekiegt. Wie oft passiert denn nach ihrer Erfahrung so was?" Er antwortete: "Niemals." Wir machten ein neues Interview, das sicherlich nicht so überwältigend war wie das erste. Bilde jeder seine eigene Meinung. Vielleicht gab es da keinen Zusammenhang. Vielleicht war Katie Adie eine der objektivsten JournalistInnen, die je für die BBC über Irland berichtet haben.
Eines weiß ich ganz sicher. Abgesehen von wenigen Ausnahmen, hat die Mehrheit der britischen JouranlistInnen, vor allem der Radio-/Fernseh-JournalistInnen, bei der Berichterstattung über Irland kein ehrenhaftes Verhalten an den Tag gelegt. Entweder sie trugen Scheuklappen, oder sie besaßen nicht genügend Rückgrat, um dem Druck ihrer Organisation, die Berichte in eine gewisse Richtung hinzubiegen, standzuhalten, oder sie kapitulierten einfach vor den Herausforderungen, die durch das Verbot von Radio-/und Fernsehinterviews mit Sinn Féin und IRA ab Oktober 1988 an sie gestellt wurden. Wieviel näher hätten wir einer Lösung des Konflikts kommen können, wenn die britische Öffentlichkeit besser informiert gewesen wäre? Stattdessen dienten die britischen Medien als Schmierfett für die Propagandamaschine der Regierung. In ähnlicher Weise sorgte der Paragraph 31 des Rundfunk-/Fernseh-Gesetzes im Süden Irlands für eine verzerrte Wahrnehmung des Konflikts. Beispielhaft dafür ist, wie RTE nach der Wahl von Owen Carron (stellvertretend für die Gefangenen 1981) zum Abgeordneten für Fermanagh und South Tyrone lediglich den Verlierer, den früheren UDR Major Ken Maginnis (so wurde er vorgestellt), interviewte, und somit signalisierte, daß Carron und damit die republikanische Sache 'unakzeptabel' seien.
Es ist schon auffällig, daß die beiden möglicherweise besten Bücher über den Konflikt im Norden - Ireland - The Propaganda War und Ten Men Dead - von Liz Curtis, einer Engländerin, und von David Beresford, einem Südafrikaner, der für den 'Guardian' arbeitet, geschrieben wurden. Während 'Ten Men Dead' immer wieder neu aufgelegt wurde, wurde Liz Curtis Klassiker, zuerst 1984 erschienen, erst jetzt wieder neu herausgegeben; diese neue Ausgabe wurde erweitert durch eine fortgeschriebene, umfassende Chronologie, einschließlich des berüchtigten 'Rundfunk-/Fernseh-Verbots', das acht Jahre lang aufrecht erhalten wurde. Es ist ein faszinierendes Buch, das hilft, die Verärgerung von NationalistInnen und RepublikanerInnen darüber zu verstehen, wie ihre berechtigten Klagen fehlinterpretiert oder einfach ignoriert und Tatsachen verfälscht wurden, um die Aufrechterhaltung des Status quo zu rechtfertigen.
Beim nochmaligen Lesen fiel mir besonders die Dummheit - oder war es Unsicherheit - der BritInnen auf. Es ging nicht etwa nur um Vorbehalte gegen Sendungen, die IRA-Machos beim Abfeuern von Mörsern zu Testzwecken zeigten. Es gab darüber hinaus auch ein Rundfunkverbot für folgende Songs: Paul McCartneys 'Give Ireland back to the Irish', der 1972 auf Platz 15 der Popcharts lag, und Pogues 'Streets of Sorrow', in dem anklang, daß die Birmingham Six und die Guildford Four unschuldig sein könnten! Oder ein Fernsehverbot für: Das Video 'Invisible Sun' von Police (Auszüge aus dem Text: "I don't want to spend the rest of my life/Looking at the barrel of an Armalite.../I don't want to spend my time in hell/Looking at the wall of a prison cell."). Schwerlich für die Anwerbung geeignet! Der Gebrauch von Untertiteln, um zu zeigen, was eine mit dem Bann belegte Person sagte, war ein Schuß nach hinten und machte die Öffentlichkeit hellhörig hinsichtlich praktizierter Zensur, und so wurden schließlich auch die Untertitel weggelassen. SchauspielerInnen wurden engagiert, die die mit Bann belegten Personen (oft mit einem fürchterlichen Akzent!) nachsprechen mußten. Aber da unter Zeitdruck gearbeitet wurde, war es einfacher, gar kein Sinn Féin-Interview zu machen als diesen ganzen Aufwand zu betreiben. Mutigere FernsehjournalistInnen fanden Wege, um das Verbot zu umgehen und ließen die SchauspielerInnen die jeweiligen Antworten der Sinn Féin-SprecherIn perfekt synchronisieren. Das Verbot hatte besonders lächerliche Auswirkungen bei einer Sendung über die H-Blocks, Peter Taylors 'The Maze - Enemies Within', BBC November 1990. Die Stimme des 'IRA-Sprechers für Ernährung' mußte nachgesprochen werden mit: "Nun, die Sache mit den Würstchen, sie werden kleiner..." Während Raymond McCartney, der über sein Leben im allgemeinen und darüber, warum er in die IRA eingetreten war, redete, im Originalton ausgestrahlt wurde, weil er als Privatperson auftrat!
Paragraph 31 im Süden wurde Anfang 1994 außer Kraft gesetzt, vor dem ersten IRA Waffenstillstand; das Rundfunk-/Fernseh-Verbot in Britannien wurde nach der Verkündung des Waffenstillstands aufgehoben. Weder in Britannien noch in Irland ist dadurch der Himmel eingestürzt, und es zeigte sich mal wieder, daß die Öffentlichkeit vor der Regierung geschützt werden muß und daß diese Öffentlichkeit von ganz alleine unterscheiden kann, was Propaganda und was Wahrheit ist.
Übersetzung Anita Heiliger
Tony Geraghty
In seinem Buch The Irish War gibt Tony Gerahty eine detaillierte Beschreibung von verdeckten Operationen und Überwachungsaktionen seitens der britischen Sicherheitskräfte - einschließlich SAS und MI5 -; von ihm als "soft-war machine" (Sanfte Kriegsmaschine) bezeichnet.
Das Buch gibt Auskunft über den zunehmenden Einsatz von Computern im militärischen Geheimdienst bei der "Zielidentifikation", einschließlich des automatischen Fotografierens von Fahrzeug-Kennzeichen durch ein System, das unter dem Decknamen 'Glutton' läuft. Tony Geraghty deckt auf, daß unter der Bevölkerung der sechs Grafschaften im Norden Irlands zwei von drei Personen auf irgendeinem Computer einer Sicherheitsagentur gespeichert sind. Mit dieser Methode werde, so stellt er fest, "für die totale Überwachung einer größtenteils unschuldigen Bevölkerung gesorgt".
Der Autor und frühere Journalist, der durch seine Schriften über die Elite der britischen Sicherheitskräfte bekannt wurde, wurde nach Veröffentlichung seines Buches The Irish War am frühen Morgen des 3.12.98 unter Berufung auf den Official Secrets Act (Geheimhaltungsakt) von sechs Polizisten des Ministry of Defense (Verteidigungsministerium) in seinem Haus in Herefordshire verhaftet. Der ehemalige Oberstleutnant Nigel Wylde wurde ebenfalls verhaftet.
Es ist das erste Mal, daß ein Journalist unter Berufung auf einen Paragraphen dieses 1989 verabschiedeten Gesetzes verhaftet wurde. Das Gesetz ermächtigt die britische Regierung, JournalistInnen und SchriftstellerInnen dafür strafrechtlich zu verfolgen, daß sie geheime Informationen erhalten haben.
Tony Geraghty wurde auf Kaution freigelassen.
Übersetzung Anita Heiliger
From Patriots to Unionists - Dublin Civil Politics and Irish Protestant Patriotism 1660 to 1840
Jaqueline Hill
(Oxford University Press)
Jaqueline Hills Buch bietet einen bemerkenswerten Einblick in diese Zeit. Es beschreibt die Dubliner bürgerliche politische Elite, die sich während einer Zeitspanne von 180 Jahren in irische Patrioten und dann, nach Abschluß des Act of Union (Unionsakt zur Vereinigung mit England), in Unionisten zurückverwandelte.
Es zeigt auch, daß Dublin in dieser Zeit rasch anwuchs. Aufgrund des Anstiegs der Einwohnerzahl verringerte sich der Anteil der Protestanten von 70 % im Jahre 1660 auf nurmehr ein Drittel zu Beginn des 19. Jahrhunderts.
Der wahrscheinlich wichtigste Schluß, den ein Leser aus diesem Buch ziehen kann, ist, daß die Religion für die politische Ideologie in dieser Zeit nicht ausschlaggebend war. Es ging vielmehr um die Verfolgung wirtschaftlicher Eigeninteressen, unterstützt durch das Vorgehen der britischen Verwaltung in Irland.
Das Buch befaßt sich nicht mit 'mass politics' in Dublin. Vielmehr wird hier sehr detailliert auf die politische Entwicklung einer selbsternannten Elite eingegangen. Ein Beispiel dafür ist die Opposition protestantischer Handwerks- und Handelsleute zum Act of Union; Oranierlogen in der ganzen Stadt verurteilten das Vorhaben.
From Patriots to Unionists ist ein lesenswertes Buch und ein ausgezeichnetes Nachschlagewerk. Es beantwortet Fragen zur Rolle, die die Einwohner Dublins nicht nur im Hinblick auf den irischen Befreiungskampf, sondern auch im Hinblick auf die parallel dazu verlaufenden Kämpfe der Arbeiterklasse und der Geschlechter spielten
Übersetzung Anita Heiliger
The Committee - Political Assassination in Northern Irland
Das Kommittee - Todesschwadrone in Nordirland
Sean McPhilemy
Ein Buch, das auf Grund der strikten Zensurgesetze in Großbritannien und Irland, bislang nur in den USA veröffentlicht wurde, stiftet derzeit einige Unruhe. Der Investigativjournalist Sean McPhilemy schreibt in seinem Buch The Committee - Political Assassination in Northern Irland (Niwot, Colorado: Roberts Rinehart Publishers, 1998), daß sich Ende der achtziger Jahre in Nordirland eine geheime Allianz von Geschäftsleuten, Politikern, Akademikern sowie Kirchenvertretern gebildet habe, um die Beseitigung unliebsamer politischer Gegner zu planen und durchführen zu lassen.
In dem Privatkrieg wurden vermeintliche IRA-Mitglieder, politische Aktivisten und - nur wegen ihres Glaubens - Katholiken umgebracht. Für die Morde heuerte "das Komitee" Auftragskiller an. Und - so Mc Philemy weiter - diese Killer genossen bei ihren zwischen 1989 und 1996 verübten Morden die Protektion einiger Polizeioffiziere.
In einer Besprechung des Buches im San Francisco Chronicle (19.-16. Juli 1998) ist von einem "Orwellschen Szenario" die Rede. McPhilemy zeichne "das Porträt eines totalitären Polizeistaates". Das Buch zeige, daß es nicht nur in El Salvador oder in Chile Todesschwadrone gegeben habe und belege die Involvierung der Sicherheitskräfte Nordirlands.
Mc Philemy fordert die Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission. Im San Francisco Chronicle heißt es dazu: "Diese Kommission wird nicht eben mal so ins Leben gerufen werden, da McPhilemy ein paar Felsbrocken umgewälzt hat, die Whitehall lieber unangetastet gesehen hätte."
Nur sechs Wochen nach Erscheinen des Buches erlebte das Buch bereits seine dritte Auflage. In Großbritannien ist das Buch Bestseller Nr. 1 des Webbuchversandes amazon.com. Unter den drei Milionen Büchern, die via amazon.com angeboten werden, belegt The Committee weltweit in der Verkaufsstatistik Platz 81.
Während der prominente irische Sachbuchautor Tim Pat Coogan, der einige Bücher über die IRA verfaßt hat, The Committee als "das wichtigste Buch über die 'Troubles' in Nordirland" bezeichnete, waren zwei der im Buch als Mitglieder des Mordplanungskomitees genannte Herren nicht sehr erfreut. Sie strengten eine Verleumdungsklage gegen den Verlag Roberts Rinehart und den Autor Sean McPhilemy an und fordern 100 Millionen US-Dollar.
Jürgen Schneider
Siehe zum selben Thema auch unseren Text zum 20. Jahrestag von Bloody Sunday
David Miller (November 1998)
Der Verlag stellt dieses Buch als kohärente und kritische Alternative zu den gängigen Darstellungen des Konflikts in Nordirland vor. Während sich die meisten Schriften über Nordirland an britischer Propaganda, unionistischer Ideologie oder der derzeit populären "ethnischen Konflikt"-Theorie orientieren, wird in Rethinking Northern Ireland das Bild wieder zurechtgerückt, indem der Konflikt in Irland in den Kontext der Geschichte von und der Literatur über Imperialismus und Kolonialismus gestellt wird.
Der Herausgeber David Miller, faßt hier Beiträge von führenden AutorInnen aus Irland - Nord und Süd -, Schottland und England zu vernachlässigten Themen wie der Rolle Britanniens im Konflikt, Geschlechterfragen, Sektierertum und Kultur in Nordirland zusammen. Die in der zeitgenössigen Debatte über Nordirland für gewöhnlich aufgestellten Thesen werden mit diesem Buch grundsätzlich in Frage gestellt. Eine gründliche Neubewertung/ein gründliches Umdenken ist Voraussetzung für einen gerechten und dauerhaften Frieden. Rethinking Northern Ireland spornt dazu an, diese dringende Aufgabe anzugehen.
Übersetzung Anita Heiliger
Fr Raymond Murray (Mercier Press)
Fr Murray beschäftigt sich in seinem Buch intensiv mit dem Vermächtnis von 30 Jahren Gewalt seitens RUC (nordirische Polizei) und britischer Armee. Das Buch State Violence ist zum jetzigen Zeitpunkt von besonderer Relevanz, da es auch der Frage der Immunität für staatliche Bedienstete und ihre Handlanger nachgeht, Schlußfolgerungen für den Aufbau einer künftigen Polizei zieht und sich mit der Möglichkeit der Einsetzung einer Wahrheits- und Versöhnungskommission auseinandersetzt.
Fr Murray hatte im Jahr 1971 sein Schlüsselerlebnis. Als Gefängnispfarrer in Armagh konnte er mit eigenen Augen die entsetzlichen Spuren von Mißhandlung und Folter an den Körpern der aus den Verhörzentren überstellten Gefangenen sehen. Und er erlebte wie diese kriminellen Taten, in die alle - die Armee, die Polizei, die Ärzteschaft, die Verwaltung und die Regierung - verstrickt waren, ganz offensichtlich vertuscht wurden.
Über 400 Menschen aus der irischen Bevölkerung wurden von den britischen Sicherheitskräften getötet. Vielen dieser Fälle geht das Buch nach. Außerdem legt es die verdeckte Zusammenarbeit von britischer Armee und RUC offen, die es den loyalistischen Todesschwadronen erst ermöglichte, anhand wichtiger Detailinformationen Hunderte von Nationalisten in den 70er Jahren sowie in den späten 80er/frühen 90er Jahren zu ermorden. Letzere Phase folgte auf die "shoot-to-kill"-Zeit, in der die staatlichen Sicherheitskräfte selbst die Erschießungen durchführten, was durch die Stalker/Sampson-Untersuchung (ansatzweise) aufgedeckt wurde.
Fr Murrays äußerst informatives Buch beschäftigt sich auch mit der Versorgung der loyalistischen Paramilitärs mit Waffen, die durch britische Agenten aus Südafrika importiert und an loyalistische Paramilitärs weitergegeben wurden, um deren Schlagkraft zu erhöhen.
Übersetzung Anita Heiliger
Gerard Murray (Irish Academic Press)
Nur für Liebhaber von Tom Hartley
Das Foto von John Hume auf dem Schutzumschlag des Buches sowie die Größe der Lettern, in denen sein Name gedruckt wurde, kann beim Leser zu der irrigen Annahme führen, daß es sich um eine Biographie des SDLP-Führers handelt. Es ist insofern keine Biographie, da nicht der Privatmann, der hinter dem Politiker steckt, beschrieben wird. Untersucht wird allerdings die zentrale Rolle, die John Hume bei der Entwicklung der SDLP zu einer bedeutenden politischen Kraft im Norden Irlands spielte.
Das Buch war überfällig. Der Mangel an Erforschung der Entwicklung der SDLP wurde vom Autor Gerard Murray richtig erkannt. Es kann nur darüber spekuliert werden, warum dieses Thema nicht schon früher aufgegriffen wurde. Jedenfalls werden in diesem Buch die wesentlichen Phasen der Partei-Entwicklung - von ihrer Gründung 1970 bis hin zur Unterzeichnung des Good Friday Agreements (Karfreitag-Abkommen) im letzten April - ausführlich behandelt.
In vielerlei Hinsicht macht die Vorliebe des Autors für Details, seine äußerst gründliche Untersuchung von Themen im Zusammenhang mit der SDLP-Ideologie, John Hume and the SDLP nur für Liebhaber oder eine akademische Leserschaft interessant.
Obwohl RepublikanerInnen mit einer Reihe von Murrays Behauptungen Probleme haben dürften, sorgt seine insgesamt kritische Perspektive dafür, daß das Buch nicht zur Heiligenlegende wird. Er preist John Humes Qualitäten und Talente als Politiker an, aber er beschreibt auch seine Schwächen als Führer einer politischen Partei. Murray zeigt auf, daß Humes Führungsstil eine schwache Organisation der Basis zur Folge hatte und daß die SDLP von ihm abhängig ist im Hinblick auf "ihr politisches Überleben und ihre Identität".
Es dürfte seinerzeit nicht vielen entgangen sein, daß die Person John Hume so immens wichtig für die Existenz der SDLP ist, daß die Partei, im Falle seiner Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen in Irland im letzten Jahr, in eine äußerst prekäre Lage geraten wäre.
Das bringt mich schließlich zum letzten und sicherlich wichtigsten Thema, zu dem ein Kommentar in Zusammenhang mit dieser Publikation abgegeben werden muß: Das Verhältnis zwischen der Person und seiner Partei. Dieser Zwiespalt wird in John Hume und die SDLP nirgends gründlich untersucht, was enttäuschend ist, zumal der Buchtitel hier mehr verspricht.
Übersetzung Anita Heiliger
Eoin Neeson (Prestige)
Durch die Veröffentlichung seines Buches Birth of a Republic versetzte der Historiker Eoin Neeson dem anti-nationalistischen Revisionismus einen weiteren Schlag. Der Untertitel 'The Republican Thrust for Liberty in Ireland 1798 to 1923' besagt bereits, daß hier die republikanische Darstellung der Geschichte des 19. Jahrhunderts wiederherstellt wird, ein notwendiges Gegenmittel zu Publikationen wie denen Roy Fosters. Das Buch wurde im RTE-Radio verrissen von Professor John A. Murphy, Corks Repräsentant in der Querschlägerclique, der auch Conor Cruise O'Brien und Ruth Dudley Edwards angehören. Dem Buch hätte keine bessere Empfehlung zuteil werden können.
Übersetzung Anita Heiliger
Ulster Loyalism and the British media
Alan F. Parkinson
(Dublin. Four Courts Press, 1998, 184 S., Paperback IR£ 14.95, geb. IR£ 39.50).
Die Loyalisten Nordirlands sind tragische Helden. Stets wollen sie die besten Briten sein, doch kommen sie ins britische Mutterland, gelten sie als "Paddies".
Die britischen Medien, so Alan F. Parkinson, widmen sich, wenn überhaupt, denn Loyalisten nur in einer simplifizierten, eindimensionalen Weise. Die mangelnde Information habe schließlich auch schuld an der ausbleibenden Unterstützung für den nordirischen Unionismus in der englischen Öffentlichkeit. Mit solchen Schlußfolgerungen beendet Parkinson seine Studie.
Besonders bemerkenswert ist, daß der Autor sich eine bessere Medienpolitik gegenüber dem Loyalismus/Unionismus wünscht, die Terrorkampagne loyalistischer Paramilitärs, die häufig genug die Duldung und Unterstützung des britischen Militärs sowie britischer Geheimdienste genossen, aber gar nicht erst untersucht. So findet etwa die Ulster Volunteer Force (UVF) nur in historischer Gestalt (die 'alte' UVF wurde 1910 gegründet) sowie im Zusammenhang mit dem Streik des Ulster Workers Council von 1974 Erwähnung. Wer berechtigterweise die Würdigung der loyalistisch-unionistischen Tradition in Nordirland einklagt, erweist seiner Klientel mit solchen Unterschlagungen keinen Dienst
Jürgen Schneider