Bloody Sunday - Ein Justizirrtum

Übersetzung einer Broschüre der Bloody Sunday Justice Campaign, Derry, 1998


Inhalt:Bloody Sunday Memorial - Derry

Hintergrundinformationen zum Bloody Sunday

Der Marsch

Nachwirkungen des Bloody Sunday

Widgery

Die Kampagne

Die Kampagne geht weiter

 

Siehe auch anläßlich des 20. Jahrestages, 1992:

Sunday Bloody Sunday

 

Hintergrundinformationen zum Bloody Sunday

1967 formierte sich die Northern Ireland Civil Rights Association (NICRA) - eine Bürgerrechtsbewegung - zum gewaltfreien Widerstand gegen die weitverbreitete soziale und politische Diskriminierung der katholischen/nationalistischen Minderheit in Nordirland.

Am 9. August 1971 führte die unionistische Regierung Nordirlands - mit Genehmigung der britischen Regierung - die Internierung ohne Gerichtsverhandlung ein. Dies bedeutete eine grobe Verletzung jeglicher internationaler Normen hinsichtlich des Rechts auf ein faires Gerichtsverfahren. Gegen Ende des Jahres waren nahezu 900 Menschen inhaftiert fast ausschließlich Angehörige des katholischen Bevölkerungsteils. Als Antwort auf diese erschreckende Entwicklung organisierte die  NICRA eine Serie von Protestmärschen. Der Marsch in Derry war für den 30. Januar 1972 geplant.

Die Stadt Derry liegt im Nord-Westen an der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland. 1972 hatte die Stadt 55.000 Einwohner, 60 % davon lebten in den überwiegend katholischen Vierteln Bogside und Creggan.

Diese Stadtteile wurden als "no-go" -Zonen eingestuft, über welche die Polizei, die Royal Ulster Constabulary (RUC), und die Armee so gut wie keine Kontrolle hatten. In diesen Stadtteilen war die Irish Republican Army (IRA) die eigentliche Ordnungskraft, ein Zustand den die britischen Sicherheitskräfte zu ändern wünschten.

General Ford, Kommandeur der Landstreitkräfte in Nordirland, gab am 26. Oktober 1971 folgenden Befehl an Brigadier MacLellan, Kommandeur der 8. Infantriebrigade, der die britischen Truppen in Derry befehligte:

"So weit als möglich die Rechtsordnung in Creggan und Bogside wiederherzustellen, wenn sich die Gelegenheit bietet."

Am 24. Januar 1972 warnte der ranghöchste RUC Offizier in Derry, Chief Superintendent Frank Lagan, MacLellan davor, bei dem geplanten Marsch Militärkräfte einzusetzen. Er riet dazu, den Marsch nicht zu behindern, lediglich die Teilnehmer zu fotografieren in der Absicht, sie später strafrechtlich verfolgen zu können. MacLellan stimmte zu und wollte diese Vorgehensweise General Ford vorschlagen.

Ford hatte jedoch bereits an Oberstleutnant Derek Wilford, Kommandeur des 1. Fallschirmjägerregiments den Befehl gegeben, sich für einen Einsatz in Derry an besagtem Tag bereitzuhalten. Daraus läßt sich schließen, daß die Entscheidungen zum Vorgehen am Tag des Marsches, Sonntag, dem 30. Januar 1972, bereits gefallen waren. Wie bekannt wurde, wußte Premierminister Edward Heath bereits fünf Tage zuvor von  diesem Plan.

Infolgedessen fand die Demonstration am Bloody Sunday  vor dem Hintergrund politischer Hochspannung und in einer fragwürdigen Atmosphäre hinischtlich der Sicherheitsvorkehrungen statt.


Der Marsch

Der Marsch, an dem jung und alt teilnahmen, begann in einer Festtagsatmosphäre um 3 Uhr nachmittags in Creggan und führte entlang der vorgesehenen Route in Richtung Guildhall Square. Dort sollte eine Kundgebung stattfinden mit prominenten Rednern aus der Bürgerrechtsbewegung und Parlamentsmitgliedern. Die Menge (ca. 20.000 Menschen), die sich in Richtung Guildhall bewegte, stieß auf Straßen-barrieren der britischen Armee. Die NICRA Organisatoren leiteten den Marsch in Richtung Bogside um.

Unter den Soldaten an den Straßenbarrieren waren 320 Angehörige des 1. Bataillons des Parachute Regiments (Fallschirmjäger/Eliteeinheit der britischen Armee). Insgesamt waren an diesem Tag 1.800 Soldaten in Derry aufmarschiert. 

Als sich der Hauptteil des Marsches in Richtung Free Derry Corner bewegte, setzten kleinere Scharmützel an den Barrikaden ein. Die Armee reagierte mit dem Einsatz von CS-Gas, Gummigeschossen und Wasserwerfern.

Um 15.45 Uhr wurden zwei Schüsse von der Armee abgefeuert die zwei Zivilisten verletzten. Der Vorfall ereignete sich nahe Abbey Street/Williams Street, ein ganzes Stück von der Stelle entfernt, an der die Scharmützel hauptsächlich stattfanden. Einer der getroffenen Männer, John Johnston, erlag wenige Monate später seinen Verletzungen.

Gegen 16.00 Uhr fragten die Paras nach Erlaubnis, um in die Bogside einfallen zu können. Ob diese Erlaubnis erteilt wurde oder nicht sollte zum Gegenstand eines heftigen Disputs werden. MacLellan hat später angegeben, daß er zwar Befehl über eine gesicherte Funkverbindung gegeben habe, aber ausdrücklich zur Durchführung einer scoop-up Operation (Einkesselung) in der Nähe der William Street.

Um 16.07 Uhr fielen die Paras in der Bogside ein, um eine sogenannte scoop-up Operation durchzuführen, angeblich, um Randalierer festzunehmen.

Um 16.10 Uhr eröffneten die Paras das Feuer auf die Demonstranten. Nach siebenundzwanzig Minuten zogen sie sich aus der Bogside zurück und hinterließen 13 Tote und 14 Schwerverletzte.

In dieser Zeitspanne hatten die Soldaten 102 Kugeln verschossen. Einer feuerte 22-mal, wofür es keine Erklärung gibt (zwei über Standardzuteilung). Das legt den Schluß nahe, daß die Paras Zugang zu einer alternativen Munitionsquelle hatten und es zeigt ganz sicher, daß nicht auf identifizierte Ziele gefeuert wurde, sondern wahllos auf fliehende Zivilisten.

Die Unklarheiten bezüglich des Befehls für die scoop-up Operation wurden dadurch noch verstärkt, daß Chief Superintendent Lagan sagte, daß er den Eindruck gehabt hätte, daß die Paras ohne Autorisierung durch MacLellan vorgegangen seien.


Nachwirkungen des Bloody Sunday

Unmittelbar nach den Erschießungen geriet die britische Regierung unter enormen internationalen Druck, über die Aktionen der Fallschirmjäger in Derry Rechenschaft abzulegen.

Am 31. Januar 1972 erklärte der Innenminister, Reginald Maudling, im Unterhaus:

Bernadette Devlin, MP (Unterhausabgeordnete), die am Marsch teilgenommen hatte, versuchte, den Ablauf der Geschehnisse im Unterhaus zu schildern. Sie wurde wiederholt vom Sprecher des Hauses daran gehindert ungeachtet lautstarker Proteste von seiten anderer Abgeordneter.

Am nächsten Tag wurde es jedoch Lord Balneil gestattet, ein ungeheuerliches Plädoyer zur Verteidigung der Armee vorzutragen. Eine klare Verletzung der Rechts-grundsätze, die eine Stellungnahme zu einem laufenden Verfahren verbieten. Er behauptete dreist:

"die IRA führt einen Krieg, nicht nur mit Kugeln und Bomben, sondern auch mit Worten. Sie führt einen äußerst gekonnten Propagandakrieg in dem alles eine Rolle spielt; die Todesopfer, die unbeschreibliche Trauer der Angehörigen, die Bestürzung, die Leichtgläubigkeit und eindeutige Lügen... Bürgerrechtsmärsche passen gut zur Taktik der IRA und dienen ihren Zwecken - nicht nur wegen des Propagandaeffekts, sondern auch als willkommene Gelegenheit, Unruhe zu schüren."

Nachdem er den Eindruck vermittelt hatte, daß die Teilnehmer des Marsches von der IRA mißbraucht worden waren, gab er seine Version zum Hergang ab.

Abschließend sagte er:

Im wesentlichen gab Lord Balneil die Version der Regierung zu einem Vorfall ab, der erst noch Gegenstand einer unabhängigen Untersuchung werden sollte.

An dem Tag als Lord Balneil seine flammende Verteidigungsrede für die Armee hielt, wandte sich das Verteidigungsministerium der amerikanischen Öffentlichkeit zu. Für die amerikanischen Medien wurde ein detaillierter Bericht erstellt, der die Armeeversion zu den Geschehnissen wiedergab. Der britische Informationsdienst in New York sorgte für die Verbreitung dieses Berichts.

Nachstehend der Armeebericht:

  1. Nail bomber (Splittergranatenwerfer) am Oberschenkel getroffen.
  2. Brandbombenwerfer, dem Anschein nach auf dem Parkplatz getötet.
  3. Ein Granatenwerfer im Wohnhaus, dem Anschein nach tot.
  4. Mit Pistole Bewaffneter hinter der Barrikade, unter Beschuß genommen und getroffen.
  5. Nail bomber, unter Beschuß genommen und getroffen.
  6. Ein weiterer nail bomber, unter Beschuß genommen und getroffen.
  7. Gummikugel auf Bewaffneten abgefeuert, der mit einer Pistole hantierte.
  8. Nail bomber getroffen.
  9. Drei nailbomber, alle getroffen.
  10. Zwei mit Pistolen Bewaffnete, einer getroffen, einer unverletzt.
  11. Ein Scharfschütze am Toilettenfenster, auf ihn geschossen aber nicht getroffen.
  12. Mit Pistole Bewaffneter im 3.Stock eines Wohnhauses beschossen, möglicherweise getroffen.
  13. Mit Gewehr Bewaffneter im Erdgeschoß eines Wohnhauses unter Beschuß genommen, möglicherweise getroffen.
  14. Mit Gewehr Bewaffneter an der Barrikade,  getötet und Leichnam sichergestellt.

Diese, von der Regierung verbreitete, Version der Vorkommnisse, läßt wohl schwerlich auf eine unvoreingenommene Herangehensweise für die unabhängige Untersuchung schließen. Diese offiziellen Angaben zu den Opfern stellten eine schwere Beleidigung der Familien dar sowie der Hunderte von Augenzeugen, viele davon Vertreter der internationalen Medien, die wußten, daß die Opfer unbewaffnet waren.

Außerdem, wären die Paratroopers tätsächlich unter eine derart intensive Attacke geraten,  wie suggeriert wurde, hätte es auch auf ihrer Seite Verwundete geben müssen. Die Wahrheit ist, daß sie nicht unter Feuer gerieten und daß es in ihren Reihen keinerlei Verwundete gab.


Widgery

Vor dem Hintergrund weltweiter Bestürzung und  Verärgerung über die furchtbaren Ereignisse am Bloody Sunday gab die britische Regierung ihre Absicht bekannt, eine gerichtliche Untersuchung durchzuführen.

Der Tribunals of Inquiry (Evidence) Act 1921 (Gesetzestext für eine gerichtliche Untersuchung) gestattet eine Besetzung der Untersuchungskommission mit bis zu drei Personen. Es wurde allgemein erwartet, daß diese Möglichkeit genutzt würde, um der Bedeutung der Angelegenheit gerecht zu werden. Die Regierung betraute jedoch Lord Widgery mit alleiniger Verantwortung zur Durchführung der Untersuchung. Während viele Parlamentsmitglieder mit der Ernennung Widgery’s einverstanden waren, so drückten sie doch ihre Vorbehalte gegen seine Rolle als allein verantwortlichem Richter aus. Der Vorsitzende der Labour Party, Harold Wilson, gab zu bedenken:

"es wäre wohl vernünftiger, wenn Lord Widgery durch zwei oder mehr Kollegen unterstützt würde."

Der Vorsitzende der Liberal Party, Jeremy Thorpe, sprach sich dafür aus:

"zwei Beisitzer aus dem eigenen Lande, Europa oder dem Commonwealth  hinzuzuziehen."

Gerry Fitt, ein nordirischer Abgeordneter, wies eindringlich darauf hin, daß die zusätzliche Ernennung eines internationalen Richters die Untersuchung für die Familien der Toten akzeptabler machen würde. Dieser und viele andere Einwände wurden von der Regierung ignoriert. Die Untersuchung wurde vorbereitet und Widgery präsentiert als ein Mann von höchster Integrität und Objektivität, was sich jedoch aufgrund seiner militärischen Vorgeschichte in der britischen Armee als unhaltbar erwies.

Viele Prominente berieten die Familien hinsichtlich eines Boykotts des Untersuchungstribunals, John Hume riet:

"es gibt keinen Grund für eine Teilnahme, da hier der Gerechtigkeit nicht gedient wird."

Die Familien wohnten zusammen mit den lokalen Geistlichen dem Tribunal bei in dem Glauben, daß die Beweise in einer fairen und unparteiischen Weise gewürdigt würden und daß die Wahrheit zu Tage käme, was ihre Angehörigen entlasten und die Brutalität der Paras aufgedecken würde.

Sie hatten nicht die geringste Vorstellung in welchem Ausmaß hier die wahren Fakten rechtswidrig unterschlagen werden sollten und welche Rolle der Lord Chief Justice of England, Lord Widgery, spielen würde. Widgery stellte fest, daß

" keiner der Toten eine Waffe oder Granate gebrauchte während auf sie geschossen wurde,"

und daß

"der Waffengebrauch (seitens der Armee) an grobe Fahrlässigkeit grenzte."

Nichtsdestotrotz entlastete er die Paras vollständig und ließ die Toten in einem zweifelhaften Licht erscheinen.

Der Bischof von Derry, Dr. Edward Daly, der sich um die meisten der Toten und Sterbenden am Bloody Sunday kümmerte, faßte die Widgery Schlußfolgerungen wie folgt zusammen:

"Widgery erklärte die Unschuldigen für schuldig und die Schuldigen für unschuldig."

Die Untersuchung wurde von jedem anständigen Menschen als ‘Reinwaschung’ angesehen. Das Recht auf Berufung wurde verweigert und jegliche Beweise, die von der Untersuchungskommission zusammengetragen wurden, wurden für die nächsten 25 Jahre unter Verschluß genommen. Widgery hatte sein hohes Amt dazu mißbraucht, ‘die Wahrheit zu töten’.

Im August 1973 wurden die Untersuchungsergebnisse durch den  Gerichts-mediziner, Major Hubert O’Neill, gänzlich bloßgestellt.

"Ohne zu zögern kann ich sagen, daß es eindeutiger Mord war. Es war Mord."

Unglücklicherweise waren, aufgrunddessen was hier zu Tage trat, viele junge Menschen äußerst aufgebracht und fühlten sich nun vollständig entfremdet, verloren letztendlich den Respekt für Recht und Ordnung und wurden gewaltbereit. Die Obszönität des Bloody Sunday und die anschließende fatale Verleugnung der Wahrheit führten zu einer Verhärtung der Einstellungen und schließlich zur Eskalation der Gewalt. In den folgenden fünf Jahren gab es einen sprunghaften Anstieg der Zahl der Todesopfer und der Konflikt geht mit unverminderter Härte weiter.


Die Kampagne

Personen des öffentlichen Lebens, bedeutende Akademiker und Rechtsexperten aus allen Ecken der Welt zogen den Wigery-Bericht in Zweifel und stellten eindringliche Fragen. Die Regierung ließ sich jedoch nicht provozieren und es gelang ihr schließlich, das ‘Problem’ Bloody Sunday in den Griff zu bekommen.

Viele waren überzeugt, daß die Erschießungen von höchster Stelle abgesegnet waren nicht zuletzt aufgrund des Ausmaßes der Vertuschungsaktion und daß Widgery benutzt wurde, um die Schuldigen vor Strafverfolgung zu schützen.

Die Familien der Opfer betrachteten den Bericht mit Verachtung. Nicht nur, daß die Regierungstruppen ihre Angehörigen ermordet hatten, sondern das Rechtssystem hatte es auch noch fertiggebracht, die Fakten zu verdrehen und die Wahrheit zu vertuschen. Das war ein doppelter Schlag für die, die unter den Folgen des Bloody Sunday zu leiden hatten. Unerschrocken starteten sie jedoch eine Kampagne, um die Wiederaufnahme des Falles zu erreichen.

Anläßlich des 20. Jahrestages schlossen sich die Familien unter dem Banner der ‘Bloody Sunday Justice Campaign’ zusammen, um die Bemühungen, die Wahrheit aufzudecken, zu intensivieren.

Drei Ziele wurden festgelegt:

  1. Die britische Regierung muß die Toten und Verletzten öffentlich und unzweideutig entlasten.
  2. Die britische Regierung muß den Widgery-Bericht öffentlich und in vollem Umfang verwerfen.
  3. Die Verantwortlichen für die Morde und versuchten Morde auf den Straßen Derry’s am 30. Januar 1972 müssen vor Gericht gestellt werden.

Das gab der Gruppe eine klare Ausrichtung und versetzte sie in die Lage, eine entsprechende Strategie zu entwickeln.

Bei vielen Gelegenheiten während der letzten 25 Jahre hatte die Kampagne mit Enttäuschungen und Ablehnung zu kämpfen, aber das Verlangen nach Wahrheit und Gerechtigkeit war immer stärker. Zweifelsohne hatten die Familien immer die Zeit und die Wahrheit auf ihrer Seite und die Motivation hat nie nachgelassen was auch immer geschah. Die Familien haben es abgelehnt, sich an einer  bestimmten politischen Gruppierung zu orientieren. Stattdessen suchen sie übergreifende Unterstützung von Parteien und Bevölkerung, um die schrecklichsten Menschenrechtsverletzungen, die dieses Land je erlebt hat, aufzudecken.

Die Ereignisse am Bloody Sunday und die Widgery-Ergebnisse haben lediglich für die Entfremdung des nationalistischen Bevölkerungsteils in Irland gesorgt. Der Lauf der Zeit hat wenig dazu beigetragen, die tiefen Wunden zu heilen, die noch immer existieren. Gefühle der Frustration und Verärgerung sind immer noch vorherrschend, zumal die Regierung nie für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen wurde. Die wahre Bedeutung von Frieden und Versöhnung kann wohl kaum vermittelt und gefördert werden, wenn hier nach 26 Jahren die unverzichtbaren Grundwerte für Frieden und Gerechtigkeit verleugnet werden.


Die Kampagne geht weiter

Die neuen Beweise:

Ein Durchbruch war geschafft als unser juristisches Team, mehr zufällig, herausfand, daß sich einige Akten zum Bloody Sunday im Public Record Office (Öffentliches Archiv) in Kew Gardens, London befanden.

Es stellte sich heraus, daß es dort insgesamt 65 Akten gab inklusive 13 Akten der Kategorie ‘closed’. Daraufhin bevollmächtigten unsere Anwälte Jane Winter, Direktorin der British Irish Rights Watch, die zugänglichen Akten einzusehen.

Zu ihrer Verwunderung stieß Winter auf ein Protokoll über ein vertrauliches Treffen zwischen Premierminister Edward Heath, Lord Chancellor Hailsham und Lord Oberrichter Widgery, das vor Aufnahme der gerichtlichen Untersuchung 1972 stattfand.

Das Protokoll über das Treffen legte eindeutig das Ausmaß des politischen Drucks offen, der auf Widgery ausgeübt wurde, um die Untersuchungsergebnisse zu beeinflussen. Der Premierminister selbst versuchte Einfluß zu nehmen auf die Dauer der Untersuchung, den Ort der Untersuchung und die Aufgabenstellung und er erinnerte Widgery daran, daß

"wir in Nordirland gewissermaßen nicht nur einen Krieg mit militärischen Mitteln führen, sondern auch einen Propagandakrieg."

Dieses Dokument gab unseren Anwälten die erforderliche Handhabe, um die Aufhebung des Sperrvermerks, der eine Beschlagnahme von 25 bis 75 Jahren bedeutete,  für die anderen Akten zu verlangen.

Neun Monate später wurden 12 Akten vom Public Records Office freigegeben. Es entzieht sich unserer Kenntnis was die übrige Akte beinhaltet oder in welchem Ausmaß die anderen Akten ‘bereinigt’ wurden. Nichtsdestotrotz enthielten die Akten entscheidende Beweise dafür, daß es eine offizielle Vertuschungsaktion  gegeben hat.

Unter den Dokumenten befanden sich Aussagen von Soldaten, die den Verteidigern der Opfer 1972 niemals zugänglich gemacht wurden. Einige der Aussagen waren abgeändert worden und bis zu viermal neu niedergeschrieben.

Ende 1996 gab der Bloody Sunday Trust, eine gemeinnützige Organisation, die sich der Förderung von Frieden und Versöhnung durch Aufklärung verschrieben hat, einen Bericht über die neu entdeckten Beweise in Auftrag. Auf Grundlage der Beweise wurde Professor Dermot Walsh beauftragt, das gesamte Material nochmals zu überprüfen und sein daraus resultierender Bericht (98 Seiten) legte offen, daß der Verteidigung wesentliche Beweise von seiten der Untersuchungskommission vorenthalten wurden und daß auf der Grundlage der Aussagen viele der beteiligten Soldaten wegen Mordes oder versuchten Mordes hätten angeklagt werden können.

Als der 25. Jahrestag herannahte, ereigneten sich unabhängig voneinander verschiedene Dinge, die für die Kampagne äußerst hilfreich waren.

Ein aus Derry stammender Schriftsteller, Don Mullan, der heutzutage in Dublin lebt, hatte alle öffentlichen Erklärungen, die in den Tagen nach dem Bloody Sunday 1972 abgegeben wurden, recherchiert und überprüft. 500 dieser Aussagen wurden von Widgery ignoriert und gingen nicht in die Beweisaufnahme ein. Viele davon bezogen sich auf Schüsse von Armeeposten auf der Derry Wall (Stadtmauer), die einen Überblick über den ganzen Stadtbereich bietet, in dem die Erschießungen stattfanden. Mullan erstaunte die Tatsache, daß Widgery dies nicht in seinem Bericht berücksichtigt hatte. Nach weiteren Nachforschungen zeichnete sich ein Diagramm ab bezüglich der Erschießungen von drei Opfern. Er glaubte, daß sie von der Mauer aus erschossen wurden und nicht aus gleicher Höhe wie Widgery angab.

Um seine Theorie zu überprüfen, nahm Mullan Kontakt zu verschiedenen medizinischen Experten, einem Ballistik-Experten und einem Team von Ermittlungs- journalisten auf. Die Fernseh-Journalisten führten ihre eigenen Ermittlungen durch und interviewten viele der Zeugen, die 1972 ihre Aussagen gemacht hatten. Sie entdeckten außerdem eine Aufnahme einer Funknachricht, übermittelt am Bloody Sunday, die Bezug nahm auf die Schüsse von der Mauer.

Die medizinischen Experten überprüften alle Beweise, inklusive die Resultate des Obduktionsberichts, was eindeutig ergab, daß die Eintritts- und Austrittswunden bei bei den 3 fraglichen Opfern Mullan’s Theorie, daß sie von der Mauer aus er-schossen wurden, bestätigten. Der international anerkannte Ballistikexperte, Robert Breglio, überprüfte alle Beweise und bestand darauf, von New York anzureisen, um den Ort des Geschehens zu inspizieren. Er stimmte ebenfalls mit Mullan’s Theorie überein.

Ein Mitglied des Anglian Regiments, das sich am Bloody Sunday auf der Mauer befand, nahm dann Kontakt mit den Journalisten auf. Er erklärte, daß er einen Scharfschützen der Armee in einem verlassenen Gebäude, das an die Mauer angrenzt, gesehen habe. Er hörte den Scharfschützen dreimal feuern und schreien:

"Ich habe zwei mit drei Schüssen erwischt."

Widgery hatte dieses Gelände absichtlich bei der Untersuchung ausgeschlossen, genauso wie er Beweise von Soldaten unterschlagen hat, die für die Verteidigung von äußerster Wichtigkeit gewesen wären.

James Porter, ein Funkamateuer, entschloß sich seinerseits, eine Aufnahme vom Armee-Funkverkehr zu veröffentlichen, die er am Bloody Sunday gemacht hatte. Es kam ans Tageslicht, daß Porter diese Aufnahme Widgery 1972 als Beweis angeboten hatte. Er wurde zu einem Treffen mit Widgery und anderen Unter-suchungsbeamten bestellt, um die Angelegenheit zu besprechen. Er wurde von den Beamten befragt und dann ‘gewarnt’, daß man ihn strafrechtlich belangen könnte, sollte er die Angelegenheit weiterverfolgen.

Porter’s Aufnahmen hätten einen dramatischen Einfluß auf die Untersuchung genommen, einen den Widgery sich nicht leisten konnte. Deshalb erklärte Widgery die Bänder für ‘unzulässig’, da sie illegal aufgenommen worden seien.

James Porter versteckte diese Bänder die ganze Zeit über, den rechten Zeitpunkt abwartend, um sie zu präsentieren. In der Zwischenzeit hatte Don Mullan sein Buch ‘Eyewitness Bloody Sunday’ herausgegeben, das unverzüglich in den Bestsellerlisten auftauchte.

Im Unterhaus unterzeichneten 65 Abgeordnete eine Petition, die eine neue Untersuchung verlangte und eine vollständige Überprüfung der Ereignisse am Bloody Sunday. Britische, irische und lokale Fernsehstationen sowie die Presse veröffent-lichten Berichte über die neuen Beweise und der öffentliche Druck für eine neue Untersuchung nahm zu.

Am 25. Jahrestag versammelten sich 40.000 Menschen, um den ursprünglichen Weg des Marsches zu nehmen. Das war eine massive Antwort der Bevölkerung die so ihre Unterstützung für die Kampagne und die Opfer des Bloody Sunday demonstrierte.

Es brauchte 25 Jahre, aber schließlich bekam die Kampagne neuen Schwung. Das Interesse der Medien verstärkte sich noch als die Familien ein Treffen mit der irischen Regierung in Dublin für den 20.2.1997 vereinbarten.

Der Taoiseach (Premierminister der Republik Irland), John Bruton, Tanaiste (Vize- Premierminister) Dick Spring, und Minister De Rossa waren anwesend und John Hume nahm auf Wunsch der Regierung teil. Die Regierung machte ihre Unterstützung für die Kampagne deutlich und erklärte, daß sie eine umfassende Bewertung des Materials betreffend Bloody Sunday vornehmen werde. Sie beabsichtigten, diese Bewertung durch einen ranghohen Beamten unter der Schirmherrschaft des Außenministeriums durchführen zu lassen.

Der Taoiseach teilte mit, daß er mit dem britischen Premierminister gesprochen hätte und die Zusicherung erhalten habe, daß die Angelegenheit höchste Aufmerksamkeit erfahren würde.

Mehrere Monate später, am 23. Juni 1997, war ein 150 Seiten Dokument erstellt, das der britischen Regierung vorgelegt wurde. Dieses Dokument kritisierte den Widgery-Bericht aufs schärfste. Kurz gesagt, der Bericht wurde Absatz für Absatz auseinandergenommen und die ursprünglichen Untersuchungsergebnisse wurden für unhaltbar erklärt.

Die Familien trafen sich mit den führenden Leuten der größten politischen Parteien der Republik Irland und erfahren auch weiterhin deren volle Unterstützung. Sie sind ebenfalls mit der amerikanischen Botschafterin in Irland, Jean Kennedy-Smith, und der damaligen Präsidentin, Mary Robinson, zusammengetroffen.

Im Bemühen, die Kampagne auf eine breitere Basis zu stellen und Bloody Sunday zu ‘internationalisieren’ besuchten die Familien im März die USA. Die Reise war sehr erfolgreich und sorgte für große Aufmerksamkeit in New York, Boston und Washington. Einige aus der Gruppe wurden im Weißen Haus empfangen, andere trafen eine umfangreiche Delegation von Senatoren und Kongreßleuten auf dem Capitol Hill.

Anläßlich eines Empfangs in der Residenz des irischen Botschafters in Washington wurden Mitglieder der Kampagne über den Inhalt eines Dokuments informiert, das in Kürze in einer der großen irischen Zeitungen abgedruckt werden sollte. Bei diesem Dokument handelte es sich um die Zeugenaussage eines Paratroopers, der ein Mitglied der Einheit war, von der die tödlichen Schüsse abgefeuert wurden. Seine beunruhigende Aussage zum Ablauf konstatiert, daß

  1. die Paras ermutigt wurden, einige ‘Volltreffer’ zu landen,
  2. er keine Zivilisten gesehen habe, die Schußwaffen oder Granaten mit sich führten,
  3. er sich fragte, ‘warum’ die Paras feuerten, 
  4. die Soldaten weiter töteten auch nachdem Befehl zum Einstellen des Feuers gegeben wurde,
  5. einige Soldaten ‘dum-dum’-Geschosse abfeuerten, die an diesem Tag nicht zugeteit worden waren,
  6. seine Aussage, die er 1972 vor den Anwälten der Untersuchungskommission machte, zerrissen und eine andere Version ausgetüfftelt wurde, die er dann unterschreiben mußte. (Überflüssig zu erwähnen, daß er nie von der Untersuchungskommission in den Zeugenstand gerufen wurde.)

Dieser erschreckende Beweis kam aus einer völlig unerwarteten Ecke, von einem Mitglied der Einheit, die die tödlichen Schüsse abfeuerte.

Im April kam die Menschenrechtsaktivistin, Kerry Kennedy Cuomo, Tochter des verstorbenen Robert Kennedy, nach Derry, um an der Veranstaltung anläßlich des 25. Jahrestages des Widgery-Berichts teilzunehmen. Kerry wurde von Mike Posner vom U.S. Lawyers Committee for Human Rights begleitet und sie besuchten die Grabstätten der Opfer und nahmen an der Gedenkfeier am Bloody Sunday Denkmal teil. Sie gelobten, die Kampagne zu unterstützen und Kerry erklärte sich einver-standen, die Schirmherrschaft für die kürzlich ins Leben gerufene Stiftung, ‘Bloody Sunday Trust’ zu übernehmen.

Im Mai organisierte die Kampagne in Derry eine Unterschriftenaktion für eine Petition mit der Forderung, den Widgery-Bericht zu verwerfen und den Einsatz einer neuen Untersuchung in die Wege zu leiten. Zehntausende unterschrieben die Petition und am 3. Juli wurde sie in 10 Downing Street von einigen der Angehörigen der Verstorbenen abgegeben.  Die Familien trafen auch einige der Abgeordneten, die die Forderung nach einer neuen Untersuchung unterstützt hatten, sowie die Nordirland Ministerin, Dr. Mo Mowlam.

Dr. Mowlam und mehrere andere Beamte empfingen die Familien und versicherten ihnen, daß sie alle Beweisunterlagen, inklusive des Dokuments der irischen Regierung, mit äußerster Sorgfalt behandeln und sich der Sache sobald wie möglich annehmen würden.

Der 26. Jahrestag naht und wir haben noch keine Antwort von Dr. Mowlam erhalten. Die Kampagne wird auch weiterhin nach der Wahrheit streben und arbeitet derzeit an neuen Initiativen.


In Gedenken an

Bernard McGuigan, Alter 41 Jahre
Gerard V. Donaghy, Alter 17 Jahre
Hugh P. Gilmore, Alter 17 Jahre
William A. McKinney, Alter 27 Jahre
John F. Duddy, Alter 17 Jahre
John Johnston*, Alter 59 Jahre
James G. McKinney, Alter 34 Jahre
James J. Wray, Alter 22 Jahre
John P. Young, Alter 17 Jahre
Patrick J. Doherty, Alter 31 Jahre
Kevin G. McElhinney, Alter 17 Jahre
Michael G. Kelly, Alter 17 Jahre
Michael M. McDaid, Alter 20 Jahre
William N. Nash, Alter 19 Jahre

* (der später seinen Verletzungen erlag)

The Bloody Sunday Justice Campaign, 1 Westend Park, Derry BT48 9JF, N.Ireland

Übersetzung: Anita Heiliger, Mitarbeiterin von medico international


Mittlerweile hat die englische Regierung unter Tony Blair eine Untersuchungskommission zu den Ereignissen von Bloody Sunday eingesetzt. Die Kommission tagt öffentlich in Derry City.

Hier der Link zur Homepage der Bloody Sunday Inquiry.

Weitere Berichte zur Arbeit der Kommission sind auf der PFC Seite ( Items on Bloody Sunday ) veröffentlicht.Hier wird derzeit auch verstärkt über die Kritik der Verwandten der Bloody Sunday - opfern an der Vorgehensweise der Kommision berichtet. Sie befürchten, daß die jetzige Untersuchung genauso wenig die Wahrheit über Boody Sunday an den Tag bringt wie der Widgery Report von 1972. Darüber werden wir noch berichten.


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