Sunday Bloody Sunday
"Laßt Irland den Iren und nicht London oder Rom!" - John Lennon in seinem Lied „Sunday Bloody Sunday“ 1972
Zwanzig Jahre sind es her, seit eine Eliteeinheit der britischen Armee am 30. Januar 1972 in einer wohlvorbereiteten und bewußt herbeigeführten Operation 14 Menschen in Derry im Norden von Irland tötete.
Bereits sechs Monate zuvor, am 9. August 1971, wurde die Internierung eingeführt, was die Inhaftierung von Verdächtigen auf unbestimmte Zeit und ohne Gerichtsverhandlung bzw. Richterliches Urteil bedeutete. Die Aktion betraf nur die katholischen Gettos; die protestantischen/loyalistischen Paramilitärs waren für die Regierungen in Belfast und London kein Thema. Unter den 342 Internierten der ersten 24 Stunden waren Mitglieder der Bürgerrechtsbewegung, die herumgelaufen waren und gegen die Gewalt gepredigt hatten, Mitglieder der Peoples Democracy, des Gälischen Sportverbandes, und Leute, die kurzerhand anstelle ihrer Verwandten mitgenommen worden waren. Weniger als 60 Leute hatten etwas mit der IRA zu tun. Jeder der 342 wurde in speziell dafür eingerichtete Verhörzentren gebracht, und nahezu jeder war zusammengeschlagen worden. Viele wurden mit einer Kapuze auf dem Kopf aus einem Hubschrauber geworfen, der dicht über dem Erdboden flog, was sie jedoch nicht wissen konnten. Andere wurden gezwungen, barfuß über Stacheldraht und Glasscherben zu laufen. Eine ausgewählte Zahl von Internierten wurde Experimenten, psychologischer Folter und hier insbesondere der sensorischen Deprivation ausgesetzt, die schwere psychische Störungen zur Folge hatte. Eine weitere Foltermethode bestand darin, Gefangenen eine Kapuze überzustülpen, so daß sie kaum atmen konnten, um sie dann stundenlang mit gespreizten Beinen, auf Zehenspitzen und mit gestreckten Armen an einer Wand stehen zu lassen, bei einem konstant hohen Geräusch von Druckluft (white noise).
Die Mehrzahl der Internierten wurde in das acht Meilen von Belfast entfernte Lager Long Kesh gebracht. Es bestand aus einer Ansammlung von ungeheizten Wellblechhütten, umgeben von Stacheldraht, Flutlicht und Wachtürmen mit britischen Soldaten. Ende 1971 hatte sich die „britische Demokratie“ als brutaler Folterstaat entpuppt, der, ernsthaft herausgefordert, mit seinen Oppositionellen kaum anders verfuhr, als er es osteuropäischen Staaten oder irgendeiner lateinamerikanischen Diktatur vorwarf. Der Unterschied bestand lediglich darin, daß er subtiler und kontrollierter vorging und das anders geartete westeuropäische Umfeld beachtete. Dennoch ist es nicht übertrieben, von einer „Lateinamerikanisierung“ der britischen Nordirlandpolitik zu sprechen. Sie erlebte ihren vorläufigen Höhepunkt mit dem „Bloody Sunday“.
Die Auseinandersetzung in Nordirland begann nicht als Kampf um nationale Souveränität, sondern als Kampf um simple demokratische Grundrechte und eine Anpassung des politischen Systems Nordirlands an die bürgerlich-demokratischen Standards, die im Rest des Vereinigten Königreichs und in anderen westeuropäischen Staaten existierten. Hätte die britische Regierung den simplen wie selbstverständlichen Forderungen der Bürgerrechtsbewegung stattgegeben und die physische Integrität der Minderheit garantiert, wäre es wahrscheinlich nie zum Wiedererstarken der IRA gekommen. Die gewaltsame Eskalation des Konflikts hatte indessen schon begonnen, bevor die IRA erneut den Schauplatz betrat.
Die fünf Forderungen der Bürgerrechtsbewegung waren:
Der nordirische Staat von heute
ist noch undemokratischer als der, den die Bürgerrechtsbewegung 1968 reformieren wollte. Seit 1969 wurden weit über 50 000 Bürger verhaftet, um sie oftmals mehrtägigen Verhören zu unterziehen (7 Tage). Weit über 300 000 Hausdurchsuchungen wurden vorgenommen, allein im Zeitraum 1971-73 in einem Fünftel aller Häuser Nordirlands. Tausende von Bürgern verbüßten Haftstrafen und Hunderte wurden von den offiziellen Sicherheitskräften erschossen. Bezogen auf die 80 Millionen Einwohner der BRD wären das 2.650 000 Verhaftungen und 15.900 000 Hausdurchsuchungen. Seit der Übernahme der Kontrolle der inneren Angelegenheiten durch die britische Regierung erfuhr der nordirische Staat keine Demokratisierung, sondern lediglich eine technokratische Modernisierung der Repression.
Die Mitbeteiligung der „Sicherheitskräfte“ seit dem Anfang des jetzigen Konflikts im Jahr 1968 bei gewaltsamen Aktionen der rechtsextremen Loyalisten gegen die friedlich agierende Bürgerrechtsbewegung und die Katholiken ist durch zahlreiche Untersuchungen belegt. Damals und heute waren sie überall dabei.
Neben der offiziellen Repression der „Sicherheitskräfte“ in unglaublichem Ausmaß, waren auch die inoffiziellen Aktivitäten sehr umfangreich und sind es heute noch. Sie reichen von der Beteiligung an den verheerenden Pogromen von 1969/70, über die aktive Unterstützung der zahlreichen Todesschwadrone bei der konfessionsbedingten Ermordung Hunderter von Katholiken bis hin zu Autobomben in Dublin und Monagham mit 33 Toten. Im Jahr 1992 ist unter anderem durch Amnesty International bekannt geworden, daß die Polizei Armee Akten von mindestens 1000 Personen an die Todesschwadronen weitergegeben hat. Die IRA war nicht Ursache der Eskalation, sondern lediglich ihr Produkt. Die katholische Bevölkerung hatte sich bislang „nur“ für Bürgerrechte eingesetzt, verbunden mit einer eher vage gehaltenen Aussicht auf einen schrittweisen Prozeß irischer Wiedervereinigung. Doch mittlerweile war die Mehrheit zu der Erkenntnis gekommen, daß dieser Staat nicht reformierbar war und folglich beseitigt gehörte. Dies war jedoch gleichbedeutend mit der Beendigung der britischen Herrschaft auf der irischen Insel, was für niemanden im britischen Establishment akzeptabel war. Andererseits wurde die Bürgerrechtsbewegung immer mehr zu einem Ärgernis für Westminster, weil die Situation internationaler Aufmerksamkeit erregt hatte.
Bloody Sunday, 30. Januar 1972
Trotz eines einjährigen Demonstrationsverbots, das am 9. August 1971 verhängt wurde, entschied sich die Bürgerrechtsbewegung zu einer großen Kundgebung gegen die Internierungspolitik. Unter den fast 30 000, die sich am 30. Januar 1972 in der Bogside von Derry versammelten, befanden sich u.a. der Engländer Lord Brockway, die Westminster Unterhausabgeordnete Bernadette Devlin und die Stormont-Abgeordneten John Hume, Frank Manus und Ivan Cooper, ein Protestant. Die Armee hatte Barrieren errichtet, um die Bürgerrechtler am Verlassen des Gettos und am Betreten der Innenstadt zu hindern. Der Protest sollte auf die Bogside begrenzt bleiben. Als es nach einiger Zeit an den Barrieren die bei derartigen Anlässen schon üblichen kleinen Scharmützel zwischen Soldaten und Demonstranten gab, eröffnete die Armee ohne jede Vorwarnung das Feuer auf die Menge. Die Kundgebungsteilnehmer warfen sich auf die Straße oder suchten hinter Autos und Haustüren Deckung. Doch die Armee schoß weiter. Als sie das Feuer schließlich einstellte, hatte sie 108 Kugeln verschossen und 13 Katholiken waren tot, einer starb später noch. Mr. James Chapman, ein Beamter und ehemaliger britischer Armeeoffizier, der 36 Jahre lang in Derry lebte, berichtete: „Ich sah, wie die Armee wahllos in eine fliehende Menge von mehreren Tausenden schoß und nicht, wie einige behaupten, in eine Menge von einigen hundert Hooligans“.
Jim Wray, 22 Jahre alt, der ein Transparent der Bürgerrechtsbewegung getragen hatte, lag bereits verletzt am Boden, als ein Soldat, der über ihm stand, ihn durch Schüsse in den Rücken tötete. Dies berichteten einige Zeugen, denen er zuvor zugerufen hatte, es wäre nicht so schlimm. Gerard McKinney, 35 Jahre alt, wurde erschossen, als er sich mit erhobenen Händen auf die Soldaten zubewegte.
Bernhard McGuigan, 41 Jahre alt, wurde erschossen, als er sein Versteck verließ, um mit erhobenen Händen und weißem Taschentuch dem bereits tödlich verletzten Hugh Gilmore, 17 Jahre alt, zu helfen, dem die Paras in den Rücken geschossen hatten, als er flüchtete.
Zahlreiche Demonstranten wurden festgenommen und in Armeekasernen brutal mißhandelt. Beim Versuch, Gerald Donaghy, 17 Jahre alt, mit einem Auto ins zivile Krankenhaus zu bringen, wurde der Fahrer von Soldaten gezwungen auszusteigen, woraufhin die Militärs den Verletzen in eine Kaserne brachten und dort seinen Tod feststellten.
Alexander Nash wurde von einer Kugel am Arm getroffen, als er zu seinem toten 19jährigen Sohn William eilte. John Duddy, 17 Jahre alt, wurde durch Schüsse in den Rücken getötet, nachdem er zuvor noch über den ebenfalls vor den Soldaten fliehenden Priester Daly gelächelt hatte. Er wußte nicht, daß alles tödlich ernst war.
Der „Bloody Sunday“, wie dieser Tag fortan genannt wurde, war keineswegs eine Antwort auf einen IRA-Angriff, wie die britische Regierung zunächst in aller Welt behauptete. Wie eine Untersuchungskommission später feststellte, wurde nicht ein einziger Schuß aus der Kundgebung heraus abgegeben. Diese Counterinsurgency-Operation wurde von höchsten Regierungsstellen geplant und genehmigt. Der verantwortliche Kommandeur es 1. Fallschirmjägerregiments Derek Wilford wurde für seine Arbeit an dem Sonntag von Königin Elisabeth zum Ritter geschlagen.
Am 30. Januar 1972 hatten die britische Regierung und die Armeeführung die Flucht nach vorne angetreten. Das Massaker von Derry sollte die Bürgerrechtsbewegung als sichtbare Massenbewegung von der Straße schießen. Fortan hatte jeder, der die Straße betrat, um seine politische Meinung kundzutun, mit dem Schlimmsten zu rechnen, die Schwelle zur Gewaltanwendung wurde von London bewußt extrem heruntergesetzt.
Zunächst explodierte das nationalistische Irland: Zehntausende von Arbeitern legten in den südirischen Städten Dundalk, Cork, Galway, Limerick und Dublin die Arbeit nieder. Premier Lynch sah sich genötigt, den 2. Februar , das Datum der Beisetzung der Opfer, zu einem Tag nationaler Trauer zu erklären. 30 000 Bürger marschierten zur britischen Botschaft in Dublin und brannten sie nieder, während die Polizei tatenlos zuschaute.
Im Norden trat die katholische Bevölkerung für einen Tag in den Generalstreik. Am 6. Februar, dem Samstag nach dem Blutsonntag, demonstrierten über 60 000 Menschen in der nordirischen Grenzstadt Newry - die größte Bürgerrechtsdemonstration, die Nordirland je gesehen hatte. Die südirische Regierung traf politische wie militärische Vorbereitungen für den Fall eines völligen Zusammenbruchs von „law and order“ in den Grenzgrafschaften. Tatsächlich schien sich eine Wiederholung der Ereignisse von Derry anzubahnen. Daß es nicht zu einem zweiten Massaker kam, war allein der Besonnenheit der Demonstranten zu verdanken. Es sollte fast zehn Jahre dauern, bis sich auf Nordirlands Straßen wieder eine vergleichbare Massenbewegung formierte, d.h. während des großen Hungerstreiks 1981.
Welche Stimmung nach dem Bloody Sunday unter Nordirlands Katholiken herrschte, wird vielleicht am besten mit einem Satz des sozialdemokratischen Politikers John Hume dokumentiert: „Ein vereintes Irland jetzt - oder gar nichts“. Die Entfremdung der Minderheit war nun vollständig. Die moderaten katholischen Mittelklässler hatten alle Mühe, den politischen Kontakt zur Basis nicht völlig zu verlieren. Zunächst formierte sich die IRA wie zu keinem Zeitpunkt seit 50 Jahren, und am 24.3.72 wurde das Stormont-Einparteiensystem suspendiert und die „direkte Herrschaft“ von London eingeführt. Die „direkte Herrschaft“ war lediglich eine logische Konsequenz aus der Tatsache, daß London den Statthaltern mit immer stärkeren Kräften zur Seite stehen mußte. Für die IRA zeichnete sich bald ein Dilemma ab, mit dem sie auch heute noch konfrontiert sind: Sie war zwar dazu in der Lage, das Stormont-System zu stürzen, wie sich in den kommenden Jahren jedoch zeigen sollte, besaß sie nicht die Fähigkeit, ihre eigenen Vorstellungen für eine Lösung des Konflikts durchzusetzen. Daß eine militärische Pattsituation zwischen britischer Armee und IRA besteht, ist längst bekannt. Trotz der Erkenntnis, daß die Gewalt der IRA weder „sauber“ ist, noch immer Unbeteiligte verschont, liegen die Ursachen der Eskalation im Festhalten Englands an seinen Loyalisten in Nordirland mit ihren rassistischen Ideologien und Todesschwadronen. Dazu gehört auch die Beginn der 70er Jahre getroffene Entscheidung, den sozialen und politischen Konflikt militärisch und weniger politisch zu lösen. Damit findet Englands Nordirlandpolitik ihre Kontinuität zu englischer Kolonialpolitik in Irland seit 800 Jahren, die immer in erster Linie auf die militärische Option setzte. Dazu gehört die künstliche Aufteilung der kleinen Insel in den 20er Jahren in Nord und Süd und die 50 Jahre lange Aufrechterhaltung eines Apartheid-Staates in Europa.
Daß diese Aufrechterhaltung des suspendierten Stormont-Systems mit allen Mitteln heute noch immer geschieht, wurde im Herbst 1991 nochmals gründlich belegt. Nachdem Amnesty International gedroht hatte, seine Zentrale wegen Behinderung der Arbeit über Nordirland von London wegzuverlegen, sind 1990 und 1991 zwei Spezialberichte von AI über Nordirland erschienen. Mit Hilfe dieser Berichte hat der britische Fernsehsender Channel 4 im Herbst 1991 eine Sendung mit dem Titel „Dispatches“ übertragen. Dieser belegte die massive Zusammenarbeit zwischen den Sicherheitskräften und den Todesschwadronen. Unabhängig von den „offiziellen“ Todeskommandos des SAS (ein Teil der britischen Armee) und der M.S.U. (von der nordirischen Polizei RUC) hat sich ein Zentralkommando aller pro-britischen Kräfte gebildet. Die Zahl der am „inneren Kreis“ Beteiligten („Inner Circle“, wie sie sich nennen) wird mit ca. 60 angegeben, die aus folgenden Bereichen der Gesellschaft kommen:
Alle diese Organisationen sind zusammen verantwortlich für die Ermordung Hunderter von Katholiken allein ihrer Religionszugehörigkeit wegen. Bisher sind mindestens 1000 Akten von Polizei und Armee an diesen neugebildeten „inneren Kreis“ weitergegeben worden, was bisher über 50 Tote zur folge hatte. Das bekannteste Opfer war der Belfaster Rechtsanwalt Pat Finucane, der die britische Regierung erfolgreich beim Europäischen Gerichtshof in Straßburg wegen Menschenrechtsverletzungen in Nordirland verklagt hatte. Der „Inner Circle“ wählt seine Opfer anhand von Akten aus der Zentralen Geheimdienststelle in der Knock Police Station in Belfast aus und entscheidet, welches Kommando den Mord durchführen soll. In Absprache mit der Polizei hat das Kommando ca. 25 Minuten Zeit zu entkommen und braucht keine Polizei bzw. Armeesperren zu befürchten. Anschließend werden eventuelle Spuren von der Polizei verwischt. Daß es nicht immer gelingt, Beweise zu beseitigen, zeigt das Beispiel von Sam Marshall. Nach seiner Ermordung fand man ein ferngesteuertes Videoüberwachungsgerät aus Natobeständen in seinem Garten. Außerdem waren die Täter beobachtet worden - und dies ist durch mehrere Augenzeugen belegt - als sie aus der Polizei- und Armeekaserne kamen und ihn verfolgten. Diese Kräfte des Inner Circle fühlen sich nicht den demokratischen Institutionen Britanniens verpflichtet, sondern nur der britischen Krone. Zwar ist der Loyalismus eine Siedlerideologie, andererseits ist seine Existenz ohne die monarchistischen, erzreaktionären und militärischen Komponenten des britischen Systems (auf die er sich bezieht und nach deren Kooperation er trachtet) undenkbar. So droht man jetzt, einen eigenen Staat zu gründen, loyal zur Krone, aber nicht zur Regierung Westminsters. Ein alter Hut und schon in anderen Kolonien erprobt - siehe Ian Smith in Rhodesien, jetzt Zimbabwe.
Den Kern des Konflikts in Nordirland hat bereits 1980 der prominente anglikanische Theologe John A. Baxter in einer Predigt in Westminster Abbey so ausgedrückt:
“England bemächtigte sich Irlands für seinen eigenen militärischen Nutzen. Es siedelte Protestanten an, um Irland strategisch zu sichern ..... Als es nicht länger dazu in der Lage war, die gesamte Insel zu halten, behielt es einen Teil als Heimstätte für die Nachfahren der Siedler ein ..... Es war unsere Ungerechtigkeit, die diese Situation schuf. Und indem wir ständig wiederholen, daß diese Situation aufrechterhalten wird, wie dies dem Wunsch der Mehrheit entspricht, halten wir Protestanten und Katholiken aktiv davon ab, gemeinsam eine neue Zukunft auszuarbeiten. Dies ist die Wurzel der Gewalt.“
Irlandinitiative Mannheim - Heidelberg, Januar 1992