Die Bombenanschläge von Claudy 1972
"Heutzutage sehe ich einen Journalismus am Werk, der viel weniger hinterfragt und unkritisch berichtet. Die Behauptungen des Ombudsmannes müssen kritisch hinterfragt werden"

Bild von Edward Daly aufgenommen am Bloody Sunday
(1) taz, (2) Irlandinitiative Heidelberg, (3) Irish News
Mittwoch, 25. August 2010
Montag, 30. August 2010
Kurzkommentar zum Artikel in der TAZ
Von Dermot O'Connor, Irlandinitiative Heidelberg
Die Berichterstattung von Ralf Sotsheck zu Nordirland in der taz. Diesmal finde ich, dass Sotscheck mit seiner Überschrift "Priester organisierte IRA-Terror" voll in die Mottenkiste vom "Religionskrieg" gegriffen hat. Die IRA war nicht der bewaffnete Flügel der katholischen Kirche und im Konflikt in Nordirland ging es nicht um die Auslegung der Bibel!
Siehe dazu: Den Kern des Konflikts (Zitat aus unserer Dokumentation: Bloody Sunday anläßlich des 20. Jahrestages, 1992)
Was fällt Sotscheck ein, alte Geheimdienstberichte von 1972 unhinterfragt weiterzugeben? Es reicht, wenn der Ombudsmann der nordirischen Polizei dies tut. Im Gegensatz zu Bloody Sunday hat es im Fall der Anschläge von Claudy weder ein Gerichtsverfahren noch ein Untersuchungstribunal gegeben. Aber in der TAZ dürfen wir schon die Schlagzeile lesen "Priester organisierte IRA-Terror", und dahinter nicht einmal ein Fragezeichen. Das mag in der angelsächsischen Boulevardpresse rechtens sein, wäre es aber nach deutschem Presserecht nicht Verleumdung? Aber der "Täter" ist ja seit 30 Jahren tot. Wo bleibt die gründliche journalistische Recherche, Herr Sotschek? Ich brauche kein TAZ-Abo,um Abschriften von Agenturmeldungen zu lesen. Man kann nur hoffen, dass es zu den Anschlägen von Claudy noch eine sorgfältige Untersuchung gibt. Nicht umsonst fordern einige Menschenrechtsgruppen, z.B. Amnesty, für weitere Untersuchungen in Nordirland eine unabhängige, internationale Untersuchungskommission.
Die Behauptungen des Ombudsmannes müssen kritisch hinterfragt werden
Von Bischof Edward Daly für die Irish News
Ich habe mich vor 17 Jahren aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen, fühlte mich aber kürzlich verpflichtet, vorübergehend aus dem Ruhestand zurückzukehren, um mich mit Fragen der Medien zu befassen, die vom Saville-Report sowie momentan von dem Bericht des Ombudsmannes der Polizei über die Bomben von Claudy herrühren.
Als Geistlicher und Bischof in Derry während der mit schlimmsten Zeiten der "Unruhen" lernte ich viele Journalisten kennen, die kamen, um über viele sensible Themen zu berichten.
Heutzutage sehe ich einen Journalismus am Werk, der viel weniger hinterfragt und unkritisch berichtet.
Vielleicht liegt das einfach daran, dass viele Reporter keine Erfahrung mit dem mit der inneren Sicherheit begründeten Druck haben, mit dem ihre Vorgänger konfrontiert waren, als sie in den 1970er Jahren hier nach der Wahrheit suchten.
Damals setzten sich Journalisten über den Druck seitens der Regierung und der Kombattanten aller Seiten hinweg. Sie hatten anspruchsvolle Standards, wenn sie umstrittene Ereignisse untersuchten und darüber berichteten.
Sie stellten unangenehme Fragen. Zeitungen sowie Rundfunk- und Fernsehanstalten achteten auf unabhängige Berichterstattung. Sie folgten nicht wie die Schafe dem Establishment oder dem Staat.
Im Gegensatz dazu finde ich die Medienberichterstattung über den Claudy-Report sehr beunruhigend. Die Medien haben wichtige Aspekte des Berichts des Ombudsmannes hinsichtlich der Frage, ob Pater James Chesney ein führendes IRA-Mitglied war und direkt mit den Bombenanschlägen zu tun hatte, nicht kritisch geprüft.
Alle berichten völlig unkritisch und wetteifern um die reißerischste Schlagzeile. Die einst sakrosankte Unschuldsvermutung wird aufgegeben und durch die Schuldvermutung ersetzt.
Ich bin überhaupt nicht überzeugt, dass Pater Chesney in die Bombenanschläge von Claudy verwickelt war. Ich kann mich irren, aber ich glaube es eigentlich nicht. Ich war einer seiner Altersgenossen in der Schule, ich kannte ihn nicht sehr gut, aber doch einigermaßen gut.
Mein persönliches Engagement in einigen Fällen von Fehlurteilen, zum Beispiel dem der Birmingham Six, hat in mir einen konstruktiven Hang zum Zweifel entstehen lassen. Ich habe Verurteilungen erlebt, die auf unterschriebenen Geständnissen und forensischen Beweisen basierten und die Jahre später völlig verworfen wurden.
Pater Chesney wurde nie verhaftet, verhört, angeklagt oder verurteilt. Er kann nicht mehr für sich selbst sprechen. Er ist seit 30 Jahren tot.
Der Report veröffentlichte Verdächtigungen gegen ihn, die ausschließlich auf Geheimdienstberichte zurückgehen. Aber Geheimdienstberichte und Beweise sind völlig unterschiedliche Dinge. Warum gelang es dem Ombudsmann nicht, nach jahrelangen Untersuchungen Beweise zu finden. Er fand nur die Geheimdienstberichte, und diese waren in dem Stil, wie die "Erkenntnisse" der RUC (nordirischen Polizei) 1972 halt aussahen.
In den siebziger Jahren gab es weitverbreitete Zweifel an den Erkenntnissen der Special Branch der RUC.
Hunderte wurden aufgrund dieser Art von Erkenntnissen interniert.
Nun stellen Medien nicht weiter belegte Behauptungen als Fakten dar, die von Stellen stammen, deren Geschichte alles andere als sauber ist. Wo sind denn all die geblieben, die für Gerechtigkeit kämpfen? Die Toten und Verwundeten von Claudy wie auch ihre Verwandten verdienen sowohl Wahrhaftigkeit als auch Gerechtigkeit. Sie waren Opfer schlimmer Gewaltakte. Sie wurden auch von leitenden Personen bei der RUC und im Nordirlandministerium betrogen, die nicht für eine gründliche Aufklärung der Bombenanschläge sorgten.
Wenn die Polizei Pater Chesney dieser grausamen Tat verdächtigte, hätte sie ihn verhaften sollen und nicht den Fall schließen, womit sie alle Täter auf freiem Fuß beließ.
Kann man eigentlich glauben, dass nur weil "Mann A", den die RUC der Verwicklung in ein großes grausames terroristisches Verbrechen verdächtigte, einem anderen Hauptverdächtigten (Pater Chesney) ein Alibi gab, die Polizei beide unbehelligt ließ? Wie konnten Sicherheitskräfte so zurückhaltend und schüchtern werden, wann immer Pater Chesney auf ihrem Radar erschien , selbst dann, als, wie sie behaupteten, ein Hund in seinem Wagen Sprengstoff entdeckte? Das stimmt nicht mit meinen Erfahrungen überein, die ich damals im Süden Derrys machte, als ich durch die Behandlung, wie ich sie an Armee- und Polizeisperren erleben musste, oft eingeschüchtert und gedemütigt wurde, wenn ich spät in der Nacht von Konfirmationen und der Ausübung anderer priesterlicher Pflichten zurückkam.
Andere Aspekte des Berichts sind merkwürdig. Zum Beispiel ordnet eine Note des Nordirlandministeriums vom 6. Dezember 1972 Cardinal Conway eine nicht weiter begründete Beschreibung von Pater Chesney als "sehr schlechtem Menschen" zu - eine sehr milde Beschreibung, für einen mutmaßlichen Massenmörder.
Ich kannte Kardinal Conway in den Jahren von 1974 bis 1977 recht gut. Einen solchen Satz hätte er nicht gesagt. Für mich scheint dies die Version von Nordirlandminister William Whitelaw zu sein von dem, was der Kardinal sagte oder auch nicht sagte.
Glaubt jemand wirklich, dass Kardinal Conway und mein Vorgänger, Bischof Farren, einen Mann im aktiven Priesterdienst belassen hätten, den sie für einen Massenmörder hielten? Ich kann nicht glauben, dass sie es mir nicht gesagt hätten, als ich 1974 Bischof von Derry wurde, wenn sie auch nur einen Moment geglaubt hätten, einer der Priester in meiner Diozese sei ein Massenmörder.
Massenmord ist nicht vergleichbar mit anderen Sünden oder Verbrechen. Es ist die übelste und obszönste Tat überhaupt. 1972 musste ich aus erster Hand Zeuge eines Massenmordes werden. Mir ist seine entsetzliche Fratze und seine Ungeheuerlichkeit mehr bewusst als den meisten anderen.
Die Unterstellung, ich hätte wissentlich jemandem, den ich für einen Massenmörder hielt, erlaubt in meiner Diozese als Priester zu dienen, beleidigt mich außerordentlich.
Ich akzeptiere auch die Theorien nicht, die von einigen in der Folge des Berichts geäußert wurden, im Fall einer Verhaftung von Pater Chesney wären Priester gefährdet gewesen und es wäre möglicherweise in der Gesellschaft zu Zerwürfnissen gekommen.
Nur einige Monate zuvor waren in jenem Jahr in Belfast zwei Priester von der britischen Armee ermordet worden, ohne dass es deswegen zu einem Aufstand kam. Glaubt jemand, dass die bloße Verhaftung eines undurchsichtigen Priesters im County Derry die bereits chaotische Situation in Nordirland noch verschlechtert hätte? 1972 war Nordirland ein Kriegsgebiet. Etwa 500 Menschen wurden getötet.
Ich akzeptiere auch nicht die gegenüber Reportern gemachte Andeutung des Ombudsmanns, Pater Chesney habe seine republikanischen Aktivitäten in Donegal fortgesetzt. Als Bischof waren mir damals seine früher geäußerten Ansichten wohl bewusst, und er wusste, dass ich ihn beobachten ließ. Es gab nie eine Beschwerde über ihn.
Ich halte es für möglich, dass die RUC Pater Chesney aus Süd-Derry wegen seiner öffentlich geäußerten republikanischen Sympathien und der Furcht vor dem Einfluss, den er auf die jungen Leute dort haben könnte, weghaben wollte.
Die IRA suchte Rekruten und Pater Chesneys öffentliche Äußerungen wurden, vielleicht zu Recht, als gefährlich betrachtet. Die Polizei wollte ihn aus einem potentiellen Pulverfass entfernen und benutzte William Whitelaw, Cardinal Conway zu überzeugen, dies zu ermöglichen.
Natürlich wäre es besser gewesen, der Kardinal hätte Whitelaw aufgefordert, "sich zu verziehen" und Pater Chesney zu verhaften, wenn er Beweise hätte. Ich kann zu diesem Schluss heute in einem vergleichsweise friedlichen Klima kommen. Gott sei Dank war ich in dem Chaos von 1972 nicht in der Position des Kardinals. Vielleicht hatte Pater Chesneys Verhalten den Verdacht erregt, er habe mit der IRA zu tun.
Die relevanten Fragen müssen jedoch sein: War er ein Mitglieder der IRA oder nicht, und falls ja, war er an den Bombenschlägen in Claudy beteiligt? Ich weiß es nicht. Der Bericht des Ombudsmannes und die daraus resultierende Medienberichterstattung liefern keine Beweise für die Beantwortung dieser Fragen. Claudy hat endlich seine legitime und lang überfällige Anerkennung als eine der verachtenswertesten terroristischen Taten in Nordirland gefunden.
Ich werde weiterhin beten, dass "die Wahrheit herauskommt". Die Familien, die Community und Pater Chesneys Verwandte müssen sie hören. Ich hoffe, dass die Familien von Claudy eine Kampagne beginnen, die Gerechtigkeit und Wahrheit findet. Ich hoffe, dass die Geistlichkeit weiterhin priesterlichen und spirituellen Beistand leistet. Ich freue mich zu hören, dass die Bloody Sunday-Famlien mit ihrer jahrelangen Erfahrung angeboten haben, den Famlien von Claudy zu helfen.
Ich hoffe, dass Journalisten ihnen auch helfen werden.
Ich habe nun vor, wieder ins Privatleben zurückzukehren. Ich hoffe, dass die Toten von Claudy wie auch die Toten von Bloody Sunday Gerechtigkeit erfahren.
Copyright © Irish News 2010
Übersetzung: (sib) Irlandinitiative Heidelberg, 1. September 2010
English original version HERE